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Faize Berger (Hrsg.): Kultursensibilität im Krankenhaus

Rezensiert von Dr. Wolfgang Rechtien, 03.11.2014

Cover Faize Berger (Hrsg.): Kultursensibilität im Krankenhaus ISBN 978-3-942734-84-4

Faize Berger (Hrsg.): Kultursensibilität im Krankenhaus. Deutsche Krankenhaus Verlagsgesellschaft mbH (Düsseldorf) 2014. 131 Seiten. ISBN 978-3-942734-84-4. 29,90 EUR.
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Thema

Die Beziehungen zwischen unterschiedlichen Kulturen und die damit zusammenhängenden Konfliktpotentiale – ein Problemfeld mit langer Tradition – stellen in der Folge der Globalisierung neue Herausforderungen, auch für eine patientenorientierte gesundheitliche Versorgung. Für den Erfolg medizinischer Behandlung und für den respektvollen Umgang mit Patientinnen und Patienten ist die Berücksichtigung kultureller Besonderheiten von entscheidender Bedeutung. Das vorliegende Buch betrachtet diese aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Herausgeberin und AutorInnen

Die Herausgeberin Faize Berger ist nach einem Studium der Chemiewissenschaften in der Türkei mit Abschluss Chem.Ing. (TR) als selbstständige Unternehmensberaterin tätig und begleitet Klienten u.a. bei gesundheitspolitischen Fragestellungen. Sie besitzt eine Management-Qualifizierung nach dem Programm der Harvard Business School.

Folgende AutorInnen haben zum Sammelband beigetragen:

  • Basri Askin ist Sozialwissenschaftler und beim PARITÄTISCHEN Baden-Württemberg als Projektentwickler im Themenfeld Interkulturelle Öffnung, Diversity Management und Empowerment von Migrantenselbstorganisationen tätig.
  • Dr. Karl Blum, Promotion im Bereich Public Health, ist Leiter des Geschäftsbereiches Forschung beim Deutschen Krankenhausinstitut in Düsseldorf.
  • Zeki Çağlar arbeitet als Supervisor und Coach in interkulturellen Kontexten und leitet das Pilotprojekt „Aufbau eines interprofessionellen Netzwerks für interkulturelle Kompetenzen“ in der Charité.
  • Prof. Dr. Kubilay A. Ertan ist Chefarzt in Leverkusen und Sekretär der Deutsch-Türkischen Gynäkologen-Gesellschaft e.V.
  • Stefan Juchems ist Pflegewissenschaftler (MScN) und Fachkinderkrankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie und zur Zeit als Referent im Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter in NRW tätig.
  • Dr. Erika Sievers ist Referentin für Sozialpädiatrie, Kinder- und Jugendgesundheit der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf und Vorsitzende des Fachausschusses transkulturelle Pädiatrie der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie.
  • Irina Slot hat Physik, BWL und interkulturelles Management studiert und berät als externe Interkulturalitätsbeauftragte Mitarbeiter des Krankenhausmanagements und schult Pflegekräfte und Ärzte.
  • Dr. Petra Steffen ist nach einem Studium der Sozialwissenschaften in Düsseldorf und Promotion an der medizinischen Fakultät der Universität zu Köln in der Forschung im Gesundheitswesen tätig.
  • Dr. Iris Steinbach hat Soziologie an der Universität Hamburg studiert. Sie ist im Bereich Bildung und Beratung im Gesundheitswesen mit dem Fokus auf interkulturelle Pflege und Kompetenz selbstständig tätig.
  • Dr. Nese Emine Yüksel hat über „Psychosomatisches Betreuungskonzept steriler türkischer Paare“ promoviert und ist niedergelassene Ärztin in Berlin. U.a. arbeitet sie an migrantenspezifischen Fragestellungen im gynäkologischen Praxisalltag.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Geleitwort von Anette Widmann-Mauz, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit, und einem Vorwort der Herausgeberin gibt es 9 Kapitel sowie Abbildungs-, Stichwort- und Autorenverzeichnis.

In der Einleitung betont Faize Berger die Bedeutung gegenseitigen Verstehens in einem Krankenhaus auf allen Interaktionsebenen, was angesichts des erheblichen Anteils von Menschen mit Migrationshintergrund in der deutschen Bevölkerung eine erhebliche Herausforderung darstellt.

In Patientenerstkontakt und Patientenaufnahme bei Menschen mit Migrationshintergrund haben kulturelle Aspekte eine besondere Bedeutung. Iris Steinbach trägt Faktoren zusammen, die im Erstkontakt bedeutend sind, z. B. Bedeutung der Angehörigen, Frauenrolle, Krankheitsverständnis und Religion und zeigt Methoden zur Stärkung der Handlungssicherheit in kulturdifferenten Situationen auf.

Emine Yüksel und Kubilay Ertan handeln über Muslimische Frauen im Praxisalltag in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe – in kaum einem anderen Bereich, so die Autoren, findet sich eine so bedeutsame Rolle von Religion, Schamgefühlen und Tabuthemen.

