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Michael Nehls: Die Alzheimer-Lüge

Rezensiert von Dipl.-Pädagogin Bettina Wichers, 27.03.2015

Cover Michael Nehls: Die Alzheimer-Lüge ISBN 978-3-453-20069-2

Michael Nehls: Die Alzheimer-Lüge. Die Wahrheit über eine vermeidbare Krankheit. Heyne Verlag (München) 2014. 384 Seiten. ISBN 978-3-453-20069-2. D: 16,99 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 24,50 sFr.
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Thema

Der Autor diskutiert die Frage, ob Alzheimer ein unvermeidliches oder doch ein vermeidbares Schicksal ist, anhand einer ausführlichen, kritischen Auseinandersetzung mit der aktuellen Alzheimer- bzw. Demenzforschung. Er setzt gegen den aktuellen Mainstream der Forschung seine eigene Verhaltens-Theorie der Alzheimer-Entstehung und ergänzt diese mit einer ausführlichen Darstellung von präventiven Möglichkeiten.

Autor

Michael Mehls ist Arzt und Molekulargenetiker, der nach einer wissenschaftlichen Karriere und der Tätigkeit als Vorstandsvorsitzender eines Pharmaunternehmens heute als Vortragsredner und Autor zu Gesundheitsthemen tätig ist.

Aufbau und Inhalt

Einen guten Überblick über die Ausrichtung des Buches geben bereits die Kapitelüberschriften, der Inhalt der Kapitel wird folgend stichwortartig skizziert.

1 Unvermeidbar? Eine profitable Lüge – Diskussion des genetischen, des altersbedingten und des kulturellen Schicksals, wobei das kulturelle Umfeld zwar nicht als „schicksalshaft“, aber doch als der größte Risikofaktor unter den drei Einflussfaktoren ausgemacht wird: Damit wird die „Lüge“, dass Alzheimer in erster Linie genetisch und/oder altersbedingt verursacht wird, als Resultat eines wirtschaftlichen Interesses an den Milliarden an Investitionen in diesen Bereich des Forschungs- und Gesundheitssektors entlarvt.

2 Das Selbst, vererbt und kultiviert – Zusammenhang zwischen dem (prähistorischen) Erbgut des Menschen und den kulturell geprägten Lebens- und Umwelterfahrungen, die gemeinsam eine Anpassung des „Selbst“ an die aktuellen Lebenserfordernisse ermöglichen -mit Option auf einen positiven (gelungene Anpassung, gesund) oder negativen (gescheiterte Anpassung, „zivilisationskrank“, ggf. Alzheimer) Ausgang.

Kapitel 3 bis 6 schildern verschiedene neurophysiologische Grundlagen, die zum Verständnis der folgenden Verhaltenstheorie des Autors wichtig sind.

3 Erinnerung – die Essenz unseres selbst – Hippocampus als Ort des Erinnerns, 4 Grundbausteine des Geistes – Neuronen, Synapsen, Apoptose (Zelltod), 5 Emotionale Selbstwerdung – adulte Neurogenese, Neocortex, 6 Das Alzheimer-Toxin – abschließend eine kritische Erörterung der Forschungsaktivitäten rund um Amyloid, Tau-Protein und ApoE4.

7 Die Verhaltenstheorie der Alzheimer-Entstehung – Das „Kernkapitel“ des Buches, in dem Michael Nehls seine eigene Theorie vorstellt, auf die er sich in den anderen Kapiteln bezieht: Alzheimer basiert auf einem Prozess der Selbstzerstörung von Neuronen, der durch verschiedene moderne Verhaltensweisen induziert wird: u.a. durch chronischen Schlafmangel. Nehls bezeichnet Alzheimer daher auch als „Mangelkrankheit“ (S. 129).

