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Elisabeth Reitinger, Andreas Heller u.a.: Leitkategorie Menschenwürde

Cover Elisabeth Reitinger, Andreas Heller, Clemens Tesch-Römer, Peter Zeman: Leitkategorie Menschenwürde. Zum Sterben in stationären Pflegeeinrichtungen. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2004. 64 Seiten. ISBN 978-3-7841-1536-8. 5,00 EUR, CH: 9,30 sFr.

Reihe: PalliativCare und OrganisationsEthik, Band 9.
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Hintergrund

Die als Diskussionspapier deklarierte Schrift wurde erstellt auf der Grundlage des Workshops "Sterben in stationären Pflegeeinrichtungen", der am 2. und 3.Juni 2003 am Deutschen Zentrum für Altersfragen in Berlin durchgeführt wurde.

Inhalt und Beurteilung

Es handelt sich um eine programmatische Schrift, die insgesamt 42 kurz kommentierte Losungen ausgibt. Sie sollen als Orientierungshilfe dienen und einen Anstoß zur Debatte zum Sterben in stationären Pflegeeinrichtungen geben. Dem Inhalt und der Einstellung nach scheint der Titel "Leitkategorie Lebensqualität" angemessener zu sein als der gegebene. Viele der Losungen sind vollkommen nachvollziehbar und begrüßenswert, so die Forderung nach einem interdisziplinären Kontext für die Pflegeforschung ((41), "(34) Trauerbegleitung im Heim ermöglichen" oder "(13) Palliativversorgung integrieren". Der Sozialen Arbeit weisen die Autoren eine unverzichtbare Aufgabe in der Abstimmung von Heilen und Pflegen zu.(24)

Gerade wegen der Kürze und programmatischen Zuspitzung sind einige Ausführungen jedoch sehr problematisch.

  • Schon die Behauptung, dass "Sterben soziales Verhalten" ist und durch Fragebögen erforscht werden könne (36), weckt Widerstände. (Natürlich ist es nicht falsch, dass Sterben sich in sozialen Kontexten vollzieht, aber etwas, das einem widerfährt, wird man schwerlich als "Verhalten" bezeichnen können).
  • Die These unter Leitsatz 3, dass Würde "als relationales Konzept aufzufassen" sei und "nur in Beziehungen hergestellt werden" könne, widerspricht der traditionellen philosophischen Bestimmung vom Menschen als Wert oder Zweck an sich. Es ist auch nicht so, wie ebenfalls unter (3) behauptet wird, dass "Fürsorglichkeit" und "Wahrung von Autonomie" zwei gleich berechtigte Konkretisierungen der Achtung vor der Würde eines anderen wären. Im Konfliktfall muss "Autonomie" den Vorrang haben.
  • Dies scheint den Autoren unbehaglich, wie ihre Ausführungen unter "(6) Patientenverfügung als Gesprächsanlass nutzen" vermuten lassen. Sie sehen in der Verfügung ein "didaktisches Mittel, um die Auseinandersetzung der Menschen mit dem eigenen Sterben in Gang zu setzen." Wer eine Patientenverfügung verfasst hat oder sie verfassen will, hat die Auseinandersetzung schon begonnen und hat, wie jeder Sterbende, das Recht, von didaktischen Bemühungen verschont zu bleiben. Wenn der Patientenverfügung die "Funktion eines Kommunikationsmittels" zugewiesen wird, "das hilft, Entscheidungen nicht einsam fällen zu müssen", verkennen die Autoren nicht nur das Wesen einer Entscheidung, die jeder für sich fällen muss, auch wenn andere zugegen sind, sondern auch den Sinn einer Patientenverfügung: er besteht nicht in der Kommunikation, sondern in der Selbstbestimmung. Die Befürchtung, "dass Patientenverfügungen eine Ausgrenzung von sterbenden Menschen bewirken, indem beispielsweise eine bestimmte Qualität der Versorgung vorenthalten wird", mag gerechtfertigt sein. Aber dann muss man sich gegen die Ausgrenzung wenden und darf nicht die Selbstbestimmung einschränken.

Fazit

Die Broschüre ist geeignet als Einstieg in die Probleme professioneller Sterbebegleitung, aber nicht unproblematisch.


Rezensent
Prof.em. Dr. Hans-Ernst Schiller
Vormals Professor für Sozialphilosophie und -ethik
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.philosophie-schiller.de
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Zitiervorschlag
Hans-Ernst Schiller. Rezension vom 17.08.2004 zu: Elisabeth Reitinger, Andreas Heller, Clemens Tesch-Römer, Peter Zeman: Leitkategorie Menschenwürde. Zum Sterben in stationären Pflegeeinrichtungen. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2004. ISBN 978-3-7841-1536-8. Reihe: PalliativCare und OrganisationsEthik, Band 9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1762.php, Datum des Zugriffs 25.03.2019.


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