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Kurt Ludewig: Entwicklungen systemischer Therapie

Cover Kurt Ludewig: Entwicklungen systemischer Therapie. Einblicke, Entzerrungen, Ausblicke. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2013. 251 Seiten. ISBN 978-3-8497-0008-9. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Thema

Kurt Ludewig, der wichtige Beiträge zur Entwicklung der systemischen Therapie geleistet und sein immer wieder weiterentwickeltes Konzept in vielen Veröffentlichungen vorgestellt hat (u.a. Ludewig 1992, 2002, 2005), zieht eine Bilanz unter seiner ganz persönlichen Perspektive, indem er diese mit Erlebnissen und Geschichten aus der eigenen professionellen Biographie verknüpft. Dabei beschreibt er seine Begegnungen mit anderen Pionieren systemischer Theorie und Praxis und den daraus entstanden persönlichen Gewinn. Der Untertitel des Buches zeigt, worum es ihm geht: Entwicklungen zu rekapitulieren, zu Dogmen, Mythen, Banalitäten verfestigte Elemente dieses Verfahrens zu hinterfragen und evtl. zu reformulieren, und aus der Rückschau eines reichen professionellen Lebens dessen Entwicklungsmöglichkeiten zu beleuchten.

Autor

Kurt Ludewig ist in Valparaiso (Chile) geboren, als Sohn eines deutschen Emigranten und einer Chilenin mit spanisch-französischen Wurzeln. Er verließ Chile als Zwanzigjähriger und kam über die USA nach Deutschland, wo er in Hamburg Psychologie studierte. Ab 1974 arbeitete er in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (Leitung Thea Schönfelder). Ab Mitte der siebziger Jahre kam er in Kontakt mit der damaligen Familien- und Systemtherapie, vor allem mit den Konzepten der Palo-Alto-Gruppe (Paul Watzlawick, John Weakland, Richard Fish u.a.) und der Mailänder Gruppe (Mara Selvini Palzzoli, Luigi Boscolo, Gianfranco Cecchin, Giuliana Prata). Als entscheidenden Punkt seiner weiteren Entwicklung bezeichnet er das vom „Institut für Ehe und Familie“ in Zürich im September 1981 veranstalteten „7. Internationale Symposium für Familientherapie“, bei dem er Paul Dell und Harry Goolishian begegnete und mit dem Autopoiese-Konzept der beiden chilenischen Neurobiologen Humberto Maturana und Francisco Varela bekannt wurde. Von da ab war er ein zunehmend bekannt werdendes Mitglied in den Diskursen der systemtherapeutischen Theorie und Praxis und gehört nun schon lange zu ihren „Schwergewichten“. Nach dem Wechsel aus Hamburg nach Münster war er Leitender Psychologe an der kinder-und jugendpsychiatrischen Klinik der dortigen Universität. Er ist Gründungs- und Teammitglied des „Instituts für systemische Studien“ in Hamburg und des „Westfälischen Instituts für systemische Therapie und Beratung“ in Münster. Er war Gründungsvorsitzender der „Systemischen Gesellschaft (SG)“ und ein wichtiges Mitglied der „European Family Therapy Association“ (EFTA). Er wurde national und international zunehmend bekannt durch Vorträge, Publikationen, workshops und gehört heute zu den „Elder Statesmen“ der Systemischen Therapie und Familientherapie. Besonders bekannt wurde er durch die Entwicklung des Familienbretts (Ludewig et al. 1983), das heute ein zentraler Bestandteil des Methodenkanons der systemischen Praxis ist.

Entstehungshintergrund

Vor dem Hintergrund der skizzierten Biographie wollte Ludewig am Ende seiner beruflichen Karriere nochmals Bilanz ziehen: Handelte es sich bei seinem ersten Buch um eine zusammenfassende Darstellung der systemischen Therapie, ging es beim zweiten Buch um eine Stellungnahmen zu dem damaligen Entwicklungsstand systemischer Theorie und Praxis, enthält das vorliegende Buch eine Retrospektive und kritische Würdigung dessen, was in den vergangenen 30 Jahren unter der Bezeichnung „systemische Therapie“ entstanden ist – natürlich aus seiner Perspektive und im Kontext der eigenen entwickelten Konzepte. Es ist ihm ein besonderes Anliegen, diese Beobachtungen, kritischen Würdigungen, konzeptionellen Entwürfe an die nachfolgenden Generationen der SystemtherapeutInnen weiterzugeben; das zeigt der „Brief an die nächste Generation“ am Ende des Buches.

Aufbau

Das Buch ist in acht Kapitel und eine umfangreiche Bibliographie gegliedert.

Im ersten Kapitel beschreibt Ludewig seine professionelle Biographie im Zusammenhang mit der Entwicklung der systemischen Therapie und Familientherapie.

Im zweiten Kapitel reflektiert er das diesem Konzept zugrunde liegende Menschenbild.

Im dritten Kapitel befasst er sich mit der systemischen Metatheorie und greift deren grundlegende Themen auf: die Konstruktion von Realitäten, das Maturana/Varela-Konzept der „Autopoiese“ und Elemente der Luhmann´schen Systemthorie. Diese werden nicht einfach referiert sondern in das Ludewig´sche Konzept von systemischer Therapie einbezogen, z.B. über die Erörterung des für und wider von Diagnostik, von Sinn, Sinnsuche, Sinnkrise und die Frage nach der therapeutischen Haltung und damit zusammenhängend nach Ethik und Moral.

