Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Manfred Gerspach: Generation ADHS - den "Zappelphilipp" verstehen

Rezensiert von Dr. Johannes Streif, 20.01.2015

Cover Manfred Gerspach: Generation ADHS - den "Zappelphilipp" verstehen ISBN 978-3-17-023949-4

Manfred Gerspach: Generation ADHS - den "Zappelphilipp" verstehen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2014. 213 Seiten. ISBN 978-3-17-023949-4. 26,99 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema

Das Buch versucht eine Synthese aus dem zum Zeitpunkt der Abfassung aktuellen Wissensstand zur ADHS einerseits und einer psychoanalytisch-gesellschaftspolitischen Begründung von Störung und Störungsbegriff andererseits.

Autor

Professor Dr. Manfred Gerspach lehrte bis 2014 an der Hochschule Darmstadt im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit. Die ADHS war einer seiner Forschungsschwerpunkte als Pädagoge. Darüber hinaus zeichnet er für bis dato 23 Rezensionen auf socialnet verantwortlich; unter den besprochenen Publikationen sind mehrere, die im hier gegenständlichen Buch positive Erwähnung finden, darunter „Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur“ von Christoph Türcke (2012) sowie „ADHS verstehen?“ von Valeska Olde (2010). Dies zu erwähnen scheint sinnvoll, da „Generation ADHS – den Zappelphilipp verstehen“ umfangreich Schriften zitiert, die eine dem Autor genehme Sicht auf die ADHS propagieren und ihrerseits auf den Autor verweisen.

Entstehungshintergrund

Prof. Dr. Manfred Gerspach gehört – zusammen mit seinem Kollegen Prof. Dr. Dieter Mattner und weiteren Fachpersonen aus dem Kreis der Pädagogik – zu den Autoren, die in der Folge der Medikamenten-Studie der Professoren Rothenberger, Moll und Hüther an Ratten, deren Ergebnisse ab 1999 veröffentlicht wurden, das Feld der ADHS für ihre Arbeit entdeckten. Die Monographie „Generation ADHS – den Zappelphilipp verstehen“ ist nach „Kinder mit gestörter Aufmerksamkeit: ADS als Herausforderung für Pädagogik und Therapie“ (Herausgeber gemeinsam mit Dieter Mattner und Hartmut Amft) von 2004 sowie zahlreichen Artikeln und Rezensionen quasi die Quintessenz der Erkenntnisse des inzwischen pensionierten Pädagogikprofessors zur ADHS. Das Buch verbindet dabei die Kritik am Störungsbild mit allgemeinen soziologischen und sozialpolitischen Ausführungen zur westlichen Kultur und Gesellschaft aus der Perspektive der Psychoanalyse und Bindungstheorie.

Aufbau

Das Buch besteht aus fünf Kapiteln, wobei das vierte „Was bleibt vom ADHS-Konzept?“ eine Zusammenfassung der Befunde der vorstehenden drei Kapitel ist. Kapitel 5 stellt eine umfangreiche Bibliographie vor, die jedoch überwiegend psychoanalytisch fundierte Schriften sowie zahlreiche populärwissenschaftliche Veröffentlichungen enthält, die aktuelle Forschungslage zur ADHS jedoch weitgehend ausblendet.

Unter der Überschrift „Mythos ADHS“ subsumiert Gerspach in Kapitel 1 seine Sichtweise „zum Stand der Betrachtung“, Überlegungen zur „Sozialgebundenheit von ADHS“, gesellschaftstheoretische Erwägungen zur einer „Zeitdiagnose“ der ADHS im Sinne ihres sozialen Produktcharakters, psychoanalytisch geprägte Mutmaßungen zu einer „Gegenbewegung gesellschaftlicher Verwerfungen und subjektiver Antworten“ sowie Warnungen vor der „Gefahr einer unzulässigen Problemverkürzung“ im Sinne einer Reduktion der ADHS auf ein neurophysiologisch bedingtes Störungsbild.

