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Ursula Immenschuh, Stephan Marks: Scham und Würde in der Pflege

Cover Ursula Immenschuh, Stephan Marks: Scham und Würde in der Pflege. Ein Ratgeber. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2014. 128 Seiten. ISBN 978-3-86321-177-6. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Thema

Wie im Titel ausgewiesen, wird im Rahmen des Ratgebers das Phänomen Scham in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung gestellt. Darüber hinaus wird der Zusammenhang von Scham und Würde thematisiert, wobei der Bezug zur Berufsgruppe Pflege, aber auch zu Pflege im Laienkontext die Ausführungen durchzieht.

Autorin und Autor

Die Verbindung zum Handlungsfeld Pflege wird authentisch und lebendig, indem Ursula Immenschuh, heute Professorin für Pflegepädagogik und Pflegewissenschaft an der Katholischen Hochschule Freiburg, ihre langjährige pflegepraktische Berufserfahrung einfließen läßt. Stephan Marks, unter anderem Sozialwissenschaftler und Supervisor sowie Fortbildner, befasst sich mit Scham in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Kontexten, insbesondere auch im Hinblick auf den Nationalsozialismus. Durch die verschiedenen Blickwinkel entsteht ein breiter Zugang zur komplexen Thematik. Anschauliche Beispiele aus theoretischen und praktischen Diskursen kennzeichnen den Beitrag.

Entstehungshintergrund

Anlässe, sich mit den Phänomenen Scham und Würde in der Pflege auseinanderzusetzen, sind vielfältig. Die Verfassenden weisen im Vorwort vor allem auf den Tabucharakter von Scham hin, der mithilfe des Buchs dahingehend beeinflusst werden soll, daß ein reflektierter, verstehender Umgang ermöglicht wird (vgl. Immenschuh, Marks 2014, S. 8). In dieser Absicht richtet sich der Ratgeber dezidiert nicht nur an professionell Pflegende, sondern auch an pflegende Angehörige und weitere pflegehelfende Personen. Angesichts der gegenwärtig im Handlungsfeld vorherrschenden Gemengelage, die von einer Vielfalt unterschiedlicher versorgender wie zu versorgender Personengruppen gekennzeichnet ist, ist dieses Bemühen um eine breite Adressat_innenschaft hervorzuheben.

Aufbau

Der Beitrag besteht nicht aus durchnummerierten Kapiteln im Sinne einer klassischen Gliederung. Vielmehr bilden gemäß des Ratgebercharakters praxisnah formulierte Überschriften eine Grobstruktur. Dabei wird der erste Themenkomplex mit „Scham- das tabuisierte Gefühl“ überschrieben, woraufhin im zweiten die Frage gestellt wird: „Wie zeigen sich Schamgefühle?“. Drittens findet eine Auseinandersetzung mit Auslösern von Scham, aber auch mit ihren positiven Funktionen statt. Zudem wird konkret auf „Scham und Würde der Pflegenden“, „Scham und Würde in der Pflegebeziehung“ und „Die Rahmenbedingungen von Pflege“ eingegangen. Die Themenkomplexe schließen größtenteils mit einer Zusammenfassung („Das Wichtigste auf einen Blick“). Gegen Ende des Ratgebers wird auf Möglichkeiten zur „Gestaltung eines würdigen Pflegeklimas“ hingewiesen.

Inhalt

Der thematische Diskurs, der im Buch eröffnet wird, ist wie erwähnt breit. Zunächst wird sich dem Schambegriff grundlegend angenähert. Dabei wird Scham insbesondere auch als „Wächterin der Würde“ (Wurmser 1997, S. 74 in Immenschuh, Marks 2014, S. 12) thematisiert. Zudem wird eine Unterscheidung hinsichtlich gesunder und traumatischer Scham getroffen (19). Zur zweiten Frage (siehe oben) werden von neurowissenschaftlichen (23, 24) Aspekten über die Grenze von Scham zu Gewalt (27) hin zum Phänomen Depression und dessen Zusammenhang mit Scham (30) eine breite Palette themenrelevanter Sachverhalte komprimiert dargestellt. Es wird auf Warnsignale im Pflegeteam hingewiesen (34), welche auf mangelnde Anerkennung eigener Scham- und Ekelgefühle hinweisen können. Der dritte Themenblock stellt die Frage nach Auslösern von Scham (37). Hier werden unterschiedliche Ursachen wie Missachtung (37), Grenzverletzungen (43), Ausgrenzung (46), aber auch die Verletzung eigener Werte (52) ins Feld geführt.