Im vierten Kapitel skizziert er über die Jahre der Entwicklung hinweg bleibende Elemente der systemischen Therapie (z.B. die Mehrgenerationenperspektive) und zugleich konfrontiert er die systemische Therapie mit neuen Ergebnissen der Psychologie (Stichworte: Kognitionspsychologie, Neuropsychologie, der Zusammenhang von Kognition, Emotion und Sprache, störungsspezifische Diagnostik und Therapie), denen sie sich stellen muss. Das ist vor allem wichtig im Hinblick auf ihre 2008 erfolgte wissenschaftliche Anerkennung und den darin liegenden Chancen und Risiken.

Die Kapitel 5 bis 7 kreisen um Fragen der Praxis, aber durchaus im Rahmen von theoretischen Erörterungen, die u.a. zu Beginn des fünften Kapitels präsentiert werden; was z.B. heißt gesund, was psychisch krank, was implizieren solche Zuschreibungen, wo helfen sie, brauchen systemische TherapeutInnen ein störungsspezifisches Vorgehen oder nicht? (Ludewig meint: nein). Wichtig ist auch seine Beschreibung einer „systemischen Psychiatrie“ – hier ist Ludewig ein anerkannter Experte. Im sechsten Kapitel geht es um Modelle und Leitlinien zur Gestaltung der systemischen Praxis: Ressourcenorientierung, Auftragsklärung, Unterschiede zwischen Beratung, Therapie, Begleitung usw. Im siebten Kapitel befasst sich der Autor nach einem Exkurs zur Familienpolitik mit Teilbereichen bzw. unterschiedlichen Settings der systemischen Therapie (Paar-, Familien-, Einzeltherapie), den Übergängen zwischen ihnen und spezifisch methodischen Fragen, wie z.B. der Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen durch vor allem visuelle Externalisierung.

Im achten Kapitel geht es um die schon erwähnte Übergabe des Staffettenstabes an die nachfolgenden TherapeutInnengenerationen und ein kurze Zusammenfassung seines Streifzuges durch das Panorama des Systemischen.

Die umfangreiche Bibliographie verhilft zum Weiterlesen, Weiterstudieren, Weiterdenken.

Inhalt

Im 1. Kapitel „Auf dem Weg zum Systemische: Prägende Begegnungen“ skizziert Ludewig seinen eigenen professionellen Weg und vor allen die dabei wichtigen und „prägenden“ Begegnungen mit Personen und Konzepten und die Lernsituationen in seinem eigenen ersten Arbeitskontext, der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hamburg-Eppendorf:

  • Die Mailänder Gruppe (Mara Selvini Palazzoli, Luigi Boscolo, Gianfranco Cecchin, Guliana Prata), die mit „Paradoxon und Gegenparadoxon“, dem Konzept eines 5-phasigen Familieninterviews und der Methode des „zirkulären Fragens“ berühmt wurde;
  • Paul Watzlawick, der große Kommunikator des kybernetisch-familientherapeutischen und später systemischen Ansatzes und zusammen mit John Weakland, Richard Fish Gründer des Instituts für Kurzzeittherapie in Palo Alto;
  • Gregory Bateson – Anthropologe und Mentor der ersten Alto Gruppe, Begründer des double-bind-Konzeptes, des Modells der drei Beziehungsmuster (symmetrisch, komplementär, reziprok); er wurde von Mara Selvini Palazzoli als der „Mystiker des zirkulären Denkens“ bezeichnet und strebte als universaler Geist eine neue systemisch-konstruktivistische Beschreibung der Beziehung von Geist und Natur an;
  • Humberto Maturana und Francisco Varela, die beiden chilenischen Neurobiologen, die das wegweisende Konzept der „Autopiese“ und der Beziehungen autonomer, selbstreferenter Systeme formulierten, das für Niklas Luhmann in seiner soziologische Systemtheorie zentral wurde;
  • Paul Dell, der auf dem Züricher Symposion von 1981 den Anstoß für eine Neukonzeption des Systembegriffs mit Hilfe der „zweiten Kybernetik“ gab;
  • Steve de Shazer, zusammen mit seiner Frau Insoo Kim Berg der Begründer des „Instituts für Kurzzeittherapie in Milwaukee (BFCT)“, der das Modell der Kurzzeittherapie mit der Lösungsorientierung als zentraler Perspektive entwickelte und dessen methodische Anstöße – die Wunderfrage, die Frage nach den Ausnahmen des Problems, die Ausweitung dieser Ausnahmen mit Hilfe hypothetischer Fragen – heute feste Bestandteile des systemischen Methodeninventars sind;
  • Karl Tomm, Professor für Psychiatrie an der Universität von Calgary (Canada), der ein Gesamtkonzept der systemischen Fragen („Die Fragen des Beobachters“) entwickelte und an einer psychiatrischen Diagnostik mit Hilfe der Beschreibung von Beziehungsmustern arbeitete (Jochen Schweitzer und Arist v. Schlippe haben diese Idee in ihrem Lehrbuch 2 wieder aufgegriffen - Schweitzer u. v. Schlippe 2006);
  • Harry Goolishian, der Begründer des Galveston Family Instituts in Houston und des Konzeptes von Therapie als eines gemeinsam etablierten Narrationsprozesses von KlientInnen und TherapeutInnen, in dem es um die Bezeichnungen und nicht um die Feststellung von Problemen geht, um subjektive Bedeutungsbeschreibungen und nicht objektivierende Zuschreibungen;
  • Tom Anderson aus Norwegen, der Begründer des „reflecting teams“, das heute in seinen vielfältigen Varianten nicht mehr aus der systemischen Praxis wegzudenken ist;
  • Heinz von Foerster, der Philosoph der „zweiten Kybernetik“, der als Sekretär an den berühmten Macy-Konferenzen 1946-53 teilnahm, in denen neben ihm Warren Mc Culloch, Gregory Bateson, John v. Neumann, Norbert Wiener, Margret Mead, Kurt Lewin, Paul Lazarsfeld, u.a. die Grundzüge der Kybernetik und des Systemdenkens formulierten;
  • Ludewigs ArbeitskollegInnen in Hamburg, mit denen er sich immer wieder den Herausforderungen von Lernsituationen und „Lernfällen“ (ein Begriff des Berner Psychiaters Luc Ciompi, eine wichtige Persönlichkeit für die Entwicklung des systemischen Denkens in der Psychiatrie) stellte; dies war ein Grundstein seiner professionellen Entwicklung (und sollte es eigentlich für die professionelle Entwicklung eines jeden von uns sein);
  • als letztes erzählt uns Ludewig von seiner Begegnung mit den Mapuche-Indianern in Chile, bei der er das u.a. von ihm entwickelten Familienbrett (Ludewig et al. 1989) nun für die interkulturelle Begegnung nutzen konnte.