Kapitel 2 ist unter der Überschrift „Zum Verstehen des Phänomens ADHS“ in vier Unterkapitel gegliedert. „Über den Un-Sinn des Störungsbegriffs“ stellt die Diagnose der ADHS als Pathologie grundsätzlich infrage, um sodann „Psychodynamische Perspektiven“ eines Verständnisses der ADHS-Symptomatik zu eröffnen. Die weiteren Unterkapitel „ADHS und Beziehungserfahrung“ sowie „Der Nutzen einer sinnverstehenden Pädagogik“ bringt das ätiologische Verständnis des Autors von auffälligem Verhalten als einer bedeutungsvollen Manifestation sozialer Erfahrungen gegen den wissenschaftlichen Störungsbegriff der Psychologie und Medizin in Anschlag.

In Kapitel 3 „Offene Fragen – pädagogische Antworten“ resümiert Gerspach zunächst „Die Geschichte hinter der Geschichte vom Zappelphilipp“, bevor er für die Erziehung eine Sprache reklamiert, „die das Kind versteht“. Weitere Unterkapitel legen den „Zusammenhang von Fühlen und Denken und die Angst vorm Lernen“ dar, um schließlich Ideen, „wie wir zur Entlastung von Lehrer/innen, Schüler/innen und Eltern beitragen können“, zu entwerfen und den „Einblick in eine gelingende Praxis“ zu geben.

Inhalt

Das längere erste Unterkapitel „Zum Stand der Betrachtung“ nähert sich dem Thema ADHS unter dem übergeordneten Tenor des Kapitel 1 „Mythos ADHS“ mit einer weniger beschreibenden als vielmehr wertenden Abfolge von Aussagen zur Prävalenz des Störungsbildes, seiner (v.a. medikamentösen) Behandlung, der durch den Autor in Zweifel gezogenen neurobiologischen Grundlagen der ADHS sowie gesellschaftspolitischen Feststellungen zu ihrer Diagnose und Therapie. Manch Postulat ist dabei nicht belegt, Studien werden selektiv zitiert und die Anmerkungen zu den Diagnosemanualen ICD-10 und DSM-IV bzw. DSM-5 lassen eine Reflexion der wissenschaftlichen wie historischen Bedingungen einer operationalisierten Diagnostik vermissen. Daher ist der „Stand der Betrachtung“ tatsächlich der des Autors, nicht aber ein Abriss der Forschungslage zur ADHS.

Die im nächsten Unterkapitel „Die Sozialgebundenheit der ADHS“ ausgeführten Überlegungen zur Ätiologie der ADHS reklamieren bindungstheoretische, neuropsychologische und sozioökonomische Gründe für das Aufkommen und die Zunahme der ADHS-Diagnosen in unserer Zeit. Die Spekulationen berufen sich dabei u.a. auf die Ausführungen des Philosophie-Professors Christoph Türcke in seinem Werk „Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur“ von 2012, das eine Ansammlung fragwürdiger Annahmen zum Gehirn, zur Aufmerksamkeitssteuerung, zur Frühgeschichte der Menschheit sowie zur sozialen Transformationen zwischen Industrialisierung und Internetzeitalter enthält. Gerspach übernimmt die Thesen anderer Autoren zumeist unkritisch, so u.a. die Idee, „bis zum 17. Jahrhundert galt Aufmerksamkeit lediglich als spontanes sinnliches Erfassen, als ein fluktuierendes, interessengeleitetes Herumschweifen“ (S.30). Diese Annahme, die zur Grundlage der folgenden Unterkapitel „Zeitdiagnose“ und „Die Gegenbewegung gesellschaftlicher Verwerfungen und subjektiver Antworten“ wird, ist jedoch, wie ein kurzer Blick in die „Confessiones“ des Kirchenvaters Augustinus vom Ende des 4. Jahrhunderts zeigt, philosophiegeschichtlich schlicht falsch. Zugleich hat John Locke in „An Essay Concerning Humane Understanding“ (1690) ungleich mehr, Aufschlussreicheres und Grundlegenderes zur Aufmerksamkeit geschrieben als der von Gerspach angeführte René Descartes eine Generation zuvor.