Im Anschluss kommt der zweite Begriff des Buchtitels, die Würde, ins Spiel (56), die im Bild eines Mobiles veranschaulicht und mit dem Ausbalancieren von vier Grundbedürfnissen (nach Anerkennung, Schutz, Zugehörigkeit und Integrität) in Verbindung gebracht wird (56). Diese ziehen sich fortfolgend durch die Ausführungen wie ein roter Faden. Auf das Dilemma hinsichtlich konkurrierender und sich widersprechender Bedürfnisse wird anhand konkreter Praxissituationen eingegangen (56, 57), bis schließlich vier Aspekte von Menschenwürde mit Scham in Bezug gesetzt werden (59).

Besonders hervorzuheben scheint der folgende Teil, der sich mit positiven Seiten der Scham als Lernchance oder Tür (Haarmann) befasst (62). In erneuter gedanklicher Aufnahme der zuvor genannten Grundbedürfnisse wird ein Gedankenspiel mit einer Pflegeszene (63) gemacht, das die komplexen Sachverhalte mit Leben füllt. Dieses Kapitel leitet in den Umgang mit Scham und Würde in Medizin und Pflege über (72) und betont erneut, dass Scham und Ekel menschlich seien und ihre Leugnung verhängnisvoll (72). Es gehe demnach nicht darum, diese Gefühle wegzudiskutieren. Das Buch adressiert diesbezüglich wie erwähnt auch Besonderheiten, die in der Pflege Angehöriger bestehen (76).

Zum Aspekt unterschiedlicher (Pflege-) Konstellationen und Akteur_innen werden Hintergrundtheorien und -konzepte wie Rollenhandeln (86) „undoing shame“ (Heimerl 2006 in Immenschuh, Marks 2014, S. 87) oder „De-Personalisierung“ (Hensslin, Biggs 1993 in Immenschuh, Marks 2014, S. 88) herangezogen. Anschließend werden Anregungen gegeben, wie eine menschenwürdige Pflegebeziehung gelingen kann (94- 99). Auch wird kritisch auf die Restriktionen hingewiesen, denen Pflegende derzeit durch Rahmenbedingungen ausgesetzt sind (100).

Zeitmangel, und ökonomischer Druck (101) sind groß und beeinflussen das Ausmaß, in dem Bedürfnisse Pflegender und zu Pflegender respektiert werden (100- 107). Daher sind die letzten Seiten insbesondere Hinweisen gewidmet, welche Veränderungsbedarfe bezüglich eines angemessenen Umgangs mit Scham und Würde bestehen.

Abschließend betonen Immenschuh und Marks ausdrücklich, dass sich ein würdevoller Umgang mit Menschen in vielen scheinbaren Kleinigkeiten (108) ausdrückt. Die an dieser Stelle lebenswelt- und alltagsnah gewählten Beispiele lassen erneut Nähe zum Praxisfeld erkennen. Dass das Buch insgesamt einen „weiten Bogen gespannt“ (Immenschuh, Marks 2014, S. 109) hat, wird von beiden selbst festgestellt- Scham ist nicht weniger als „unverzichtbarer Bestandteil des Menschenseins“ (110).

Diskussion

Das Buch setzt sich aus vielen Perspektiven, aufbauend auf zahlreiche Hintergrundtheorien mit Scham und Würde auseinander. Dabei wird ein roter Faden erkennbar, der auf bedürfnistheoretischen Annahmen zu beruhen scheint. Zentral sind dahingehend die genannten vier Grundbedürfnisse, welche mit der anzustrebenden Balance des Würdemobiles (56) untrennbar zusammenhängen. Der Sprache des Buches gelingt es, einen lebensweltnahen Zugang zum Thema zu vermitteln, der dadurch auch sogenannten Laien und Praktiker_innen ermöglicht wird. Dabei wird bei aller Praxisnähe nicht auf theoretische Untermauerungen verzichtet. Wie bedeutsam es scheint, Scham und Würde in der Pflege häufiger und gründlicher zu thematisieren als bislang, geht aus dem Buch als Botschaft klar hervor. Es kann freilich in einem Ratgeber unmöglich gelingen, die Tragweite der Thematik voll aufzumachen. Dies scheint auch nicht Absicht der Verfassenden zu sein. Während der Schambegriff eine ausführliche Auseinandersetzung erfährt, kommt der Würdebegriff nach Ansicht der Rezensentin etwas kurz.

Fazit

Das Buch kann zweifellos nicht nur als wichtige Grundlage für Seminare oder Unterrichtsgestaltung dienen, sondern jeder und jedem empfohlen werden, der/ die mit pflegerischem Handeln befasst ist und Pflege gestaltet.


Rezensentin
Viola Straubenmüller
Pflegewissenschaft M.A., Pflegepädagogik B.A.
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Zitiervorschlag
Viola Straubenmüller. Rezension vom 03.12.2014 zu: Ursula Immenschuh, Stephan Marks: Scham und Würde in der Pflege. Ein Ratgeber. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2014. ISBN 978-3-86321-177-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17597.php, Datum des Zugriffs 23.07.2017.


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