Margit Rodrian-Pfennig, Sandra Reitz et al. (Hrsg.): Reflexive Lehrforschung an der Hochschule
Rezensiert von Dr. Jutta Pauschenwein, 13.04.2015
Margit Rodrian-Pfennig, Sandra Reitz, Silvia Krömmelbein, Sylvia Heitz, Julika Bürgin (Hrsg.): Reflexive Lehrforschung an der Hochschule. Partizipations-, Forschungs- und Praxisorientierung in sozialwissenschaftlichen Lehr-. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. 223 Seiten. ISBN 978-3-86388-080-4. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
Thema
Ausgehend von dem Paradigmenwechsel vom Lehren zum Lernen setzen sich die Autorinnen und Autoren mit dem Kompetenzbegriff und den institutionellen Rahmenbedingungen der sozialwissenschaftlichen Lehre theoretisch und praktisch auseinander und berücksichtigen dabei die Leitprinzipien forschungs-, partizipations- und praxisorientierter Lehr/Lernformen.
Herausgeberinnen
- Margit Rodrian-Pfennig ist Oberstudienrätin am Hochschuldienst im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften am Institut für Politikwissenschaft, Sandra Reitz arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften ebenfalls am Institut für Politikwissenschaft.
- Silvia Krömmelbein ist Akademische Oberrätin am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften am Institut für Soziologie.
- Sylvia Heitz ist Oberstudienrätin im Hochschuldienst im Ruhestand am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Didaktik der Sozialwissenschaften.
- Julika Bürgen arbeitet als Lehrbeauftragte am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, Didaktik der Sozialwissenschaften.
Alle Herausgeberinnen sind an der Goethe-Universität Frankfurt am Main tätig.
Entstehungshintergrund
Die Inhalte im Buch fußen auf Ergebnissen des dreijährigen Projekts „Förderung einer kompetenz- und partizipationsorientierten Lehr- und Lernkultur am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Göthe-Universität Frankfurt am Main“
Aufbau
Das Buch gliedert sich in drei Abschnitte mit ein bis vier Kapiteln. Nach der Einleitung ins Thema schließen sich folgende Inhalte an:
- Teil 1: Theoretische Reflexionen hochschuldidaktischer Prinzipien
- Teil 2: Empirische Analysen und Experimente zur Weiterentwicklung der Lehr-/Lernkultur,
- Teil 3: Zu den Bedingungen und begrenzten Möglichkeiten, anders zu lehren.
Inhalt
In der Einleitung sprechen die Herausgeberinnen die widersprüchlichen Herausforderungen für Hochschulen an, einerseits durch einen Fokus auf studentische Lernprozesse den Wandel vom Lehren zum Lernen zu vollziehen und andererseits messbare Kompetenzen mit dem Ziel der employability zu vermitteln. Im dreijährigen Projekt „Förderung einer kompetenz- und partizipationsorientierten Lehr- und Lernkultur am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Göthe-Universität Frankfurt am Main“ wurde die partizipations-, forschungs- und praxisorientierte Lehrpraxis reflektiert und die konkrete Seminarpraxis weiterentwickelt.
In Teil 1 „Theoretische Reflexionen hochschuldidaktischer Prinzipien“ setzt sich Margit Rodrian-Pfennig im ersten Kapitel kritisch mit „Karriere und Kontext des Kompetenzbegriffs“ auseinander und stellt die Entwicklung des Kompetenzbegriffs sowie Probleme in seiner Handhabung dar. Sandra Reitz fordert in Kapitel 2 in „forschungsorientierten“ Lehr- und Lernformen eine didaktische Perspektive ein. Sylvia Heitz erläutert in Kapitel 3 „Partizipation“ als Lernen von den Lernenden her gedacht. Silvia Krömmelbein und Sandra Reitz diskutieren „Praxisorientierung“ als Parameter des Wandels vom Lehren zum Lernen und die Herausforderungen, die Praxisorientierung gerade in der sozialwissenschaftlichen Hochschulbildung mit sich bringt.
Teil 2 „Empirische Analysen und Experimente zur Weiterentwicklung der Lehr-/Lernkultur“ enthält wie Teil 1 vier Kapitel. Daniel Kahnert und Silvia Krömmelbein beleuchten die „Lehrpraxis aus Sicht der Dozent_innen“ anhand explorativer, leitfadengestützter Interviews zu Lehrzielen, Methoden und Erfahrungen der Unterrichtenden. Dabei verstehen sie den Aufbau von Wissen und Kompetenzen als subjektiven, „eigensinnigen, aktiven Konstruktionsprozess“. Im zweiten Artikel setzen sich Sylvia Heitz und Margit Rodrian-Pfennig der Kritik der Studierenden an der aktuellen Seminarpraxis aus und geben ihnen Raum im Rahmen einer Zukunftswerkstatt Utopien und Fantasien zu entwickeln und daraus konkrete Anregungen abzuleiten, die im Rahmen der Modellseminare umgesetzt wurden (siehe Kapitel 4 in diesem Teil 2). Silvia Krömmelbein und Sandra Reitz beschreiben im nächsten Kapitel die Entwicklung eines „systematisierten Feedbacks für Lehrende“ unter Mitwirkung der Studierenden, das zu einem. für teilstandardisierte Beobachtungen führte sowie zu einem Konzept für schriftliches Feedback der Studierenden im Rahmen eines Lerntagebuchs. Im letzten Kapitel dieses Teils erläutern Sylvia Heitz, Silvia Krömmelbein, Sandra Reitz und Margit Rodrian-Pfennig die systematische Betrachtung, Planung und Veränderung der didaktischen Praxis von vier im Rahmen des Projekts entwickelten und zweimal durchgeführten Modellseminaren.
Zusammenfassend ziehen in Teil 3 Sylvia Heitz, Silvia Krömmelbein, Sandra Reitz und Margit Rodrian-Pfennig im Rahmen eines Interviews ihre Schlüsse aus den Erfahrungen im Projekt, zur Auseinandersetzung mit den theoretischen Konzepten, sowie zur Hochschuldidaktik und den Lehr-/Lernverhältnissen.
Diskussion
Die theoretische Auseinandersetzung mit Kompetenz-, Forschungs-, Partizipations- und Praxisorientierung stellt kritisch und genau belegt die Entwicklung der Studienordnungen unter Berücksichtigung des Kompetenzbegriffs und des Imperativs der Selbstoptimierung und Instrumentalisierung dar und beleuchtet die daraus hervorgehenden Forderungen nach Partizipation und Praxis in den Sozialwissenschaften, die auch für andere Fachbereiche gültig sein könnten.
Besonders interessant ist die auf die Theorie folgende praktische Umsetzung der Thematik mit den wichtigen Stakeholdern Studierende und Lehrende. Die dargestellten Evaluierungsinstrumente und -methoden, die Empfehlungen und Weiterentwicklungsdeen sowie die kritische Reflexion der entwickelten Modellseminare bieten einen nahrhaften Boden für eigene Überlegungen der Leser und Leserinnen in ihrem eigenen Kontext.
Die persönlichen Wahrnehmungen und Reflexionen der Herausgeberinnen unterstreichen die Authentizität der Praxisbeispiele.
Fazit
Das Buch besticht durch seine ausgewogene Mischung aus Theorie und Praxis. Es regt zum Nachdenken über die eigene Lehrtätigkeit und ihre organisatorischen Rahmenbedingungen an. Zwar wurde das Projekt an den Sozialwissenschaften durchgeführt, die dargestellten Ergebnisse über Weiterentwicklungsmöglichkeiten und Probleme bezüglich forschungs-, partizipations- und praxisorientierte Lehre zeigen sich auch für andere Disziplinen als relevant.
Rezension von
Dr. Jutta Pauschenwein
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