Im letzten Unterkapitel des ersten Kapitels – „Über die Gefahr einer unzulässigen Problemverkürzung“ – schreibt Gerspach gegen die „biologische Psychiatrie mit ihrem Alleinvertretungsanspruch“ (S.29) und eine „leiborientierte Neurowissenschaft“ (S.35) an, die er zuvor als Gegner der aus seiner Sicht einzig sinnvollen Perspektive auf die ADHS ausmacht. Dabei stoße man „unweigerlich auf den unmittelbaren Zusammenhang früher affektiver Erfahrungen mit den sich zunehmend ausprägenden Verhaltensauffälligkeiten“, würde nur „die Fülle differenziert beschriebener Lebens- und Familiengeschichten von ADHS-Fällen“ angeschaut (S.54). Wieder werden Türcke und Hüther, aber auch Olde (s.o.) und andere zitiert, die manches zur ADHS schrieben, nicht jedoch Wissenschaftler aus dem Feld, auf dem Gerspach angreift, wie beispielsweise Erik Willcutt mit seiner Zusammenfassung zur „Etiology of ADHD: Behavioral and Molecular Genetic Approaches“ von 2006. Gegen die Nüchternheit von Willcutt in der Diskussion von Familien-, Adoptions- und Zwillingsstudien („In addition, the fact that the MZ concordance was less than 100% in all studies suggests that environmental influences also play a role in the etiology of ADHD” [Darüber hinaus legt der Umstand, dass die Konkordanz bei eineiigen Zwillingen in allen Studien weniger als 100% beträgt, nahe, dass Umwelteinflüsse in der Ätiologie der ADHS auch eine Rolle spielen.]) muten Gerspachs Ausführungen häufig apodiktisch und exklusiv an. Zugleich sind sie oft verkürzend und in Aussagen wie z.B. „nur etwa 15% aller angelegten genetischen Dispositionen kommen tatsächlich zur Ausprägung“ (S.57) nicht selten unsinnig, da sie insbesondere den komplexen Zusammenhang von Genotyp und Phänotyp nicht begreifen und die Epigenetik nachgerade zu einem von der Genexpression losgelösten Moment der Prägung machen.

Kapitel 2 „Zum Verstehen des Phänomens ADHS“ setzt die Argumentation des Autors gegen die vermeintliche Ausblendung „gesellschaftlicher Krankheits- und Störungsmomente“ fort, welche die bei Gerspach stets ein wenig ominöse Gesellschaft betreibe, da „das Subjekt auf seine (zu therapierende) Körperlichkeit hin funktionalisiert werden soll“ (S.68). Es „wächst die Neigung, nicht funktionierende Kinder und Jugendliche als gestört und therapiebedürftig zu bezeichnen“ (S.69) und ihre „oftmals fremd anmutende Wesenserscheinungen, deren Sinnbezüge zunächst nicht unmittelbar zugänglich sind und die Gefahr heraufbeschwören, sie aus eigener Verunsicherung heraus als pathologischen Un-Sinn abzutun“ (S.70). Gerspach unterlegt seine Argumentation mit konstruierten Fallbeispielen, die eine plakative psychodynamische Logik aufweisen, Temperament, Begabung, Aggression oder gar ein genuines Gefallen an Macht, Gewalt und Zerstörung bei Kindern jedoch vernachlässigen.

