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Harro Dietrich Kähler, Patrick Zobrist: Soziale Arbeit in Zwangskontexten

Cover Harro Dietrich Kähler, Patrick Zobrist: Soziale Arbeit in Zwangskontexten. Wie unerwünschte Hilfe erfolgreich sein kann ; mit 13 Tabellen. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2013. 2., überarbeitete Auflage. 133 Seiten. ISBN 978-3-497-02375-2. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

In Beratung und Therapie sind Veränderungsprozesse auf die Mitwirkung der Klienten angewiesen. Es besteht das Ideal des freiwilligen und motivierten Klienten. In der Praxis der Sozialen Arbeit ist dies jedoch keinesfalls immer anzutreffen. Hilfe- und Kontrollauftrag liegen hier eng beieinander, in einigen Arbeitsfeldern scheinen sogar die Kontrollaufträge die Soziale Arbeit zu dominieren (z.B. in der Jugendgerichtshilfe, Gefängnissozialarbeit).

Umso wichtiger ist die von Harro Dietrich Kähler und Patrick Zobrist aufgeworfene Frage, wie Hilfsangebote gestaltet werden müssen, um die Klienten zu erreichen und einen positiven Beitrag zu deren persönlichen Weiterentwicklung zu gewährleisten. In diesem Kontext stellen sich professionstheoretische, methodische und ethische Fragen. Professionstheoretisch ist zu fragen, wie Sozialarbeit ihr Selbstverständnis formuliert und ihren Auftrag im Geflecht staatlicher Finanzierung und eigenem Unterstützungsanliegen sieht. Unter methodischen Gesichtspunkten ist beispielsweise zu fragen, wie die Hilfsangebote gestaltet werden müssen, um eine größere Chance zur Zielerreichung zu haben. Und ethisch öffnet sich die Grundsatzdebatte zwischen Stärkung der Autonomie der Klienten und (bevormundender) Fürsorge. Es stellen sich vielfältige Kontroversen zu deren Beantwortung das vorliegende Buch einen Beitrag leisten will.

Entstehungshintergrund

Das Buch stützt sich auf die Expertise des Erstautors in Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit, eine Literaturrecherche zum aktuellen Stand von Forschung und Praxis zur Arbeit in Zwangskontexten sowie auf die Praxiserfahrung des Zweitautoren in der Bewährungshilfe und als Weiterbildungsreferent der Hochschule Luzern im Kinderschutz, in der gesetzlichen Betreuung und in der Jugendstrafverfolgung. Im Vorwort verweisen die Autoren darauf, dass sich seit der Erstausgabe das Thema Arbeit in Zwangskontexten zu einem Querschnittsthema entwickelt hat und zwischenzeitlich zahlreiche Publikationen dazu erschienen sind. Insbesondere ist es den Autoren ein Anliegen den Umgang und der methodischen Arbeit in Zwangskontexten mehr Raum zu geben, insofern wurde auch der Praxisteil (Kap. 7) erheblich erweitert.

Aufbau und Inhalt

Harro Dietrich Kähler und Patrick Zobrist gliedern ihr Buch in acht Kapitel.

Das erste Kapitel enthält eine Einführung, in der für das Thema sensibilisiert, der Begriff von Zwang und Zwangskontext präzisiert und der Aufbau des Buches und seine Zielsetzung vorgestellt werden.

Das zweite Kapitel geht der Frage nach, wie weit in der Sozialen Arbeit die Idee der freiwilligen Kontaktaufnahme verbreitet ist. Empirische Studien auswertend kommen die Autoren zur Schlussfolgerung, dass die Freiwilligkeitserwartung bei Studienanfängern weit verbreitet ist, von Vertretern der Praxisfelder die Kontakte jedoch mehrheitlich als fremdinitiiert beschrieben werden.

Daran anknüpfend analysieren die Autoren in Kapitel drei die Voraussetzungen und Einflussfaktoren für die Kontaktaufnahme mit den Klienten sozialer Dienste. Interessant erscheint mir hier insbesondere die Beschreibung innerpsychischer Aspekte, die Einfluss auf das Handeln der Klienten haben und mögliche Hürden für eine Inanspruchnahme von Unterstützungsleistungen bilden. Als weitere Einflussfaktoren auf die Kontaktaufnahme werden gesetzliche Vorgaben und institutionelle Kontexte betrachtet, um dann die Systematisierung der Kontaktformen bzw. Arten von Zwangskontexten bei verschiedenen Autoren gegenüberzustellen.

Mit Kapitel vier wird die Themenstellung auf die Bedeutung motivationaler Aspekte übergeleitet und nochmals grundsätzlicher danach gefragt, welche menschlichen Motive bei der Kontaktaufnahme und dem Wunsch nach persönlicher Weiterentwicklung wirken. Ausgehend von Praxisfragen werden u.a. Bedürfnis- und Motivationstheorien und das auf Prochska und DiClemente zurückgehende Phasenmodell von Veränderung herangezogen. Analytisch vertiefend nehmen die Autoren nun Fragen der positiven und negativen Anreize als Motivationsfaktoren auf und beziehen dies auf die Sicht von Fachkräften, befragt in einer Erkundungsstudie von Harro Kähler. Es ließ sich dabei eine relative Unabhängigkeit der beiden Faktoren Bereitschaft zur Kontaktaufnahme und Änderungsmotivation nachweisen. Anhand von Praxisbeispielen vertiefen die Autoren das Problemverständnis beim Leser bzw. der Leserin.

Das Kapitel fünf widmet sich dem Phänomen der Reaktanz, d.h. der Reaktion des Individuums bei drohendem Verlust von Freiheit. Potentielle Verhaltensweisen von Klienten werden unter verhaltensnahen Gesichtspunkten aufgefächert und die Perspektive der Fachkräfte sozialer Dienste und deren Handlungsmöglichkeiten praxisnah einbezogen. Das Kapitel beschließen Praxistipps für das Verhalten von Fachkräften, die dann in Kapitel sieben weitergeführt werden.

Kapitel 6 stärkt mit dem Bezug auf empirische Befunde nochmals die Perspektive der Fachkräfte auf Probleme bei der Arbeit in Zwangskontexten.

Das umfangreichste Kapitel wendet sich den Handlungsstrategien der Fachkräfte zu. Es führt in Fragen der hinderlichen und hilfreichen Annahmen, Grundhaltungen der Helfer und Helferinnen ein. Für den Interventionsprozess formulieren Harro Dietrich Kähler und Patrick Zobrist nun ein Modell der Veränderungsstufen unter Bezugnahme auf die vorliegende Literatur, um dann das professionelle Handeln anhand von Praxisbeispielen und Leitsätzen zu konkretisieren. Insbesondere ist es den Autoren ein Anliegen, dass die Arbeit in Zwangskontexten Teil der Rollenklärung mit den Klienten wird und sich an ethischen Grundsätzen, an dem Prinzip von Transparenz und Rollenklarheit orientiert. Insbesondere gilt es zur Anregung der persönlichen Weiterentwicklung die Problemeinsicht zu fördern und die Ambivalenzklärung beim Klienten methodisch fundiert zu gestalten. Mit Kapitel 7.6 beginnend werden Fragen der Zielfindung, Ressourcenaktivierung und Beziehungsgestaltung aufgegriffen, wie sie sich beispielsweise in der Psychotherapieforschung als Wirkfaktoren nachweisen ließen.

Das Fazit hebt nochmals die Bedeutung des Themas hervor und unterstreicht den Forschungsstand, dass Zwangskontexte sehr wohl aussichtsreiche Anschlusspunkte für Veränderungsarbeit liefern, zeigt darüber hinaus den Forschungsbedarf anhand offener Forschungsfragen auf. Der weiterführende Forschungsbedarf ergibt sich insbesondere auf professionstheoretischer, methodischer Ebene und im Hinblick auf ethische Aspekte. Die Autoren verweisen in Zeiten des aktivierenden Sozialstaates auch auf sozialpolitische Implikationen. Insbesondere gilt dies für das Freiheitsrecht auf Nichtveränderung in einem liberalen Rechtsstaat.

Das Buch bietet abschließend ein Sachregister.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich an Fachkräfte in sozialen Diensten. Insbesondere können davon Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter profitieren, die in Zwangskontexten tätig sind (z.B. aufsuchende Familienhilfe) und denen sich vermehrt Fragen der Förderung der Veränderungsbereitschaft beispielsweise bei ambivalenten Klienten in der Suchthilfe stellen. Die Publikation lässt sich gewinnbringend auch im Studium der Sozialen Arbeit, der Sonder- und Heilpädagogik und in der Weiterbildung von beraterisch und edukativ tätigen Fachkräften der Sozialen Arbeit einsetzen.

Diskussion

„Soziale Arbeit in Zwangskontexten“ empfiehlt sich als Beitrag um die aus meiner Sicht gelegentlich recht orthodox geführte Debatte um das Doppelmandat der Sozialen Arbeit zu öffnen. Sehr wohl lässt sich auch in Zwangskontexten eine konstruktive Kooperation mit Klienten und ihren Systemen erreichen. Vielmehr sind Zwangskontexte als ein Forschungsfeld geeignet, um die Einflussfaktoren auf gelingende Kooperation und die Beziehungsdynamik in biographischen und sozialen Veränderungsprozesse zu erforschen. Insofern ist Harro Dietrich Kähler und Patrick Zobrist zuzustimmen, dass hier ein weiterführender Forschungsbedarf besteht, z.T. aktuelle Befunde aus der Praxis der Sozialarbeit fehlen und diese Forschung für die Gestaltung von Interventionsmethoden aufschlussreiche Erkenntnisse verspricht.

Studierende der Sozialen Arbeit sollten frühzeitig an das Thema Arbeit in Zwangskontexten und eingeschränkte Freiwilligkeit herangeführt werden, um ihnen in diesem Bereich einen Praxisschock zu ersparen und sie frühzeitig für die methodische Gestaltung und die Beziehungsarbeit mit den Klienten zu sensibilisieren.

Zur Orientierung hilfreich ist das abschließende Stichwortverzeichnis. Daneben wünschte ich mir weiterführende Literaturempfehlungen.

Fazit

Mit dem vorliegenden Buch wenden sich Harro Dietrich Kähler und Patrick Zobrist an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Sozialen Diensten. Die Autoren fassen den aktuellen Forschungsstand zum Thema zusammen und sprechen mit einem ausführlichen Praxisteil wichtige Fragen der Grundhaltung, der Beziehungsgestaltung, der Zielklärung und Ressourcenorientierung an. Es findet sich eine schlüssige Verbindung aus theoretischen Grundlagen und empirischen Befunden sowie eine praxisorientierte Debatte um die konstruktive Gestaltung der Kooperation mit den Klienten sozialer Dienste. Insofern ist das Buch auch für das Studium der Sozialen Arbeit, der Sonder- und Heilpädagogik zu empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Jürgen Balz
Dozent für Psychologie (Schwerpunkte Diagnostik und Beratung) an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
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Zitiervorschlag
Hans-Jürgen Balz. Rezension vom 24.02.2015 zu: Harro Dietrich Kähler, Patrick Zobrist: Soziale Arbeit in Zwangskontexten. Wie unerwünschte Hilfe erfolgreich sein kann ; mit 13 Tabellen. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2013. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-497-02375-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17615.php, Datum des Zugriffs 18.10.2018.


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