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Giovanni Bevilacqua: Die Sprach- und Kulturmittlung in Altenbetreuungseinrichtungen

Cover Giovanni Bevilacqua: Die Sprach- und Kulturmittlung in Altenbetreuungseinrichtungen. Eine empirische Forschungsarbeit. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2014. 240 Seiten. ISBN 978-3-631-65018-9. D: 52,95 EUR, A: 54,50 EUR, CH: 60,00 sFr.
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Thema

In dem Buch untersucht der Autor auf Basis umfangreicher Recherchen, welche Schwierigkeiten aus den Sprachproblemen älterer italienischer MigrantInnen resultieren, die in Pflegeheimen in der belgischen Provinz Limburg leben, und zeigt, welchen Beitrag qualifizierte Sprachmittlung für Verbesserungen leisten kann.

Autor

Giovanni Bevilacqua hat Germanistik und Konferenzdolmetschen studiert. Er arbeitet freiberuflich als Dolmetschdozent an der Universität Leuven, Belgien, sowie als Übersetzer und Dolmetscher.

Entstehungshintergrund

Die Publikation beruht auf der gleichnamigen Dissertation des Autors in Übersetzungswissenschaft an der Universität Leuven, Belgien.

Aufbau

Das Buch ist in drei Teile gegliedert, denen ein ausführliches Vorwort vorangestellt ist.

  1. Der erste Teil gibt einen historischen Überblick über die Geschichte der Einwanderung von italienischen Arbeitskräften nach Belgien.
  2. Im zweiten Teil erläutert der Autor die theoretischen und methodologischen Grundlagen seiner Arbeit.
  3. Die empirische Forschung und ihre Ergebnisse werden im dritten Teil vorgestellt.

Zu Teil 1: Geschichte der italienischen Migration nach Belgien

Um verständlich zu machen, vor welchen Herausforderungen die heute alt gewordenen italienischen MigrantInnen in Belgien stehen, skizziert der Autor wichtige historische Stationen der Migration, die bis ins 16. Jahrhundert zurückgeht und einen ersten Höhepunkt während des italienischen Einigungsprozesses und Wirtschaftskrisen um 1900 erreichte. Die heutigen älteren italienischen MigrantInnen, deren genaue Zahl aufgrund der typischen Schwierigkeiten bei der Zählung derjenigen mit und ohne belgischen Pass nicht genau feststeht, kamen jedoch nach 1945 aus italienischen Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit nach Belgien. Insbesondere im Kohlebergbau in Flandern wurden Arbeitskräfte benötigt, Italien wiederum brauchte Kohle. 1946 wurde ein Abkommen zwischen der belgischen und der italienischen Regierung geschlossen, in dem die Lieferung von Kohle im Gegenzug zur Lieferung bestimmter Zahlen von Arbeitskräften vereinbart wurde. „Verkauft für einen Sack Kohlen“ – so fassten die betroffenen Menschen dieses Abkommen zusammen, denn die Zustände bei der Anwerbung und Auswanderung, der Empfang und die Lebensbedingungen sowie teilweise die Sicherheitsbedingungen in den Bergwerken in Belgien wurden zumindest in den Anfangsjahren als menschenunwürdig empfunden. Bis Ende der 50er Jahre arbeiteten zwischen 40- und 50.000 italienische Arbeitskräfte in den Bergwerken, die dann nach und nach geschlossen wurden. Viele der Zugewanderten jedoch blieben, gründeten Familien und wurden älter. Heute (2008) leben rund 170.000 ItalienerInnen in Belgien, zuzüglich einer unbekannten Zahl von Eingebürgerten mit belgischem Pass.

Die ältesten von ihnen sind zunehmend auf die Leistungen des belgischen Gesundheitswesens und der Altenhilfe angewiesen. Fokussiert auf zwei Gemeinden der Provinz Limburg mit vergleichsweise hohen Anteilen älterer ItalienerInnen beschreibt der Autor auf Basis vorhandener Statistiken, eigener Auswertungen und teilweise Erhebungen, in welchem Umfang sie zu den NutzerInnen von Tagesstätten, Seniorenheimen, häuslicher Pflege und von Gesundheitseinrichtungen gehören. Schon in diesem Teil macht er deutlich, dass der Zugang zum Hilfesystem für die älteren ItalienerInnen besonders durch Sprachbarrieren erschwert ist. Deshalb fordert er die interkulturelle Öffnung des Hilfesystems.

Zu Teil 2: Theorie und Methodologie

Nach einer Vorstellung verschiedener möglicher induktiver und deduktiver Herangehensweisen, geht der Autor kurz auf die Bedeutung von Methodenkombination und -triangulation ein.