Im zweiten Unterkapitel über die „psychodynamischen Perspektiven“ auf die ADHS grenzt er diese wiederum gegen die „traditionellen organmedizinischen Menschenmodelle“ ab und skizziert in Anlehnung an die psychoanalytischen Störungskonzepte von Leuzinger-Bohleber, Ellesat und Staufenberg theoretische Subgruppen der ADHS, Faktoren ihrer Symptomatik sowie Elterntypen, deren Verhalten gleichermaßen Ursache des kindlichen Verhaltens wie Reaktion auf dieses zu sein scheinen. Das von Gerspach gebrauchte Vokabular einer „Matrixstörung“ (S.83), „nicht stattgehabten Symbolisierung“ (S.84) oder eines „Kernselbst“ (S.86) macht es schwer, einen konkreten Zusammenhang seiner mit der Bindungstheorie verschnittenen tiefenpsychologischen Thesen mit der konkreten Symptomatik der ADHS zu erkennen, zumal diese auch im folgenden Unterkapitel „ADHS und Beziehungserfahrung“ nur am Rande ein Gegenstand ist.

Das letzte Unterkapitel des 2. Kapitels, „Der Nutzen einer sinnverstehenden Pädagogik“ überschrieben, skizziert einen psychoanalytisch-systemischen Ansatz in der Erklärung und Behandlung der ADHS-Symptomatik. Wiewohl auch dieser Abschnitt aufgrund seiner mit den charakteristischen Phänomenen des Störungsbildes weitgehend unverbundenen Ausführungen über die kindliche Entwicklung wenig zum Verständnis der ADHS beiträgt, so ist er doch – jenseits eines weiteren plakativ konstruierten Fallbeispiels – ein greifbares Plädoyer dafür, die subjektive Logik kindlichen Verhaltens im sozialen Rahmen seines Auftretens zu analysieren, bevor es vorschnell mit pathologisierenden Attributen belegt wird. Die Gründe, welche von Gerspach für das Auftreten unaufmerksamen, hyperaktiven und impulsiven Verhaltens von Kindern angeführt werden (u.a. Trennungserfahrungen; Vernachlässigung; Missbrauch; unabgegrenzte, verstrickte Familienbeziehungen; kontrollierende, von Gleichgültigkeit geprägte, kritische und feindselige innerfamiliäre Interaktionen; vgl. S.109f.), werden allerdings weder dem Syndrom der ADHS noch der in zahllosen empirischen Studien beschriebenen Lebensrealität der betroffenen Kinder in ihren Familien gerecht, die statistisch nur marginal zur Aufklärung der Varianz der Symptomatik beitragen.

„Die Geschichte hinter der Geschichte vom Zappelphilipp“, das erste Unterkapitel des dritten Kapitels, versucht eine historische Verortung der Entstehung des Störungsbildes der ADHS anhand der Hoffmann´schen Geschichte vom Zappelphilipp. Gerspach stützt sich dabei auf den Artikel „Zappelphilipp und ADHS: Von der Unart zur Krankheit“ von Eduard Seidler, der 2004 im „Deutschen Ärzteblatt“ erschien. Seidler und in seiner Folge auch Gerspach weisen der Veränderung der Zeichnungen Hoffmanns zwischen dem ersten und zweiten Manuskript (1844 bzw. 1858) beziehungsweise den auf der jeweiligen Grundlage entstandenen Drucken ab 1845 bzw. 1859 eine bedeutungsvolle Verschiebung der Aussageabsicht des Autors zu, die das trotzige Kind mit dem „einstmals aufmüpfigen Blick“ (S.121) 14 Jahre später in den „Prototyp des hyperaktiven Kindes“ (S.122) „entschärft“ (S.127) habe, als das der vermeintlich grundlos zappelnde Philipp heute gelte. Leider haben sich weder Seidler noch Gerspach die Mühe gemacht, die Entstehungsgeschichte des erst ab der dritten Auflage „Struwwelpeter“ betitelten Buches genauer zu recherchieren. In diesem Fall wäre ihnen aufgefallen, dass Hoffmann seine Bilder im zweiten Manuskript an die Darstellungen der russischen Ausgabe des „Stepka-rastrepka“ von 1849 anglich, die er kannte und die ihm gefallen hatten, mit dieser Veränderung jedoch keinerlei Absicht verband, die Wirkung der Geschichte auf Leser und Betrachter abzuwandeln (vgl. Dolle-Weinkauf /Ewers, „Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter oder die Geburt des modernen Bilderbuchs für Kinder“ S.209-231 in „Heinrich Hoffmann – Peter Struwwel. Ein Frankfurter Leben 1809-1994“ des Historischen Museum Frankfurt von 2009).

