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Sylvia Kämpfer: Migration und Lebenszufriedenheit

Cover Sylvia Kämpfer: Migration und Lebenszufriedenheit. Eine theoriegeleitete empirische Analyse. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. 340 Seiten. ISBN 978-3-86388-071-2. D: 49,90 EUR, A: 37,10 EUR, CH: 47,90 sFr.
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Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch basiert auf der 2013 am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin eingereichten Dissertationsschrift von Sylvia Kämpfer mit dem Titel „Migration und Lebenszufriedenheit. Der Einfluss von Lebensbedingungen und Bewertungsmustern auf die Lebenszufriedenheit von Einwanderern in Deutschland“.

Aufbau und Inhalt

Ausgehend vom Ergebnis des dritten Armuts- und Reichtumsberichtes der Bundesregierung Deutschland 2008, nachdem Migrant_innen bezüglich ihrer objektiven Lebensbedingungen gegenüber den Deutschen schlechter gestellt sind, hat sich Sylvia Kämpfer mit Konzepten zu subjektivem Wohlbefinden und Erklärungsansätzen zu Lebenszufriedenheit auseinandergesetzt. Ihre Arbeit basiert auf Analysen des Sozio-oekonomischen Panels Deutschland SOEP (www.diw.de/de/).

Betreffend Datenbasis offenbart Sylvia Kämpfer eine erste Schwäche der Datenbasis: wer eine Migrantin resp. ein Migrant ist, sei nicht immer klar; manchmal würden nur Menschen mit eigener Migrationserfahrung, manchmal auch ihre Nachkommen und manchmal in Deutschland lebende Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft als „Menschen mit Migrationshintergrund“ bezeichnet (S.11). Im Folgenden übernehme ich die Kategorisierung von Sylvia Kämpfer.

Betrachtet man die Lebensbedingungen von Deutschen und in Deutschland lebenden Migrant_innen, so fallen grosse Unterschiede ins Auge. So erzielen Migrant_innen lediglich 79% des Nettoäquivalenzeinkommens der Deutschen. Nur 14% aller Migrant_innen (gegenüber 23% der Deutschen) erzielen ein monatliches Einkommen von mehr als 2.000 EUR. Migrant_innen sind häufiger arbeitslos und haben generell eine tiefere Erwerbsbeteiligung. Auch gesundheitlich schneiden Migrant_innen im Vergleich zu Deutschen schlechter ab: Sie leiden häufiger an Tuberkulose sowie an einigen Infektions- und Stoffwechselkrankheiten, sind häufiger übergewichtig und verhalten sich häufiger gesundheitsgefährdend (zum Beispiel rauchen Migrant_innen deutlich häufiger als Deutsche). Die Kinder mit Migrationshintergrund bewegen sich weniger und nehmen weniger an Vorsorgeuntersuchungen teil. Deutsche verfügen pro Kopf über 1/3 mehr Wohnfläche und sind doppelt so häufig Eigentümer_innen ihrer Wohnung als Migrant_innen.

Heisst dies nun, dass Deutsche auch zufriedener sind als Migrant_innen? Ganz und gar nicht. Hier verweist Sylvia Kämpfer auf die Dissonanzen zwischen objektiven und subjektiven Lebensbedingungen, wie sie von Wolfgang Zapf (1984) beschrieben werden. Er spricht von Zufriedenheitsparadox, wenn trotz objektiv eher schlechten Lebensbedingungen eine hohe subjektive Zufriedenheit vorliegt und umgekehrt von einem Zufriedenheitsdilemma, wenn eine hohe objektive Lebensqualität sich nicht in eine ebenfalls hohe subjektive Lebenszufriedenheit übersetzt.

In der Folge setzt sich Sylvia Kämpfer mit Bedingungen des subjektiven Wohlbefindens auseinander. Im Unterschied zu materiellem Wohlstand hat subjektives Wohlbefinden nicht nur einen instrumentellen Wert sondern auch einen konsumtorischen Wert, das heisst, subjektives Wohlbefinden stellt einen Wert an sich dar. Interessant ist der Exkurs zur Entwicklung des Wertes des eigenen subjektiven Wohlbefindens. Im Laufe der Zeit hat die Bedeutung des subjektiven Wohlbefindens tendenziell zugenommen, passend zur zunehmenden Individualisierung der Gesellschaft. Subjektives Wohlbefinden wirkt sich zudem vorwiegend positiv auf andere gesellschaftliche Bereiche aus: Gesundheit (sowohl objektiv als auch bezüglich der subjektiven Einschätzung), Langlebigkeit, beruflicher Erfolg, Einkommen und enge persönliche Beziehungen sind die von Oishi und Koo (2008) genannten Bereiche, welche durch ein gutes subjektives Wohlbefinden positiv beeinflusst werden. Das subjektive Wohlbefinden hat zudem eine eher unbewusste, affektive sowie eine reflektierte, kognitive Dimension.

