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Rolf Bick: Ich singe den Ruhm der Gestalt

Cover Rolf Bick: Ich singe den Ruhm der Gestalt. Neue Gestaltarbeit. Basiswissen für Therapie, Beratung, Pädagogik und Seelsorge. EHP – Verlag Andreas Kohlhage (Bergisch Gladbach) 2011. 373 Seiten. ISBN 978-3-89797-066-3. 25,00 EUR, CH: 39,90 sFr.
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Thema

Rolf Bick legt hier ein Grundlagen- und Einführungswerk zur Gestaltarbeit vor, das insbesondere als Lehr- und Studienbuch sowie zur ersten thematischen Orientierung gedacht ist – bezogen auf ein breites Spektrum der Einsatzbereiche von Pädagogik und Beratung über Therapie bis hin zur Seelsorge. Dabei besteht ein Ziel darin, aus den „klassischen“ Ansätzen von „Gestalt“ heraus auch Perspektiven für entsprechende neue Sicht- und Arbeitsweisen zu eröffnen.

Autor

Der Autor, Jahrgang 1930, studierte evangelische Theologie und war zunächst als Pfarrer tätig. Später leitete er ein vom ihm selbst aufgebautes Studien- und Weiterbildungszentrum. Er promovierte über Ethik und Erwachsenenbildung. Anschließend lehrte er von 1978 bis 1995 als Professor für Praktische Theologie, Pastoralpsychologie und Erwachsenenbildung an der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt. Schwerpunkte seiner Arbeit waren und sind Gestaltberatung, Gestaltseelsorge und Gestaltpädagogik.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch bezeichnet der Autor selbst in seinem Vorwort als Resultat eines dreißigjährigen Weges; es dürfte eine Art Resümee seiner Arbeit darstellen. Insofern ist der Inhalt „gewachsen“ über diese lange Zeit. Rolf Bick hat hier zum einen die Thematik auf Veraltetes hin untersucht und versucht, dieses herauszunehmen – um zugleich neue wissenschaftliche Trends, insbesondere aus den hier bedeutsamen Bereichen Philosophie, Psychologie, Soziologie, Pädagogik und Theologie, mit einzuarbeiten. Zielpunkt ist für ihn eine zeitgemäße „neue“ Gestaltarbeit. Ihm ist es zugleich wichtig, sich mit seinem Buch nicht an Wissenschaftler zu richten, sondern primär an praktisch Tätige – und zu diesem Zweck ein verständliches und gut nachvollziehbares Buch zu schreiben, welches zugleich zum Weiterlesen einlädt.

Aufbau und Inhalt

Das mit 360 Seiten recht umfangreiche Buch ist, nach Vorwort und einem „Einstieg“, in fünf Hauptkapitel gegliedert:

In Kapitel I, „das Spezifische der Gestaltarbeit“, erfolgt eine eigenständig orientierte Verortung dieses Ansatzes – indem gleich zu Beginn eine systemtheoretische Grundlegung erörtert wird. Der Autor begründet dies mit seinem eigenen Werdegang, der ihn vom traditionellen Vorgehen, von den Arbeiten Fritz und Laura Perls auszugehen, abweichen lässt. Erst anschließend wird die „traditionelle“ Gestaltpsychologie als Grundlage des Gestaltansatzes für Therapie, Pädagogik und Theologie erörtert – um dann den Versuch zu unternehmen, eine „moderne Gestaltarbeit“ zu entwerfen.

Das breit angelegte II. Hauptkapitel verortet den Gestaltansatz „im modernen therapeutischen Umfeld“ – indem Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu vier namhaften anderen Therapieformen herausgearbeitet werden: zu Psychoanalyse, klientenzentrierter Gesprächspsychotherapie, Verhaltenstherapie sowie den systemischen Therapien. Zu jedem Kapitel werden abschließend Hinweise zum Nach- und Weiterlesen gegeben. Ganz knapp finden sonstige Therapieformen abschließend nur kurze Erwähnung.

Das wiederum etwa 100seitige III. Hauptkapitel präsentiert in lockerer Folge „Themen der Gestaltarbeit“ und stellt damit, im Hinblick auf ausgewählte Aspekte und Fokusse, den Ansatz differenziert vor. Es geht aus von einer Skizzierung wichtiger Aspekte von Beratungsgesprächen und Beratungssequenzen, thematisiert dann Wahrnehmungsaspekte des Beraters bzw. Therapeuten und das Suchen nach thematischen „Gestalten“, Widerstand und Abwehrformen sowie Prozesse in der Arbeit, den Bezug zwischen Lebensgeschichte und „Wahrheit“, die Berücksichtigung besonderer Probleme wie Schattenseiten, Trauer und Trost, Symbole und Rituale, meditative Aspekte und den Einsatz kreativer Medien, die Arbeit mit Träumen und Visionen, die therapeutische Beziehung sowie die Rolle von Feedback in der gestaltorientierten Arbeit.

