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Ulrich Hegerl, Michael Zaudig u.a.: Depression und Demenz im Alter

Cover Ulrich Hegerl, Michael Zaudig, Hans-Jürgen Möller: Depression und Demenz im Alter. Abgrenzung, Wechselwirkungen, Diagnose, Therapie. Springer (Berlin) 2001. 162 Seiten. ISBN 978-3-211-83569-2. 61,00 EUR.
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Überblick

14 Autoren und Autorinnen aus den Bereichen Psychogeriatrische Forschung, psychiatrische und psychotherapeutische Behandlung und sozialpsychiatrische Betreuung geriatrischer PatientInnen haben in acht Kapiteln umfassend über verschiedene Formen der Depression und Demenz - "die beiden mit Abstand wichtigsten psychischen Erkrankungen" älterer Menschen, wie es im Vorwort heißt – informiert und komprimiertes, differenziertes und hochaktuelles Wissen für die angemessene Behandlung und Betreuung alter depressiver und dementer PatientInnen zur Verfügung gestellt. Das Wissen möge auch, so wünschen es sich die Autoren, "für eine sachgerechte Interessenvertretung dieser Patientengruppen im rauer werdenden Klima unseres Gesundheitssystems" (ebenda) dienen. Dieses Anliegen erscheint mir besonders bemerkenswert, da alle Autoren und Autorinnen innerhalb dieses Gesundheitssystems auf der Behandlerseite arbeiten, wo das Engagement für die Belange der Betroffenen nicht immer so deutlich spürbar wird.

Das Buch gibt einerseits einen differenzierten Einblick in den derzeitigen Stand der Forschung mit einer Fülle von Literaturhinweisen zu jedem Kapitel, ist andererseits sehr praxisnah. Es stellt mit der Übersicht über erprobte und neue Antidepressiva und Antidementiva, der Beschreibung von Verhaltens- und Kompetenztrainings und schließlich dem Einblick in Versorgungsstrukturen und Rechtsansprüche aus der Pflegeversicherung ein hochaktuelles Nachschlagewerk für Forschung und Praxis dar.

Inhalt und Aufbau des Buches

Beklagt wird zunächst das diagnostische und therapeutische Defizit, das in der Primärversorgung von alten Menschen besteht, die an Depressionen und Demenzen leiden. Obwohl sich die meisten depressiven Menschen in hausärztlicher Behandlung befinden, wird ihre Erkrankung nur in etwa einem Drittel der Fälle erkannt und konsequent behandelt (S. 3). Bei alten Menschen werden Diagnose und Behandlung einer Depression zudem durch die Überlappung mit Demenz-Symptomen erschwert. So erscheint es folgerichtig, dass in diesem Buch - bis auf die Diskussion der medikamentösen Behandlung - beide Krankheitsbilder unter den verschiedenen Aspekten zusammen in einem Kapitel abgehandelt werden.

Im ersten Kapitel (Epidemiologie von Depression und Demenz im Alter) geben Wernicke, Reischies und Linden nicht nur einen Überblick über Prävalenz und Ausprägung verschiedener Depressions- und Demenzformen, sondern gehen auch auf verschiedene Methoden der Datenerhebung und auf den engen Zusammenhang zwischen Studiendesign und Aussagekraft epidemiologischer Daten ein. Ein besonderes Problem stellt die Zunahme von Zahl und Ausprägung von Demenzen mit ansteigendem Alter der Probanden dar (S. 9), das die Erhebung verlässlicher Daten erschwert. Im zweiten Kapitel diskutiert Zaudig aufgrund der Diagnosekriterien der ICD-10 und des DSM-IV sehr differenziert Diagnose und Differentialdiagnose von Depression und Demenz. Anschaulich beschreibt er unterschiedliche Stadien beider Erkrankungen anhand des klinischen Bildes und gibt dem Praktiker in übersichtlichen Tabellen Unterscheidungskriterien an die Hand. Auch gibt der Autor eine kurze Beschreibung der meistverwendeten Verhaltensinventare und Fragebögen zur Erfassung von Depression und Demenz.

