socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Gabriele Biegler-Vitek, Monika Wicher (Hrsg.): Psychodrama-­Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen

Cover Gabriele Biegler-Vitek, Monika Wicher (Hrsg.): Psychodrama-Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen. Ein Handbuch. Facultas Verlag (Wien) 2014. 350 Seiten. ISBN 978-3-7089-1128-1. D: 29,10 EUR, A: 29,90 EUR, CH: 37,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

In diesem gut verständlichen Handbuch zum humanistischen Ansatz des Psychodramas verbinden ExpertInnen praktische Erfahrungen in der erfolgreichen Behandlung Kinder und Jugendlicher mit Wissen aus aktueller und klassischer Psychodrama-Literatur. Einzel- und gruppentherapeutische Settings werden diskutiert und in der Arbeit mit Störungsbildern wie Mutismus und Autismus anhand praktischer Fallbeispiele betrachtet. Mögliche Anwendungsfelder der Psychodrama-Psychotherapie werden skizziert und Verknüpfungen psychodramatischer psychotherapeutischer Grundlagen zur Neurobiologie und Pädagogik dargestellt. Dieses Buch bietet Einblick und Anregungen für die auf Psychodrama beruhende psychotherapeutische Arbeit mit Kinder und Jugendlichen für PraktikerInnen, StudentInnen sowie Eltern und Angehörige.

Herausgeberinnen

Gabriele Biegler-Vitek, MSc, (Lehr-)Psychotherapeutin und (Lehr-)Supervisorin im ÖAGG, an der Donau-Universität Krems und in freier Praxis, Leiterin des Weiterbildungslehrganges für Kinder- und Jugendpsychotherapie der Fachsektion Psychodrama im ÖAGG, Sonderkindergartenpädagogin, Lehrauftrag an der Bundesbildungsanstalt für Kindergartenpädagogik, langjährige Erfahrung in der Arbeit mit mutistischen, sozialängstlichen und autistischen Kindern sowie Kindern mit ADHS.

Monika Wicher, MSc, (Lehr-)Psychotheapeutin und (Lehr-)Supervisorin im ÖAGG, an der Donau-Universität Krems und in freier Praxis, Mitglied des Leitungsteams des Weiterbildungslehrgangs für Kinder- und Jugendpsychotherapie der Fachsektion Psychodrama im ÖAGG. Langjährige Tätigkeit als Einzel- und Gruppenpsychotherapeutin für Kinder und Jugendliche in unterschiedlichen stationären Einrichtungen in Graz, Vortragende des ULG Psychotherapeutisches Proprädeutikum der Karl-Franzens-Universität Graz.

Weitere AutorInnen

Hildegard Pruckner, Joachim Becker, Evelyn Umschaden, Monika Stamenkovic-Strobl, Dieter Wagner, Thomas Sageder und Hannelore Stollewerk

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst zwölf Beiträge, die sich unterschiedlichen Schwerpunkten der psychodramatischen psychotherapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen widmen.

Der Einführungsbeitrag von Gabriele Biegler-VitekWo ist mein Platz in dieser Welt? Soziometrie als eine Grundlage der Hypothesenbildung in der Psychodrama-psychotherapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen“setzt sich mit dem Verfahren der Soziometrie im Psychodrama und dessen Bezug zur Diagnostik und Intervention in der Gruppen- und Einzeltherapie auseinander.

Monika Wicher betont in ihrem Beitrag „Psychodrama-Psychotherapiegruppe mit Kindern“ den Stellenwert der Gruppentherapie als wichtiges Instrumentarium zur Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Die Strukturierung des Alltagsleben von Kinder und Jugendlichen orientiert sich am sozialen Gruppengeschehen. Psychotherapiegruppen können Kinder und Jugendliche darin unterstützen, soziales Miteinander erfahren zu können und als konstruktiv zu erleben. Neben theoretischen Abhandlungen zur psychodrama-psychotherapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen beschreibt Wicher altersdifferenziert Rollen- und Handlungsebenen sowie die Funktion des Nachnährens, welches einer Weiterentwicklung des kindlichen und jugendlichen Repertoires der Rollen- und Handlungsebenen ermöglichen soll. Ein weiterer Fokus liegt auf den fünf Instrumenten des Psychodramas in der Kinderpsychotherapiegruppe.

Monodrama mit Kindern“, ein Beitrag von Hildegard Pruckner, befasst sich mit der psychodrama-psychotherapeutischen Arbeit im Einzelsetting mit Kindern. Dargestellt werden die drei Arbeitsbühnen und deren praktische Anwendung in der Arbeit mit Kindern sowie theoretische Überlegungen zur psychodramatischen Entwicklungstheorie und zur Prozessdiagnostik einer monodramatischen Kindertherapie.

Joachim Becker stellt in seinem Beitrag „Neurobiologie und Psychodrama“ Verbindungen zwischen psychodrama-psychotherapeutischen Interventionen und aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen aus dem Bereich der Neurobiologie her. Biologische Grundlagen der Empathie, des Gedächtnisses sowie der Wahrnehmung und Erinnerung, als wichtige Eckpfeiler therapeutischer Arbeit, werden erläutert.

Interventionen zu den Störungsbildern Mutismus und Autismus werden im Beitrag von Gabriele Biegler-VitekStörungsspezifische Interventionen in der psychotherapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus psychodramatischer Sicht in Bezug auf Mutismus und Autismus-Spektrum-Störungen“ erörtert. Wichtige Faktoren der aus psychodramatischer Sicht vorliegenden Störung der Handlungsregulation werden anhand des entwicklungstheoretischen Modells der Rollen- und Handlungsebenen reflektiert. Biegler-Vitek betont die notwendige differentialdiagnostische Grenzziehung zwischen Mutismus und Autismus, deren Symptome sich in der Praxis häufig stark ähneln, aus psychodramatischer Sicht allerdings unterschiedlicher Interventionsmaßnahmen bedürfen. Mutismus- und autismusspezifische Interventionen im Bereich der Psychodramagruppe, der Gestaltung des therapeutischen Raumes, der LeiterInnen und des Hilfs-Ichs werden beschrieben.

Die psychodramatische Arbeit mit den Folgen psychischer Traumatisierungen beschreibt Hildegard Pruckner im Artikel „Psychodramatische Arbeit mit traumatisierten Kindern“. Der im aktuellen Themendiskurs häufig inflationären Verwendung des Begriffs Trauma setzt Pruckner eine detaillierte Auseinandersetzung mit Definition und Diagnostik eines Traumas gegenüber. Einer Reflexion der Möglichkeiten des Psychodramas als Arbeitsform in der Krisen- und Akutintervention folgt eine Darstellung von Teilaspekten der psychodramatischen Monodramatherapie auf Basis des Dreibühnenmodells.

Besonderheiten in der Gruppenarbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen zeigt Monika Wicher im Artikel „Die Freiheit der Regie – Psychodrama-Psychotherapiegruppe mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen“ auf. Geleitet vom Gedanken, Kindern und Jugendlichen mit Traumatisierungen die Möglichkeit zu geben, durch Gruppentherapie deren Fähigkeit sich in soziale Gruppen zu integrieren zu verbessern, entwickelte Wicher eine modifizierte Gruppentherapie, die Aspekte der Psychodramatheorie, Theorien der Traumatherapie und ihre persönliche praktische Erfahrung integriert. Ausgehend von einer stationären Psychodramagruppe für traumatisierte Kinder und Jugendliche werden Aufbau und Schwerpunkt der Gruppe, Aufbau der Settings, Einsatz von Intermediär- und Intramediärobjekten und die einzelnen Phasen der Psychodrama-Psychotherapiegruppe näher erläutert.

Eine besondere Form der psychotherapeutischen Tätigkeit beschreibt Evelyn Umschaden in ihrem Beitrag „Psychodrama-Psychotherapie im stationären Bereich einer Wohngemeinschaft mit komplex traumatisierten Jugendlichen“. Die praktische Tätigkeit und das psychotherapeutische Milieu im Alltag der Wohngruppe werden näher beleuchtet, ebenso die Arbeit mit dem sozialen und familiären Atom und die besonderen Herausforderungen und Problematiken der psychotherapeutischen Tätigkeit im stationären Setting einer Wohngruppe.

Der Artikel „Monodrama mit jugendlichen Mädchen: Ich bin kein Psycho!“ beschäftigt sich anhand einer großen Anzahl an Fallbeispielen mit den Besonderheiten in der monodramatischen Arbeit mit weiblichen Jugendlichen. Monika Stamenkovic-Strobl beschreibt die Arbeit mit weiblichen Jugendlichen, deren therapeutischer Prozess auch im Hinblick auf die parallel verlaufende Phase der Adoleszenz mit ihren zu absolvierenden Entwicklungsaufgaben, betrachtet wird.

Eine Möglichkeit zum Transfer therapeutischer erarbeiteter Inhalte in den Alltag wird im Beitrag „Psychodramatherapeutische Outdoortage – eine Supragruppe“ dargestellt. Das Supraformat bezeichnet die Verbindung zwischen der Methode Psychodrama und Outdoortraining. Im Rahmen einer psychodramatischen Jahrestherapiegruppe wurde der Interaktionsraum der Jugendlichen um einen realen Raum, die Natur, erweitert. Dieter Wagner beschreibt Struktur und Ablauf der psychodramatischen Outdoortage, Beobachtungs- und Interventionsebenen und Punkte, die bei der Zusammensetzung und Arbeit der Supragruppe zu berücksichtigen sind.

Im „Beitrag zu einem familienorientierten Vorgehen“ setzt sich Thomas Sageder mit dem Bezug des Psychodramas zu familiären Verhältnissen auseinander. Der Frage, ob und inwieweit Moreno in seinen Arbeiten Techniken und Settings verwendet hat, die als familienorientiert bezeichnet werden können, folgt die Erläuterung der triadischen Kapazität nach Schacht (2003). Sageder illustriert anhand eines Fallbeispiels ein im Rahmen seiner kindertherapeutischen Praxis eigens entwickeltes, familienorientiertes Vorgehen.

Die Vernetzung als wesentlicher Teil der therapeutischen Arbeit mit Kindern beschreibt Hannelore Stollewerk in ihrem Artikel „Arbeit mit dem Sozialen Atom“. Sie skizziert darin die zu verfolgenden Ziele im Rahmen der Elternarbeit und zeigt die Anwendung der Bühnenmatrix, mit deren Hilfe die Wechselwirkung zwischen dem therapeutischem Prozess und der Arbeit mit dem Sozialen Atom erfasst werden kann.

Zielgruppe

PsychotherapeutInnen, StudentInnen, Personen, die im beruflichen Umfeld mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, Eltern und Angehörige.

Diskussion

Gesamt gesehen liefert das vorliegende Buch einen guten Überblick über die Entwicklung der Psychodrama-Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen. Es ist zu betonen, dass die angestrebte Differenzierung zwischen der psychotherapeutischen Arbeit mit Kindern und der psychotherapeutischen Arbeit mit Jugendlichen klar hervorgehoben wird. Die Notwendigkeit dieser Differenzierung wird durch die Darstellung der Entwicklungsschritte und Anforderungen der unterschiedlichen Altersspannen herausgearbeitet. Die Problematiken und besonderen Bedürfnisse beider Altersgruppen werden aufgezeigt, daraus gezogene Schlussfolgerungen für Setting und Interventionen sind klar nachvollziehbar.

Die beiden Formate Psychodrama-Einzeltherapie und Gruppenpsychotherapie werden detailliert beschrieben, die Abgrenzung beider Verfahren aber auch notwendige Interaktionen werden verständlich aufgezeigt. Die praktische Relevanz wird durch die Verknüpfung der Anwendung der Verfahren im Rahmen der Interventionen bei den Störungsbildern Mutismus und Autismus verdeutlicht. Die klare Differenzierung der beiden Störungsbilder durch Beschreibung der Symptomatik und Diagnostik ermöglicht eine gute Nachvollziehbarkeit der gesetzten Interventionen. Vielfach finden sich detailreiche Beschreibungen zur Umsetzung der aufgezeigten Interventionen. Dadurch bietet das Buch einen wichtigen Bezugsrahmen für PraktikerInnen und StudentInnen.

Die hohe Anzahl praktischer Fallbeispiele verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis anschaulich. Positiv hervorzuheben ist die Verknüpfung zu Erkenntnissen aus dem Bereich der Neurowissenschaften. Die Wirksamkeit der Techniken des Psychodramas wird durch aktuelle neurobiologische Erkenntnisse gestützt.

Die große Bandbreite an Besonderheiten in der Entwicklung, die sich in der Zeitspanne der Kindheit und Jugend zeigen, wird auch in Bezug auf geschlechtsspezifische Merkmale diskutiert. So beschäftigt sich der Artikel „Monodrama mit jugendlichen Mädchen“ mit den Herausforderungen in der psychotherapeutischen Arbeit mit weiblichen Jugendlichen. In Hinblick auf die geschlechtsspezifische Darstellung von Symptomatik und Verhaltensweisen ist anzumerken, dass ergänzend zur differenzierten geschlechtsbezogenen Darstellung ein Beitrag zu einer gendersensiblen psychodramatischen Arbeit wünschenswert wäre, der Geschlecht als Strukturkategorie definiert.

In Anbetracht der anvisierten Zielgruppe der Eltern und Angehörigen ist anzumerken, dass ein Einführungsartikel in grundlegende Begrifflichkeiten und Techniken des Psychodramas hilfreich wäre. Der im Anhang angeführt Glossar umfasst nähere Erläuterungen zu Begrifflichkeiten des Psychodramas, ersetzt allerdings keine Darstellung für Ablauf und Instrumentarium des Psychodramas.

Fazit

„Handeln ist heilender als Reden“ – getreu diesem Zitat nach J.L. Moreno bietet die Arbeitsweise des Psychodramas durch ihren spielerischen Charakter großes Potenzial für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Das vorliegende Handbuch bietet einen umfassenden Überblick über theoretische Grundlagen, praktische Anwendungen und mögliche Erweiterungen in der Anwendung der Psychodrama-Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen. Die aufgezeigten Verbindungen zu Bereichen der Neurobiologie und der Pädagogik untermauern die hohe praktische Relevanz des Psychodramas. Durch die Verknüpfung theoretischer Überlegungen mit praktischen Fallbeispielen liefert das Buch der anvisierten Zielgruppe einen umfassenden Überblick über Möglichkeiten und Herausforderungen in der psychotherapeutischen-psychodrama Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.


Rezension von
Martha Schneider
Praktikantin am Department für Psychotherapie und biopsychosoziale Gesundheit an der Donau Universität Krems
E-Mail Mailformular


Alle 2 Rezensionen von Martha Schneider anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Martha Schneider. Rezension vom 30.06.2015 zu: Gabriele Biegler-Vitek, Monika Wicher (Hrsg.): Psychodrama-Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen. Ein Handbuch. Facultas Verlag (Wien) 2014. ISBN 978-3-7089-1128-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17611.php, Datum des Zugriffs 20.01.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht