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Alan Chapman, Graham A. Jackson u.a.: Wenn Verhalten uns herausfordert (Menschen mit Demenz)

Cover Alan Chapman, Graham A. Jackson, Colin McDonald: Wenn Verhalten uns herausfordert ... Ein Leitfaden für Pflegekräfte zum Umgang mit Menschen mit Demenz. Demenz Support Stuttgart gGmbH (Stuttgart) 2004. 88 Seiten. ISBN 978-3-937605-00-5. 16,00 EUR.

Aus dem Engl. von Gabriele Kreutzner. Zu bestellen unter info@www.demenz-support.de (Stichwort: >Wenn Verhalten<). Preis zuzüglich Verand.
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Zur Thematik des Buches

Demenzkranke verursachen in den Heimen oft einschneidende Schwierigkeiten, wenn sie z. B. schreien, tätlich aggressiv gegenüber Mitbewohnern oder Pflegekräften werden oder die Kooperation bei der Pflege verweigern. Diesen störenden Verhaltensweisen Herr zu werden, ist ein großes Anliegen der Altenpflege in den Heimen. Bis vor einigen Jahren griff man bei diesen Verhaltensauffälligkeiten, die auch ständige Unruhe und Weglauftendenzen einschlossen, zu Vorgehensweisen wie Fixierungen und Ruhigstellung mittels Psychopharmaka. Erkenntnisse über die katastrophalen Wirkungen dieser Zwangsmaßnahmen bei den Betroffenen und der wachsende Wissensstand über verschiedene Formen der nichtmedikamentösen Verhaltensbeeinflussung in diesen Konfliktlagen führten zu einem gravierenden Einstellungswandel. Milieuaspekte, die Regulation der sensorischen Stimulierung und vor allem der konkrete Umgangsstil bei der Pflege und Betreuung demenzkranker Heimbewohner bilden die entscheidenden Kernelemente einer demenzspezifischen Lebenswelt, die vor allem den Demenzkranken mit seinen konkreten Bedürfnissen in den Mittelpunkt der Überlegungen stellt. Es bedarf in diesem Zusammenhang jedoch des Hinweises, dass die Entwicklung in diesem Bereich noch nicht abgeschlossen ist, sondern im Gegenteil sich noch in einem frühen und unwissenschaftlichen Stadium befindet, wie an dem gegenwärtigen Stellenwert empirisch nicht überprüfbarer Konzepte wie Mäeutik, Validation und dem Kitwood'schen Konzept abzulesen ist.

Die vorliegende Broschüre soll Pflegekräften Anregungen und Hinweise im Umgang mit den Verhaltensauffälligkeiten Demenzkranker geben. Erstellt und erstmals veröffentlicht wurde sie 1999 vom Dementia Services Development Centre der Universität Stirling (Schottland).

Autoren

Alan Chapman ist Ausbilder am Dementia Services Development Centre in Stirling (Schottland). Dr. Graham A. Jackson (Arzt für Allgemeinmedizin) arbeitet als Berater für Alterspsychiatrie in Glasgow. Colin McDonald ist Pflegedienstleiter einer Demenzstation in Bonnybridge (Schottland).

