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Ursula Bertels: Einwanderungsland Deutschland

Cover Ursula Bertels: Einwanderungsland Deutschland. Wie kann Integration aus ethnologischer Sicht gelingen? Waxmann Verlag (Münster, New York) 2014. 210 Seiten. ISBN 978-3-8309-3111-9. 24,90 EUR.

Praxis Ethnologie 5.
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Integration: Wort und Tat

Es hat lange gedauert, und der gesellschaftliche und vor allem parteipolitische Erkenntnisprozess hat allzu viele und allzu lang dauernde Für und Widers, Pro und Contras produziert, bis sich, nach wie vor mit Einschränkungen, die Auffassung durchgesetzt hat, dass die deutsche Gesellschaft Einwanderung und damit Veränderung benötigt; vor allem auch, dass nicht Angst vor Zuwanderung angesagt ist, sondern eine gelingende Integration von Eingewanderten eine Bereicherung für eine freie, demokratische, aktive und kreative Gesellschaft darstellt. Der wissenschaftliche Diskurs über Einwanderung und Integration wird intensiv geführt (vgl. dazu: „Deutschland ist ein Einwanderungsland“, 22.12.2014, in: Rubrik „Schnurers Beiträge“, www.sozial.de). Dabei wird deutlich, dass die einzelnen Fächer gut beraten sind, in ihren Forschungen und Positionsbestimmungen interdisziplinär zusammen zu arbeiten und zu vernetzen; denn der Prozess der Integration bedarf der lokalen und globalen gesamtgesellschaftlichen Aufmerksamkeit. In kaum einer anderen Lebenssituation ist die Diskrepanz zwischen „Fremdes ist schön“ und Fremdendistanz und -feindlichkeit so gravierend wie beim Umgang der Einheimischen mit den Zugewanderten. Subjektive Wahrnehmungen, Stereotype und Vorurteile überwiegen nicht nur bei den alltäglichen Begegnungen, sondern auch in den wissenschaftlichen Auseinandersetzungen über Migrationsphänomene und Integrationsprozesse. Die in der Migrationsforschung aufgedeckten negativen Einstellungen von Eingesessenen gegenüber Eingewanderten besonders bei migrationsraren und -fernen Situationen machen ja deutlich, dass Ablehnungen, Feindlichkeiten und Rassismen „gemacht“ werden und nicht durch Begegnungen und eigene Erfahrungen entstehen (Harald Kleinschmidt, Migration und Integration, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12424.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeberin

Der in Münster ansässige Verein „Ethnologie in Schule und Erwachsenenbildung“ (ESE) hat sich schon mehrfach zu Wort gemeldet, wenn es um die Frage geht, wie es gelingen kann, ein Bewusstsein bei Kindern und Erwachsenen zu entwickeln, dass wir Menschen in Einer Welt leben und es deshalb notwendig ist, im Alltags- wie im gesellschaftlichen Leben interkulturell kompetent zu denken und zu handeln (z. B.: Ursula Bertels / Irmgard Hellmann de Manrique, Hrsg., Interkulturelle Streitschlichter. Interkulturelle Kompetenz als Schlüsselqualifikation für Jugendliche, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12640.php). In Zusammenarbeit mit der Akademie Franz-Hitze-Haus des kath. Bistums Münster veranstaltete ESE eine Fachtagung zum Thema „Integration und Ethnologie“. Die Ergebnisse und weitere Beiträge zur Fragestellung werden nun von der Ethnologin und Vorstandsvorsitzenden des Vereins ESE, Ursula Bertels, im Sammelband vorgelegt. Wenn man davon ausgehen kann, dass Ethnologen „den Menschen aufs Maul schauen“ und durch das Beschauen des alltäglichen Tuns Eindrücke gewinnen können, wie Menschen in bestimmten Lebenssituationen denken und handeln, dürfte eine Betrachtung interessant sein, wie Integration aus ethnologischer Sicht gelingen kann.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband, an dem 14 Referentinnen und Referenten beteiligt sind, wird in vier Kapitel gegliedert. Im ersten Teil erfolgt mit drei Beiträgen eine theoretische Annäherung zur Thematik; im zweiten werden wichtige Faktoren für Integration benannt; im dritten „ethnologische Daten als Grundlage für eine gelungene Integration“ diskutiert; und im vierten Teil dient der ethnologische Blick dazu, „Projekte zur Integration von Menschen mit Migrationsgeschichte“ vorzustellen.