Auf die Rolle kognitiver Funktionen beim „normalen“ wie pathologischen Altern geht Kaschel aus neuropsychologischer Sicht ein (Neuropsychologische Diagnostik bei Älteren, Depression und Demenz). Er zeigt, welche Veränderungen etwa in Aufmerksamkeit, Denken und Problemlösen mit steigendem Alter normalerweise zu erwarten sind und wie sich Defizite, die durch Depression und Demenz ausgelöst werden, davon unterscheiden. Den neuesten Stand des Wissens über biologische Parameter – etwa den Einfluss genetischer Faktoren, Neurotransmitter, neuroendokrinologische und neurophysiologische Veränderungen – und die Anwendungsmöglichkeiten verschiedener bildgebender Verfahren, mit denen zwischen Demenz und Depression möglichst rasch und zuverlässig differenziert werden kann und Therapieerfolge zu überprüfen sind, zeigen Kötter, Stübner, Hegerl und Hamel im Kapitel Biologische Untersuchungen in der Differentialdiagnostik auf. Um die Wirkung, Dosierung und Indikation verschiedener Antidepressiva und Antidementiva geht es in den beiden folgenden Kapiteln von Hegerl (Antidepressiva) und Möller, Hampel und Padberg (Nootropika/Antidementiva). Insbesondere die detaillierten Angaben zu den heute gebräuchlichsten Antidementiva/Nootropika werden für den Neurologen in Praxis und Klinik wertvoll sein.

Wer psychotherapeutisch mit alten Menschen arbeitet und nach Verfahren sucht, die geeignet sind, depressive Episoden zu überwinden, Kompetenzen zu erhalten und Lebensqualität zu erhöhen, wird im Kapitel Kognitiv-verhaltenstherapeutische Interventionen bei kognitiven Defiziten und Depressionen (Schaub, Plattner, Ehrhardt und Kaschel) sowohl Bewährtes wie Neues finden. Hier werden Therapiebausteine zur Förderung von Einzelkompetenzen wie Gedächtnisleistung, Orientierung, Alltagsbewältigung und Kommunikation bei kognitiv und emotional eingeschränkten Patienten beschrieben und die Wirksamkeit insbesondere von Gruppentrainings mit depressiven und kognitiv beeinträchtigten alten Menschen anhand kontrollierter Studien nachgewiesen. Psychotherapeutische Erfahrung und Kenntnis der einzelnen Techniken werden von den Autoren allerdings weitgehend vorausgesetzt. Der weniger routinierte Praktiker kann auf die sorgfältig dokumentierte ausführliche Grundlagenliteratur zurückgreifen.

Das letzte Kapitel ist der Beratung und Begleitung älterer PatientInnen aus Sicht des Sozialpsychiatrischen Dienstes gewidmet. Nolde-Steffen und Osten geben in Sozialpsychiatrische Aspekte in der klinischen Versorgung von Patienten mit depressiven und kognitiven Störungen im Alter konkrete Hinweise auf Institutionen, in denen Betroffene und ihre Angehörigen Information, Beratung und Therapie erhalten, und stellen verständlich und übersichtlich die rechtlichen Grundlagen dar, nach denen diese Maßnahmen in Anspruch genommen werden können.

Fazit

Ein anspruchsvolles, vom Thema her klar umgrenztes, dennoch vielfältiges Buch, das neben forschungsrelevanten Anregungen zu Depression und Demenz im Alter viele konkrete Hinweise für die Diagnostik, Beratung, Therapie und den einfühlenden Umgang mit betroffenen alten Menschen enthält. Es ist ein Handbuch für eine ärztliche und psychologische Fachleserschaft und für alle, die mit dementen und depressiven alten Menschen und ihren Angehörigen arbeiten – und gleichzeitig ein interessantes Dokument der Herausforderungen, die die zunehmenden demografischen Veränderungen in den Industriegesellschaften an die Biowissenschaften stellen.


Rezensentin
Prof.Dr. Almuth Künkel
Fachhochschule Düsseldorf, FB Sozialpädagogik
Dipl.-Psych., Professorin für Entwicklungs- und Alterspsychologie (2004 †)


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Zitiervorschlag
Almuth Künkel. Rezension vom 01.11.2001 zu: Ulrich Hegerl, Michael Zaudig, Hans-Jürgen Möller: Depression und Demenz im Alter. Abgrenzung, Wechselwirkungen, Diagnose, Therapie. Springer (Berlin) 2001. ISBN 978-3-211-83569-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/175.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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