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Holger Kirsch (Hrsg.): Das Mentalisierungskonzept in der Sozialen Arbeit

Cover Holger Kirsch (Hrsg.): Das Mentalisierungskonzept in der Sozialen Arbeit. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2014. 177 Seiten. ISBN 978-3-525-40221-4. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 33,90 sFr.
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Thema

Im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht hat H. Kirsch in der Reihe Psychotherapie/Psychosoziale Beratung ein Buch über die Anwendung des Mentalisierungskonzeptes in der Sozialen Arbeit veröffentlicht.

Mentalisieren, weitgehend vorbewusst oder implizit ablaufend, wird verstanden als kognitive Leistung, Gedanken, Gefühle und Absichten, d.h. die innere Welt bei sich und anderen wahrzunehmen. Das eigene und das Verhalten anderer wird dadurch sinnhaft, es kann erklärt und vorausgesehen werden.

Das Buch beschreibt zuerst die theoretischen Grundlagen und Grundzüge des Mentalisierungskonzeptes und danach Praxisprojekte, welche den Übertrag der Theorie in die praktische Soziale Arbeit verfolgen.

Autor

Der Herausgeber ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Er ist Professor an der Evangelischen Hochschule Darmstadt und in eigener Praxis als Psychoanalytiker tätig. Er ist Dozent, Supervisor und Lehranalytiker am Alfred Adler- Institut Mainz.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist im Rahmen des Studienschwerpunkts „Gesundheit und Krankheit: Differenz - Anerkennung – Teilhabe“ im Masterstudiengang Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Darmstadt entstanden. In Lehr-Praxis-Projekten in Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit entwickeln Studierende konkrete Interventionskonzepte zur Förderung der Fähigkeit zu Mentalisieren mit anschließender Projektdurchführung. Einige studentische Praxisprojekte werden in dem 177 Seiten umfassenden Buch vorgestellt.

Aufbau

„Das Mentalisierungskonzept in der Sozialen Arbeit“ gliedert sich implizit in zwei Abschnitte: Nach einem theoretischen Überblicksartikel über die Grundlagen des Mentalisierungskonzeptes wird der Frage nachgegangen, wie dieses in der Lehre umzusetzen ist. Mit „Projekten aus den Handlungsfeldern Sozialer Arbeit“ erfolgt die Überleitung zum praxisbezogenen Teil des Buches. Der Schwerpunkt dreier Lehr-Praxis-Projekte liegt bei der sozialpädagogischen Arbeit mit Kindern zwischen drei und zehn Jahren, mit verschiedenen (sozialpädagogischen) Zielgruppen und Handlungsfeldern. Im Anschluss werden zwei Projekte aus der Arbeit mit Erwachsenen (Sozialpsychiatrie und Behindertenhilfe) vorgestellt.

Inhalt

In dem fast 40 Seiten umfassenden Artikel über die „Grundlagen des Mentalisierens“ wird von dem Herausgeber zuerst die Relevanz der Qualität von Beziehungen und von Bindungsmustern sowie Bindungssicherheit als möglicher Schutzfaktor gegen psychische Erkrankungen dargestellt. Eine sichere Bindung erreicht das Kind über die Fähigkeit der Eltern zur Reflexion und Mentalisierung. Kirsch stellt dar, wie Mentalisierung im Kontext der Beziehung der primären Bezugspersonen mit dem Kind erfolgt und wie eine gelingende Mentalisierungsfähigkeit resp. Störungen selbiger aus dieser Interaktion entstehen können. Die Fähigkeit zur Mentalisierung ist demnach grundlegend für das Denken als Probehandeln, sowie als Reflexionsinstrument zur Impulskontrolle und Affektregulation. In dem Aufsatz wird weiterhin erörtert, wie diese Fähigkeit im Rahmen von mentalisierungsbasierten Interventionen erlernt und geübt werden kann.

Der kurz gehaltene Artikel von A. Köhler-Offierski behandelt die Frage, wie sich historisch Sozialpädagogik und Sozialarbeit an der Evangelischen Hochschule Darmstadt zum Studiengang Soziale Arbeit entwickelt haben. Die Autorin, gleichzeitig auch Präsidentin der Evangelischen Hochschule, vertritt den Ansatz, dass das Mentalisierungskonzept im Rahmen des Studiengangs ein im Kontext von Gesundheitsförderung und Sozialer Arbeit wichtiges zu lehrendes und lernendes Konzept ist.

Im Folgenden werden im englischsprachigen Raum durchgeführte mentalisierungsfördernde und mentalisierungsbasierte „Projekte aus den Handlungsfeldern Sozialer Arbeit“ erläutert. Beschrieben werden Projekte von den Frühen Hilfen zur Begleitung schwangerer Mütter bis hin zu Adoleszenten, von Einzelpersonen über Gruppenangebote und Unterstützungsangebote für Familien, von Schulen bis hin zu Psychiatrien.

Die Anwendung des Mentalisierungskonzepts in Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit erfolgt danach anhand der Darstellung einiger Projekte von Masterstudierenden.

L. Kaufmann und S. Zimmer begleiteten sechs Mütter von Kindergartenkindern über sechs eineinhalb Stunden dauernde Termine in Form einer ‚mentalisierungsgestützten Erziehungsberatung‘. Mit Hilfe einer halbstrukturierten Konzeption zur mentalisierungsfördernden Intervention wurde die Beschäftigung mit Bewältigungsstrategien für Alltagsbelastungen sowie die Stärkung der Erziehungskompetenzen ermöglicht und zur Reflexionen angeregt.