Die Sozialwissenschaftlerin und Referendarin am Erasmus-Gymnasium Grevenbroich, Esther Offenberg, setzt sich mit ihrem Beitrag „Integration aus der Sicht verschiedener Disziplinen“ mit soziologischen, kulturwissenschaftlichen und pädagogischen Konzepten und Methoden beim Migrations- und Integrationsdiskurs auseinander und nimmt das gesellschaftliche Inklusionsverständnis als Maßstab für ein friedliches, gerechtes und gleichberechtigtes Zusammenleben der Menschen in einer Gesellschaft: „Gesellschaft und ihre Institutionen sollen so ausgestattet werden, dass Verschiedenheit in vielerlei Hinsicht, also insbesondere auch in kultureller, individuell gelebt werden kann“.

Die Tübinger Ethnologin und Sozialwissenschaftlerin Sabine Klocke-Daffa vermittelt mit ihrem Beitrag „Migration als Thema und Herausforderung der Ethnologie“ einen Überblick über die Entwicklung und den Stand der Migrationsforschung in der wissenschaftlichen Disziplin und formuliert Aufgaben insbesondere für die Angewandte Ethnologie. Es geht darum, gesellschaftliche Akkulturationsprozesse anzuregen; denn eine „beidseitige Annäherung mehrerer, gleichberechtigter kultureller Kontexte… setzt gegenseitigen Respekt voraus und den Willen, etwas gemeinsames Neues … entstehen zu lassen“. Dieses Konzept wird im Leitbild „Migration und Integration“ der Stadt Münster aufgenommen.

Der Ethnologe von der Universität Heidelberg, Guido Sprenger, reflektiert mit seinem Beitrag „Unser Phantom Leitkultur“ die Entstehung und Diskussion um den Begriff „Leitkultur“. Er befragt das individuelle und gesellschaftliche Verständnis von der kulturellen Identität, indem er zum einen feststellt, dass der Begriff nicht einfach das ausdrückt, was den Mitgliedern einer Gesellschaft gemeinsam ist, sondern das, was sie voneinander unterscheidet, und zwar bezogen und eingeschätzt durch die Herkunft des Anderen. Dieser Sichtweise stellt er einen ethnologischen Kulturbegriff gegenüber, den er als „Pflege der Differenz“ bezeichnet: „Erst die Idee der Anderen macht eine Vorstellung von Kultur überhaupt möglich“.

Den zweiten Teil beginnt die Ethnologin der Universität Bremen, Cordula Weißköppel, indem sie mit ihrem Beitrag „Kirche als Kontaktzone“ sichtbare und unsichtbare Integrationspotentiale von religiösen Institutionen in der Einwanderungsgesellschaft aufzeigt. Am Beispiel des Netzwerkes „Asyl in der Kirche e.V.“ berichtet sie über die Arbeit in einer evangelischen Kirchengemeinde, die über Jahre hinweg bei jeweils unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen und Bedarfssituationen Flüchtlinge aufnimmt und betreut. Sie schildert anhand von Fallbeispielen, wie sich die Unterstützungsmaßnahmen vollziehen, angenommen und wirksam werden. Im zweiten Teil ihres Beitrags stellt sie die verschiedenen Konzepte von Unterstützungspolitik und Akteurszentrierung zur Diskussion und entwickelt daraus Vorschläge, wie eine Unterstützungs- und Integrationsarbeit erfolgreich durchgeführt werden kann.