8 Wie bei Alzheimer unser Selbst verloren geht – Nehls erläutert die Demenzstadien anhand des Clinical Dementia Rating, wobei er sich am zunehmenden Verlust des Selbst orientiert und die Veränderung von Stadium zu Stadium in direkter Anrede an den Leser beschreibt: „Sie fühlen sich zunehmend desorientiert, und Ihre Körperpflege funktioniert nicht mehr.“ (144)

9 Alzheimer-Mäuse -Überraschende Parallelen von Erkenntnissen aus der Forschung an den sogenannten Alzheimermäusen und der Lebenssituation von (vielen) Menschen – und zwar hinsichtlich der Bedeutung von (fehlenden) Umgebungsreizen, überreichem Nahrungsangebot und Bewegungsmangel

10 Wie krank ist das denn? Therapie zur Vorbeugung – „Hoffnung auf eine chemische Waffe“ – über Möglichkeiten und Grenzen einer aktiven bzw. passiven Immunisierung bzw. den Unsinn, Prävention an den Interessen der Pharmaindustrie auszurichten.

Ab Kapitel 11 widmet sich der Autor dann den aus seiner Sicht sinnvollen Möglichkeiten zur Prävention einer Alzheimer-Demenz:

11 Die Grundbedürfnisse – Einführung in die Bedürfnisse einer (gesunden) menschlichen Existenz mit Bezug auf Nehls Buch „Der Methusalem-Komplex“

12 Das Paradox der Zeit – Bewusste, aktive Zeitnutzung, Bewahren der Neugier

13 Sinnfindung – Bedeutung eines sinnhaften Lebens im Alter, das Internet zur Alzheimer-Prävention, Schach und höhere Bildung: Geistige Aktivitäten erhalten die kognitive Reserve oder erhöhen sie sogar.

14 Selbstschutz – die protektive Wirkung von (ausreichend) Schlaf und Achtsamkeitstraining/ Meditation

15 Umfeld: Schutz und Risiken – über Oxytocin und die protektive Wirkung des aktiven sozialen Miteinanders

16 Nahrung für den Geist – Fischöl, pflanzliche Nahrung und andere Bestandteile einer „Anti-Alzheimer-Ernährung“ im Gegensatz zum „süßen Weg zum Alzheimer“ mit neun konkreten Tipps zur Beeinflussung des „Alzheimer-Index“ (S: 327ff.).

17 Dem Alzheimer davonlaufen – über den Zusammenhang von körperlicher und geistiger Fitness, 18 Keine Angst vor Alzheimer – Zusammenfassung und Ausblick

Diskussion

Der Autor will mit diesem Buch provozieren – beginnend mit dem provokanten Titel der „Alzheimer-Lüge“, über wiederholte, teilweise überzeichnende Verweise auf einige namentlich genannte Forscherkollegen (Michael Nehls war selbst in der Pharmaforschung tätig), mit denen er nicht konform geht, bis hin zu seiner eigenen Alzheimer-Theorie, einer „Anleitung zur Änderung lebensgefährlicher Gewohnheiten“ (23).

Er prangert immer wieder die Fokussierung der Demenz- und Pharmaforscher auf wirtschaftlich lukrative Forschungsthemen anstatt auf die (seiner Meinung nach) offensichtlich relevanteren Forschungsfelder (Prävention) an. Seine These: „(…) Alzheimer [ist] alles andere als ein natürlicher Prozess, sondern vielmehr eine Krankheit und schon heute mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vermeidbar – ganz ohne Pillen.“ (18)

Und es steckt provozierendes Potential gegenüber jedem einzelnen Leser im Buch – schlichtweg dadurch, dass ihm immer wieder seine Selbstverantwortlichkeit für die eigene Gesundheit vor Augen geführt wird. Dabei soll in dieser Diskussion dahingestellt bleiben, ob all die zahlreichen, wirklich detaillierten Ausführungen zu einer gesunden Lebensführung „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ bei jedem einzelnen Menschen auch Alzheimer verhindern werden, wie der Autor suggeriert.

Die ausführliche Darlegung der präventiven Möglichkeiten – das ist sicher die Stärke dieses Buches. Die Ausführlichkeit begrenzt seine Eignung aber wiederum auf eine begrenzte Leserschaft – wie viele Sachbuchleser werden sich trotz grundlegendem Interesse an der Thematik bis zum Ende durch das Buch durcharbeiten?

