Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Ursula Eva Wiese: Pflegerecht

Rezensiert von Prof. Dr. Peter Kostorz, 09.12.2014

Cover Ursula Eva Wiese: Pflegerecht ISBN 978-3-8006-4652-4

Ursula Eva Wiese: Pflegerecht. Grundlagen, Fälle, Praxis. Verlag Franz Vahlen GmbH (München) 2014. 346 Seiten. ISBN 978-3-8006-4652-4. 29,80 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Allen Prognosen zufolge wird die Bedeutung der Pflege in der Gesellschaft und in der öffentlichen Diskussion in den kommenden Jahren weiter zunehmen – zum einen wegen des demographischen Wandels, der zu einem Mehr an Pflegebedürftigen und damit auch zu einem wachsenden Bedarf an Pflegeleistungen führen wird, zum anderen wegen des sich wandelnden Selbstverständnisses der Pflegekräfte, die die Pflege völlig zu Recht immer mehr als eigenständige Profession begreifen und deshalb bestrebt sind, sich von der Medizin zu emanzipieren und nicht mehr als Angehörige eines der Ärzteschaft untergeordneten Heilhilfsberufs wahrgenommen zu werden. Es ist daher wichtig, diese Entwicklung auch juristisch nachzuzeichnen und das Pflegerecht als eigenständiges Rechtsgebiet neben dem Arzt- und Medizinrecht zu etablieren. Dieser Aufgabe stellt sich Ursula Eva Wiese, die als Professorin an der Hochschule Osnabrück das Lehrgebiet Wirtschaftsprivatrecht, Arbeits- und Sozialrecht sowie Medizin- und Pflegerecht vertritt, mit ihrem Lehrbuch „Pflegerecht – Grundlagen, Fälle, Praxis“. Sie bedient damit ein Querschnittsrechtsgebiet, das ebenso öffentlich-rechtliche Fragen des Berufsrechts wie zivil- und strafrechtliche Aspekte des Haftungsrechts und sozialversicherungsrechtliche Maßgaben zur Leistungsgewährung und -erbringung integriert. Die Konturen eines solchen Rechtsgebietes zu schärfen, ist aufgrund seiner Vielschichtigkeit eine besondere Herausforderung. Die Autorin hat sie nicht nur angenommen, sondern – so viel kann resümierend vorweggenommen werden – auch hervorragend gemeistert: bereits die Erstauflage Ihres Buches kann als großer Wurf bezeichnet werden; Folgeauflagen können nur an wenigen Stellen und/oder im Detail (noch) besser werden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch widmet sich der gesamten Bandbreite des Pflegerechts bzw. des Rechts in der Pflege. Der erste Teil stellt zunächst das bestehende Berufsrecht der Pflege dar und geht dabei auch auf die in der Diskussion befindlichen Reformansätzen zur Abgrenzung ärztlicher und pflegerischer Tätigkeiten ein. In den folgenden drei Teilen werden die zivilrechtlichen Rahmenbedingungen der Patientenversorgung und die in der Pflege bestehenden vertraglichen Beziehungen zwischen Leistungserbringern und Leistungsbeziehern beleuchtet. Die Teile fünf bis acht sind dann der zivil- und strafrechtlichen Haftung in Medizin und Pflege gewidmet. Fragen der Arbeitsteilung zwischen ärztlichem und pflegerischem Personal werden im neunten Teil des Buches aufgegriffen. Die Teile zehn bis elf sind den sozialversicherungsrechtlichen Implikationen der Pflege gewidmet und beziehen sich vor allem auf das Leistungs- und das Leistungserbringungsrecht nach dem SGB V und dem SGB XI. Im abschließenden zwölften Teil befasst sich die Autorin mit den berufsrechtlichen Regelungen zur Zulassung zur Leistungserbringung nach dem Sozialversicherungsrecht. Das ausführliche Inhaltsverzeichnis kann auf der Homepage des Verlages Vahlen eingesehen werden (www.vahlen.de/productview.aspx?product=12183482).

Diskussion

Das Buch ist in der Reihe „Vahlens Lernbücher“ erschienen. Als klassisches Lehrbuch muss es daher zwei Prüfungen bestehen: eine fachlich-inhaltliche und eine didaktisch-gestalterische. Beide Prüfungen besteht es mit der Note „sehr gut“.