Die langjährige Leiterin der Regionalen Arbeitsstellen zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwanderungsfamilien (RAA NRW) und als jetzige Dezernentin bei der Bezirksregierung Arnsberg beauftragt mit der Leitung der Landesweiten Koordinierungsstelle der Kommunalen Integrationszentren in NRW, Christiane Bainski, schildert mit ihrem Beitrag „Die Bedeutung von Erziehung sowie schulischer und beruflicher Bildung für Integration“ ihre Erfahrungen und verdeutlicht sie mit Praxisbeispielen.

Der Kommunikationswissenschaftler von der Universität Jena und Mitglied des Berliner Rats für Migration, Georg Ruhrmann, analysiert mit seinem Beitrag „Medien und Integration“ die Entwicklung der medialen Berichterstattung „zwischen wissenschaftlichem Wissen und politischer Verantwortung in drei Jahrzehnten“. Dabei geht er dem im Migrationsdiskurs immer wieder beobachtetem Phänomen nach, dass Fremdenfeindlichkeit und -hass sich in ländlichen Regionen besonders stark zeigen, in denen die Menschen weniger Möglichkeiten haben, Fremden zu begegnen; während in den urbanen Gebieten, in denen eben auch viele Fremde leben, dies nicht so intensiv in Erscheinung tritt. Dass dabei, sowohl in ersteren, als auch in den zweiten Situationen die Medienberichterstattung eine wesentliche Rolle spielt, ergibt sich aus den vorgestellten Studien und Fallbeispielen. Der Autor verweist allerdings auch darauf, dass die Medienforschung unter den Gesichtspunkten einer ethnologischen Betrachtung von Migrationsphänomenen noch größere Anstrengungen unternehmen muss.

Im dritten Teil greift die Ethnologin von der Universität Hamburg, Laila Prager, das Thema „Zwangsverheiratung“ bei muslimischen MigrantInnen auf. Mit ihrem Beitrag „Irrwege der Integrationspolitik“ setzt sie sich kritisch mit den in der deutschen Einwanderungspolitik etablierten Anti-Zwangsheiratsgesetzen und Verordnungen auseinander. Am Beispiel der alawitischen Heiratspraktiken weist sie nach, dass die von der deutschen Ordnungspolitik geschaffenen Regelungen zur Eindämmung von Zwangsverheiratungen „die Handlungsoptionen, die jungen Frauen und Männern mit Bezug auf die Heirat sowohl in der Türkei als auch in der deutschen Migration einst offen standen, dramatisch eingeschränkt (haben), so dass paradoxerweise eine soziokulturelle Situation entstanden ist, in der Zwangsheiraten viel wahrscheinlicher als früher erscheinen“. Die Autorin empfiehlt zur Vermeidung von solch ungewollten Entwicklungen, dass bereits im Vorfeld von rechtlichen Regelungen transnationale Fragestellungen berücksichtigt werden.

Die Kulturanthropologin und Integrationsbeauftragte der Stadt Sindelfingen, Ulrike Izuora, diskutiert mit ihrem Beitrag „Status und Staatsbürgerschaft in Deutschland“. Die Unterscheidung zwischen einem zugeschriebenem und einem erworbenem Status bewirkt, dass im deutschen Staatsbürgerschaftsrecht zwischen „verwandten“ und „nicht verwandten“ Fremden differenziert wird und somit dem Wesen von kultureller Identität entgegen steht. Besonders Ethnologen haben einen Blick dafür, wie sich in der interkulturellen Gemengelage Status und Persönlichkeit bilden, etwa wenn einer sagt: „Ich bin ein Stuttgarter Grieche“.

