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Erik Schneider, Christel Baltes-Löhr (Hrsg.): Normierte Kinder

Rezensiert von Prof. Dr. Angelika Diezinger, 14.04.2015

Cover Erik Schneider, Christel Baltes-Löhr (Hrsg.): Normierte Kinder ISBN 978-3-8376-2417-5

Erik Schneider, Christel Baltes-Löhr (Hrsg.): Normierte Kinder. Effekte der Geschlechternormativität auf Kindheit und Adoleszenz. transcript (Bielefeld) 2013. 402 Seiten. ISBN 978-3-8376-2417-5. 29,99 EUR.

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Thema

Es scheint normal zu sein, dass wir ein Geschlecht haben und zwar nur eines. Die Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit stellt für alle Kinder und Jugendlichen in der Identitätsentwicklung eine normativ und strukturell wirkmächtige Rahmenbedingung dar. Dies gilt in besonderer und besonders diskriminierender Weise für diejenigen mit uneindeutigem Geschlecht (Intersex) bzw. für Menschen, deren individuelle Geschlechtsidentität (die sich erst entwickelt) nicht mit dem zugewiesenen Geschlecht (nach der Geburt) übereinstimmt (Transgender). Deren Geschlechtsidentität wurde bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts als Störung und Abweichung (und nicht als Variation) angesehen, insbesondere Medizin und Psychologie stellten ihr Fachwissen zur Heilung, sprich: Beseitigung der normativ nicht vorgesehenen Geschlechterformen zur Verfügung.

Die aktuellen politischen und juristischen Veränderungen (in Deutschland etwa im Personenstandsrecht und Transsexuellengesetz) sind maßgeblich durch Selbsthilfebewegungen betroffener Menschen und die internationalen Debatten um Menschenrechtsschutz für diesen Personenkreis angestoßen worden. Damit Entwicklungs- und Erziehungsprozesse in der Frage der Geschlechtsidentität pluraler gestaltet werden können, müssen neue Umgangsformen entwickelt werden und v.a. die fest im Alltagswissen von Eltern, Erzieher_innen, Lehrer_innen und Mediziner_innen verankerte binäre Ordnung hinterfragt werden. Dies erzeugt, wie der Protest christlich-fundamentalistischer Gruppierungen gegen erste entsprechende Veränderungen im Sexualkundeunterricht an Schulen in Baden-Württemberg zeigt, Unsicherheit, Ablehnung und Widerstand. Umso wichtiger ist es für Professionelle im pädagogischen Bereich, sich ein fundiertes Wissen über dieses Thema anzueignen.

Herausgeber uns Herausgeberin

Dr. med Erik Schneider ist Psychiater und Psychotherapeut in Luxemburg, Prof. Dr. Christel Baltes-Löhr ist Genderbeauftragte der Universität Luxemburg und Leiterin des Instituts für Geschlechterforschung, Diversität und Migration.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Publikation umfasst ausgewählte Beiträge einer im Jahr 2012 durchgeführten Tagung „Geschlechternormativität und Effekte für Kindheit und Jugend“ in Luxemburg. Veranstaltet wurde diese Tagung in Kooperation des Vereins Intersex und Transgender Luxemburg und der Universität Luxemburg. Teilnehmer_innen waren sowohl Menschen in den genannten Lebenssituationen, Aktivist_innen und Expert_innen aus unterschiedlichsten Disziplinen und verschiedenen, v.a. europäischen Ländern. Dem Kongress vorausgegangen waren bereits zwei weitere Tagungen in den Jahren 2010 und 2011, die sich ebenfalls mit der Frage pluraler Geschlechterordnungen befassten. Der Band spiegelt die Vielfalt der unterschiedlichen disziplinären Zugänge zum Thema; er bietet Informationen über die Debatten und politischen Veränderungen in verschiedenen nationalen und internationalen Zusammenhängen.

Aufbau

Der Tagungsband ist in sechs Kapitel unterteilt und enthält insgesamt 24 Beiträge.