Diese Beschreibung der Begegnungen eines maßgeblich an der Entwicklung der systemischen Therapie in Deutschland und Europa beteiligten Kollegen mit den Pionieren hat mich sehr berührt. Sie verweist auf die Wurzeln vieler theoretischer und methodischer Konzepte, die heute oft völlig ohne historischen Bezug vermittelt werden, was zur Folge hat, dass sie auch nicht mehr in ihrer historischen Begrenzung wahrgenommen werden. Sie stehen deshalb in der Gefahr, im Status von Dogmen, Standartsätzen und Standartinterventionen zu erstarren.

Auch auf der Bühne des „systemischen Theaters“ herrscht ein stetes Kommen und Gehen, Werden und Vergehen, ein Hin und Her zwischen Tradition und Innovation – und, das was heute en vogue ist, ist vielleicht schon vor langer Zeit vorgedacht, bedacht und gedacht worden.

Im 2. Kapitel „Der Mensch, systemisch betrachtet“ befasst sich der Autor mit dem systemischen Menschenbild und seinen Konsequenzen für die systemische Theorie und Praxis. Hier führt er uns in die Begrifflichkeit des „Autopoiese“-Konzeptes ein: Jeder Mensch lässt sich als ein sich selbst kreierendes und erhaltendes („autopoieteisches“) System verstehen, dass seine eigene Struktur schafft („Strukturdeterminiertheit“) und mit anderen „autopoietischen“ Systemen mittels „struktureller Koppelung“ in Beziehung tritt. Dann treffen sich zwei Strukturen über gemeinsame, im Prozess wahrnehmbare Anknüpfungspunkte, nicht durch einen von außen verordneten Kontakt. Was sich außerhalb dieser gemeinsamen „Schnittmenge“ befindet, bleibt außerhalb der Kommunikation. Die entscheidende Konsequenz dieser Idee hat v. Foerster als das „nontriviale System“ bezeichnet: autopoietische Systeme verändern sich nicht durch den „input“ von außen, wie es noch die erste Kybernetik nahelegte, sondern durch eigene, interne Prozesse, die von außen angeregt werden können. Für diese Anregung von außen übernimmt Ludewig den Begriff der „Verstörung“ von Maturana und Varela. Auch der zweite Grundsatz der Systembeschreibung stammt von ihnen: „Jedes Tun ist Erkennen, jedes Erkennen ist Tun“. (S. 29). Hier wird die starre Grenze zwischen Denken, Fühlen und Handeln aufgehoben: Wichtig ist, welche Informationen von außen ein „verstörtes“ System in die eigenen psychischen Muster integriert, was als zu sich selbst passend erlebt wird, welche Handlungsideen daraus entstehen und in interne bzw. externe Handlungsfolgen umgesetzt werden. Wichtig für beratende, therapeutische und pädagogische Prozesse ist natürlich nicht nur diese Ausgangsthese, sondern was das für konkreten Veränderungsprozesse (oder auch Nichtveränderungsprozesse) bedeutet; denn das ein Veränderungsintention ausschließlich „intrinsisch“ ist, also „von innen“ kommt, kann man vor allem in institutioneller Sozialarbeit und institutionellen Therapien nicht voraussetzen.

Eine letzte Leitlinie ist die von Ernst v. Glasersfeld eingeführte Perspektive der „Viabilität“, oder in Ludewigs Terminologie der „kommunikativen Brauchbarkeit“, die das Kriterium der Objektivität ersetzt: Es nicht wichtig, was wirklich ist oder nicht ist, sondern welche Informationen einen „gangbaren Weg“ (via, lat. der Weg; vadere, lat. gehen) für Erkennen und Handeln weisen: „Eine Beschreibung ist brauchbar, wenn sie verschiedenen Beobachtern hilft, zu einem angestrebten Ziel zu gelangen.“ (S. 30)

Ludewig wendet sich dann der Systemtheorie des 1998 verstorbenen Bielefelder Soziologieprofessors Niklas Luhmann zu. Zentral, und inzwischen auch jedem systemischen Praktiker bekannt ist Luhmanns Unterscheidung zwischen maschinellen, biologischen, psychischen und sozialen Systemen; jedes hat seine ganz eigene Operationsweise, mit der es auch von den anderen abgrenzbar ist. Psychische und soziale Systeme, die materiell auf physischen Systemen (Körpern) basieren, haben das gemeinsame Kriterium, dass sie zeitlich begrenzte und nicht-räumliche Prozesse repräsentieren. Psychische Systeme operieren dabei durch Kognitionen, soziale mittels Kommunikationen (eben nicht durch Subjekte sondern ihren sinnvollen Informationsaustausch). Die unterschiedlichen Systeme sind füreinander Umwelt, z.B. gehört das biologische System Mensch zur Umwelt des sozialen Systems. (Was in der medizinisch orientierten Psychiatrie oft vergessen wird, sollte auch benannt sein: das soziale System ist auch Umwelt für das biologische System!).

Die sozialen Systeme lassen sich Luhmann zufolge nochmals unterscheiden in Interaktionen, Organisationen und Gesellschaften. Interaktionen sind vor allem für den klinischen Praktiker interessant: hier treffen sich Personen mit Erwartungen, die zu nicht determinierbaren und damit auch nicht voraussagbaren Interaktionen ( „doppelte Kontingenz“) führen, bei denen dann Bedeutungen ausgehandelt werden, durch die Interaktionen zu Kommunikationen werden. Luhmanns Theorie entfernt das Subjekt als eigenständige Größe der Sinnsuche aus dem Feld der Kommunikationen, es geht nur noch um die gegenseitigen Adressierungen von Botschaften, nicht um den Adressaten selbst. Ludewig hat durch sein Konzept der Unterscheidung von Mensch und Mitglied versucht, noch ein wenig Individualität in der Luhmann´schen Sozialität zu retten. Ich bezweifle, ob ihm das gelungen ist, und er verweist selbst auf eine letztlich nicht gelöste Kontroverse darüber mit dem dies ebenfalls bezweifelnden Tom Levold (in der Zeitschrift „Kontext“ 39, Heft 2), in der es um die Frage geht, inwiefern der Mensch als Mitglied oder Person in Kommunikationen verstanden wird. Ich glaube, dass man sich viel mehr von der Luhmann´schen Gesamtkonstruktion von Kommunikation und sozialen bzw. physischen Systemen trennen muss, um wieder dem näher zu kommen, was früher in der Philosophie emphatisch als „Subjektivität“ bezeichnet wurde – ohne die Sozialität zu verlieren. Vielleicht kämen wir pragmatisch weiter, wenn wir uns wieder dem inzwischen so altmodisch klingenden Begriff der ökologischen Ganzheitlichkeit oder der ganzheitlichen Gestalt zuwenden würden.

Aber Ludewig versucht auf jeden Fall, der Vielschichtigkeit, Vielgesichtigkeit, Vielgeistigkeit („Polyphrenie“), dem situativ abrufbaren Facettenreichtum menschlichen Erlebens, Verhaltens, Kommunizierens im Kontext von Beziehungen (hier zitiert er Ernst v. Glasersfeld „zuerst muß man zu zweit sein“ – S. 43) gerecht zu werden; denn genau diese Perspektive braucht er, brauchen wir in der konkreten systemischen Praxis. Dieser Linie folgt er dann in seinen „klinischen Folgerungen“, die sich in die anderen Kapitel hinein erstrecken.

Das dritte Kapitel „Realitäten, Konstruktionen, klinische Theorie“ beginnt wieder mit einer biographischen Episode, durch die Ludewig verstehbar machen will, warum es ihn immer weiter trieb in seinem Erkenntnis- und Schaffensdrang, um uns dann genau mit dessen Ergebnissen zu konfrontieren. Er diskutiert die SystemikerInnen seit Beginn an beschäftigende Frage, ist das, was wir beobachten die „wirkliche Wirklichkeit“ (Watzlawick), oder ein situativ gewonnenes Konstrukt, das sich im weiteren Verlauf zu einer „Gewissheit“ verfestigt, die dann das weitere Erkennen und Verhalten leitet. Wir haben die Idee der Objektivität verabschiedet, Maturana spricht explizit von einer „Objektivität in Klammern“ und Ludewig hilft uns nochmals, diese Sicht zu begründen. Das gilt für unsere therapeutischen Wahrnehmungen genauso, wie für unsere Beschreibungen dessen, was als Problem bezeichnet wird (Goolishian sprach in diesem Zusammenhang von „problem determined systems“, in dem Sinne, dass Probleme soziale Systeme erst erzeugen und sich dadurch selbst erhalten). Auf jeden Fall gibt es Lebensprobleme, die nicht sozial verfestigt werden und solche, die zu professionellen Kommunikationen (Therapie u.ä.) führen. Hier ließe sich darüber diskutieren, ob es nicht in der allermeisten Fällen so ist, dass Lebensprobleme zwar sozial präsentiert werden, aber alltagskommunikativ und nicht im professionellen Kontext, und dass die Ergebnisse dieser Form von „coping“ der systemischen Wertschätzung von Ressourcen durchaus entgegenkommen. Ein anderes Problem ist die Sicht auf Diagnostik und diagnosegeleitete („störungsspezifische“) Interventionen: Brauchen wir sie, um professionell verantwortlich zu handeln – wie es die etablierte Psychotherapieforschung fordert, oder können wir uns auf die Haltung des „Nichtwissens“ (Goolishian) zurückziehen. Diese wäre vergleichbar der sokratischen Hebammenmethode: Durch stete Fragen an den sozialen Anderen soll er zu dem Wissen gelangen, das in ihm selbst schon angelegt ist. (Wobei Sokrates durchaus zu wissen glaubte, was dies ist, aber es den Schüler selbst entdecken ließ) Um diesem Dilemma zu entkommen hat Ludewig das Konzept der „Überlebensdiagnostik“ (S. 63) entwickelt, aber auch damit entkommt er ihm nicht. Vielleicht kämen wir hier weiter, wenn wir nicht nur die entweder-oder-Haltung aufgeben, sondern uns - theoretisch begründet – ein situatives Driften zwischen diesen Polen zu gestatten. Evtl. können wir dann situativ auf den Begriff der Krankheit verzichten, und mit dem der „Kränkung“ (Dörner et al. 2002) operieren. Wir wissen aber auch, dass für manche KlientInnen der Krankheitsstatus ihres Problems sehr wichtig ist, ja sogar hilfreich, um der postmodern verordneten, Schuld- und Schamgefühle induzierenden individuellen Verantwortung für alles und jedes zu entgehen. Wir folgen dann einer anderen Leitlinie als störungsspezifische Therapien: wir bleiben Helfer auf der Suche nach Sinn in Sinn-, Bedeutungs- und Funktionskrisen, wobei wir Sinn nicht formal-abstrakt wie Luhmann, sondern durchaus – wie in der Logotherapie Victor Frankls - existentiell-konkret fassen können. Mir ist bei der Lektüre aber nicht klar geworden, ob Ludewig so weit gehen würde, oder doch eher auf der Seite eines Sinnkonzeptes nach Luhmann bleibt, das Sinn als Ergebnis kommunikativer Reduktionen auf eine eigene Bedeutungsgebung formalisiert. Damit verzichtet man auf alle inhaltlichen Bestimmungen von Sinn, die über das Subjekt hinausweisen aber als nicht auflösbare Gegensätzlichkeiten dessen Teil bleiben (z.B. die Fragen von Leben und Tod, Liebe und Hass, Sozialität und Individualität, Spiritualität und Agnostik, Eros und Sexualität, Eros und Agape). Folgerichtig steuert Ludewig dann auf das Thema von Ethik und Moral zu, das, ausgehend von der Humanistischen Psychologie von Carl Rogers, inzwischen Thema jedes Therapieverfahrens ist.

Gibt es eine systemische Ethik? Ich meine, ja, wenn wir uns auf die Notwendigkeit und Wertschätzung diskursiver Multiperspektivität besinnen. Aber letztlich ist diese Antwort der therapeutischen Pragmatik geschuldet: Was ist in einem spezifischen Kontext hilfreich für unsere KlientInnen, was nicht. Das ist auch Ludewigs Position, aber er spitzt dieses Thema noch auf eine andere Frage zu: Ist Systemische Therapie ein Verfahren mit professioneller Verantwortung und kann sich damit den Anforderungen einer gesellschaftlichen Moral stellen? Seine Schlussfolgerung heißt „ja“, aber prüfen lassen muss sich dieses „ja“ indem man fragt, „ob eine systemisch orientierte klinische Theorie Handlungsmöglichkeiten vorschlägt, deren Befolgen moralisch (gesellschaftlich – W.R.) akzeptable Maßnahmen ermöglicht“. (S. 76 f.)

Damit sind wir beim vierten Kapitel angekommen, den „Entzerrungen“. In einem Frage-Antwort-Spiel, das in der Vorbereitung auf eine Tagung der ÖAS (Österreichische Arbeitsgemeinschaft für systemische Studien und systemische Therapie) entwickelt wurde, bringt uns Ludewig das Zentrum seines systemtherapeutischen Konzeptes nahe: es geht nicht primär um gute Methoden, Theorien, Konzepte, sondern um „die Haltung, Menschen in ihrer vielfältigen, polysystemischen Beschaffenheit hilfreich zu begleiten.“ (S. 84)Dafür sind Kooperation, Neugierde, Respekt, der persönliche Auftrag die entscheidenden Begriffe und nicht die Idee, dass durch Therapie gesellschaftliche Verbesserungen zu bewirken seien. Es reicht, für den Einzelnen und seine Bezugssystem hilfreich zu sein. Gesellschaftliche Veränderungen sind Sache anderer Funktionssysteme, z.B. der Politik, nicht die der Therapie, in der man sich auch auf die Haltung des „Nichtwissens“ zurückziehen kann – was sich kein Politiker in der Logik des politischen Systems erlauben könnte. Im weiteren Verlauf dieses Kapitel insistiert Ludewig auf bestimmte Aspekte der von ihm geforderten systemtherapeutischen Praxis: Überlebensdiagnostik als Erkundung von Lebenslagen und Ressourcen für Veränderungen; die Verknüpfung von Emotion, Kognition und Sprache; die biographische und mehrgenerationale Kontextualisierung von Problembeschreibungen und die punktuelle-situative Akzeptanz störungsspezifischer Methoden. Hier erweist sich Ludewig als ein jahrzehntelang geschulter Praktiker: Er weiß, dass jenseits aller Metatheorien und theoretischen Reflexionen in jeder therapeutischen Situation eine „viable“ Lösung, zumindest ein „viables“ coping erreicht werden sollte, das zunächst einmal zum Klienten passt, und nicht zur Theorie des Therapeuten. Was mir an dieser Stelle aber fehlt ist ein Diskurs zu der Frage, warum dennoch Theorien notwendig sind, um Handeln – manchmal auch gegen die eigene Theorie und das eigene Wissen – zu leiten und hilfreich werden zu lassen. Dass es so ist, daran lässt er keinen Zweifel, den sonst wären die ersten Kapitel überflüssig. Was mir sehr gefällt ist seine Infragestellung gängiger systemischer „Wahrheiten“ und Quasi-Dogmen (in einem Ansatz, der ja grundlegend in Frage stellt, dass es dies geben könne bzw. sollte): Ja, wir dürfen auch aktiv intervenieren, wir können die Haltung des Nichtwissens aufgeben, Erkenntnisse außerhalb des systemischen Ansatzes nutzen und kausal denken; man darf die Konstruktion von Schuld annehmen, wenn sie ein Anliegen der KlientInnen ist, ebenso wie die Krankheitsdefinitionen, und wir können auf Diagnosen verzichten, auch wenn dies in letzter Zeit auch für Systemiker oft gefordert wird, aber manchmal sind Diagnosen auch hilfreich (siehe S. 111). So lernen wir von Ludewig nochmals: Alles hat seine Zeit und seinen Kontext, nichts gilt immer und überall.

Im fünften Kapitel „Störungen und Lösungen“ rekapituliert Ludewig die methodischen Leitlinien für eine systemische Praxis und die darauf bezogenen Techniken wie Fragen, Imaginieren, Kommentieren, Erzählen usw. Hier ist mir die Systematik nicht ganz klar geworden – ist z.B. zirkuläres Fragen logisch auf derselben Ebene angesiedelt wie die Kategorie des Erzählens?

Besonders interessant finde ich den Exkurs über die systemische Psychiatrie, oder, wie es Ludewig nahelegt: die systemische Praxis in der Psychiatrie. Psychiatrie ist ein etabliertes gesellschaftliches Funktionssystem, ihre Strukturen und auch die Muster ihrer MitarbeiterInnen und PatientInnen sind manchmal nicht mit systemischen Perspektiven kompatibel. Wer hat nun recht: die Wirklichkeit oder die Theorie? Natürlich beide und beide nicht, aber ignorieren kann man z.B. nicht die Haltung von PatientInnen, dass nur Medikamente gegen ihre Krankheit helfen, die Haltung von MitarbeiterInnen, dass Fürsorge das oberste Prinzip psychiatrischer Therapie ist oder die Haltung der Klinikleitung, dass Sozialpsychiatrie eine extramurale Angelegenheit ist, die in der Akutpsychiatrie nichts zu suchen hat. Aber auch unsere Empörung darüber hat hier nichts zu suchen, denn sie ist als die dort konstruierte Realität erst einmal nicht schlechter als unsere, sondern nur anders. Insofern plädiert Ludewig für Multiperspektivität in der Psychiatrie, das Ernstnehmen der systemischen Kontextorientierung (was ist gerade jetzt adäquat, was nicht, was später, was in einem anderen Setting), und für eine Haltung des Fragens anstatt des Wissens. Gerade in psychiatrisch definierten Problemlagen wissen wir viel weniger als wir glauben, sind wir mit komplexen Mustern und institutionellen Strukturen konfrontiert, die einfache Lösungen, oder überhaupt Lösungen in Frage stellen. Ludewig definierte einen systemisch akzeptablen Ausgangspunkt: Es ist günstiger von „disorder“ als von „Krankheit“ zu sprechen, denn „disorder“ impliziert zunächst eine Unordnung und ist damit ein Beziehungsbegriff. Innere und äußere Beziehungen sind aus den Fugen geraten; ob das nun einen Krankheitswert hat oder nicht, ist weniger eine theoretisch relevante Frage als eine notwendige Definition für den Erhalt sozialrechtlich festgelegter Leistungen. Wichtig aber ist die kritische Distanz zu bestehenden psychiatrischen Praxen, und die daraus entstehende systemische Haltung, die den fundamentalen Widerspruch zwischen Individualität und Sozialität aushalten muss:

  • „die individuelle Autonomie des Menschen in dem Sinne, dass jeder Mensch berechtigterweise die Welt lebt, die er aufgrund seiner biopsychosozialen Möglichkeiten im Lebensprozess erzeugt, und
  • die unentrinnbare, existentielle Angewiesenheit des Menschen auf andere Menschen, also auf Kommunikation und Gemeinschaft, um überhaupt Mensch werden und sein zu können.“ (S. 131)

Und man darf trotzdem „kontrafaktische“ Visionen entwickeln: „Was wäre, wenn die Psychiatrie systemisch geworden wäre?“ (S. 132) Die Psychiatrie würde auf komplexere bio-psycho-soziale Denkmodelle zurückgreifen; sie würde ihre enge Bindung an die organische Medizin aufgeben; sie würde behutsamer mit Diagnosen umgehen und den Patienten als lernendes Wesen ernstnehmen; sie würde sich mehr Zeit zum Verstehen und Handeln lassen; und sie würde die PatientInnen als RepräsentantInnen persönlicher und sozialer Biographien betrachten, deren Umwelt für Veränderungen hinderlich aber auch hilfreich sein könnte.

Ist das eine systemische Vision oder eine, die ganz einfach das Subjekt und seine ökologische Einbindung in leibliche, soziale, sozial-räumliche, geographische, klimatische Umwelten ernst nimmt?

Im sechsten Kapitel „Anwendung“ weist Ludewig an Hand einer persönlichen Erfahrung als Therapie-Lernender noch während des Studiums (welch ein Privileg, das damals fast kein psychologisches Universitätsinstitut außer dem in Hamburg seinen Studierenden angeboten hat) nochmals darauf hin, dass es die primäre Aufgabe des Therapeuten ist, für einen guten therapeutischen Kontext zu sorgen. Was soll er dazu tun: Eine gute Beziehung herstellen; für Anregungen/Verstörungen sorgen; Anliegen und Auftrag klären und ernst nehmen; die schon bisherigen und im Therapieverlauf sichtbaren Leistungen/Lebensleistungen der KlientInnen würdigen und weiter fördern; eine „Triade von „Beruhigen, Externalisieren und Ausprobieren“ (S. 147) etablieren. „Beruhigen“ heißt, zunächst einmal den Problemdruck relativieren und entdramatisieren; „externalisieren“ heißt innere Bilder, Gedanken, Emotionen im „außen“ darstellen und damit greifbar und kontrollierbar zu machen – was sowohl in den Expositionsverfahren der modernen Verhaltenstherapie, als auch in der systemisch-narrativen Externalisierungsmethode von Michael White und David Epston praktiziert wird; „ausprobieren“ bezieht sich auf die systemische Grundhaltung des Experimentierens mit Beziehungen, Kontexten, Aufgaben – die Folgen entscheiden über die „Viabilität“, nicht die Vor-Annahmen bzw. Vor-Urteile. Und alles wird gerahmt durch die Ressourcenorientierung – „Erinnerungen, Fantasien, Erfindungen, Geschichten und andere emotionalkognitive Elemente, die mithilfe geeigneter Fragen und anderer Interventionen angeregt, generiert bzw. (re)konstruiert werden“. (S. 152)

Gern habe ich das Fallbeispiel hierzu gelesen – es macht deutlich, dass Therapeuten Veränderungen eher moderieren als erzeugen können.

Ludewig versucht dann die Differenz von Hilfe und Fürsorge in ein Modell zu fassen, das die vier Formen psychosozialer Hilfen – Anleitung, Beratung, Begleitung, Therapie an zwei Dimensionen koppelt: „mehr oder weniger Versorgung“ (Vertikale), „mehr oder weniger Angleichung der motivationalen Muster und Handlungsformen von Fachkraft und KlientIn“ (Horizontale). Diese Modell ist mir nicht ganz einsichtig, was damit zu tun haben mag, dass ich selbst sehr skeptisch bin gegenüber der Idee einer theoretisch eindeutigen Abgrenzung von Therapie und Beratung einerseits, sozialpädagogischer bzw. sozialarbeiterischer Begleitung, Anleitung und Informationsvermittlung andererseits. Diese Abgrenzungen sind immer nur auf den ersten Blick eindeutig und werden im weiteren Hilfeprozess zunehmend diffuser. Aber vielleicht sind sie dennoch hilfreiche Unterscheidungen, die uns zu immer wieder neuen Ortsbestimmungen im Beratungsprozess (als übergeordneter Kategorie) verhelfen. Ein letzter Exkurs in diesem Kapitel beschäftigt sich mit der Frage von Macht, Zwang und Gewalt. Dieses im systemischen Kontext immer breiter diskutierte Thema hätte mehr verdient als nur zwei Seiten. Aber wir wissen nun wenigstens, dass es ein wichtiges Thema ist und dass sich Macht, Gewalt und Zwang definieren lassen; aber: was heißt das für die tägliche Praxis von PsychiaterInnen, KrankenpflegerInnen, SozialarbeiterInnen, KinderschützerInnen, AltenpflegerInnen?

Das siebte Kapitel „Settings“ imponiert durch die ausführliche Beschäftigung mit einzelnen systemtherapeutischen Settings (Familien-, Paar-,Einzelsetting und die Übergänge zwischen ihnen); diese Abgrenzung scheint mir hilfreicher zu sein als die o.g. zwischen verschiedenen psychosozialen Hilfeformen. Wiederum gefreut habe ich mich über die Fallbeispiele in diesem Kapitel und gleichzeitig habe ich mir mehre solcher Fallbeispiele gewünscht, um an der reichen therapeutischen Erfahrung von Kurt Ludewig und seinen theoretisch gesättigten reflexiven Kompetenzen zu partizipieren. Eine spannende Frage stellt Ludewig im Zusammenhang mit dem Konzept der Identität: Sollten wir uns von der Idee der in sich geschlossen Identität (z.B. Erikson) trennen; wie plausibel ist dessen radikale Antithese in dem von Kenneth Gergen vertretenen Konzept der vielen Stimmen, die in einer spezifischen Situation das Handeln bestimmenden („polyvocality“); oder lässt sich Identität als Einheit von Differenzen (Jürgen Straub) verstehen? Letzteres ist eine Position die schon vor vielen Jahren in der „Frankfurter Schule“, und hier vor allem von Theodor W. Adorno vertreten wurde. (Man sieht, wie oft Altes nur in neuem Gewande daher kommt) Denn es ist ja von großer Wichtigkeit, wie wir praktisch mit Selbstaussagen unserer KlientInnen umgehen: Ist „Identitätsdiffusion“ eine Störung, eine Krankheit, eine situative Unordnung, eine momentane Verstörung, eine spirituelle Erfahrung des Subjekts in einem „higher state of consciousness“ – und wie gehen wir therapeutisch damit um?

Man sieht, es lassen sich noch viele theoretische Fragen stellen und über die in diesem Buch gegebenen Anregungen weiter diskutieren.

Das achte Kapitel „Rückblicke, Ausblicke“ ist als Abschluss gedacht – mit Hilfe eines Blicks von außen. Hierzu bedient sich Ludewig eines Interviews, das Günter Reich mit ihm geführt hat (und in der Ausgabe von Dezember 2009 des „Kontext“ veröffentlicht wurde) und eines „Briefs an die nächste Generation“, auf den ich schon zu Beginn der Rezension hingewiesen habe. Zum Abschluss formuliert er seine Zukunftsfrage an die systemische Therapie, die er den heutigen SystemikerInnen mitgibt: “ …, entweder den bisher eingeschlagenen Weg einer emanzipatorischen Abkehr von der ‚Versuchung der Gewissheit‘ fortzuführen (Maturana und Varela 1987) oder der anpasserischen Anbindung am Üblichen zu verfallen und sich auf ein Mehr-vom-Selben zu beschränken. Im ersten Fall ginge es um die Weiterentwicklung einer Therapieform, die sich das wissenschaftliche Denken des XXI. Jahrhunderts zum Programm gemacht hat und sich erlaubt, heilige Kühe zu schlachten oder, weniger dramatisch gesagt, nicht mehr zu füttern. Im zweiten Fall könnte die systemische Therapie mit der Verhaltenstherapie oder einer anderen Therapieschule fusionieren und bestenfalls diese um die interaktionelle Dimension ergänzen. Dann wäre sie ganz und gar im gesicherten Bereich des allseits anerkannten.“ (S. 234)

Allerdings wirkt das letzte Kapitel auf mich eher wie ein Fremdkörper, weil er nicht in den Worten des Autors aus dem bisherigen Gang seiner Überlegungen entwickelt wurde. Ich hätte es besser gefunden, wenn der Autor statt der beiden in sich geschlossenen und für einen anderen Kontext geschriebenen Texte seine in den vorhergehenden sieben Kapiteln formulierten Gedanken differenzierter bilanziert hätte, als er das auf anderthalb Seiten am Ende des Buches getan hat.

Diskussion und Fazit

Ludewig ruft zur kritischen Reflexion systemischer Theorie und Praxis auf. Diesem Interesse kann ich ganz und gar zustimmen. Sie wird über 234 Seiten theoretisch unterlegt – durch die Beschreibung von Konzepten, Kommentare, biographische Episoden, die Darstellung theoretischer Modelle, praktischer Formen des professionellen systemischen Denkens und Handelns. Es ist kein Lehrbuch – dessen Status Ludewig durchaus kritisch sieht, sondern ein assoziativer Streifzug durch den reichen, blühenden Garten eines Wegbereiters der systemischen Theorie/Praxis im deutschsprachigen und europäischen Raum. Besonders hat mir an dem Autor immer imponiert, dass er nicht nur ein kreatives und belesenes Mitglied des theoretischen Diskurses war und ist, sondern auch ein mit allen systemischen Wassern gewaschener Praktiker, der seine Konzepte in der fruchtbaren Kooperation beider Bereiche entwickelte. Vieles bleibt auf diesem Spaziergang ein kurzes Innehalten vor einer besonders schönen Blume, einem beeindruckenden Schmetterling, einer gegen Wind und Wetter gefeiten Steingartenpflanze und bedarf weiterer Spaziergänge und differenzierter Gespräche in der Gartenlaube. Aber das, was fehlt, ist auch genau der Verdienst seines Buches: Es verleitet zum Weiterdenken, Weiterfragen, experimentieren und auch zur eigenen Verstörung – wenn man sich auf „Entzerrungen“ einlässt. Und man kann viel lernen: Wissenswertes über die Geschichte und den gegenwärtigen Stand des Systemischen, seine Pioniere und Ideengeber. Deshalb ist es ein lesenswertes Buch, das keine Gewissheiten verbreitet, sondern Anregungen für die Autopoiese des eigenen Gehirns gibt.

Bibliographie

  • Dörner, K. et al. (2002): Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie. Bonn (Psychiatrie-Verlag)
  • Levold, T. (2008): Person oder Mitgliedschaft – Zur Konzeptualisierung des Gegenüber in der systemischen Therapie. Kontext 39 (2), S. 127-142
  • Ludewig, K. (1992): Systemische Therapie. Grundlagen klinischer Theorie und Praxis. Stuttgart (Klett-Cotta)
  • Ludewig, K. (2002): Leitmotive systemischer Therapie. Stuttgart (Klett-Cotta)
  • Ludewig, K. (2005): Einführung in die theoretischen Grundlagen der systemischen Therapie. Heidelberg (Carl Auer)
  • Ludewig, K. et al. (1983): Entwicklung eines Verfahrens zur Darstellung von Familienbeziehungen: Das Familienbrett. Familiendynamik 8 (3), S. 235-251
  • Schweitzer, J. u. v. Schlippe, A. (2006): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung II. Das störungsspezifische Wissen. Göttingen (Vandenhoeck u. Ruprecht)

Rezension von
Prof. Dr. Wolf Ritscher
Dr. phil., M.A., Dipl. Psych., Prof. em. an der Hochschule für Sozialwesen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege mit Schwerpunkt klinische Psychologie, systemische Soziale Arbeit und Familienberatung, „Erziehung nach Auschwitz“. Systemischer Therapeut und Familientherapeut, Lehrtherapeut (DGSF) und Supervisor, Mitherausgeber des „Kontext“, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Carl Auer Verlages und von FoBis Holzgerlingen. Autor zahlreicher Fachveröffentlichungen


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Zitiervorschlag
Wolf Ritscher. Rezension vom 25.09.2014 zu: Kurt Ludewig: Entwicklungen systemischer Therapie. Einblicke, Entzerrungen, Ausblicke. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2013. ISBN 978-3-8497-0008-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17578.php, Datum des Zugriffs 20.10.2021.


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