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Petra Gromann, Silvia Krumm (Hrsg.): Kooperation. Anspruch und Wirklichkeit

Cover Petra Gromann, Silvia Krumm (Hrsg.): Kooperation. Anspruch und Wirklichkeit. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2014. 175 Seiten. ISBN 978-3-88414-596-8. D: 29,95 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Thema

Immer wieder steht die Frage der Kooperation im Mittelpunkt gemeindepsychiatrischer Diskussionen. Das ist beileibe kein Zufall. Sind doch sehr viele psychosoziale Einrichtungen und Dienste, sehr viele kommunale Fachbereiche (Jugend, Soziales, Gesundheit mit dem Sozialpsychiatrischen Dienst und der Koordinierungsstelle, Ordnung u. a.), Polizei, Gerichte, die verschiedenen Kostenträger, Politik, Einrichtungen für Kinder und Jugendliche und alte Menschen, Schulen, Arbeitsbehörden, Betreuungsstellen, Wohlfahrtsverbände, Sportvereine, Werkstätten und andere Arbeitsplätze und Beschäftigungseinrichtungen, freie und betreute Wohneinrichtungen, Tagesstätten, Psychosoziale Hilfsvereine, Klinikeinrichtungen (Klinik, Tagesklinik, Ambulanz),psychologische und ärztliche Praxen, therapeutische Dienste von der Ergotherapie bis zur Musik- und Kunsttherapie, Sucht- und andere Beratungsstellen, Selbsthilfeinitiativen, Selbsthilfegruppen und Selbsthilfekontaktstellen und nicht zuletzt die psychisch Erkrankten mit ihren Familien und Angehörigen sowie letztendlich alle Bürger an dem gemeindepsychiatrischen Leben beteiligt.

Natürlich ist diese Aufzählung nicht vollständig und keineswegs sind die Institutionen nach ihrer Bedeutung für die Versorgung psychisch Kranker gewichtet, schon gar nicht nach ihrer Bedeutung für die einzelnen Patientengruppen oder nach den unterschiedlichen Altersgruppen der Kinder, Jugendlichen, Erwachsenen und Älteren und Alten. Die Bedeutung der Kostenträger ist dabei unstrittig. Hausärzte und Psychiater, der Sozialpsychiatrische Dienst und die klinischen Einrichtungen und Dienste haben für die Behandlung und Betreuung sicherlich ein besonderes Gewicht. Zugleich sind das betreute und selbständige Wohnen und die Ermöglichung von Beschäftigungs-und Arbeitsmöglichkeiten sowie die Organisation und Förderung eines sozialen Lebens von ebenso zentraler Bedeutung. Aber es gilt: Noch die kleinste und unscheinbarste Initiative ist für die Gemeindepsychiatrie von Belang.

Aus der hier ansatzweise aufgezählten Vielzahl unterschiedlicher gemeindepsychiatrischer Einrichtungen und Dienste geht auch die große Zahl von Berufsgruppen hervor, die für die Gemeindepsychiatrie wichtig sind: Sozialarbeiter, Pflegekräfte, Betreuer, Psychologen, Ärzte, Ergotherapeuten, Sprachtherapeuten, Verwaltungsmitarbeiter, Juristen, Angehörige, Erzieher, Lehrer und viele andere Berufszweige. Sie alle bringen eine besondere Denk- und Sichtweise, eine ihnen eigentümliche Sprache mit individuellem Vokabular und spezifischen Fachausdrücken in die Gemeindepsychiatrie ein. Und nicht zu vergessen: der kranke Mensch selbst, der sich oft nicht so äußern kann, wie wir es erwarten und wie wir es sofort verstünden. Alle diese Weisen des Verstehens und Sprechens müssen, wenn man so sagen will, übersetzt und aufeinander abgestimmt und zu einem einheitlichen Gesamtverständnis geführt werden, um Gemeindepsychiatrie leben zu können.

Hinzu kommt das spezifische Gewicht, das die einzelnen Einrichtungen und Dienste in das gemeindepsychiatrische Netz einbringen. Große Einrichtungen mit viel Personal und vielen Patienten können ihren Einfluss auf die Gemeindepsychiatrie besser geltend machen als die kleineren. Ob das im Einzelfall im wohlverstandenen Eigeninteresse immer gut ist, sei dahingestellt und muss hier nicht diskutiert werden.

Das gemeindepsychiatrische Versorgungsnetz ist fein, manchmal auch grob gesponnen, es hat überaus viele Knotenpunkte auf seinen verschiedenen Ebenen und ist vorsichtig handzuhaben. Leicht können die Verbindungen gekappt und zerstört werden, wenn sie allzu sehr strapaziert werden. Feinfühlige Koordination ist angesagt, und zwar immer wieder und jeden Tag neu. Das vorliegende Buch behandelt Fragen der Koordination und prüft deren Anspruch und deren Wirklichkeit in ausgewählten Feldern.

Herausgeber

Petra Gromann ist Diplom-Soziologin und Professorin für Rehabilitation an der Hochschule Fulda. Sie ist Studiengangsleiterin für den B.A. Soziale Arbeit online und den M. A. Soziale Arbeit Gemeindepsychiatrie.

Silvia Krumm ist Soziologin und forscht an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie II der Universität Ulm am Bezirkskrankenhaus Günzburg zu sozialpsychiatrischen Themenstellungen.

Aufbau und Inhalt

Als Editorial gibt Silvia Krumm unter dem Titel „Kooperation als Kernelement der gemeindepsychiatrischen Arbeit“ eine kleine Einführung in die Thematik.

Es folgt eine „Einführung in die Beiträge des Sammelbandes“, die von Silvia Krumm und Petra Gromann gemeinsam vorgelegt wird.

Kathrin Graupe-Rudolph und Jessica Schönrock setzten sich mit den „Kooperationsstrukturen zwischen Jugendhilfe und Erwachsenenpsychiatrie-am Beispiel von Müttern in seelischen Krisen“ auseinander. Ein Ergebnis der Untersuchung besteht u. a. darin, dass es zwischen den professionellen Helfern auf der einen und den Müttern auf der anderen Seite doch erhebliche Divergenzen in der Einschätzung der Zusammenarbeit in der Krise gibt. Für die mitbetroffenen Kinder bleiben die Angehörigen die wichtigsten Bezugspersonen- auch das ist eine bemerkenswerte Feststellung.

René Manthey untersucht „Anspruch und Wirklichkeit der Gewährung von Eingliederungshilfen für seelisch behinderte Jugendliche“ und kommt dabei u. a. zu dem Resultat, dass der berechtigte Anspruch auf Eingliederungshilfe für viele Kinder, die im Rahmen der Erziehungshilfe betreut werden, nicht eingelöst wird. Die Zuweisung zu einer dieser Versorgungsgruppen erfolgt ohne erkennbare personenbezogene Gründe und kann somit als Ergebnis von gelingender oder misslingender Kooperation der beteiligten Professionen gewertet werden.

Sabine Sperber stellt in ihrem Beitrag „Die Rolle der Klinikmitarbeiter in der Hilfeplankonferenz“ in den Mittelpunkt. Folgende Fragen werden mit der Hilfe leitfadengestützter Interviews untersucht:

  • Welche Rollen haben Klinikmitarbeitende in Hilfeplankonferenzen?
  • Welche Rollen werden ihnen zugeschrieben und welche Rollenvorstellungen haben sie selbst?
  • Welche Haltung und Einstellung haben sie gegenüber der Hilfeplankonferenz?
  • Gibt es strukturelle Einflüsse, die sich auf das Rollenverständnis auswirken?

Die Ergebnisse aus den Interviews werden ausführlich vorgestellt und interpretiert.

Judith Ommert und Lisa Ritz fragen nach den „Qualitätskriterien für Hilfeplankonferenzen aus Sicht der Betroffenen“. Obwohl die Teilnahme von Betroffenen an der Hilfeplankonferenz für die Entwicklung eines transparenten, an den subjektiven Bedürfnissen ausgerichteten Hilfe- und Teilhabeplans von großer Bedeutung ist, nimmt doch nur ein kleiner Teil der Betroffenen an den Konferenzen teil. Aus den Interviews mit Betroffenen wird das Modell einer attraktiven Hilfeplankonferenz entworfen und vorgestellt.

Klaus Budinger, Britta Hinz, Momo Sabel und Ariane Sylupp greifen das Thema der „Kooperation mit gesetzlichen Betreuerinnen und Betreuern in der Gemeindepsychiatrie“ auf. Unklare vor allem durch mangelhafte Kommunikation verursachte Aufgabenverteilungen sind nur eine der Ursachen von Konflikten zwischen den gesetzlichen Betreuern und den in der Gemeindepsychiatrie Tätigen. Wenn allerdings davon gesprochen wird, dass die Betreuer ein „gefühltes fehlendes Engagement“ für ihre Aufgaben haben, haben, dann gibt es doch erheblichen Koordinationsbedarf.

In einem etwas längeren 50seitigen Beitrag beschreibt Klaus-D. Liedke „Möglichkeiten einer integrierten Versorgung in der Psychiatrie“. Bei der integrierten Versorgung handelt es sich um eine besondere Leistungsform der gesetzlichen Krankenversicherung, die es ihnen erlaubt, Verträge über eine verschiedene Leistungssektoren übergreifende Versorgung oder eine interdisziplinär fachübergreifende Versorgung für ihre Versicherten zu schließen. Als Beispiele für eine integrierte Versorgung werden das „NetzWerk psychische Gesundheit“ (NWpG) und die VERSA Rhein-Main GmbH vorgestellt. In der integrierten Versorgung sieht der Autor eine gute Chance, im Bereich der Krankenversicherung die konventionellen Einzelleistungen zu überwinden. Die Organisation der Zusammenarbeit und die Entwicklung eines gemeinsamen Behandlungs- und Betreuungsplans bleiben auch hier bisher unbewältigte Herausforderungen.

Im letzten von Petra Gromann verfassten Beitrag geht es um „Wirkungsorientierte regionale Kooperation in der Eingliederungshilfe- Forschungsaufgaben“. An Hand von Kennziffern könnte zum Beispiel die Beteiligung von Klienten an den Hilfe- und Teilhabeprozessen gesteuert werden; allerdings sollten die einfach zu ermittelnden Beteiligungsziffern um Daten angereichert werden, die sich auf objektive und subjektive sowie auf gesellschaftliche Erfolgsfaktoren beziehen, damit eine aussagekräftige Wirkungsauswertung erfolgen kann (Capability-Ansatz).

Diskussion und Fazit

Der Band beschäftigt sich mit für die Gemeindepsychiatrie relevanten Kooperationsaufgaben: Jugendhilfe und Psychiatrie, Praxis der Eingliederungshilfe, Hilfeplankonferenz (Einflussgrößen und Betroffene), Betreuer in der Psychiatrie. Diese Fragen sind nicht neu, sie werden seit langem diskutiert. Doch Gemeindepsychiatrie heißt auch, sich immer wieder unter neuen Bedingungen mit alten, aber nicht veralteten Fragen auseinanderzusetzen. Auch die integrierte Versorgung ist ein „alter Hut“ in der psychiatrischen Diskussion, bleibt jedoch, wie man sieht, auf der Tagesordnung.

Wenn auch manche in diesem Buch vorgestellte Untersuchung vielleicht zu kurz greift, so ist doch überall die Praxisnähe spürbar und das Bemühen, den Anspruch der Koordination mit der Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen. Kein Fehler wäre es, diese Schrift zur Gemeindepsychiatrie zu studieren.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 22.12.2014 zu: Petra Gromann, Silvia Krumm (Hrsg.): Kooperation. Anspruch und Wirklichkeit. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2014. ISBN 978-3-88414-596-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17542.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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