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Andreas Büscher, Lena Dorin: Pflegebedürftigkeit im Alter

Cover Andreas Büscher, Lena Dorin: Pflegebedürftigkeit im Alter. Walter de Gruyter (Berlin) 2014. 116 Seiten. ISBN 978-3-11-034293-2.
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Thema

Die vorliegende Publikation setzt sich mit der Pflegebedürftigkeit im Alter auseinander und richtet sich an alle Berufsgruppen, die in gesundheitsrelevanten Versorgungsbereichen mit älteren Menschen tätig sind. Anliegen sei es, die wesentlichen Fakten zum genannten Thema zusammenzutragen und aufzubereiten.

Autor und Autorin

Dr. Andreas Büscher, Professor an der Hochschule Osnabrück, Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und Lena Dorin, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der gleichen Hochschule, haben das Buch verfasst.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist in fünf Kapitel mit Unterkapiteln in unterschiedlicher Länge gegliedert.

Kapitel eins ist der „Pflegebedürftigkeit im Alter als Herausforderung für die Gesellschaft und die Gesundheitsberufe“ gewidmet. Im Gegensatz zur Krankheit, bei der es Hoffnung auf Genesung gäbe, gehe die Pflegebedürftigkeit mit einer dauerhaften, nicht wieder heilbaren Beeinträchtigung einher. Pflegebedürftigkeit korreliere stark mit dem Lebensalter, denn zwischen dem 70. und 90. Lebensjahr vollziehe sich eine annähernde Verdopplung der Pflegequote. Als die Pflegeversicherung 1995 als fünfte Säule des deutschen Sozialversicherungssystems eingeführt wurde, gab es kaum internationale Vorbilder. Dennoch sei sie ein „Teilkasko – System“, indem sie nur einen Teil und nicht die Gesamtheit der mit der Pflege einhergehenden Belastungen abdecke (S. 6). Es gäbe zukünftig zwei wesentliche Herausforderungen an die Pflegeversicherung: Erstens die Einführung eines neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffes, der das Risiko absichere, was er abzusichern vorgebe und zweitens müsse die Pflegeversicherung zukunftsfest gestaltet werden (Gewinnung von Pflegekräften etc.).

„Krankheit, Funktionseinschränkung, Pflegebedürftigkeit – Definitionen und Konsequenzen“ ist der Titel des zweiten Kapitels. Ausgangspunkt ist der Begriff der Pflegebedürftigkeit, der zwar mit Krankheit einhergehen könne, aber dennoch nicht mit einer medizinischen Diagnose zu erfassen sei. Es gehe um das Ausmaß der funktionellen Beeinträchtigungen und um die Reichweite der individuellen Abhängigkeit (S. 17). Als häufigste Funktionseinschränkungen gelte der Bereich der sensorischen (Hören und Sehen), der sensomotorischen (Gleichgewicht, Mobilität, Mobilität) und der kognitiven Fähigkeiten. Aufschlussreich sind die dann folgende Zusammenstellung der Langzeitpflegeregelungen in der EU und der Versuch, den Pflegebedürftigkeitsbegriff neu zu fassen. So sei Pflegebedürftigkeit der Grad der Beeinträchtigung der Selbständigkeit und der Abhängigkeit von personeller Hilfe in Lebensbereichen und Aktivitäten (S. 37 ff).

Die „Bedeutung von Pflegebedürftigkeit für alte Menschen und ihre Angehörigen“ ist Thema des dritten Kapitels. Zunächst wird die Immobilität als Folge altersphysiologischer Prozesse diskutiert und die damit einhergehende Ortsfixierung. Ebenso wird die Pflegebedürftigkeit hinsichtlich der zwischenmenschlichen Interaktion betrachtet. So sei der Umgang mit dem eigenen Körper schon immer eine höchst individuelle Angelegenheit, die zudem kulturell geprägt sei, gewesen, die mit der Attraktivität des Körpers und dem Zusammenhang von Körperbild und Identität verbunden sei (S. 51).

Die „Bewältigung von Pflegebedürftigkeit“ steht im Mittelpunkt der Betrachtungen von Kapitel vier. Es wird herausgearbeitet, dass es vor allem Verhaltensprobleme erkrankter Familienmitglieder seien, die zu einem schlechteren Gesundheitszustand pflegender Angehöriger führten. Sie hätten größeren Einfluss als die Intensität der zu leistenden Pflege. Es zeige sich, dass die enge Orientierung der formellen Dienste (ambulante Pflegedienste) am Begriff der Pflegebedürftigkeit für viele Inanspruchnahmen nicht ausreichend sei. Das betrifft in erster Linie Menschen mit dementiellen oder anderen psychischen Erkrankungen.

Das letzte und damit fünfte Kapitel beschäftigt sich mit dem Thema „Wann und warum werden Unterstützungsleistungen in Anspruch genommen?“ Zunächst wird zur Erläuterung genereller Einflussfaktoren das Rahmenkonzept von Andersen vorgestellt, das sich durch die Lebenswelt, durch soziodemografische Faktoren und die individuelle Gesundheit in der Inanspruchnahme definiert (S. 94). Abschließend wird auf die zukünftige Rolle von professionellen Unterstützungsangeboten verwiesen.

Fazit

Diese Publikation lohnt sich zu lesen und sie richtet sich zu Recht an alle Berufsgruppen, die in gesundheitsrelevanten Versorgungsbereichen mit älteren Menschen tätig sind. Der Text ist sehr leicht verständlich und erreicht auch jene, die akademisch nicht unbedingt erfahren sind. Vor jedem Kapitel wird geklärt, welches Anliegen mit dem folgenden Text verfolgt wird und welche Ausführungen bislang erörtert worden sind. Die Betrachtungen sind sehr facettenreich und beleuchten viele Details mit neuen Inhalten. Dennoch erscheint mir die Gliederung der Kapitel nicht ganz plausibel zu sein, denn es wäre angebrachter gewesen, das letzte Kapitel für die Ausführungen des neu zu fassenden Pflegebedürftigkeitsbegriffes zu nutzen.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 22.01.2015 zu: Andreas Büscher, Lena Dorin: Pflegebedürftigkeit im Alter. Walter de Gruyter (Berlin) 2014. ISBN 978-3-11-034293-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17546.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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