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Erich Marks, Andreas Beelmann u.a. (Hrsg.): Mehr Prävention - weniger Opfer

Cover Erich Marks, Andreas Beelmann, Wiebke Steffen (Hrsg.): Mehr Prävention - weniger Opfer. Forum Verlag Godesberg GmbH (Mönchengladbach) 2014. 468 Seiten. ISBN 978-3-942865-27-2. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Der Sammelband dokumentiert ausgewählte Vorträge des 18. Deutschen Präventionstages 2013 zum Schwerpunktthema „Mehr Prävention – weniger Opfer“ und das aus diesem Anlass verfasste wissenschaftliche Gutachten zum Schwerpunktthema, gibt einen Überblick über den gesamten, thematisch weit gefassten Kongress, sowie die ausführliche Kongressevaluation. Die Dokumentation der Präventionstage in Buchform gibt einen verlässlichen Überblick zur aktuellen Präventionspraxis, innovativen Projekten und Ansätzen und zum wissenschaftlichen state of the art. Die Printausgabe der Dokumentation wird durch zusätzliche Materialien ergänzt, welche auf der Internetseite des Kongresses (www.praeventionstag.de) zur Verfügung gestellt werden.

Herausgeber und AutorInnen

Erich Marks, Pädagoge und Psychologe ist Geschäftsführer des Deutschen Präventionstages (DPT). Als Träger veranstaltet der DPT den größten europäischen Kongress für das Arbeitsgebiet der Kriminalprävention und angrenzender Präventionsbereiche. Wiebke Steffen, Soziologin, Politikwissenschaftlerin und Historikerin arbeitete bis zu ihrer Pensionierung beim Bayerischen Landeskriminalamt, daneben langjährig als wissenschaftliche Beraterin und Programmbeirat für den DPT. Die Einzelbeiträge wurden von ReferentInnen des Präventionstages verfasst – VertreterInnen aus Forschung und Praxis im Feld der Kriminalprävention.

Aufbau

Der Tagungsband ist in zwei Abschnitte gegliedert, in denen der 18. Deutsche Präventionstag im Überblick vorgestellt wird bzw. ausgewählte Praxisprojekte und Forschungsberichte enthalten sind.

Der Deutsche Präventionstag 2013 im Überblick

Der Eröffnungstext dokumentiert die „Bielefelder Erklärung des 18. Deutschen Präventionstages“ unter der Überschrift „Mehr Prävention – weniger Opfer“. Die vom DPT und seinen Veranstaltungspartnern verfasste Erklärung bezieht sich auf die in den letzten Jahrzehnten geleisteten Beiträge zur Beachtung und Versorgung von Straftatsopfern, benennt den zu geringen Stand gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse in den Bereichen Opferarbeit und Opferschutz, fordert eine gründliche Evaluation der bestehenden Opferschutzgesetze und -maßnahmen und weist darauf hin, dass Hilfs- und Unterstützungsmaßnahmen für Opfer nicht nur aus dem Bereich der Strafrechtspflege kommen dürfen. Die Bielefelder Erklärung endet mit einem Hinweis darauf, dass Präventionsmaßnahmen den besten Opferschutz darstellen, indem Straftaten verhütet werden.

Der folgende Beitrag gibt eine zusammenfassende Darstellung des 18. Deutschen Präventionstages, dessen Leitbild (Darstellung der aktuellen Präventionspraxis, deren Evaluation, Internationalisierung, Beratung für Praxis, Politik, Verwaltung und Wissenschaften), die Veranstaltungspartner, die einzelnen Plenumsveranstaltungen, Vorträge, Projektvorstellungen, weitere Tagungsbeiträge und -aktionen, sowie eine Statistik zur Besucherentwicklung der Deutschen Präventionstage seit 1999.

Der dritte Beitrag dokumentiert die Eröffnungsrede des Geschäftsführers des Deutschen Präventionstages, Erich Marks, zur 2013 durchgeführten Veranstaltung. Neben den dort platzierten Grußadressen verweist der Text u. a. auf das Schwerpunktthema „Mehr Prävention – weniger Opfer“, dessen thematische Breite durch Benennung der dazugehörigen Kongressbeiträge umrissen wird, die Arbeit des DPT-Instituts für angewandte Präventionsforschung (wissenschaftlich-empirische Erforschung von Präventionsprojekten und -programmen), sowie weiterer Aktivitäten und Dienstleistungen des DPT (u. a. den täglichen Präventionsnewsletter).

