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Claus Leggewie, Frank Adloff (Hrsg.): Les convivialistes: Das konvivialistische Manifest

Cover Claus Leggewie, Frank Adloff (Hrsg.): Les convivialistes: Das konvivialistische Manifest. Für eine neue Kunst des Zusammenlebens. transcript (Bielefeld) 2014. 80 Seiten. ISBN 978-3-8376-2898-2. D: 7,99 EUR, A: 8,30 EUR, CH: 11,90 sFr.

In Zusammenarbeit mit dem Käte Hamburger Kolleg/Centre for Global Cooperation Research Duisburg). Das kostenlose E-Book des Manifests zum Herunterladen unter: www.diekonvivialisten.de.
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Thema

Der Klimawandel und die Störung der Ökosysteme, die Gefahr einer Atomkatastrophe, die Verknappung der Energieressourcen, Arbeitslosigkeit und Armut, Hunger und Vertreibung, korrupte Regierungen und gewalttätige Mafiagruppen, Kriege und blinder Terrorismus: Wie können wir angesichts solcher Bedrohungen des Lebens auf dem Planeten Erde zu einer Vision des Zusammenlebens kommen, die von Menschen unterschiedlicher Weltanschauung oder Religion geteilt wird und die gleichzeitig zu praktischen Konsequenzen für ein friedliches Miteinander unterschiedlicher Menschen und Gesellschaften führt?

Dies ist das Thema des 32-seitigen „konvivialistischen Manifests“, das von ca. 40 französischsprachigen Personen nach ausgiebigen Diskussionen verfasst wurde und herausgegeben von Frank Adloff und Claus Leggewie in deutscher Sprache vorliegt.

Frank Adloff führt auf 24 Seiten in dieses Manifest ein und erläutert auch die Entstehungshintergründe (S. 10 f): Den Anstoß zur Debatte um den „Konvivialismus“ gab ein Kolloquium in Japan im Jahr 2010. Dort wurde der Begriff des Konvivialismus unter Bezug auf Ivan Illich diskutiert, der 1975 das Buch „Selbstbegrenzung“ geschrieben hatte (im Original: „Tools for Conviviality“). Als „spiritus rector“ des Manifests gilt der Pariser Soziologieprofessor Alain Caillé, den nach Adloff die Frage umtreibt, wie Menschen ohne Gemeinschafts- und Konformitätszwang zusammenleben können, ohne sich gegenseitig umzubringen (S. 16). Caillé bezieht sich auf den 1950 gestorbenen Soziologen und Ethnologen Marcel Mauss, der die Ökonomie aus der Enge rein profitorientierten Wirtschaftens löste und in Bezug auf archaische und vormoderne Gesellschaften auf die Ökonomie der Gabe verweist: Die im Gabentausch, dem solidarischen Austausch von Geld und Produkten ausgesprochene gegenseitige Anerkennung funktioniert auch in modernen Gesellschaften in Freundschafts- und Verwandtschaftskreisen und sie weitet sich z. B. in Projekten der Solidarischen Landwirtschaft aus.

Adloff erläutert ausführlich in seiner Einführung Hintergründe und Bezüge dieser auf Mauss zurückgehenden Theorie, die Moral und Ökonomie zusammenbringen will. Ein weiterer Bezugspunkt des Manifests ist die Theorie der Wachstumsrücknahme des Ökonomen Serge Latouche, der für eine „Überwindung der Religion des Ökonomischen“ und für ein Maßhalten eintritt, das mit acht Begriffen umschrieben wird: „neu bewerten, umdenken, umstrukturieren, lokalisieren, umverteilen, reduzieren, wiederverwenden, recyceln“ (S. 14).

Das Manifest haben international bekannte Wissenschaftler und Intellektuelle aus einem breiten Spektrum „vom Linkskatholizismus, über sozialistische und alternativ-ökonomische Perspektiven zu Mitgliedern von Attac hin zu Intellektuellen aus dem Umfeld des Poststrukturalismus“ unterschrieben; in Deutschland gehören Axel Honneth und Hans Joas zu den Unterzeichnern (S. 10).

Aufbau

Das Manifest selbst beschreibt zu Beginn gesellschaftliche Bedrohungen und Verheißungen (Hoffnungsperspektiven) der Gegenwart, geht auf zentrale Herausforderungen ein, thematisiert Grundfragen und das Grundverständnis von Konvivialismus, erläutert moralische, politische, ökologische und ökonomische Fragen und schließt mit Gedanken zur Konkretion der Vision des Konvivialismus.

Inhalt

Das Manifest identifiziert im erste Kapitel folgende Hauptfragen für die Entwicklung des Zusammenlebens auf der Erde: „Wie mit der Rivalität und der Gewalt zwischen Menschen umgehen? Wie sie dazu bewegen, zusammenzuarbeiten, um sich weiterzuentwickeln, wobei jeder das Beste von sich selbst gibt, sodass es möglich wird, einander zu widersprechen, ohne einander niederzumetzeln? Wie lässt sich die heute grenzenlose und potentiell selbstzerstörerische Anhäufung von Macht über Mensch und Natur verhindern“ (S. 45)?

Definiert wird der Konvivialismus als eine „Kunst des Zusammenlebens (con-vivere), die die Beziehung und die Zusammenarbeit würdigt und es ermöglicht, einander zu widersprechen, ohne einander niederzumetzeln, und gleichzeitig für einander und für die Natur Sorge zu tragen“ (S. 47).

Es wird auf erste bestehende Antworten in Menschenrechts- und Arbeitsloseninitiativen, in Produktions- und Verbrauchergenossenschaften, in der digitalen Ökonomie der Beteiligung bei Linus und Wikipedia etc. verwiesen. Für eine theoretische Vertiefung der Vision sollen alle bestehenden Religionen, Morallehren, politischen Doktrinen (Liberalismus, Sozialismus, Kommunismus, Anarchismus) sowie die Geistes- und Sozialwissenschaften ihre wertvollsten Elemente einbringen – ohne in einen unfruchtbaren Szientismus oder in gefährliches Sektierertum zu verfallen. Keine Religion oder Doktrin, so die Überzeugung der Autorinnen und Autoren des Manifests, ist in der Lage, auf alle Herausforderungen für die Zukunft vollständige Antworten zu geben. Auch wird es im Dialog notwendigerweise Streit und Konflikt geben. „Es gilt, den Konflikt zu einer Kraft des Lebens und nicht des Todes und die Rivalität zu einem Mittel der Zusammenarbeit zu machen, zu einer Waffe gegen die zerstörerische Gewalt“ (S. 48).

Das zweite Kapitel beinhaltet eine Fundamentalkritik an der Sicht des Menschen als lediglich ökonomischem Wesen. Die Standardwirtschaftswissenschaft hat sich als unfähig erwiesen, plausible Lösungen für die Zukunft der Erde zu entwickeln und sie „ist in ihre Schranken zu verweisen“ (S. 56). Gegen den Virus des rein Ökonomischen soll ein sinnvoller Ausgangspunkt die Annahme sein, „dass das Wohl aller über den Aufbau einer Gesellschaft der ‚Fürsorglichkeit‘ (care) und die Entwicklung einer öffentlichen Politik führt, die die Arbeit für andere wertschätzt und diejenigen fördert, die sich Aufgaben der Fürsorge widmen“ (S. 57).

Das dritte und vierte Kapitel konkretisieren die grundsätzlichen Überlegungen. Politisch werden ein Mindesteinkommen und ein Höchsteinkommen gefordert. Die globale Zivilgesellschaft kann sich u.a. mit Hilfe der digitalen Netze selbst organisieren, wobei die Netze als Gemeineigentum zu behandeln sind (S. 66). Ökologisch soll sich die Höhe der Naturentnahmen am Standard der 1970er Jahre orientieren: Die wohlhabenderen Staaten müssen ihren Raubbau an der Natur aufgeben und auf diesen Standard hin zurückschrauben; ärmere Staaten können ihre Entwicklung unter Nutzung moderner Technologie voranbringen. Gegenüber Tieren wird die wechselseitige Abhängigkeit betont; Tiere dürfen nicht länger als Industriematerial betrachtet werden (S. 68).

Ökonomisch werden die spekulativen Auswüchse der Finanzwirtschaft als Hauptursache der kapitalistischen Maßlosigkeit gesehen, die vorrangig zu bekämpfen sind. Da es „keine erwiesene Korrelation zwischen monetärem oder materiellem Reichtum einerseits und Glück oder Wohlergehen andererseits“ (S. 68) gibt, wird eine plurale Ökonomie angestrebt, die „aus einem Gleichgewicht zwischen Markt, öffentlichem Sektor und einer Ökonomie assoziativen (sozialen oder solidarischen) Typs“ (S. 68 f) besteht.

Abschließend ruft das Manifest unter dem Titel „Was tun?“ zur Mobilisierung der Affekte und Leidenschaften auf: Empfohlen wird Entrüstung über die Maßlosigkeit und die Korruption und zugleich wird Bezug auf das Gefühl genommen, Teil einer gemeinsamen Weltgemeinschaft zu sein, „die am selben Kampf für eine ganz und gar menschliche Welt“ teilnimmt (S. 72).

Diskussion

Frank Adloffs Einführung ist hilfreich zum Verständnis und zur Einordnung des Manifests; irritierend ist nur die Überschrift zur Einführung („Es gibt schon ein richtiges Leben im falschen.“), die im Text nicht erläutert wird. Adloff betont zu Recht die Bedeutung, dass sich im Manifest Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlichster Provenienz und Personen aus vielfältigen zivilgesellschaftlichen Kontexten auf einen solchen gemeinsamen Text einigen konnten. Innovativ ist der Ansatz, religiöse und agnostisch humanistische Weltanschauungen im Dialog zusammenzubringen, wobei deutlich gemacht wird, dass alle Doktrinen etwas Wertvolles beizutragen haben, keine für sich die ganze Lösung hat und bei allen auch die Gefahr des Sektierertums besteht. Dem Konflikt wird eine konstruktive Bedeutung beigemessen. Interessant ist der frankophone Entstehungszusammenhang: Die rein ökonomische Sicht der Welt hat, so die Autorinnen und Autoren des Manifests, in der angelsächsischen Welt ihren Ausgang genommen: „Seit Anfang der 1980er Jahre … ist in der angelsächsischen Welt – und tendenziell in immer mehr Ländern – der Zerstörung aller sozialen und politischen Regulierungen zugunsten der alleinigen kommerziellen Regulierung Tür und Tor geöffnet“ (S. 54).

Die Übersetzung von Eva Moldenhauer ist insgesamt sehr gut lesbar und ringt an einigen Stellen mit der besten Übertragung ins Deutsche. Der ansonsten englische Begriffe vermeidende französische Originaltext benutzt den Begriff „care“, der im Deutschen als Fürsorge und Fürsorglichkeit übersetzt wird. „Sorge umeinander“ würde als Übersetzung die beim Begriff „Fürsorge“ bestehenden paternalistischen bzw. maternalistischen Konnotationen besser vermeiden. Auch wenn die Gender gerechte Sprache im frankophonen Originaltext nicht benutzt wird, wäre es doch wünschenswert gewesen, wenn sie hier in der deutschen Übersetzung zum Tragen gekommen wäre.

Fazit

In mehreren Aspekten ist das konvivialistische Manifest von Bedeutung: Es sieht in allen Religionen, Weltanschauungen und politischen Doktrinen Ressourcen für die notwendig anstehenden gesellschaftlichen Veränderungen und fordert die unterschiedlichen Denkrichtungen und Glaubenssysteme heraus, eigene sektiererische Verengungen zu überwinden.

Der neoliberalen profitorientierten ökonomischen Weltsicht entgegnen die Autorinnen und Autoren des Manifests mit einem Denken, das die Sorge umeinander ins Zentrum gesellschaftlichen Denkens und Handelns rückt: Für den wissenschaftlichen Kontext kann dies u.a. heißen, dass die Wissenschaft der Sozialen Arbeit nicht in erster Linie Reparaturbetrieb für misslungene gesellschaftliche Zustände ist, sondern gestalterische Aufgaben wahrnehmen soll, das Füreinander und Miteinander in der Gesellschaft organisieren zu helfen. Die vorgeschlagenen Konkretionen (Einführung eines Höchsteinkommens, Bekämpfung der Korruption, Förderung einer sozialen und solidarischen Ökonomie) geben die Richtung vor, in die weitergedacht und gehandelt werden kann.

Es bleibt abzuwarten, inwieweit der zumindest als Kurzfassung inzwischen auf englischer, spanischer, portugiesischer, italienischer, rumänischer, chinesischer und türkischer Sprache erschienene Text ein Echo findet. Die Verbreitung des Textes wird auch dadurch gefördert, dass das Manifest nicht nur käuflich im Buchhandel zu erwerben ist. Die Buchfassung kann vielmehr – soweit übersetzt – gleichzeitig im Internet vollständig heruntergeladen werden. Damit wird kongruent zu den Gedanken des Manifests deutlich, dass der ökonomische Gewinn bei dieser Publikation nicht das Zentrale ist. Die Erstunterzeichnenden streben eine Weltversammlung an, „in der sich Vertreter der organisierten Weltzivilgesellschaft, der Philosophie, der Geistes- und Sozialwissenschaften sowie der verschiedenen ethischen, spirituellen und religiösen Strömungen zusammenfinden, die sich in den Prinzipien des Konvivialismus wiedererkennen“ (S. 74). Es ist zu wünschen, dass dieser Plan gelingt und dass die Ideen zum Konvivialismus weltweit diskutiert und umgesetzt werden.


Rezensent
Prof. Dr. Josef Freise
Homepage www.Josef-Freise.de
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Zitiervorschlag
Josef Freise. Rezension vom 01.01.2015 zu: Claus Leggewie, Frank Adloff (Hrsg.): Les convivialistes: Das konvivialistische Manifest. Für eine neue Kunst des Zusammenlebens. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8376-2898-2. In Zusammenarbeit mit dem Käte Hamburger Kolleg/Centre for Global Cooperation Research Duisburg). Das kostenlose E-Book des Manifests zum Herunterladen unter: www.diekonvivialisten.de. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17607.php, Datum des Zugriffs 01.05.2017.


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