In inhaltlicher Hinsicht deckt das Buch von Ursula Eva Wiese das gesamte Spektrum des Pflegerechts ab. Dabei schafft die Autorin den Spagat aus thematischer Breite und inhaltlicher Tiefe: Sie stellt das Rechtsgebiet in seinem Querschnitt umfassend dar, ohne sich in juristischen Details zu verlieren, die die Adressaten des Buches (hierbei handelt es sich vornehmlich Nicht-Juristen; s.u.) überfordern und/oder langweilen würden – hierfür gibt es weiterführende Literatur, Gesetzeskommentare und Gerichtsurteile, auf die die Autorin in ausreichender Weise verweist. Kritik sei nur in zweierlei Hinsicht erlaubt: zum einen werden die Rechtsinstitute der Betreuung und der Patientenverfügung verhältnismäßig stiefmütterlich behandelt, zum anderen beschränkt sich die Darstellung der Haftung für Behandlungs- bzw. Pflegefehler auf den zivilrechtlichen Bereich und lässt die strafrechtliche Verantwortung für entsprechende Fehlleistungen gänzlich außer Acht – hier könnte in einer Folgeauflage nachgebessert werden. Uneingeschränkt positiv hervorzuheben sind indes die aktuellen rechtspolitischen Diskussionen, die Ursula Eva Wiese an den geeigneten Stellen in Ihre Ausführungen einfließen lässt; als Beispiel sei neben dem bereits erwähnten Exkurs zu den Reformdiskussionen um die Abgrenzung von ärztlichen und pflegerischen Aufgaben bzw. Tätigkeiten (S. 12 ff.) etwa die Ausführungen zur Frage der Lockerung des Arztvorbehalts bei der Patientenaufklärung (S. 32 f.).

Die von Ursula Eva Wiese dargebotenen Inhalte werden auch didaktisch hervorragend aufbereitet. Der Duktus bleibt bei aller Genauigkeit der Sprache adressatengerecht und erleichtert die Einarbeitung in die oftmals als „trocken“ verschriene Materie des rechtlichen Rahmens pflegerischen Handelns; Fettdruck und Aufzählung erleichtern die Orientierung und das Verständnis. Lobend hervorzuheben sind auch die vielen berufsrelevante Fallbeispiele, die dazu dienen, die juristischen Probleme des Pflegealltags zu veranschaulichen und praxisnah einer Lösung zuzuführen, sowie die insgesamt 23 einprägsam gestalteten Übersichten – gerade diese Art der Darstellung rechtlicher Inhalte rekurriert auf zeitgemäße Erkenntnisse der Rechtsdidaktik, die induktive und visualisierende Vorgehensweisen bei der Vermittlung rechtlicher Inhalte in den Vordergrund stellen. Besonders nutzerfreundlich ist auch das Sachverzeichnis am Ende des Buches, das an einigen Stellen allerdings noch etwas ausführlicher hätte ausfallen können: So findet sich beispielsweise der Begriff des Verrichtungsgehilfen, nicht jedoch der des Erfüllungsgehilfen, der im Rahmen der vertraglichen Haftung gleichwohl thematisiert wird.

Zielgruppe

„Das vorliegende Buch soll für die professionelle Praxis der Pflege – also den Pflegekräften, den Verantwortlichen in der Pflege und solchen Personen, die auf dem Weg dazu sind – Aneignungsoptionen und Orientierungshilfen bieten, sich sowohl fundiertes Wissen zu elementaren Rechtsfragen der professionellen Pflege zu verschaffen als auch im Sinne der rechtlichen Vorgaben zu handeln“ (S. V). Es richtet sich damit vornehmlich an Studierende und Praktikerinnen bzw. Praktiker im Bereich des Pflege- und Gesundheitswesens, die sich mit Hilfe des Buches aufgrund seiner Praxisorientierung und seiner Anschaulichkeit sehr gut in das Pflegerecht einarbeiten können. Da es dieses Rechtsgebiet aber auch sehr kompakt darstellt, dürfte es auch für diejenigen von Interesse sein, die es mit entsprechenden Vorkenntnissen als Nachschlagewerk nutzen möchten – insofern ist es auch eine gelungene Lektüre für Juristinnen und Juristen, die sich Kenntnisse im Pflegerecht verschaffen möchten.

Fazit

Ursula Eva Wiese gelingt es mit ihrem Lehrbuch zum Pflegerecht in vorzüglicher Weise, die Konturen dieses noch jungen Rechtsgebietes zu schärfen. Sie legt eine kompakte Darstellung aller Rechtsfragen zum Berufsfeld Pflege vor, die auch hohen didaktischen Ansprüchen genügt, und hat damit im Grunde schon mit der Erstauflage ein Standardwerk geschaffen. Das Buch sollte Pflichtlektüre aller Studierenden im Bereich Pflege sein und in keinem Bücherregal von Entscheidungsträgern im Pflegesektor fehlen!

Rezension von
Prof. Dr. Peter Kostorz
Fachhochschule Münster, Fachbereich Gesundheit. Lehr- und Forschungsgebiet: Rechtswissenschaften mit den Schwerpunkten Gesundheitsrecht und Bildungsrecht
Website
Mailformular

Es gibt 32 Rezensionen von Peter Kostorz.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245