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Kaspar Geiser: Problem- und Ressourcenanalyse in der Sozialen Arbeit

Rezensiert von Dipl. Soz.-Arb. Annegret Sirringhaus-Bünder, 23.11.2004

Cover Kaspar Geiser: Problem- und Ressourcenanalyse in der Sozialen Arbeit ISBN 978-3-7841-1895-6

Kaspar Geiser: Problem- und Ressourcenanalyse in der Sozialen Arbeit. Eine Einführung in die Systemische Denkfigur und ihre Anwendung. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2009. 4. überarbeitete Auflage. 399 Seiten. ISBN 978-3-7841-1895-6. 32,60 EUR.CH: 49,00 sFr.

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Das Thema

Kaspar Geiser fasst, wie er im Vorwort seines Buches beschreibt, seine "im Laufe der vergangenen Jahre gesammelte(n) Erfahrungen in der Vermittlung, Weiterentwicklung und Anwendung der nach Silvia Staub-Bernasconi so genannten 'Prozessual-systemischen Denkfigur' zusammen" (S. 17).

Der Autor

Kaspar Geiser ist Prof. FHZ, diplomierter Sozialarbeiter HFS und Dozent an der Hochschule für Soziale Arbeit Zürich. Seine Lehrbereiche sind Problem- und Ressourcenanalyse sozialer Probleme, Professionalisierung und die Integration von Theorie und Handeln (u.a. allgemeine Handlungstheorie).

Aufbau und Inhalt

In acht Kapiteln befasst sich der Autor mit der theoretischen Begründung, der Entwicklung, Struktur und praktischen Anwendung der Systemischen Denkfigur(SDF) als "ein kognitives und praktisches Instrument zur Bewältigung professioneller Aufgaben als Sozialarbeiterin oder Sozialpädagogin" (S. 25). Er formuliert: "Das vorliegende Analyseinstrument erhebt in der Tat den Anspruch, eine mit seiner Hilfe erstellte Analyse ergebe ein 'umfassendes' Bild, auch über eine komplexe Lebenssituation" (S. 31).

  • In Kapitel A gibt der Autor eine ausführliche Einführung, in der er den fachlichen Anlass zur Herausgabe des Buches beschreibt, eine Definition und erste Skizze der SDF vornimmt, die wichtigsten Änderungen zur 1. Auflage benennt und eine Übersicht über die Inhalte der folgenden Kapitel gibt.
  • Kapitel B ist der Praxis, Theorie und dem Modell Sozialer Arbeit gewidmet. Hier umreißt der Autor in unglaublich geraffter und konzentrierter Form die Praxis sozialer Arbeit, das "Systemtheoretische Paradigma Sozialer Arbeit" (SPSA) als umfassenden Rahmen für eine Theorie Sozialer Arbeit und Handlungswissenschaft, den Gegenstand Sozialer Arbeit, eine allgemeine normative Handlungstheorie als Grundlage rationalen Handelns, ein Modell sozialer Arbeit mit sozialen Problemen als Leitidee, Soziale Arbeit als eine komplexe Aktivität, den Weg von Metatheorien über Objekttheorien zur Systemischen Denkfigur und die Folgerungen für die professionelle Analyse.
  • In Kapitel C beschreibt der Autor detailliert die Technik der Analyse des Individuums mit Hilfe der SDF. Dabei geht es um die biologische und soziale Ausstattung, die Art der Informationsaufnahme und -verarbeitung, die Ausstattung mit Kompetenzen und Wissen sowie dem Potenzial für horizontale und vertikale Beziehungen, dem Erkennen/Erleben bzw. Modell und sichtbaren Aktivitäten, usw. und den Interdependenz dieser Faktoren.
  • Im Kapitel D geht es darum, soziale Beziehungen besser zu verstehen. Der Autor behandelt hier den Zusammenhang zwischen Individuen, sozialen Systemen bzw. sozialen Beziehungen und Sozialer Arbeit, zwischen Struktur, Kultur und Prozessen sozialer Systeme, ebenso wie die Voraussetzungen, den Verlauf, die Neuorganisation und Auflösung von Beziehungen.
  • In Kapitel E geht es um Austauschbeziehungen in idealtypisch horizontal strukturierten sozialen Systemen, um Begriffe, wie Gegenseitigkeit, Gleichwertigkeit, Symmetrie, Soziabilität und Attraktivität und den Austausch als Abbildung horizontaler Interaktionen.
  • Kapital F beschreibt Machtbeziehungen als idealtypisch vertikal strukturierte soziale Systeme. Die individuelle Perspektive von Macht wird ergänzt von Macht als gesellschaftliche Perspektive.
  • In Kapitel G zeigt der Autor den Prozess der Bewertung von Fakten als Probleme und Ressourcen auf. Er grenzt Werte' soziale Probleme und Ressourcen voneinander ab, unterscheidet Werte von Wertproblemen, bestimmt Probleme und Ressourcen einschließlich ihrer Begründung und bringt eine zusammenfassende Analyse eines Fallbeispieles.
  • Im Anwendungsteil, Kapitel H illustriert der Autor den Nutzen der Systemischen Denkfigur in 8 methodischen Schritten. Er gibt Hinweise zur Anwendung der SDF als Situationsanalyse mit einer/m Einzelklienten/in, in Bezug auf horizontal oder vertikal strukturierte Beziehungen, mit einer Familie oder Gruppe, im Rahmen der Gemeinwesen- oder Projektarbeit, im Rahmen von Fallbesprechungen im Team und in der Supervision.