Pflegefachpersonen sind die zahlenmäßig größte Berufsgruppe im Krankenhaus und haben den engsten Kontakt mit Patienten, sie haben daher entscheidenden Anteil daran, wie kultursensibel ein Krankenhaus aufgestellt ist. Kompetenzen für kulturelle Beziehungsarbeit in der Pflege und Arbeitsbedingungen, die die Realisierung dieser Kompetenzen ermöglichen, sind daher von grundlegender Bedeutung. Stefan Juchems zeigt auf, wie Reflexionskompetenz, narrative Empathie und kulturbezogenes Hintergrundwissen bei kultursensibler Gestaltung eines Pflegeprozesses eingesetzt werden können.

In seinem Beitrag Kulturelle Vielfalt als eine Herausforderung für die Grundversorgung geht Zeki Çağlarauf Ernährung und Hygiene ein – Bereiche, in denen religiöse Traditionen und Rituale eine wichtige Rolle spielen. So stellt Fasten im Krankenhaus ein erhebliches Konfliktpotential dar; Ärzte und Pflegepersonal müssen darüber informiert sein, welche Maßnahmen und Medikamente das Fasten brechen und welche nicht. Der Schutz der körperlichen Intimität, z. B. bei Waschungen, sowie Waschrituale sind ein wichtiges Thema.

Das Entlassungsmanagement bei pflegebedürftigen Migranten wird von Basri Aşkin anhand zweier Beispiele einer Kooperation zwischen Migrantenselbstorganisationen, Krankenhaus und ambulantem Pflegedienst vorgestellt: rituelle Totenwaschung und Krankenhausseelsorge für Sterbende und Todkranke. An Herausforderungen für eine kultursensible Pflegeüberleitung stellen sich eine enge Zusammenarbeit zwischen Krankenhauspersonal, den für die Patientenversorgung relevanten sozialen Einrichtungen und den Kostenträgern.

Personalauswahl, Personaleinsatz und Personalentwicklung sind wichtige Voraussetzungen für ein kultursensibles Krankenhaus – das zeigen Irina Slot und Erika Sievers im Kapitel Personalmanagement. Dazu gehören systematische Qualifizierung in Kultursensibilität als Schlüsselkompetenz, multikulturelle Teams und interkulturelle Kommunikation.

„Die Unternehmenskultur einer Organisation kann oft schon an der Gestaltung ihres Gebäude abgelesen werden“ – so Irina Slot in ihrem Beitrag zur Planung von Gebäuden und Räumlichkeiten. Mit zunehmender Kundenorientierung der Krankenhausbranche kommt daher der architektonischen Ansatz des „Healing Environment“ mehr und mehr in den Vordergrund. Hier kommt den Kulturdimensionen „Individualismus“ versus „Kollektivismus“ eine wichtige Bedeutung zu, kommen doch viele Patienten mit Migrationshintergrund aus kollektivistisch ausgerichteten Kulturen, für die Räume und Raumtrennungen z.B. im Wartebereich der Aufnahme wichtig sind. Auch auf den Umgang mit Unsicherheit, auf die Wahrung von Patientenwürde, Autonomie und Orientierung hat die Gestaltung und die Nutzung von Räumlichkeiten Bedeutung.

Das Buch schließt mit einer Bestandsaufnahme zur Kultursensibilität von Krankenhäusern von Karl Blum und Petra Steffen. Sowohl im Management, in Organisations- und Personalentwicklung, im Informations- und Kommunikationsverhalten gibt es zahlreiche Maßnahmen zur Verbesserung der Kultursensibilität. Ebenso konstatieren die Autoren eine Fülle kultursensibler Kompetenzen bei den Belegschaften. Verbesserungspotentiale gibt es hinsichtlich einer umfassenden strategischen und operativen Zielplanung und einer durchgängigen Erfolgskontrolle und beim Verbreitungsgrad kultursensibler Aktivitäten.

Fazit

Die Beiträge dieses Buches behandeln das zunehmend wichtiger werdende Thema einer kultursensiblem gesundheitlichen Versorgung aus unterschiedlichen Blickwinkeln, erfreulicherweise auch solchen, an die vielleicht zunächst nicht gedacht wird, wie z.B. Raumplanung und Entlassungsmanagement. Die Zusammenstellung der Kapitelthemen erscheint abgerundet, die Argumentation ist überzeugend – ein guter Beitrag zu einem respektvollen und medizinisch erfolgreichen Umgang mit Patienten aus anderen Kulturkreisen.

Rezension von
Dr. Wolfgang Rechtien
Bis 2009 Vorstandsmitglied und Geschäftsführer des Kurt Lewin Institutes für Psychologie der FernUniversität sowie Ausbildungsleiter für Psychologische Psychotherapie.
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Es gibt 32 Rezensionen von Wolfgang Rechtien.

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Zitiervorschlag
Wolfgang Rechtien. Rezension vom 03.11.2014 zu: Faize Berger (Hrsg.): Kultursensibilität im Krankenhaus. Deutsche Krankenhaus Verlagsgesellschaft mbH (Düsseldorf) 2014. ISBN 978-3-942734-84-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17564.php, Datum des Zugriffs 26.11.2022.


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