Die Einführung in die Geschichte der wissenschaftlichen Forschung zum Dolmetschen und zur Sprachmittlung in den nächsten Kapiteln gibt auch LeserInnen aus anderen Disziplinen einen guten Überblick, und es werden immer wieder Bezüge zu Diskussionen z. B. über den Kulturbegriff oder Integration hergestellt. Gestützt auf eine Fülle von Quellen macht der Autor so deutlich, dass Sprachmittlung in hohem Maße von verschiedenen Kontextfaktoren beeinflusst wird. Angefangen mit der Sprache mit ihren (gerade im Gesundheitswesen und Hilfesystem zahlreichen) Fachausdrücken und der Frage der wortgenauen Übersetzung, die dennoch Missverständnisse und Nicht-verstehen nicht ausschließen kann, über nonverbale Signale und die räumlichen und institutionellen Rahmenbedingungen der jeweiligen Begegnungen bis hin zum sozialen Status, dem individuellen Hintergrund oder den Krankheitsvorstellungen der verschiedenen Akteure müssen demnach viele Faktoren in die Analyse der Sprachmittlung einbezogen werden. Der Autor weist hier und im dritten Teil unter Bezug auf Bourdieu auch auf die Machtfragen hin, die den Sprachmittlungsprozess kennzeichnen: Nicht nur die „mächtigere“ Position bspw. eines Arztes beeinflusst die Interaktion, auch der Sprachmittler hat Macht darüber, was er wie (nicht) kommuniziert oder erklärt. Mit Gumperz stellt der Autor fest, dass soziokulturelle Unterschiede immer auch Machtunterschiede sind. Auch Goffmans Rollentheorie liefert Anknüpfungspunkte, kann die Zwischenstellung des Dolmetschers aber nicht erschöpfend erklären. Letztlich ist die Rolle des Sprachmittlers daher auch theoretisch nur schwer zu fassen, und jedenfalls ist nach Ansicht des Autors ein multidisziplinärer Ansatz dafür nötig.

Im Alltag sind es häufig muttersprachliche ImmigrantInnen, seien es Familienangehörige oder MitarbeiterInnen der Institutionen, die übersetzen. Hier fragt der Autor nach den berufsethischen Grundsätzen des medizinisch-pflegerischen Personals, das bei solchen Interaktionen Fehler und in der Folge eine schlechtere Versorgungsqualität für diese PatientInnen in Kauf nimmt, denn diese Art, Verständigungsprobleme zu lösen, ist in ihrer Qualität kaum überprüfbar. Vergleichende Studien belegen vielmehr die überlegene Qualität professioneller DolmetscherInnen.

Abschließend formuliert der Autor seine Fragestellungen für die Empirie: Die Interaktion von Arzt, Patient und Sprachmittler in Altersheimen soll untersucht werden, wobei insbesondere die Kräfteverhältnisse und Verhaltensnormen innerhalb dieser Triade beleuchtet werden soll. Weiterhin sollen Erwartungen der Patienten und Ärzte sowie das Verhalten von Sprachmittlern bei (Macht-) Konflikten einbezogen werden.

Zu Teil 3: Empirie

Der Autor beschreibt sein empirisches Vorgehen als ethnografisch. Er wendet einen Mix aus qualitativen und quantitativen Methoden an.

Eine Fokusgruppe aus ExpertInnen begleitet das Projekt und berät in vier Sitzungen zu fünf Themen: Rolle der Dolmetscher, Ausbildung, Auswahl der Einrichtungen und Art der Datenerhebung, Methoden und schließlich Diskussion der ersten Auswertungsergebnisse.

In ausgewählten Einrichtungen (Altenheime, Tagesstätten, Krankenhaus) beobachtet der Autor teilnehmend die Kommunikation im Alltag. Dabei stellt er fest, dass vor allem diejenigen Älteren als „Italiener“ gelten, die nicht niederländisch sprechen. Sie haben im Alltag kaum Kontakt mit flämischen SeniorInnen in den Einrichtungen. Die Sprachprobleme werden offiziell kaum beachtet, allerdings besteht Interesse an Personal, das italienisch sprechen und ad hoc übersetzen kann. In dem Krankenhaus gibt es fest angestellte Sprachmittler, die dort nicht nur bei Arztgesprächen dolmetschen, sondern auch das Bindeglied zu den Familienangehörigen bilden. Ihre Berichte über Interaktionen sind Bestandteil der Krankenakte, und sie sind für die interkulturelle Information der MitarbeiterInnen zuständig.