Sylvia Kämpfer sucht danach in verschiedenen Modellen Erklärungen zu subjektivem Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit und wagt den Versuch, aus verschiedenen Ansätzen ein eigenes, integratives Zufriedenheitsmodell zu entwickeln. Sie prüft Hypothesen, welche Unterschiede bezüglich verschiedenen Aspekten sichtbar machen und von welchen sie sich Erklärungen für die unterschiedliche Lebenszufriedenheit von verschiedenen (Migrant_innen-)Gruppen erhofft. Es sind dies folgende Aspekte:

  1. der (direktive sowie moderierende) Einfluss der Lebensbedingungen,
  2. die Persönlichkeitseigenschaften,
  3. das Aspirationsniveau
  4. die Lebensziele und Werte.

Die Ergebnisse sind deutlich – und trotzdem schwer zu deuten. So sind beispielsweise westeuropäische und amerikanische Migrant_innen zufriedener als Westdeutsche, südeuropäische und türkische Migrant_innen dagegen durchschnittlich unzufriedener als Westdeutsche. Alle Migrant_innengruppen ausser der türkischen und jenen aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens sind jedoch zufriedener als die deutschen Ost-West-Migrant_innen. Sind die Unterschiede gross oder klein? Diese Frage findet Sylvia Kämpfer schwierig zu beantworten, denn obschon statistisch signifikant sind die Unterschiede mit insgesamt sechs Prozentpunkten auf der Zufriedenheitsskala eher klein.

Sylvia Kämpfer fasst denn auch ihre Ergebnisse wie folgt zusammen: Migrant_innen und Westdeutsche unterscheiden sich systematisch in ihrer Lebenszufriedenheit. Dies kann einerseits auf migrationsspezifische Lebensbedingungen – was allermeistens eine objektive Benachteiligung der Migrant_innengruppen bedeutet – zurückgeführt werden; andererseits führen das geringere Aspirationsniveau und bescheidenere Lebensziele bei Migrant_innen durchschnittlich zu einer relativ positiven Einschätzung ihres subjektiven Wohlbefindens. Allerdings unterscheiden sich die Einwanderergruppen sehr stark (stärker als „Migrant_innen“ und „Deutsche“).

Insgesamt empfiehlt Sylvia Kämpfer, mehr von herkunftsspezifischen Lebensbedingungen und Bewertungen zu sprechen als von migrationsspezifischen.

Diskussion

Neben vielen qualitativ orientierten Beiträgen zur Migrationsforschung hebt sich das vorliegende Werk mit seiner quantitativen Methode ab. Dabei zeigt sich, dass Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen sehr präzise beschrieben werden können. Wirklich erklärt werden können die Unterschiede jedoch weniger. Die bedeutendste Erkenntnis ist meines Erachtens das Erkennen unterschiedlicher Einschätzungen je nach Lebenszusammenhang.

Sylvia Kämpfers Dissertationsschrift ist meiner Ansicht denn auch in erster Linie eine äusserst hilfreiche Datenanalyse, welche in unterschiedlichsten Zusammenhängen zur Argumentation verwendet werden kann. Im Gegensatz zu vielen wissenschaftlichen Publikationen ist das vorliegende Buch sehr sorgfältig lektoriert und sprachlich genau formuliert.

Fazit

Die sehr sorgfältige Darstellung der Erklärungsansätze zum subjektiven Wohlbefinden ist eine wertvolle Quelle für jene empirischen Wissenschafter_innen, welche mit quantitativen Datenanalysen befasst sind und ähnliche Untersuchungen tätigen wollen.

Literaturhinweise:

  • Oishi, S. und Koo, M. (2008): „Two New Questions about Happiness: ‚Is Happiness Good?‘ and ‚Is Happier Better?‘“ in Eid, M. und Larsen, R.J. (eds.) The Science of Subjective Well-Being. New York: Guilford Press.
  • Zapf, W. (1984): „Individuelle Wohlfahrt: Lebensbedingungen und wahrgenommene Lebensqualität“ in Glatzer, W. und Zapf, W. (eds.) Lebensqualität in der Bundesrepublik. Frankfurt am Main: Campus.

Rezensentin
Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/perso ...
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Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 24.04.2015 zu: Sylvia Kämpfer: Migration und Lebenszufriedenheit. Eine theoriegeleitete empirische Analyse. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. ISBN 978-3-86388-071-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17496.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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