In Kapitel IV wird Gestaltarbeit im Hinblick auf fünf Praxis- und Einsatzfelder diskutiert: die Heilkundliche Psychotherapie (einschließlich der Frage der Anerkennung über das Psychotherapeutengesetz), psychosoziale Beratung und Betreuung, kirchliche Seelsorge, Gestaltarbeit mit verwirrten und dementen Klienten sowie Gestaltpädagogik („Allgemeine Gestaltpädagogik“). Hier folgt auch ein erneuter Rückbezug auf die Systemtheorie, insbesondere im Verständnis von Niklas Luhmann, und eine Betrachtung der „Lerngruppe als System“.

Erst im abschließenden V. Hauptkapitel werden klassische Ansätze der Gestaltarbeit vorgestellt: der Beitrag von Fritz Perls, sehr knapp die „klassische“ Gestalttherapie mit Perls-Hefferline-Goodman, wiederum ausführlicher Martin Buber in seiner Relevanz für den Ansatz – sowie, erneut in knapper Auseinandersetzung, Hilarion Petzolds „Integrative Therapie“.

Das Buch endet mit einem ausführlichen „Summarium“. Dies führt nicht weiter, sondern bietet prägnante Zusammenfassungen sämtlicher Teilkapitel des Buches.

Diskussion

Rolf Bick bietet hier seine sehr eigene, grundlegende Auseinandersetzung mit dem Ansatz der Gestaltorientierten Beratung und Therapie. Sie ist geprägt von seinem persönlichen Werdegang und seinen Sichtweisen – hin zu seiner Perspektive „neuer“ Gestaltarbeit. Der Untertitel ist Programm: es geht um eine Zusammenstellung von „Basiswissen“. Dies erfolgt zugleich sehr eigenständig und setzt ganz spezifische Akzente, etwa mit der theologischen Orientierung oder auch mit der starken Berücksichtigung systemischer Sichtweisen.

Damit ist dies eine Einführung; es gibt andere, die wiederum andere Schwerpunkte setzen. Wenn dem Leser dies bewusst ist, kann er diese Einführung nutzen, und sie erweist sich als beeindruckend belesen, erfahren sowie grundsätzlich fundiert in Theorie und insbesondere in Praxis.

Als hervorragend ist das Kernkapitel III herauszuheben, in dem Gestaltarbeit, klar praxisorientiert, in einem aktuellen Anstrich und erheblicher Differenzierung betrachtet wird – eine große potenzielle Bereicherung für die Leserin und den Leser. Hier werden auch verschiedene Praxisbeispiele treffend und illustrierend eingebunden. Der Autor spannt einen breiten Bogen bedeutsamer Aspekte, Momente und Konzepte auf. Es finden sich auch bereichernde Ausflüge in Theologie, Geschichte und ganz persönliche Erfahrungen, immer wieder gut eingebunden in die Themenführung. Dieses Kapitel ist aus der eigenen Praxiserfahrung für die Praxis geschrieben.

Besonders hervorzuheben ist auch das hinter dem Buch stehende und im Buch durchgängig immer wieder deutlich werdende große Engagement. Hier wird der Titel des Buches beeindruckend umgesetzt – im Einsatz für den Gestaltansatz und seine konstruktive Weiterentwicklung sowie in der klaren Praxisbezogenheit auf die Realisierung von Gestaltarbeit in Therapie, Beratung, Pädagogik und Seelsorge.

Was die Theorie anbelangt, hätten manche Auseinandersetzungen noch breiter und tiefer erfolgen können. So ist etwa der Abgleich mit der Psychoanalyse recht stark an dem klassischen Verständnis Freuds orientiert – und wenig an den vielen Weiterentwicklungen, welche die Psychoanalyse über die Jahre erfahren hat. Auch die Auswahl der anderen Ansätze, mit denen die Auseinandersetzung erfolgt, hätte noch breiter aufgestellt werden können – so wäre etwa die stärkere und dezidiertere Diskussion neuerer lösungsorientierter Ansätze (die durchaus erwähnt werden) vermutlich gewinnbringend gewesen, da gerade hinsichtlich dieser in den vergangen zehn Jahren sehr populär gewordenen Arbeitskonzepte einiges an Gemeinsamem sowie Unterschiedlichem hätte erörtert werden können.

Im Hinblick auf die Wurzeln des Ansatzes wird Fritz Perls sehr in den Vordergrund gestellt. Die Auseinandersetzung erfolgt differenziert und klar, was Für und Wider anbelangt. Zum einen werden die Beiträge von Fritz Perls´ Frau Lore/Laura zwar dezidiert erwähnt und erkannt, sie hätten jedoch klarer gewürdigt werden können. Zum anderen hätte die Lücke zwischen den ganz alten, klassischen Anfängen bei Perls sowie Perls-Hefferline-Goodman und dem Heute (als „neue“ Gestaltarbeit) stärker gefüllt werden können, denn nach den 1960er und 1970er Jahren hat sich der Gestaltansatz in Therapie und Pädagogik ja erheblich ausdifferenziert. Dies wäre gerade für die Rahmung der Hauptkapitel I und V stärker wünschenswert gewesen. So findet sich Dreitzel nur mit einer Angabe im Literaturverzeichnis; nicht zu finden sind etwa Hartmann-Kottek oder Fuhr. Auch für den Bereich der Gestaltpädagogik vermisst der Leser Namen wie Burow, Bürmann, Dauber oder Heinel – Personen, welche diesen Ansatz seit den 1980er Jahren bis heute geprägt und weiterentwickelt haben. Des Weiteren bleibt im Buch, insbesondere im praxisbezogenen Kernkapitel III, das Verhältnis zwischen Therapie und Beratung etwas verwischt und hätte stärker differenziert werden können: Inwiefern ist Therapie immer auch Beratung – oder inwiefern ist Beratung etwas Anderes als Therapie?

Sehr explizit strebt der Autor eine einfache, verständliche und nachvollziehbare Sprache an. Dies gelingt, und an vielen Stellen wirken die Ausführungen dadurch klar und erfrischend. So erweist sich beispielsweise die Abgrenzung zu Petzolds „Integrativer Therapie“ als gleichsam knapp und prägnant als auch als amüsant und anregend. Auf der anderen Seite drohen wichtige Differenzierungen bisweilen auf der Strecke zu bleiben, und Konturen werden manchmal etwas verwischt.

Die durchgängigen Literaturhinweise zum Weiterlesen sind sehr hilfreich; teilweise bleiben sie allerdings zu knapp (Rogers), teilweise hätten sie aktualisiert werden müssen (Verhaltenstherapie, Systemische Ansätze).

Das abschließende „Summarium“ bietet eine sehr hilfreiche, klare und prägnante Zusammenfassung des Wesentlichen dieses reichhaltigen Buches.

Fazit

Rolf Bick legt mit diesem Buch eine reife Auseinandersetzung mit einem Ansatz für Therapie, Beratung, Pädagogik und Theologie vor, der ihn über Jahrzehnte – und den sicher auch er rückwirkend – geprägt hat. Der Text zeugt von langjähriger, sehr intensiver Auseinandersetzung in Lehre und Praxis. Insofern liegt her ein zugleich eigenständiges wie fundiertes Grundlagenwerk vor, das zur Einführung in das Konzept der Gestaltarbeit dienen kann und das zugleich, aus der Theorie heraus, dezidiert praxisorientiert ausgerichtet ist. Es bietet für die Praxis eine aspektreiche Orientierung und viele konkrete, ausgesprochen hilfreiche Hinweise. Aus einer wissenschaftlichen Perspektive wäre Verschiedenes an Vertiefung und noch weitergehender Aktualisierung denkbar und teilweise auch wünschenswert gewesen. – In jedem Fall kann das Buch allen empfohlen werden, die eine Einführung und Orientierung zur Gestaltarbeit suchen, gerade auch im Hinblick auf eigene praktische Arbeit mit diesem Ansatz – eine Grundlegung, die Rolf Bick hier in einem recht persönlichen und eigenen Zuschnitt vorlegt, der beeindruckt und mit der er auch der Diskussion um die Zukunft der Gestaltarbeit seinen Stempel aufzudrücken vermag.


Rezension von
Prof. Dr. Roland Stein
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
Homepage www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de
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Zitiervorschlag
Roland Stein. Rezension vom 06.01.2015 zu: Rolf Bick: Ich singe den Ruhm der Gestalt. Neue Gestaltarbeit. Basiswissen für Therapie, Beratung, Pädagogik und Seelsorge. EHP – Verlag Andreas Kohlhage (Bergisch Gladbach) 2011. ISBN 978-3-89797-066-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17563.php, Datum des Zugriffs 09.07.2020.


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