Den Schluss des Buches bilden ein ausführlicher Anhang mit einem Verzeichnis aller Abbildungen und Tabellen, ein ausführliches Literatur- und Sachregister, sowie eine Beilage mit der Gesamtübersicht zur systemischen Denkfigur.

Zielgruppen

In erster Linie Studierende der Sozialarbeit und Sozialpädagogik, Teilnehmerinnen und Teilnehmer in systemischen Weiterbildungen, Praktiker und Praktikerinnen, die einiges an Zeit und Energie investieren möchten, um sich in die Anwendung dieses Instruments zur Analyse komplexer Fallsituationen einzuarbeiten.

Gesamteindruck

Das Anliegen von Kasper Geiser ist, die Fülle von bisher fragmentiert und additiv vermittelten Erklärungs- und Handlungstheorien zu einem integrativen sozialarbeiterischen Hintergrundwissen zu verknüpfen. Damit leistet er ohne Zweifel einen wesentlichen Beitrag zur Professionalisierung von Sozialarbeit. Seine theoretischen Darstellungen sind hoch konzentriert und setzen Detailkenntnisse der verschieden Theorien voraus.

Das Buch ist als Lehrbuch didaktisch gut aufgebaut, sehr übersichtlich gegliedert und optisch ansprechend gestaltet (Fußnoten jeweils am Rand, anschauliche Diagramme, usw.). Ein ausführlicher Anhang bietet nicht nur "Informative Ergänzungen" zu wesentlichen Begriffen, sondern auch Arbeitsmittel und Formulare, ein detailliertes Glossar, ein Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen und ein ausführliches Literaturverzeichnis. Alles gemeinsam erleichtert die Arbeit mit diesem Buch.

Das Buch wird mit Vergnügen von all denjenigen genutzt werden, die gerne logisch-abstrakt denken, stark strukturiert und gleichzeitig sehr detailliert arbeiten. Es ist harte Kost für alle, die eher analog, assoziativ und intuitiv denken und handeln.

Kaspar Geiser bietet mit seiner Weiterentwicklung der systemischen Denkfigur zweifelsohne ein klar durchstrukturiertes Schema zum Erfassen und Ordnen der Fülle von Informationen, die bei der Untersuchung eines 'Falles' in der Sozialarbeit anfallen. Wer das Buch durcharbeitet und beginnen möchte, die Systemische Denkfigur als Analyseinstrument zu nutzen, sollte sich darauf einstellen, viel Zeit zu benötigen - etwas, was bei den hochverdichteten Arbeitsprozessen in vielen Arbeitsbereichen der Sozialarbeit heute nur noch selten gewährt wird. Eine Verständigung auf eine einheitliche, mit der SDF verbundene Begrifflichkeit ist eine Chance, setzt aber voraus, dass es gelingt, tatsächlich alle Mitarbeiter/innen einer Abteilung, Institution oder auch nur alle, die mit einem Fall befasst sind, zur Nutzung dieses Verfahrens zu animieren.

Bei der möglichen Begeisterung, endlich eine Instrument in der Hand zu haben, mit dem man alle Informationen erfassen, strukturieren und festhalten kann, können aus meiner Sicht vier Irrtümer unterlaufen:

  1. Dass es möglich wäre, vor einer Intervention alle relevanten Informationen zu erfassen,
  2. Dass es möglich wäre, immer den Überblick über die gesamte Fülle von Daten und Fakten zu halten,
  3. dass Informationen sammeln und Intervention zwei getrennte Vorgehensweisen seien
  4. und dass alle das gleiche meinen, wenn sie die gleichen Begriffe benutzen.

Mir fehlen in diesem Buch vier zentrale systemische Merkmale:

  1. die Bedeutung von fortschreitender Informationsgewinnung im Prozess,
  2. das Bewusstsein, dass Informationsgewinnung bereits Intervention ist,
  3. die Bedeutung einer Haltung des 'Nicht-Wissens' als Respekt vor Personen und der Freiheit zur Respektlosigkeit gegenüber Problemen und
  4. dass auch einheitlich genutzte Begriffe auf ihren jeweils konkreten Sinn- und Bedeutungsgehalt geprüft werden sollten.

Rezension von
Dipl. Soz.-Arb. Annegret Sirringhaus-Bünder
Dpl. Sozialarbeiterin, Supervisorin (DGSF), Lehrende für systemische Beratung und –Therapie (DGSF), MarteMeo-Licensed Supervisor, freie Praxis für Fort- und Weiterbildung, Supervision und Coaching, Einzel-, Paar-, und Familienberatung in Brühl /Rhld.
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Anmerkung der Redaktion: Die Rezension basiert auf der. 2., aktualisierten und überarbeiteten Auflage von 2004.


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ISSN 2190-9245