Inhalt

  • In den ersten drei Kapiteln steht die Sensibilisierung der Leser für die eingeschränkte Umweltkompetenz der Demenzkranken und deren Verhaltens- und Reaktionsweisen auf die sie überfordernden Sinneseindrücke im Mittelpunkt. Dies geschieht teils mit gedanklichen Rollenspielen in Gestalt von Übungsaufgaben, sich selbst Situationen mit Stress- und neuen Anpassungssituationen vorzustellen und die möglichen Reaktionen zu antizipieren. Des Weiteren wird auf das Milieu im Heim als Ursache für mögliche Stressreaktionen eingegangen. Zentral hierbei ist das Anliegen, sich in die Lage der Betroffenen einzufühlen und somit die störenden Verhaltensweisen als bloße Überstressreaktionen einzuschätzen.
  • Im vierten Kapitel werden knapp einige Grundlagen über die hirnphysiologischen und hirnpathologischen Veränderungen bei Demenzen und deren Auswirkungen auf das Verhalten erklärt.
  • Im fünften Kapitel werden die Maßnahmen zur Freiheitsbeschränkung und zum Freiheitsentzug angeführt, wobei die Autoren besonders die extrem belastenden psychischen und auch physischen Folgen dieser Interventionen bei den Betroffenen hervorheben.
  • Das folgende sechste Kapitel hat die medikamentöse Behandlung der Verhaltensstörungen zum Inhalt. Besonders ausführlich werden hierbei die Nebenwirkungen bestimmter Psychopharmaka beschrieben, die teils mit großen Risiken (z. B. Sturzgefahr bei Schwindelgefühlen) und Beeinträchtigungen wie Darmträgheit, verschwommenes Sehen und Gedächtniseinbußen verbunden sind. Im siebten Kapitel werden die Auswirkungen der Pflegehandlungen auf das Wohlbefinden der Demenzkranken mit dem Appell erläutert, in diesem Handlungsfeld möglichst bewohnerzentriert und demenzspezifisch zu agieren.
  • Das achte Kapitel beschäftigt sich mit der Verhaltensdiagnostik speziell im Bereich der Verhaltensstörungen. Vorgeschlagen wird hierbei das so genannte ABC-Verfahren, das aus den Elementen "Betrachtung des auslösenden Ereignisses" (A = activating event), "Betrachtung des tatsächlichen Verhaltens" (B = behaviour) und dem Schritt "Konsequenzen" (C = consequences) besteht.
  • In den beiden letzten Kapiteln werden Empfehlungen gegeben, durch welche Maßnahmen Verhaltensstörungen Demenzkranker reduziert werden können. Angeführt werden u. a. pflegerische Vorgehensweisen, die sowohl Persönlichkeitsstärkende Elemente als auch Faktoren der Beruhigung und des Schutzes enthalten, und Milieuaspekte (u. a. Raumausstattung, Ruhebereiche, Geräuschpegel und Beleuchtung). Auch werden so genannte De-Eskalation-Praktiken zur Vermeidung oder Entschärfung von Krisensituation Demenzkranker angeführt: u. a. Ablenken, Berührungen, Entfernung der Störungsquelle (z. B. laute Radiomusik) und Begleitung und Beistand anbieten.

Kritische Würdigung

Zu den Ausführungen lassen sich einige teils kritische Anmerkungen machen.

  • Zuerst kann erwähnt werden, dass die Broschüre keine Aspekte enthält, die nicht bereits in einschlägigen Publikationen in Deutschland angeführt wurden. Eine Publikation fünf Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung zu übersetzen und herauszugeben, ist mit einem nicht zu unterschätzenden Risiko hinsichtlich ihrer Aktualität und ihres Innovationspotentials verbunden.
  • Äußerst kritisch und geradezu unverantwortlich wird vom Rezensenten die Einschätzung betrachtet, Demenzkranke hätten "ihr Recht, Risiken einzugehen" gemäß ihrer "persönlichen Autonomie und Bewegungsfreiheit" (Seite 69). Es sollte in diesem Zusammenhang stärker die gravierend eingeschränkten Exekutivfunktionen wie Planen, Beurteilen und geistige Vorwegnahme der Konsequenzen des Handelns bei Demenzkranken im mittleren Stadium Berücksichtigung finden, die eine Risikoeinschätzung aufgrund der geistigen Minder- und Fehlleistungen gar nicht mehr zulassen.
  • Problematisch wird auch der Ansatz gesehen, in Anlehnung an Kitwood Demenz "eher als Beeinträchtigung statt als Krankheit" aufzufassen (Seite 53). Wer so argumentiert, verleugnet den tief greifenden und einschneidenden Leidensprozess bei einer Hirnerkrankung, die ständig mit Symptomen wie Gedächtnisverlust, Wahn, Halluzination und Fehlwahrnehmungen verbunden ist.
  • Positiv kann beurteilt werden, dass die Intention, Empathie und Sensibilität im Umgang mit den Demenzkranken u. a. mithilfe der Übungen zum Nachdenken und geistigem Nachvollziehen zu stärken und zu vertiefen, didaktisch als äußerst gelungen und praxisnah betrachtet werden kann.
  • Auch die Ausführungen über den Einfluss von Milieufaktoren wie Umgangsstil, Geräuschkulissen und Raumstrukturen auf das Bewältigungs- und Reaktionsvermögen der Demenzkranken sind fachlich korrekt, prägnant und allgemeinverständlich gehalten. Dies gilt auch für die Darlegungen über Milieufaktoren, Umgangsformen bei der Pflege und Betreuung und den Ablenkungs- und Beruhigungsstrategien.

Fazit

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die vorliegende Broschüre einige Stärken aufweist, die sich besonders im Rahmen der Ausbildung und Fortbildung von Altenpflegekräften entfalten können. Daher kann sie Lehrkräften in diesen Bereichen als Lektüre empfohlen werden.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 28.09.2004 zu: Alan Chapman, Graham A. Jackson, Colin McDonald: Wenn Verhalten uns herausfordert ... Ein Leitfaden für Pflegekräfte zum Umgang mit Menschen mit Demenz. Demenz Support Stuttgart gGmbH (Stuttgart) 2004. ISBN 978-3-937605-00-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1752.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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