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Ulrich Schneider: Mehr Mensch! Gegen die Ökonomisierung des Sozialen

Cover Ulrich Schneider: Mehr Mensch! Gegen die Ökonomisierung des Sozialen. Westend Verlag (Frankfurt) 2014. 157 Seiten. ISBN 978-3-86489-079-6. D: 13,99 EUR, A: 14,40 EUR, CH: 18,90 sFr.
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Autor, Entstehungshintergrund und Thema

Ulrich Schneider ist Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und schon von Beruf wegen mit unendlich vielen sozialen Fragen befasst. Er ist auch ein wichtiger Mahner, der gerne von der Presse zu sozialen Aspekten um Meinung gebeten wird, was er dann auch leidenschaftlich tut. In diesem Buch sind viele seiner Beobachtungen und Entwicklungen zusammengefasst, die dazu geführt haben, dass alle sozialen Fragen und Dienstleistungen neoliberalen Mechanismen unterworfen werden, gegen die er sich mit Engagement zur Wehr setzt.

Aufbau

Das Buch teilt sich auf in vier Kapitel, die wiederum durch Untergliederung unterteilt sind. Dadurch ist das Buch übersichtlich, gut gestaltet und hat jeweils gute Abschnitte, nach denen man eine Zäsur machen und über das Gelesene nachdenken kann.

Das Vorwort ist zugleich das erste Kapitel und macht deutlich, worum es geht: anhand der satirischen Untersuchung von Schuberts unvollendeter Symphonie unter ökonomischen Gesichtspunkten, die dahin gipfelt, dass hätte Schubert rationale und dicht getaktete Inhalte (Musik) angelegt, wäre das Werk in seiner Aufführung viel kürzer und womöglich hätte er die Symphonie noch zu Ende komponieren können (jeder, der sich mit Sozialmanagement befasst hat, kennt diesen Vergleich). Das nimmt er als Anlass und zieht einen Vergleich zur Pflegeversicherung, wo die Leistungen auch in Zeitvorgaben und -takte eingeteilt sind, was Menschenunwürdig ist. Er zeigt die Größenordnung der Wohlfahrtspflege auf und umreißt das Spektrum der Tätigkeiten, woraus deutlich wird, dass es sich nicht um eine Nischentätigkeit handelt. Seine Hauptthese ist, dass es unter marktwirtschaftlichen Handlungsmaximen nicht gelingen kann, Kinder kindgerecht zu erziehen und gute soziale Arbeit in Pflegeheimen, Kindergärten, Jugendzentren etc. zu leisten.

Der Weg in die Ökonomisierung, so die Überschrift des zweiten Kapitels, lässt sich anhand dreier Stränge aufzeigen: in den 1960er und 1970er Jahre musste sich soziale Arbeit legitimieren, was sie eigentlich tut und was ihrem „Erfolg“ ausmacht. Das führte in den 1980er Jahren zur Frage der Effizienz des Sozialen (Wirtschaftlichkeit) und schließlich in den 1990er Jahren zu der Frage, wofür braucht der Einzelne das, der gar nicht davon betroffen ist (Mehrwert). Diese Entwicklung hatte ihre Parallelen in Wirtschaft und Politik und führte zu Entwicklungen wie Sozialmanagement und Sozialwirtschaft. In diesem Kontext kommt er auf seine „Lieblinge“ zu sprechen, dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der wirtschaftlichen Entwicklung. Pointiert führt er vor, dass die Prognosen häufig völlig falsch sind, und da, wo sie annähernd zutreffen (2004 und 2012) eher glückliche Umstände dazu geführt haben. Aber jedes Jahr wird zweimal um diese Prognosen großes Aufsehen gemacht bis in die Abendnachrichten. Soziale Arbeit hingegen muss (neuerdings) auch Prognosen abgeben hinsichtlich der Entwicklung von Menschen und sich auch noch dafür rechtfertigen oder sogar Entgeltkürzungen hinnehmen, wenn die Entwicklung anders verläuft

Die Ökonomisierung des Sozialen, so die Überschrift des dritten Kapitels, wurde endgültig eindeutig sichtbar mit Einführung der Pflegeversicherung, denn auf einmal konnten (und sollten) private Anbieter und Konzerne gewinnorientiert Dienste am Menschen leisten bei gleichzeitig gedeckelten Vergütung. Das Kostenerstattungsprinzip wurde zugunsten der Philosophie des Preises aufgegeben. Außerdem wurde nicht der tatsächliche Aufwand (Zeit) vergütet, sondern die Quantität. Auch die freie Wohlfahrtspflege unterwarf sich diesen Wettbewerb und brachte damit neue „Typen“ hervor, die in Leitungspositionen sich als Wirtschaftsbosse währten. Das gipfelte in der Dienstwagen-Maserati-Affäre der Berliner Treberhilfe, die ein (völlig übertriebenes) Symptom neoliberaler Mechanismen darstellte. Ergänzend kommt hinzu, dass sich ein neuer Sprachgebrauch einstellte: auf einmal ging es um „Kunden“ (und um „Optimierung von Leistungen“). In der Politik setzte sich diese neoliberale Logik fort, indem Langzeitarbeitslose quasi ausgegrenzt wurden, weil sie keine (subventionierte) Beschäftigung mehr erhielten.

Der „Mensch versus Mehrwert“, so die Überschrift des vierten und letzten Kapitels, steht in der Frage, was ist mir Mitmenschlichkeit wert und wie viel bin ich bereit, dafür zu zahlen, verbunden auch mit der Frage: was habe ich davon? Da die Leistungen ökonomisiert wurden, wurde der größte Wert den es gibt: die Würde des Menschen einfach ausgeblendet. Soziale Arbeit, gleich welche Profession und welcher Tätigkeit, basiert auf Beziehungen, und die brauchen Zeit. Schließlich kritisiert Schneider auch große Konzerne, die z.B Stiftungen für das Soziale gegründet haben, über den Verbleib und die Verwendung der Mittel aber wiederum neoliberale Wirtschaftsführer entscheiden, die von Sozialer Arbeit keine Ahnung haben. Auch wendet er sich gegen die Absolutheit von Kennzahlensystemen (Bewertung von Pflegeeinrichtungen, PISA), die nichts über die Menschen dahinter aussagen, und um die geht es eigentlich.

Diskussion und Fazit

Ohne Frage ein wichtiges Buch, pointiert, teilweise zugespitzt, aber in der Botschaft klar und unmissverständlich. Es liest sich leicht, die Argumentation ist gut nachvollziehbar und ließe sich an einigen Stellen ergänzen und untersetzen, aber der große Zusammenhang ist klar und schlüssig. Es ist kein sachliches Buch und in diesem Sinne kein Sachbuch, sondern eher eine Streitschrift, ein Plädoyer, ein Manifest oder dergleichen.

Was dem Buch fehlt, ist der Gegenentwurf. Hier müsste Schneider ein weiteres Buch schreiben (sonst sprengt es den Rahmen), müsste Dinge wie Gerechtigkeit, Menschlichkeit und vieles mehr in den Mittelpunkt als Referenzgrößen stellen. Was er außer Acht gelassen hat, ist die Globalisierung, die sich in der Wohlfahrtspflege teilweise so bemerkbar macht, dass in Grenzregionen Dienste in das (ost-)europäische Ausland verlagert werden und dem Lohndumping und der Neoliberalisierung weiter Vorschub geleistet werden.

Insofern wäre es gut, wenn die in diesem Buch angedeuteten Referenzgrößen wie Ethik, Moral, Humanität und Solidarität, um nur einige zu nennen, stärker herausgestellt wären als Grundlage für Diskussionen und Alternativen. Es ist zu hoffen, dass dieses Buch wie andere auch endlich eine Diskussion und Reform anstoßen, die längst überfällig ist. Aber das entpflichtet Ulrich Schneider nicht von der Aufgabe des nächsten Buches!


Rezensent
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 15.10.2014 zu: Ulrich Schneider: Mehr Mensch! Gegen die Ökonomisierung des Sozialen. Westend Verlag (Frankfurt) 2014. ISBN 978-3-86489-079-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17621.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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