Die Ethnologin und Anthropologin von der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe, Sarah Weber, nimmt sich den widersprüchlichen Ausspruch vor: „Zuviel Verständnis für einen Ausländer tut auch weh“, indem sie darüber reflektiert, wie in der ethnologischen Migrationsforschung „Irren und Irritation“ zum Thema gemacht werden kann. Sie präsentiert und diskutiert Studien und Interviews, bei denen sie mit dem Konzept „Kontext und Konfrontation“ arbeitet, was bedeutet, sich (als Ethnologe) bewusst zu sein, warum gerade dieser spezifische Zusammenhang bei der Forschung eine bestimmte Rolle spielt; und gleichzeitig zu wissen, dass Meinungsäußerungen und Positionen „wissend“ und konfrontativ getan werden. Es gilt, sich darauf einzustellen, „dass das Themenfeld ‚Migration‘ mit vielen Unsicherheiten und Verunsicherungen einhergeht“.

Die Sozialwissenschaftlerin Noémie Waldhubel, die in Seoul, Paris, Montréal, Bloomington, Hamburg und Münster studierte und als Referentin beim Verein „Ethnologie in Schule und Erwachsenenbildung“ tätig ist, informiert mit ihrem Beitrag „Indian-Indigene Überlebensschule als Beispiel von Integration in den USA“ über das Projekt „Indian Community School“ in Milwaukee. Bedeutsam bei dem Konzept ist die konsequente Einbeziehung von traditionellen, kulturellen Wertvorstellungen, Riten und Mythen in die Bildungsarbeit, die dadurch Anker und Brücke bei der Identitätsentwicklung der Kinder und Jugendlichen der „Indianerschule“ sein können.

Die freiberufliche Ethnologin und Zürcher Museumspädagogin Veronika Ederer berichtet mit ihrem Beitrag „Kleine Schritte – die Versuche, für andere Kulturen zu sensibilisieren“ über ihre Erfahrungen bei der interkulturellen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Anhand von ausgewählten Projektbeispielen zeigt sie auf, dass zur theoretischen Grundlegung wie zur praktischen Umsetzung eine „Didaktik der Ethnologie“ entwickelt werden sollte. Mit ihrem Plädoyer – „Ethnologisches Wissen ist wertvoll, ist Teil der Allgemeinbildung“ – öffnet sie selbstbewusst eine Tür im interdisziplinären, bildungswissenschaftlichen Diskurs!

Irmgard Hellmann de Manrique, Ethnologin und Referentin bei der Münsteraner Gesellschaft für Berufsförderung und Ausbildung (GEBA), informiert über das Projekt „Interkulturelle Streitschlichter – Interkulturelle Kompetenz als Schlüsselqualifikation in der Ausbildung von Jugendlichen als Multiplikatoren in der Stadtteilarbeit“ (siehe dazu die Rezension unter www.socialnet.de/rezensionen/12640.php). Das Projekt kann als Exempel für die Entwicklung einer gewaltlosen Konfliktkultur und damit dem Erwerb der interkulturellen Fähigkeit zum friedlichen Miteinander in der Vielfalt-Gesellschaft dienen.

Fazit

Interkulturelle Kompetenz erwerben, das ist eine herausragende, notwendige und sinnstiftende Herausforderung, wie wir Menschen in der sich immer interdependenter, entgrenzender und (scheinbar) egozentrisch sich entwickelnden (Einen?) Welt friedlich und gerecht, also human miteinander umgehen sollen. Das Einwanderungsland Deutschland ist darauf bisher nur unzureichend vorbereitet. Es bedarf also einer interdisziplinären Zusammenarbeit, bei der – auf Augenhöhe – alle relevanten, für Aufklärung, Bildung und Erziehung geforderten Kräfte sich zu einem Netzwerk der „Willigen“ zusammen finden. Ethnologinnen und Ethnologen sind dabei wichtige Partner!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 11.03.2015 zu: Ursula Bertels: Einwanderungsland Deutschland. Wie kann Integration aus ethnologischer Sicht gelingen? Waxmann Verlag (Münster, New York) 2014. ISBN 978-3-8309-3111-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17565.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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