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Heino Stöver, Oliver Kaul u.a.: Freizeit- und Glücksspielverhalten Jugendlicher und junger Erwachsener

Cover Heino Stöver, Oliver Kaul, Roger Kauffmann: Freizeit- und Glücksspielverhalten Jugendlicher und junger Erwachsener. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2014. 118 Seiten. ISBN 978-3-7841-2686-9. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Die Risiken von Glücksspielen um Geld sind seit geraumer Zeit Gegenstand der gesellschaftlichen und politischen Diskussion – dies gilt in besonderem Maße mit Blick auf die Zielgruppe der Jugendlichen. Es liegen zwar umfangreiche Daten zu Spieleranteilen für unterschiedliche Glücksspielformen und zur Verbreitung von Spielproblematik vor, im Hinblick auf ein Verständnis von Glücksspielen im Alltagskontext, Aspekte der kognitiven Verzerrung, das Spielen im familiären Umfeld oder Fragen nach den Motiven für das Spielen ist die Datenbasis deutlich schlechter.

Eine Umfrage (Online-Studie, Interviews zwischen dem 22. Mai und 14. Juni 2013) mit insgesamt 6.784 Befragten (Altersgruppe: 14-30 Jahre) sollte die wichtige Daten liefern.

Autoren

  • Prof. Dr. Heino Stöver ist Direktor des Instituts für Suchtforschung (ISFF) an der Frankfurt University of Applied Sciences, Mitautor des „Alternativen Sucht- und Drogenberichts 2014“ und verfügt über langjährige Praxis in der Suchtkrankenhilfe.
  • Prof. Dr. Oliver Kaul ist Vorsitzender des Academic Boards der smartcon GmbH und lehrt Marktforschung, Marketing und Management an der Hochschule Mainz.
  • Roger Kaiffmann arbeitet als Senior Research Manager bei der smartcon GmbH und ist mit der Organisation, Durchführung und Auswertung von Marktforschungsstudien weltweit vertraut.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Studie sollte einen Beitrag dazu leisten, Wissenslücken zu schließen und wirksame Präventionsansätze empirisch zu fundieren.

Aufbau

Der schmale Band liefert im ersten Kapitel eine Zusammenfassung, klärt mit dem zweiten Kapitel Hintergründe und Ziele der vorliegenden Studie, stellt in Kapitel drei Methodik und Stichprobe der Studie vor, um dann im sehr ausführlichen und mit zahlreichen Grafiken bestückten Kapitel auf Ergebnisse einzugehen. Das fünfte Kapitel schließlich widmet sich der Diskussion.

Inhalt

Es werden zentrale Gesichtspunkte kurz und gut verständlich beschrieben (Kap. I) – die Einordnung von Glücksspielen in den Kontext des Freizeitverhaltens, die Glücksspielproblematik generell. Dem Vergleich von Glücksspielen schließen sich vertiefende Details zum Spielen an Geldgewinnspielgeräten an, da in der gesellschaftlichen Diskussion das Spielen an diesen Geräten im Mittelpunkt steht (S. 13).

Der Erläuterung der „Person-Seite“ der Glücksspielproblematik folgt die Beschreibung der „Angebotsseite“. Schließlich wird die Schnittstelle dieser beiden Seiten dargestellt (Kap. II).

U. a. die genaue Darstellung des Fragebogenablaufs (S. 31) gibt Lesenden ein Bild von der gewählten Methodik der Studie (Kap. III).

Die Einordnung der Rolle von Glücksspielen in den Kontext ‚Freizeitverhalten‘, die Glücksspielproblematik generell (hier besonders interessant: die Rolle von kognitiven Verzerrungen und sozialem Umfeld/ S. 55 ff.) und Aspekte des Spielens an Geldgewinnspielgeräten (Nutzung, Bindungswirkung, Spielorte, Rolle der Erwachsenen, …) werden mit dem Ergebnisteil (Kap. IV) umfassend thematisiert.

Der Diskussionsteil (Kap. V) eignet sich besonders zu einer Bilanzierung, da auf den Seiten 33 bis 94 zum Teil sehr schlecht zu lesende/erkennende Tabellen/Grafiken den Lesefluss vielfach unterbrechen und die hohe Zahlen- und Faktenquote mitunter ‚erschlagend‘ wirken – dies aber gehört bekanntlich zum Design von Studien.

Diskussion und Fazit

Die Studie liefert zum Teil Ergebnisse, mit denen (beruflich) Interessierte, die sich erstmalig der Thematik vertiefend nähern, vielleicht nicht gerechnet hätten: Gut 40 % der 6.800 befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen spielen überhaupt keine Glücksspiele; ein Großteil der Spielenden ist der Gruppe der „Gelegenheitsspieler“ zuzuordnen; von einer „relativ geringen Attraktivität“ (S. 97) ist die Rede. Diese und weitere Erkenntnisse relativieren das Bild der „jugendlichen Zocker“, die scheinbar kein Halten mehr kennen, wenn sie mit der Materie in Kontakt getreten sind. Ebenso wird die Erkenntnis vielleicht überraschen (S. 98), „dass Probleme im Zusammenhang mit Glücksspielen von den befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen deutlich seltener erlebt werden als im Zusammenhang mit anderen Freizeitaktivitäten“. Internetnutzung führt zum Beispiel nach Auskunft der Befragten zu deutlich (!) häufigeren Problemen als das Glücksspiel.

Etwas allein gelassen fühlen sich Lesende unter Umständen mit einer der abschließenden Wertungen: „Abgesehen davon, dass bei den in der vorliegenden Studie angetroffenen problematischen Spielern deutlich wird, dass es sich hierbei um Menschen handelt, deren Leben offenbar nicht nur im Hinblick auf das kontrollierte Spielen, sondern auch in anderen Bereichen nicht glückt, ist der Kern der Befragungsergebnisse, dass es offensichtlich keine einfachen Rezepte gibt, um der Glücksspielproblematik entgegenzuwirken.“ (S. 99)

Deutlich griffiger – wenn auch nicht unbekannt – sind dagegen die Empfehlungen in Richtung Präventionsarbeit.

Der präsentierten Faktenflut, der man sich aber mit wachsender Neugier gerne stellt, hätte man ein vielleicht größeres Druckformat gewünscht, um die Abbildungen im Detail in Ruhe studieren zu können.

Sicherlich ist dies kein Buch für „Einsteiger“ – Studien haben stets ihren eigenen Charme …

Wer mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen arbeitet und das Gegenüber (noch) besser verstehen will, kann in Kombination mit der Lektüre eines anderen Grundlagenwerks eine Fülle von Einsichten gewinnen.


Rezensent
Thomas Hax-Schoppenhorst
pädagogischer Mitarbeiter der LVR-Klinik Düren, Sachbuchautor, Herausgeber, Erwachsenenbildner
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Zitiervorschlag
Thomas Hax-Schoppenhorst. Rezension vom 08.01.2016 zu: Heino Stöver, Oliver Kaul, Roger Kauffmann: Freizeit- und Glücksspielverhalten Jugendlicher und junger Erwachsener. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2014. ISBN 978-3-7841-2686-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17613.php, Datum des Zugriffs 19.06.2018.


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