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Dirk Lange, Tonio Oeftering (Hrsg.): Politische Bildung als lebenslanges Lernen

Cover Dirk Lange, Tonio Oeftering (Hrsg.): Politische Bildung als lebenslanges Lernen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2014. 220 Seiten. ISBN 978-3-89974-975-5. D: 24,80 EUR, A: 25,50 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Der Band ist in der Schriftenreihe der Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung (GPJE) erschienen und befasst sich mit Politischer Bildung in Schule, außerschulischer Jugendarbeit und Erwachsenenbildung.

Herausgeber

Dirk Lange ist Professor für Didaktik der Politischen Bildung an der Universität Hannover, Tonio Oeftering vertritt eine Politikprofessur an der Universität Eichstätt

Entstehungshintergrund und Aufbau

Mit dem vorliegenden Band wird die GPJE- Jahrestagung des Jahres 2013 dokumentiert. Nach dem einführenden Vorwort der Herausgeber werden der Eröffnungsvortrag und vierzehn Beiträge im Umfang von je 8-15 Seiten sowie zehn Poster (in der Regel 1 ½ Seiten) von Promovierenden abgedruckt.

Inhalt

Die Beiträge befassen sich mit Politischer Bildung „lebenslang“, d.h. über die Schule und die Jugendarbeit hinaus auch für Erwachsene. Dies deckt sich weitgehend mit der Unterscheidung von formalisierten, nicht-formalisierten und informellen Lernsettings. Dabei beklagt Hufer, dass die Erwachsenenbildung zu stark auf die berufliche Funktion oder „Employability“ ausgerichtet sei. Negt wie auch Gantschow halten lebenslanges Lernen schon deshalb für unvermeidlich, weil sich die Menschen den rapiden gesellschaftlichen Veränderungen stellen und sich immer wieder neu orientieren müssen.

Andere Beiträge diskutieren die Wirksamkeit des Politikunterrichts, beklagen erst mal den bescheidenen Umfang der Forschung, die sich mehr mit den Kompetenzen der Lehrenden und die Vermittelbarkeit von Kompetenzen im Unterricht befassen sollte (Manzel). Goll präsentiert allerdings eine groß angelegte Studie mit fast 2.500 Schülerinnen der Sekundarstufe I, deren Wissenszuwachs nicht nur auf natürlichem Lernen, sondern – besonders an Gymnasien – auf Unterricht zurückzuführen sei. Gropengießer nennt es didaktische Rekonstruktion, wenn er – überraschenderweise an naturwissenschaftlichen Gegenständen – das Zusammenspiel von wissenschaftlichen Inhalten, Vermittlungskompetenz der Lehrenden und Lernpotential der Schüler/innen betrachtet. Weschenrieder wertet eine Befragung von über dreihundert Politiklehrkräften in Hinsicht auf Motivation, Anstrengungsbereitschaft u.ä. aus. Ein Ergebnis ist dabei, dass ältere Lehrkräfte über mehr Fachwissen, aber weniger fachdidaktisches Wissen als Jüngere verfügen, möglicherweise aber Letzteres nur weniger bewusst anwenden.

Zwei Beiträge verdienen m.E. größere Aufmerksamkeit. Das ist einmal der Vorschlag von Boeser-Schnebel/Schnebel, nicht nur die bekannte Politikerverdrossenheit zu registrieren, sondern umgekehrt genauer hinzusehen, wie die Bürger/innen mit „ihren“ Politiker/innen umgehen. Dass es hier jede Menge Stammtischparolen gibt, ist offensichtlich, nach dem Motto: „sind nie im Bundestag anwesend, kassieren fette Bezüge“ usf. Viele Missverständnisse sind hier noch unterwegs, offensichtlich auch immer noch die Gegenüberstellung von Gesetzgebung und Regierung statt Regierungsmehrheit vs. Opposition. Die Autoren fragen zurecht, wer sich z.B. mit Zeitgenossen und Zeitgenossinnen auseinandersetzt, die allerlei Regelungen fordern, aber zugleich die Politik in die Schranken verweisen wollen.

Der zweite Beitrag, der auffällt, stammt von Sabine Achour, die lebenslanges Lernen im „Kontext von Migration und Integration und Islam“ betrachten will. Ausgangspunkt sind Umfragen, wonach eine große Mehrheit der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger „den“ Islam für etwas hält, was mit der Demokratie, den Werten der westlichen Welt nicht kompatibel sei, wobei dies auch Zustimmung bei vielen Muslimen fände. Diesem Zustand kann nach Auffassung der Autorin durch Wissensvermittlung und Bildung begegnet werden, insbesondere aber dadurch, dass Muslime viel stärker in Schule und Beruf gefördert und politisch beteiligt werden, mitwirken können. Politische Bildung sollte eine Art „Integrationskompetenz“ vermitteln.

Diskussion

Wie jeder Tagungsband vereint auch der vorliegende stärkere und schwächere Beiträge. Große Einflussmöglichkeiten haben Herausgeber nicht. Aber einen Vortrag unredigiert vom Band runter wiederzugeben, mit unvollständigen Sätzen und zahlreichen Kommafehlern, ist nicht akzeptabel. Befremdlich ist auch, dass aus einem Forschungsverbund die Ergebnisse im gleichen Pfaddiagramm abgebildet, aber in zwei Artikeln diskutiert werden. Etlichen Beiträgen fehlen Anschauung, Beispiele, Praxisbezug, letztlich eine Pointe.

Es ist erstaunlich, dass sich einige Beiträge mit den Protagonisten der Politischen Bildung, nämlich Lehrkräften, ihren Kompetenzen und Selbstverständnis, aber auch der Professionalität im außerschulischen Bereich befassen. Dass, wie Widmaier feststellt, die Politische Bildung in der Kinder- und Jugendarbeit mehr von der Sozialen Arbeit oder Sozialpädagogik bestimmt werde als von der Politikwissenschaft, ist zutreffend, aber m.E. überhaupt nicht problematisch.

Statt soviel Selbstreferenz hätte man auch „große“ Themen wie z.B. den Klimawandel als Belang aller Generationen auf der Tagesordnung erwartet. Missverständlich ist dabei Negt, wenn er dafür plädiert, erst die Probleme der überentwickelten Industrieländer zu lösen, ehe man die „übrige Welt“ „sanieren“ könne.

Der vorliegende Band verspricht, Politische Bildung als „lebenslanges Lernen“ zu reflektieren, ja vielleicht sogar zu projektieren. Das gelingt nur in Ansätzen, da die Volkshochschulen und Bildungswerke, die Parteien und die parteinahen Stiftungen, die Medien hier nicht vertreten und nicht thematisiert werden. Zu diskutieren wäre freilich auch, wie der mündige Bürger sich ein Leben lang bildet, ohne bevormundet zu werden.

Fazit

Wer Anregungen und Überlegungen für die Praxis der Politischen Bildung sucht, wird an einigen Stellen in diesem Materialband fündig. Ein Konzept für lebenslanges oder auch generationenübergreifendes Lernen bietet er aber nicht.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 16.12.2014 zu: Dirk Lange, Tonio Oeftering (Hrsg.): Politische Bildung als lebenslanges Lernen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2014. ISBN 978-3-89974-975-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17505.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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