Deutlich kritisch möchte ich einen Abschnitt im 1. Kapitel hervorheben, in dem der Autor die Perspektive von Alzheimer-Demenz betroffenen Menschen mit den Opfern der „Dementoren“ aus den Harry-Potter-Romanen anhand eines Zitats aus „Der Gefangene von Askaban“ vergleicht: „Es gibt keine Chance sich davon zu erholen. Du fristest nur dein elendes Dasein. Als leere Hülle. Und deine Seele hast du verloren … für immer.“ (31). Diese Zustandsbeschreibung trifft nach der expliziten Meinung des Autors auch auf Menschen mit Alzheimer-Demenz zu – eine Ansicht, die aus meiner Sicht entweder von Unkenntnis des Lebens von Betroffenen auch mit einer fortgeschrittenen Demenz zeugt, oder auf eine unnötige Dramatisierung der Alzheimer-Demenz abzielt. Vielleicht erschreckt dies den einen oder anderen Leser so sehr, dass er nur deswegen präventiv aktiv wird. Dass diese Schocktherapie aber rechtfertigt, die aktuell Betroffenen pauschal mit „leeren Hüllen“ zu vergleichen, möchte ich zurückweisen – denn auch wenn Prävention dringend angeraten ist, müssen wir der Situation der jetzt Betroffenen und ihrer Angehörigen respektvoll begegnen. Derartige Formulierungen erreichen genau das Gegenteil, in der individuellen wie öffentlichen Wahrnehmung der Alzheimer-Demenz.

Unnötig plakativ auch folgende Aussage: „Schon heute liegt die Wahrscheinlichkeit, dass Sie Ihr Leben mit der Alzheimer-Krankheit beenden werden, bei 50 bis 90 Prozent, je nach Ihrem Lebensalter und Geschlecht.“ (140) Diese Gruppe genauer einzugrenzen, die (angeblich) einem Risiko von 90 % unterliegt, wäre aus meiner Sicht ethisch angemessen und wissenschaftlich sauber. So begibt sich der Autor zumindest an einigen Stellen leider auf Bildzeitungsniveau.

Ungeeignet ist das Buch auf jeden Fall für Angehörige eines aktuell von Demenz betroffenen Menschen (oder gar einem Menschen, bei dem Gedächtnisstörungen diagnostiziert wurden). Bei beiden könnten die gesamten Ausführungen dazu führen, dass bereits bestehende Gefühle von Schuld und Scham über das Versagen in Sachen Gesundheit verstärkt werden – wem wäre damit geholfen?

Das Buch mag als „Provokative Therapie“ sinnvoll sein – für Fachleute und andere Interessierte, die aktuell nicht betroffen sind – wobei diese Bemerkung mich ja schon entlarvt, denn nach Michael Nehls Ansicht sind wir natürlich alle „Betroffene“ und gleichzeitig „Selbstverantwortliche“ (worin ich ihm grundsätzlich zustimme, auch wenn es mich zwingt, meine eigenen Gewohnheiten immer und immer wieder kritisch zu hinterfragen und vor allem mein Handeln zu verändern…)

Fazit

Am Ende des Buches und dieser Rezension angekommen, bin ich mir nicht einmal sicher, ob ich das Buch als lesenswert empfehlen kann. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es mir manchmal „zu platt“, als interessierte Sachbuchleserin zu wenig „leicht lesbar“.

Und dennoch möchte ich es all denjenigen empfehlen, die mit kritischer Distanz ein derartiges Buch zu lesen bereit sind, und interessiert sind an den Details darüber, welche Faktoren auf Alzheimer Einfluss haben können, im ganzen unangenehmen Umfang, und welche davon man möglicherweise beeinflussen kann.

Für alle anderen, die einfach nur wissen wollen, was sie für ein gesundes Alter tun können, gibt es besser geeignete Bücher (z.B. www.socialnet.de/rezensionen/15524.php oder www.socialnet.de/rezensionen/14983.php).

Rezension von
Dipl.-Pädagogin Bettina Wichers
Gerontologin (M.Sc.), Dipl.-Pädagogin & Coach
CommuniCare. Kommunikation im Gesundheitswesen, Göttingen
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Es gibt 34 Rezensionen von Bettina Wichers.

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Zitiervorschlag
Bettina Wichers. Rezension vom 27.03.2015 zu: Michael Nehls: Die Alzheimer-Lüge. Die Wahrheit über eine vermeidbare Krankheit. Heyne Verlag (München) 2014. ISBN 978-3-453-20069-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17600.php, Datum des Zugriffs 17.08.2022.


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