Freilich hatte Hoffmann mit dem „Zappelphilipp“ kein Krankheitsbild darstellen wollen, wie Gerspach betont, sicherlich aber auch keinen „klassischen Vater-Sohn-Konflikt“ (S.122), wie er in Anlehnung an Seidler schreibt. Die selektive Wertung und schließlich auch Umwertung von Befunden und Bezügen durch den Autor, zudem unterlegt mit einem weiteren eigentümlichen Fallbeispiel, prägt auch das folgende Unterkapitel „Erziehung bedarf einer Sprache, die das Kind versteht“. Es ist einmal mehr durch allgemeine psychoanalytische Erwägungen gekennzeichnet, die über Seiten die ADHS nicht thematisieren, auffälligem Verhalten jedoch eine fundamentale Bedeutsamkeit zuschreiben: „Wenn wir uns dem Störer-Kind mit aller gebotenen Empathie zuwenden, werden wir sehen, dass hinter allem, was es tut, eine tiefere Bedeutung steckt, die ihm selbst aber verborgen ist.“ (S.135) Erziehung, wie Gerspach sie auch im folgenden Unterkapitel „Der Zusammenhang von Fühlen und Denken und die Angst vorm Lernen“ begreift, skizziert jedoch keine eigentliche Sprache des Kindes, sondern ein interpretatives Sprechen über das Kind, dem – nicht immer falsch, hingegen aus erwachsener Logik heraus – ein sozialer Daseins-Sinn unterlegt wird, der das kindliche Verhalten mit über seine Person hinausgehender Bedeutung auflädt.

Dennoch referiert der Autor im dritten sowie im vierten und fünften Unterkapitel des 3. Kapitels, „Wie wir zur Entlastung von Lehrer/innen, Schüler/innen und Eltern beitragen können“ sowie dem „Einblick in eine gelingende Praxis“ im Alltag durchaus brauchbare Überlegungen zu einer besseren Pädagogik in Schule und Familie, so u.a. das Gebot, auf eine bessere „Passung zwischen Lernangeboten und Lernvoraussetzungen“ sowie die „Sinnhaftigkeit des Lerngegenstandes“ zu achten (S.149). Allerdings sind seine Aussagen zum Lehren, Lernen und Wissen weitgehend frei von Hinweisen auf die aktuelle Lernforschung. Immer wieder bedient sich Gerspach Formulierungen wie „als gesichert kann gelten, dass Bildung und Erziehung keine erzeugbaren Produkte sind“ (S.154), „grundsätzlich lässt sich Wissen dahingehend unterscheiden, ob es eher instrumentell oder reflexiv ist“ (S.155) oder „dabei ist es zielführender, über die Reflexion der eigenen Gefühlsreaktionen die Bedeutung der einzelnen szenischen Abfolgen beim Kind zu erfassen und in einen Sinnzusammenhang zu bringen“ (S.157), mithin Feststellungen, denen es weitgehend an empirischer Fundierung gebricht und die oft gleichermaßen dem gesunden Menschenverstand wie den Erfahrungen des Lesers entgegenstehen. Dass der Autor schließlich einer „Romantisierung der individuellen Ressourcen der Kinder“ widerspricht und „das Leiden der Lehrer/innen anerkennen“ möchte (S.158), verträgt sich nur recht eingeschränkt mit dem Postulat im vorigen Kapitel, „gerade die Lehrer/innen sitzen nicht selten einer hohen (neurotischen) Selbstidealisierung auf“ (S.67). Nicht zuletzt die Rolle, die Gerspach den Eltern von ADHS-Kindern zuweist, bei deren „Schuldgefühlen, die mit der ADHS einhergehen, [es sich] um eine archaische, feindselige Form handelt“ (S.163), erscheint wenig an der familiären Realität von Familien mit betroffenen Kindern orientiert, sondern eher einem Demonstrationsmoment der ideographischen Fallanalyse verpflichtet.