Mittels eines Fragebogens (im Anhang dokumentiert) untersucht der Autor schließlich die Vor- und Nachteile angestellter Sprachmittler gegenüber muttersprachlichem, ad hoc übersetzendem Personal. Rund 500 Fragebögen wurden an MitarbeiterInnen und Freiwillige in den o. g. Einrichtungen verteilt, 232 kamen (teilweise) ausgefüllt zurück. Die Ergebnisse zeigen, dass im Alltag vor allem das Pflegepersonal mit den alten ItalienerInnen zu tun hat und die kommunikativen Anforderungen bei diesen Interaktionen mit einfacher Sprache und Gesten bewältigt. Sprachmittler werden erst bei schwierigeren Themen hinzugezogen. Unter den Angehörigen werden meist die Kinder der SeniorInnen gefragt, dann EhegattInnen, andere Verwandte oder andere BewohnerInnen. Vom Personal werden muttersprachliche MitarbeiterInnen und Freiwillige genutzt. Als besonders wichtig wird angesehen, dass der Sprachmittler eine aktive Rolle einnimmt, eine persönliche Beziehung aufbaut und Erfahrung hat. Telefondolmetscher oder externe Sprachmittler werden schlecht bewertet.

In seinen Schlussbemerkungen stellt der Autor verschiedene Pläne und Maßnahmen der Seniorenpolitik in Flamen vor, die u. a. wichtige Rechte der Älteren herausstellen. Er kritisiert, dass dort die speziellen Probleme der alten MigrantInnen und speziell der älteren ItalienerInnen nur ungenügend berücksichtigt werden. Noch einmal belegt er anhand von Studien, wie sehr qualifizierte Sprachmittlung zu einer besseren Gesundheitsversorgung beitragen kann. Abschließend macht er einige konkrete Vorschläge: Zweisprachige Beschilderung, stärkere Beachtung der Sitten und Gebräuche der italienischen BewohnerInnen der Einrichtungen, (Sprach-) Weiterbildungen für das Personal, bessere Ausbildung und mehr Öffentlichkeitsarbeit zu Sprachmittlung und schließlich die Institutionalisierung professioneller Sprachmittlung in allen Einrichtungen, in denen ausländische Ältere betreut werden.

Diskussion

Die im ersten Teil sorgfältig dargestellte Geschichte der italienischen Migration nach Limburg bildet den Hintergrund für das Folgende, auch wenn der Autor später nur wenige Bezüge dazu herstellt. Dies hätte beispielsweise im Kontext der Erörterung von Machtfragen und sozialer Stellung Überlegungen darüber ermöglicht, weshalb die Interessen der alten ItalienerInnen so oft übergangen werden. Im umfangreichen theoretisch-methodologischen Teil werden insgesamt sehr viele Einflüsse und Positionen dargestellt, so dass nicht immer leicht nachzuvollziehen ist, welchen Beitrag sie zur Beantwortung der Fragestellung liefern. Die Empirie belegt eindrucksvoll die Kompetenzen und Alltagsstrategien, mit denen Betroffene, MitarbeiterInnen und Freiwillige die Sprachbarrieren überwinden. Zur Beantwortung der selbst gesetzten Fragestellungen trägt sie jedoch nur am Rande bei.

Fazit

Das Buch liefert eine Fülle von Informationen und basiert auf einer breiten Recherche. Für an der Geschichte der Migration Interessierte bietet der erste Teil einen detailreichen Überblick über die italienische Migration nach Flandern. LeserInnen aus dem Bereich Altenhilfe und Soziale Arbeit, die genauer reflektieren möchten, wie sich Kommunikationen mit Sprachmittlung theoretisch fassen lassen, werden im theoretischen Teil wertvolle Hinweise finden. Dort finden sich auch Belege für die qualitative Überlegenheit qualifizierter Sprachmittlung. Die empirische Untersuchung liefert nur allererste Antworten auf die umfangreichen Forschungsfragen. Die Ergebnisse dürften für PraktikerInnen wenig überraschend sein.


Rezensentin
Prof. Dr. Josefine Heusinger
Krankenschwester, Diplom Soziologin, Professorin für Grundlagen und Handlungstheorien Sozialer Arbeit an der Hochschule Magdeburg-Stendal, Vorstandsmitglied im Institut für Gerontologische Forschung e. V., Berlin
Homepage www.igfberlin.de
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Zitiervorschlag
Josefine Heusinger. Rezension vom 19.02.2015 zu: Giovanni Bevilacqua: Die Sprach- und Kulturmittlung in Altenbetreuungseinrichtungen. Eine empirische Forschungsarbeit. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2014. ISBN 978-3-631-65018-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17536.php, Datum des Zugriffs 19.09.2017.


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