Im Weiteren erfolgt die Dokumentation des wissenschaftlichen Gutachtens das für den 18. Deutschen Präventionstag erstellt wurde. Der von Wiebke Steffen verfasste Text erfasst unter dem Titel „Opferzuwendung in Gesellschaft, Wissenschaft, Strafrechtspflege und Prävention“ den aktuellen Stand, die bestehenden Probleme und mögliche Perspektiven. Steffen setzt sich zunächst mit der Situation und Position von Kriminalitätsopfern in der Gesellschaft und insbesondere im Bereich der Strafrechtspflege auseinander. Sie problematisiert, dass der Hauptbeitrag der Opferzuwendung nicht aus dem Feld der Strafrechtspflege kommen könne, sondern von anderen gesellschaftlichen Bereichen aus erfolgen müsse. Die Konstruktion des Opferstatus, die Diskussion um Opfermerkmale und -bedürfnisse, deren Anzeigeverhalten und schließlich die Besonderheiten der Tatfolgen für Tatopfer ließen bei einer auf den Straftäter fokussierenden Rechtspraxis kein ausreichendes und nachhaltiges Engagement für Opfer erwarten. Insbesondere der Bedarf an sozialer Unterstützung, Beratung und Information müsse durch andere gesellschaftliche Kräfte außerhalb der Strafrechtspflege erfolgen. Trotz dieser grundsätzlichen Zuweisung der Opferhilfen auf den außerjustiziellen Bereich bestehen allerdings gelungene Ansätze und Projekte der Opferzuwendung, etwa in der Polizeiarbeit, beim Opferschutz im Strafverfahren, bei der Verarbeitung von Deliktfolgen (etwa im Täter-Opfer-Ausgleich), welche im Überblick kurz vorgestellt werden. Generell bestehen jedoch, so Steffen, grundsätzliche Probleme, etwa die Gefahr der Reviktimisierung im Rahmen von Strafprozessen, welche eine externe Unterstützung unentbehrlich machten. Der Strafprozess als Folge von Straftaten fokussiere ausschließlich auf die Person des Täters, was dazu führe, dass die Opfer dieser Delikte leicht übersehen würden. Es bedürfe der gleichen Aufmerksamkeit für die Opfer und deren Situation um eine „parallele Gerechtigkeit“ herstellen zu können. Die Verarbeitung von Straftaten dürfe eben nicht in der Verurteilung der Täter enden, sondern umfasse auch immer die Berücksichtigung der speziellen Opfersituation. Als Perspektiven für die Kriminalprävention sieht Steffen Ansätze der Primärprävention (allgemein-sozialstrukturelle Maßnahmen zur Kriminalitätsverhinderung) und opferbezogene Präventionsmaßnahmen (Tatfolgenbearbeitung, Hilfe und Unterstützung, Information und Beratung).

In den weiteren Beiträgen finden sich die Grußworte des NRW-Innenministers Ralf Jäger, des Oberbürgermeisters der Stadt Bielefeld (wo der 18. Präventionstag stattfand), eines Vertreters des Bundeskriminalamts und die Evaluation der Veranstaltung mit zahlreichen Übersichtstabellen und Grafiken.