Abschließend fasst Manfred Gerspach in Kapitel 4 unter der aus seiner Perspektive rhetorischen Frage „Was bleibt vom ADHS-Konstrukt übrig?“ nochmals zusammen, was er im einleitenden Unterkapitel des ersten Kapitels bereits als seine Wahrheit formulierte: dass die ADHS in den DSM-IV und ICD-10 unterschiedlich dargestellt werde, es keine Störungsspezifität gebe, eine ADHS-spezifische Aufmerksamkeitsstörung nicht gefunden wurde, es keine spezifischen Marker für die ADHS gebe, die Gen-Forschung bislang keine relevanten Erkenntnisse erbrachte, die Heredität unerheblich sei, die Wissenschaft nicht über ein störungsspezifisches Diagnostikum verfüge, die Wirkung der Medikation unverstanden und unzureichend erforscht sei, das Problemverhalten lediglich unterdrücke, die Persönlichkeit korrumpiere und eine psychische Abhängigkeit schaffe (vgl. S.181ff.). Belege für diese Conclusio, zumal solche, die sich mit der umfangreichen diesbezüglichen Forschung zur ADHS der letzten 20 Jahre auseinandersetzen, bleibt Gerspach in seiner Erörterung wie auch dem Fazit schuldig.

Diskussion

Bereits in der Wiedergabe des Inhalts der vorliegenden Rezension wurde auf die kritischen Aspekte der Ausführungen des Autors eingegangen, da ihre konsequente Abgrenzung von der Bewertung der Aussagen notwendigerweise zu einer Redundanz der Darlegungen geführt hätte, die zur Bezugnahme in diesem Abschnitt erneut hätten referiert werden müssen. Daher soll an dieser Stelle nurmehr auf die basalen Fragen an und Einwände gegen die „Generation ADHS – den Zappelphilipp verstehen“ eingegangen werden.

Die Grundprobleme des Werkes können an drei Punkten festgemacht werden. Erstens ignoriert Manfred Gerspach schlicht die weltweite Forschungslage zur ADHS, dem bestuntersuchten Störungsbild der Kindermedizin. Ende 2014 fand in Berlin auf Einladung des bundesweiten „Zentralen ADHS-Netzes“ sowie des Bundesgesundheitsministeriums eine Statuskonferenz zur ADHS statt, an der fast alle namhaften deutschsprachigen Wissenschaftler sowie Vertreter von Fachverbänden aus den Bereichen der Medizin, Psychologie, Pädagogik, Heilpädagogik und Psychotherapie teilnahmen. Eine für das Jahr 2015 geplante Veröffentlichung der im Rahmen der Statuskonferenz gehaltenen Vorträge wird das referierte aktuelle Wissen zur ADHS in einem Kompendium wiedergeben. Doch hätte auch eine vorangehende eigene Recherche des Autors diesem Zugang zu den umfangreichen Erkenntnissen nachgerade auf dem Feld der Psychiatrie, Neurologie und Neuropsychologie verschafft. Dabei sind die Autoren der zumeist aufwendigen, mit vielen Millionen durch die öffentliche Hand geförderten und in Fachzeitschriften ausführlich erörterten Studien in ihren Aussagen durchaus umsichtiger und bescheidener als der sie kritisierende Pädagogikprofessor. In diesem Sinne ist Willcutts Zusammenfassung von 2006 (s.o.) noch immer gültig:

„In summary, available data suggest that ADHD and virtually all other psychological traits and disorders are caused by the combination of many genetic and environmental risk factors, none of which is necessary or sufficient to cause the development of ADHD by itself. Moreover, it is likely that interactions among these risk factors may contribute to susceptibility to ADHD, and other variables may moderate the relation between risk factors and phenotypic manifestation.” [Zusammenfassend legen die vorliegenden Daten nahe, dass die ADHS wie auch praktisch alle anderen psychischen Wesenszüge und Störungen durch eine Kombination zahlreicher Risikofaktoren in den Genen und der Umwelt bedingt sind; keiner dieser Risikofaktoren ist alleine notwendig oder hinreichend, die Ausbildung einer ADHS zu begründen. Mehr noch ist es wahrscheinlich, dass die Interaktion zwischen den Risikofaktoren zur Anfälligkeit für die ADHS beiträgt und weitere Variablen auf die Verbindung zwischen Risikofaktoren und phänotypischer Manifestation einen moderierenden Einfluss nehmen.]

Zweitens ist die Sichtweise Manfred Gerspachs auf die ADHS vor allem anderen durch sein Bekenntnis zur psychoanalytischen Lehre bestimmt. „Generation ADHS“ wirkt über weite Strecken, als habe sein Autor ein Buch zur psychoanalytischen Pädagogik schreiben wollen, wie er dies bereits 2009 mit „Psychoanalytische Heilpädagogik: Ein systematischer Überblick“ tat, und benutze die ADHS nurmehr als Vehikel zum Transport seiner ideologischen Sicht auf die kindliche Entwicklung im neoliberalen Kapitalismus des 21. Jahrhunderts, der in Gerspachs Wahrnehmung in der omnipräsenten multimedialen Erregung nicht nur seinen Ausdruck findet, sondern durch diese herrscht. Dabei amalgiert der Autor – nicht originell, doch mit eigenem Akzent – die sozialistische Gesellschaftstheorie mit der Verhaltensgestörtenpädagogik zu einem psychosozialen Modell der Genese von Auffälligkeit. „Nach Peter Kastner gibt der Staat sukzessive sein Gewaltmonopol an die Märkte, insbesondere die Finanzmärkte ab, die ihrerseits kein Gewissenhaben. Da der Staat sie nicht zu regulieren wisse, gerate stattdessen das Fehlverhalten des Einzelnen ins Visier. Im Finanzbereich hat seiner Analyse nach die Beschleunigung als Epochenbegriff, Zeitdiagnose und als Strukturgesetz des Kapitals eine Größenordnung erreicht, die ihres Charakters als wahrnehmbare Realität verlustig ging.“ (S.43) Die ADHS und ihre Therapie insbesondere mittels Psychopharmaka sind vor diesem Hintergrund mehr als nur gesellschaftliche Symptome – sie sind ein Herrschaftsinstrument. Eine Antwort auf die Frage, wer hier wie und seit wann wen beherrscht, bleibt Manfred Gerspach in seiner Analyse der „Generation ADHS“ jedoch schuldig; den „Zappelphilipp verstehen“ lassen seine Ausführungen noch viel weniger.

Drittens fehlt den Darlegungen Gerspachs eine nachvollziehbare Verortung in der Geschichte. Die Anmerkungen zur „Geschichte hinter der Geschichte vom Zappelphilipp“ sind die Manifestation einer vorurteilsvollen Retrospektive auf die Historie der ADHS. Ihre Ideologie und demonstrative Selektivität offenbart sie nicht nur in der geschichtsklitternden Umwertung der Entstehung des „Zappelphilipps“, sondern v.a. im Verschweigen der „Wissenschaftsgeschichte der ADHS“ wie sie Rothenberger und Neumärker bereits 2005 unter Verweis auf zahlreiche Quellen, v.a. den Artikel „Über eine hyperkinetische Erkrankung im Kindesalter“ von Kramer und Pollnow aus dem Jahr 1932, veröffentlichten. Dagegen zitiert Gerspach ungeprüft den Unfug des Journalisten Jörg Blech, der 2012 im „Spiegel“ verbreitete, der amerikanische Psychiater Leon Eisenberg gelte als „Erfinder des psychiatrischen Krankheitsbildes ADHS“ und habe es auf dem Sterbebett selbst als „Paradebeispiel für eine fabrizierte Erkrankung“ bezeichnet (S.23). In diesem Punkt, wie auch in anderen, spielt Manfred Gerspach in derselben Liga wie Christoph Türcke, dessen „Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur“ (s.o.) ziemlich allem widerspricht, was die Geschichtswissenschaft über die Zivilisation des Menschen weiß. Ein unzureichendes Wissen, wann und wo die Auseinandersetzung mit Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeitsstörung, wann und wo psychologische Modelle und psychiatrische Konzepte ihren Ausgang nahmen, führt jedoch zwangsläufig zu falschen Schlussfolgerungen auch zur ADHS.