In dem Aufsatz „Mentalisieren von Erzieherinnen“ konzipierten die Autorinnen J. Klein und T. Armendinger eine psychoedukative sechsstündige Fortbildung für Erzieherinnen zur Förderung der Mentalisierungsfähigkeit von Kindergartenkindern. In der Fortbildung standen die Anregung und Begleitung kohärenter Narrationen, sowie das Reden über Erlebnisse und Gefühle und Spiele zur Berücksichtigung mentaler Zustände der Kinder im Mittelpunkt. Um diese Ziele zu erreichen, wurde ein Schwerpunkt auf die Feinfühligkeit in der Interaktion und die Frage, wie Feinfühligkeit im Kindergarten mit sprachlichen Mitteln gestaltet werden kann, gelegt.

In „Mentalisierungsbasierte Gewaltprävention an einer Grundschule“ von K. Straub und A. Stavrou wurde in sieben Einheiten mit den Schülern eine positive Gruppendynamik sowie die Stärkung der Selbstkompetenz, Anregungen zum Perspektivenwechsel, eine Sensibilisierung für verschiedene Arten und Formen von Gewalt, sowie die (selbstkritische) Reflektion von Handeln und das Bewusstsein für sich und die Grenzen anderer geübt.

Eine Projektgruppe um T. Kalbfuss, A. Polat und S. Urbanek hatte sich der Frage mentalisierungsbasierter Psychoedukation mit Patienten einer psychiatrischen Institutsambulanz zugewandt. Mit Hilfe einer Kombination des Empowerment-Ansatz und des Mentalisierungskonzeptes soll die Verbesserung und Stabilisierung der Mentalisierungsfähigkeit und, dies wurde als eine Besonderheit herausgestellt, nicht die Entwicklung von Einsicht erfolgen. Ziele des siebenteiligen Gruppenangebotes waren die eigenen Emotionen besser wahrzunehmen und zu verstehen, andere besser zu verstehen sowie zu lernen in zukünftigen Stresssituationen anders zu reagieren.

Der Aufsatz von O. Ruf und I. Wiens stellte die Durchführung eines mentalisierungsbasierten Bildungskonzeptes für ältere Menschen mit körperlicher und geistiger Mehrfachbehinderung sowie Lernschwierigkeiten vor. Von der Idee ausgehend, dass Menschen mit geistiger Behinderung Einschränkungen in ihrer Mentalisierungsfähigkeit aufweisen, sollte eine „Alphabetisierung der Empfindungen“ erfolgen. Die Autorinnen nannten Empowerment als Ziel, Wahrnehmung und Mentalisieren als Weg des sieben Mal stattfindenden Gruppenangebotes. Die Teilnehmer lernten, im Sinne der Mentalisierungsförderung Gefühle, Motive, Wünsche und Konflikte zu beschreiben.

Diskussion

H. Kirsch bleibt mit dem Buch in der Tradition der ‚Gründerväter‘ des Mentalisierungskonzeptes: Die verschiedenen Aufsätze suggerieren nicht, neue Therapieverfahren für sozialpädagogischen Anwendung zu entwickeln. Vielmehr werden bekannte Theorien mit aktuellen entwicklungspsychologischen und neurobiologischen Befunden kombiniert und für einen praxistauglichen sozialpädagogischen Zugang, in dem sich soziale und psychische Systeme begegnen, weiterentwickelt. Dies erfolgt mit Rückgriff auf Erfahrungen aus ähnlichen Projekten im englischsprachigen Raum. Der praxistaugliche sozialpädagogische Zugang gelingt in einigen der vorgestellten Projekte mehr als in anderen. In den Projekten, in denen eine Weiterentwicklung erfolgen könnte, vermerken dies die Autoren auch selbstkritisch. So ist bspw. die Idee von O. Ruf und I. Wiens, die Förderung der Mentalisierungsfähigkeit bei Menschen mit Mehrfachbehinderungen in Form eines Gruppenangebotes zu implementieren sehr gut und begrüßenswert. Die einzelnen Stunden waren jedoch für die Zielgruppe zu überladen und dem kognitiven Entwicklungsniveau nicht angemessen. Eine aus diesen Erfahrungen resultierende Weiterentwicklung des Projektansatzes ist wünschenswert.

Fazit

Das Buch eignet sich sehr gut, um theoretische psychoanalytische Anregungen im Sinne eines bindungstheoretischen und mentalisierungsorientierten Blickwinkels für die sozialpädagogische Praxis zu erhalten. Sowohl für die Arbeit mit Kindern, Eltern und professionell Tätigen, wie auch für die Anwendung in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten werden zahlreiche Anreize geliefert. Im psychotherapeutischen Kontext wird das Mentalisierungskonzept seit einigen Jahren praktiziert und neben Übersetzungen englischsprachiger Publikationen finden sich auch vermehrt deutschsprachige Bücher und Aufsätze, wie bspw. von B. Zemke zur Anwendung des mentalisierungsbasierten Konzeptes in der ambulanten Psychotherapie. Aus den Erfahrungen mit dem Konzept in (sozial-)pädagogischen Handlungskontexten sind jedoch erst sehr wenige Arbeiten entstanden. Das Buch schließt somit eine wichtige Lücke. Es wendet sich insbesondere an Praktiker und Studierende aus dem Feld der Sozialen Arbeit.

Literaturnachweis:

Zemke, B. (2013): Mentalisieren in der Psychotherapie mit Kindern. Zeitschrift für Individualpsychologie, 38 (3), 268-284.


Rezensentin
Dr. Sandra Lentzen
Kinder- und Jugendpsychotherapeutin
Homepage www.psychotherapiepraxis-lentzen.de
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Zitiervorschlag
Sandra Lentzen. Rezension vom 27.01.2015 zu: Holger Kirsch (Hrsg.): Das Mentalisierungskonzept in der Sozialen Arbeit. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2014. ISBN 978-3-525-40221-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17619.php, Datum des Zugriffs 16.01.2019.


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