Praxisbeispiele und Forschungsberichte

Der zweite Abschnitt wird durch einen Grundsatzbeitrag des Leiters des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachen, Christian Pfeiffer eingeleitet. Er leitet aus der historischen Praxis des gesellschaftlichen Umgangs mit Straftätern und Opfern von Straftaten die Notwendigkeit einer Stärkung der Position der Opfer ab, welche kein angemessenes Forum für die Vertretung ihrer Belange hätten. Deren Situation bedürfe einer konsequenten kriminologischen Erforschung, um Maßnahmen der Opferhilfe auf empirischer begründeter Basis entwickeln und umsetzen zu können. Insbesondere für den Bereich des sexuellen Missbrauchs von Kindern in Institutionen und Familien bestehe weiterhin ein enormer Bedarf wissenschaftlicher Anstrengung, was unter Verweis auf die jüngste Strafrechtsgeschichte expliziert wird. In fünfzehn weiteren Einzelbeiträgen werden dann ausgewählte Präventionsprojekte dokumentiert welche auf die Resilienzförderung bei Kindern zielen, die Bewältigung von Gewaltstraftaten und gewalttätigen Übergriffen gegenüber Polizisten thematisieren, Präventionsprojekte für ältere Menschen, oder niedrigschwellige Hilfeangebote durch Telefonhotlines beschreiben. In weiteren Beiträgen werden Hinweise zur außergerichtlichen Schlichtung als opferstützendes Instrument, ein Gruppenprogramm für jugendliche Mobbingopfer, Ansätze zur Internationalisierung der Opferhilfe(bewegung) und zu Möglichkeiten der Stärkung der Opferperspektive im Strafvollzug gegeben. Im letzten Abschnitt wird schließlich ein Modell zur Überprüfung von Interventionsmaßnahmen in der Präventionspraxis vorgestellt.

Zielgruppe

Der Tagungsband richtet sich (neben der Dokumentation für die TagungsteilnehmerInnen) an Fachkräfte die im Bereich der Kriminalprävention tätig sind, bzw. an Interessierte, in deren Arbeitsfeldern Ansätze der Primär-, bzw. Sekundärprävention umgesetzt werden können.

Diskussion

Der Tagungsband belegt wie umfassend, thematisch breit gefächert und mittlerweile gut evaluiert die Kriminalpräventionspraxis in Deutschland aufgestellt ist. Die (wissenschaftliche) Forderung nach einem Ausbau der Kriminalprävention als wesentlichen Beitrag zur Kriminalpolitik (vgl. dazu Irvin Waller: Mehr Recht und Ordnung! Oder doch lieber weniger Kriminalität? www.socialnet.de/rezensionen/13733.php) wird durch beeindruckende Ansätze und Projekte im Bereich der Kriminalprävention beantwortet. Die jährliche Fachveranstaltung und deren Dokumentation als Kongressbericht belegt, welche beeindruckenden Maßnahmen dabei umgesetzt und zum Teil wissenschaftlich evaluiert werden. Den Veranstaltern ist dabei an einer Verknüpfung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und praktischer Umsetzung gelegen. Die im Tagungsband präsentierten Projekte sind als best-practice-Modell zu verstehen, deren Umsetzung als bewährt gilt. Damit dokumentiert die jährliche Fachveranstaltung und deren Verschriftlichung die Möglichkeiten kriminalpräventiver Arbeit, deren wissenschaftliche Absicherung und ermöglicht in der Praxis eine umfassende Orientierung. Den Gepflogenheiten von Tagungsdokumentationen folgend finden sich auch in diesem Band einige Texte und Grußworte, die für die Leserschaft wenig Erkenntnisgewinn erbringen, etwa bei Grußworten der politischen Würdenträger oder bei Evaluationsergebnissen mit Hinweisen zur Zufriedenheit der Tagungsteilnehmenden mit dem Kongresskatalog oder dem Tagungscatering. Vielleicht ließe sich die Dokumentation bei künftigen Tagungsbänden stattdessen auf weitere Präventionsprojekte oder Evaluationsansätze ausweiten.

Fazit

Ein aktueller Überblick zu Ansätzen der Kriminalprävention in Deutschland. Die Verbindung wissenschaftlicher Expertise und praktischer Umsetzung als Grundgerüst des Präventionstages und des Tagungsbandes überzeugt. Von Interesse für Fachkräfte in Forschung und Praxis der Kriminalprävention.

Literatur

Waller, I. (2011). Mehr Recht und Ordnung! – oder doch lieber weniger Kriminalität? Mönchengladbach.


Rezensent
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 25.03.2015 zu: Erich Marks, Andreas Beelmann, Wiebke Steffen (Hrsg.): Mehr Prävention - weniger Opfer. Forum Verlag Godesberg GmbH (Mönchengladbach) 2014. ISBN 978-3-942865-27-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17545.php, Datum des Zugriffs 17.10.2017.


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