  • Im Kapitel 1 „Thematische Rahmung“ werden sowohl Fragen der Begriffsbestimmung von Geschlecht als pluraler Kategorie erörtert, als auch Zusammenhänge zwischen Geschlechtsidentitäten und Menschenrechten behandelt.
  • Kapitel 2 „Kategorien“ beschäftigt sich mit der Kategorisierung unterschiedlicher Geschlechtsidentitäten, v.a. auch im Hinblick darauf, wie Diskriminierung und Pathologisierung aufgehoben werden können und enthält auch die zusammenfassende Darstellung einer künstlerischen Performance.
  • Kapitel 3 „Biomedizin“ enthält Vorträge zur Darstellung der Geschlechteranatomie im Medizinstudium, eine grundlegende Einführungen in den aktuellen Stand biologischer Geschlechtertheorien und einen Erfahrungsbericht aus dem kubanischen Institut für Sexualerziehung zur Enttabuisierung von Transsexualität.
  • Kapitel 4 konzentriert sich auf die Dynamik zwischen Geschlechternormativität und Transidentität, Kapitel 5 auf die Dynamik zwischen Geschlechternormativität und intergeschlechtliche Körper.
  • Erst das 6. Kapitel ist explizit auf Fragen der Erziehung und Begleitpraxis, d.h. des pädagogischen Umgangs mit pluralen Geschlechterordnungen fokusiert.

Ausgewählte Inhalte

Wie bei der Darstellung des Aufbaus deutlich geworden ist, enthält der Tagungsband eine Fülle von unterschiedlichen disziplinären Ansätzen und auch Beiträge unterschiedlichen Charakters: von Erfahrungsberichten betroffener Menschen, der Darstellung und Analyse internationaler Menschenrechtsdebatten oder medizinischer Behandlungen, von politischen Statements und wissenschaftlichen Reflexionen über normierende und nicht-normierende Kategorien. Im Folgenden kann daher nicht jeder einzelne Beitrag gewürdigt werden, sondern es wird exemplarisch je ein Beitrag pro Kapitel näher dargestellt.

Die Mitherausgeberin Baltes-Löhr unternimmt in ihrem Beitrag „Immer wieder Geschlecht – immer wieder anders“ (17 – 40) den Versuch einer Begriffsbestimmung von Geschlecht als einen wichtigen Aspekt von Identität. Eine Aufhebung jeglicher Kategorisierung von Geschlecht lehnt sie ab, da sie dies als wenig hilfreich ansieht, um gegen die Wirkmächtigkeit der heteronormativen Ordnung eine Enttabuisierung anderer Geschlechter zu erreichen. Es geht ihr darum, einen Rahmen zu begründen, der für alle Geschlechter gelten könnte. In ihrem Versuch der Neudefinition differenziert sie zwischen körperlichen, psychischen, sozialen, sexuellen Dimensionen von Geschlecht. In jeder Dimension sieht sie komplexe Wirkungszusammenhänge (etwa in der biologischen Dimension zwischen Chromosomen, Hormonen etc), in der psychischen Dimension zwischen Aneignung und Zuweisung). Auch zwischen den einzelnen Dimensionen lassen sich unterschiedliche Kombinationen denken, so dass die Kategorie Geschlecht „polypolar“ statt bipolar (32) konzipierbar wird. Auf den ersten Blick erscheint dieser Versuch sinnvoll und anregend, um eingeschliffene Denkmuster zu durchbrechen. Explizit wird jedoch der Möglichkeit der Menschen, ein Geschlecht zu konstruieren, eine besonders bedeutsame Rolle zugewiesen (26f), also im Konzept der Autorin der psychischen Dimension. Die Unterbelichtung der sozialen Dimension von Gender führt m. E. zum Ende ihres Beitrags zu einem etwas hilflos klingenden Wehklagen darüber, dass trotz der Novellierung des deutschen Personenstandgesetztes 2013 die Geltung der binären Ordnung der Geschlechter nicht in Frage gestellt wird.

Im Kapitel 2 setzt sich der Kinderarzt Jörg Woweries in seinem Beitrag „Wer ist krank? Wer entscheidet es?“ (105 – 123) kritisch mit der Definitionsmacht der Medizin bei Fragen des Umgangs mit Intersexpersonen auseinander. Dabei zielt er darauf, dass hier in der Regel nicht-einwilligungsfähige Menschen (Säuglinge und Kinder) Betroffene der Anwendung von Medizin werden. Intersex gilt medizinisch als Störung der Geschlechtsentwicklung, diese Definition ist auch Grundlage für die Abrechnung mit den Krankenkassen. Er plädiert für den Begriff der Zwischengeschlechtlichkeit nach Groneberg (107), da es aufgrund vielfältiger phänotypischer Erscheinungen kein eindeutiges drittes Geschlecht geben kann und der Begriff Intersexualität oft zu Verwechslung mit Bisexualität führt. Im Mittelpunkt seines Vortrags stehen die Folgen des lange vorherrschende Schweigetabus: Eltern wurden angehalten, mit niemandem, v.a. nicht mit dem Kind über die Eingriffe zu reden. Daher existiert bis heute wenig evidenzgestütztes Wissen darüber, welche Folgen es hatte, wenn Neugeborenen mit atypischem Geschlecht in der Regel (80 -90%) oberflächlich weiblich aussehende Genitalien erhielten. Ebenso wenig gibt es gesicherte Daten über die Häufigkeit von Zwischengeschlechtlichkeit. So stützt auch er sich auf Erfahrungsberichte Betroffener in Selbsthilfeforen. Er plädiert daher für Transparenz, vor allem zwischen Eltern und Kindern und zitiert zustimmend die Forderung, auf chirurgische Maßnahmen bei Kindern zu verzichten. Kinder ohne Geschlechtseintrag zu registrieren stellt die Grundlage dafür dar, dass sie als Erwachsene selbstbestimmt entscheiden: Männlich, weiblich oder anders.

Heinz Jürgen Voß stellt Kapitel 3 Biomedizin klar: „Zur Geschlechtsdetermination: Gene und DNA sagen eben nicht die Entwicklung eines Genitaltraktes voraus …“ (149 – 167). In seinem wissenschaftshistorischen Beitrag zeigt er auf, dass in frühen entwicklungstheoretischen Betrachtungen keineswegs eine strikte Trennung zwischen weiblicher und männlicher Entwicklung vorgenommen wurde. Biologische Untersuchungen zu Chromosomen und Hormonen zeigten eher Übergänge als strikte Trennungen. Erst in den 1930er Jahren, unter dem Einfluss der nationalsozialistischen Ideologie wurde das bipolare Konzept (X und Y-Chromosomen) forschungsleitend, dabei galt das Interesse der (meist männlichen) Forscher v.a. der männlichen Entwicklung. Heute gilt eher die Erkenntnis, dass nicht ein Gen eine bestimmte Entwicklung anknipst, sondern ein Netzwerk von Genen und anderen zellulären Einflüssen wirksam sind. „Die populäre Annahme, dass sich als Ergebnis der Geschlechtsentwicklung lediglich die beiden Ausprägungsformen des Genitaltraktes weiblich bzw. männlich ergeben würden, ist bei Analyse des biologisch-medizinischen Forschungsstandes nicht haltbar“ (165).

Der Mitherausgeber Erik Schneider beschreibt in seinem Beitrag „Trans´-Kinder zwischen Definitionsmacht und Selbstbestimmung“ (181 – 203) unterschiedliche Umgangsformen im Gesundheitswesen. Normalisierende Umgangsweisen zielen auf den Verbleib im zugewiesenen Geschlecht ab. Die abweichende geschlechtliche Selbstwahrnehmung wird als vorübergehende Phase definiert und durch Erziehungsmaßnahmen zu korrigieren versucht. Dies führt nicht zum Erfolg, beeinflusst jedoch nachhaltig die Eltern-Kind-Beziehung und erzeugt schwerwiegende psychische Beschwerden bei den Kindern und Jugendlichen. Vermeidende Herangehensweisen zeigen sich insbesondere dann, wenn Professionelle im Gesundheitswesen auf Anfragen von Eltern nicht reagieren. Dies geschieht oft aus Unkenntnis und mit der Idee, dass die Natur schon ihren Lauf nehmen wird. Allerdings ist ein solches Verhalten nicht neutral, da die (nicht aufgehaltenen) körperlichen Veränderungen in der Pubertät das Leiden der Kinder erhöhen kann und Ablehnung und Gewalt zunehmen könnten. Affirmative Umgangsweisen anerkennen die Selbstverortung des Kindes. Sie können in einer frühen sozialen Transition bestehen, die deutlich psychische Beschwerden von Kindern mindert, aber auch in pubertätsunterdrückenden Hormonbehandlungen. Ob und wenn ja, wann dem Wunsch von Jugendlichen nach solchen Behandlungen entsprochen werden soll, ist umstritten. Schneider plädiert für ein transparentes und v.a. das Selbstbestimmungsrecht achtendes Verfahren und empfiehlt, Namensänderungen unabhängig von der Expertise von professionellen des Gesundheitswesens zu ermöglichen.

Janik Bastien Charlebois und Vincent Guillot beschreiben in ihrem Beitrag „Medizinische Widerstände gegenüber der Kritik von intergeschlechtlichen Aktivist_innen“ (277 – 291) wie von Seiten der Medizin auf die Erfahrungsberichte Erwachsener reagiert wurde, die frühen chirurgischen Eingriffen ausgesetzt waren. Diese besteht v.a. darin, die Glaubwürdigkeit der Kritiker_innen anzuzweifeln. Sie gelten als unzufriedene Ausnahmen, deren subjektive Einschätzung den Kriterien objektiver wissenschaftlicher Argumente nicht entspricht. Die Autor_innen bezweifeln, dass es eine breite, zufriedene und daher schweigende Mehrheit intergeschlechtlicher gibt, da diese sich auch nach zwei Jahrzehnten des Eintretens für Patientenrechte nicht zu erkennen gegeben hat. Sie sehen allerdings durchaus Interessenunterschiede bei Betroffenen und plädieren daher nicht einfach für einen Verzicht auf Körpermodifikationen, sondern dafür, dass die Modalitäten eines Eingriffs von den Betroffenen selbst bestimmt werden können.

Im abschließenden Kapitel Erziehung/Begleitung macht Natacha Kennedy in ihrem Beitrag: „Gefangene der Lexika: Kulturelle Cis-Geschlechtlichkeit und Trans-Kinder“ (319 – 336) darauf aufmerksam, dass die Mehrzahl der Trans´-Kinder unerkannt bleiben, d.h. keinem Erwachsenen ihre geschlechtliche Selbstwahrnehmung bekannt wird. Für dieses Verhalten macht sie die kulturelle Cis-Geschlechtlichkeit verantwortlich, die Geschlecht als biologisch determiniert, von Geburt an feststehend und unveränderlich begreift. Wenn Kindern Geschlecht als entweder männlich oder weiblich vorgestellt wird, müssen sie sich als nicht dazugehörig erleben, wenn ihre Selbstverortung mit der Zuschreibung nicht übereinstimmt. Es fehlt vielen schlicht eine Möglichkeit der Benennung, für ihre biographischen Erfahrungen fehlt das Narrativ. Oft erst in der Pubertät kommen sie mit dem entsprechenden Vokabular in Berührung. Daher ist die Verbreitung des Wissens um diese Form der Geschlechtsidentität nicht nur für die Betroffenen wichtig, damit sie sehen, dass sie nicht allein sind, sondern auch für diejenigen, die ihnen als Professionelle Unterstützung bzw. Schutz vor Ausgrenzung bieten wollen.

Diskussion

Die Fülle der Beiträge aus unterschiedlichen disziplinären Kontexten und die von Respekt und Anerkennung gekennzeichnete Darstellung der Problematik machen die Qualität des Bandes aus. Hervorzuheben ist, dass sich die einzelnen Autor_innen bemühen, Querverbindungen und Bezüge zwischen den einzelnen Beiträgen deutlich zu kennzeichnen, so dass Leser_innen dies durchaus auch als Leitfaden für die Auswahl ihrer Lektüre nutzen können. Andererseits müssen Leser_innen bereit sein, sich auf diese Vielfalt und unterschiedlichen Darstellungsniveaus einzulassen, um Gewinn aus der Lektüre zu ziehen. Dabei sind für mich als Sozialwissenschaftlerin v.a. die Beiträge aus der Biologie und Medizin sehr aufschlussreich gewesen.

Eher enttäuschend dagegen waren die Beiträge des 6. Kapitels, einfach weil hier eher Thesen bzw. Forderungen für künftige pädagogische Ansätze dargestellt werden, über deren Umsetzung allerdings wenig reflektiert wird. Weitgehend ausgeblendet bleiben, das wird im abschließenden Ausblick durchaus selbstkritisch angemerkt, Fragen, wie die soziale Position und ethnische Zugehörigkeit von Transgender und intergeschlechtlichen-Personen bzw. ihrer Familien den Umgang mit ihrer Situation und ihre spezifischen Diskriminierungserfahrungen beeinflussen. Und insgesamt befremdend wirkt die Tatsache, dass die Hierarchie zwischen den sog. „Standardgeschlechtern“ bei der Analyse der Situation atypischer Geschlechtsidentitäten weitestgehend ausgeblendet bleibt.

Fazit

Für alle jene, die wissen wollen, wie es (bisher) Menschen ergeht, die sich nicht in das „normale“ Schema von „weiblich“ und „männlich“ einpassen lassen (wollen), welche Ansprüche an eine dem Kindeswohl oder einer selbstbestimmten Verortung entsprechenden Erziehung, Behandlung und Begleitung gestellt werden müssen, eine insgesamt lohnende Lektüre, die auch einen Blick „über den Zaun“ in andere europäische Länder erlaubt.

Rezension von
Prof. Dr. Angelika Diezinger
Website

Es gibt 4 Rezensionen von Angelika Diezinger.

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ISSN 2190-9245