Fazit

„Generation ADHS – den Zappelphilipp verstehen“ von Manfred Gerspach ist kein Buch über die ADHS und kaum dazu geeignet, zu verstehen, warum die ADHS binnen der letzten dreißig Jahre, obschon bereits Anfang der 1930er Jahre umfassend und entsprechend der heutigen Terminologie beschrieben, zum meistdiagnostizierten Störungsbild der Kinder- und Jugendpsychiatrie, ja der Kindermedizin überhaupt wurde. Dennoch hat es als Lektüre seine Reize, da es als Werk selbst Ausdruck einer Generation ist – einer Generation von Pädagogen, Psychologen und Ärzten, die noch in einer Kultur der bisweilen fast mystisch-beschwörenden Abgrenzung der menschlichen Psyche von Körper und Kognition sozialisiert wurden, welche den vorurteilslosen Zugang zum Gehirn erschwert als jenem einzigen Organ, das seine Stofflichkeit zu überschreiten vermag, ohne sie aufgeben zu können.

So ist Gerspachs Buch auch weniger eine profunde Beschreibung der Lebensbedingungen zeitgenössischer Kindheit, die sich ohnehin jedem systematischen Begreifen entzieht, als vielmehr eine Zusammenfassung dessen, was wir, nachgerade auch im Kontext der ADHS, nicht verstanden haben: Warum ist die Selbststeuerungsfähigkeit eines kleineren Teils der Menschheit, aber auch der höheren Primaten, obgleich in vieler Hinsicht hochadaptiv, nicht hinreichend in der Lage, die Impulsivität (als Voraussetzung auch der willkürlichen Ausrichtung der Aufmerksamkeit und Bewegung) zum eigenen Vorteil zu kontrollieren? Warum ist Schule – auch die Schule, welche sich die Reformatoren von heute ausdenken – stets eine Schule für alle, die nicht anerkennt, dass wir Menschen uns vom Augenblick unseres Lebens an unterscheiden und (glücklicherweise) keine Erziehung, sei sie noch so streng und/oder liebevoll, diese Unterschiedlichkeit aufheben kann? Schließlich: Warum soll es eine Kränkung der Psyche sein, dass sie selbst, dass menschliches Denken und Verhalten auf neuronalen Strukturen beruht, die vielfach determiniert sind und doch in aller Prädisposition eine Freiheit bedingen, die uns alles wollen lässt, jedoch – wie Sartre es einst formulierte – dennoch auf die Grenzen trifft, die sie in ihrer Erkenntnis selbst schafft?! Am Ende wird auch „Generation ADHS – den Zappelphilipp verstehen“ von anderen Lesern anders gelesen werden, obwohl es das gleiche Buch ist, das auch der Rezensent gelesen hat.

Rezension von
Dr. Johannes Streif
Mailformular

Es gibt 10 Rezensionen von Johannes Streif.

Lesen Sie weitere Rezensionen zum gleichen Titel: Rezension 18001

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Johannes Streif. Rezension vom 20.01.2015 zu: Manfred Gerspach: Generation ADHS - den "Zappelphilipp" verstehen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-17-023949-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17553.php, Datum des Zugriffs 03.12.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht