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Jonas Hennig: Mediation als rationaler Diskurs

Cover Jonas Hennig: Mediation als rationaler Diskurs. Über positive Legitimation der Mediation und Vergleich zum Gerichtsprozess am Maßstab der Alexyschen Diskurstheorie. Duncker & Humblot (Berlin) 2014. 282 Seiten. ISBN 978-3-428-14273-6. D: 64,90 EUR, A: 66,80 EUR, CH: 89,00 sFr.

Schriften zur Rechtstheorie, Bd. 275.
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Entstehungshintergrund und Thema

Dieses Buch beinhaltet die von Prof. Dr. Rudolf Meyer-Pritzl betreute interdisziplinäre summa cum laude bewertete und durch mehrere Stipendien geförderte Dissertation des Autors, welchem hierfür unter anderem der Preis der Kieler Doctores Iuris e.V. für herausragende rechtswissenschaftliche Dissertationen im Promotionsjahr 2013 verliehen wurde.

Der Autor entdeckte bei Analyse der wissenschaftlichen und praktischen Auseinandersetzung mit der Mediation dreierlei Lücken, die ihn zur Arbeit motivierten:

  1. die mangelnde Systematisierung der bestehenden Vorteile der Mediation wie auch eine mangelnde Hinterfragung des jeweiligen Begründungswertes
  2. das Fehlen einer universellen und überpositiven Legitimationsgrundlage des Mediationsverfahrens
  3. der Mangel an einer umfassenden diskurstheoretischen Analyse der Mediation

Die Arbeit widmet sich der Schließung dieser Lücken. Sie stellt einen diskurstheoretischen Vergleich zwischen Mediation und juristischem Diskurs durch die Auseinandersetzung mit der Sonderfallthese Alexys – unter Berücksichtigung der Kritik und bestehender Gegenmodelle – an und endet mit der Verbindung von Diskurstheorie und Mediation. Zwei Diskursthesen der Mediation werden entwickelt.

Autor

Jonas Hennig absolvierte parallel zur vorliegenden Dissertation den Master of Mediation und betreibt eine auf Strafrecht spezialisierte Anwaltskanzlei in Hamburg und Kiel.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel.

Zu Beginn („Das Verfahren der Mediation“ A.) werden die einzelnen Grundsätze des Mediationsverfahrens – benannt als Eigenverantwortlichkeit, Freiwilligkeit, Neutralität, Informiertheit, Vertraulichkeit – dargestellt, an diversen Lehren, wie jener der aktiven oder der passiven Mediation, gemessen und miteinander in Verbindung gesetzt.

Anhand eines Transfers der Prinzipientheorie Alexys wird folgende Prinzipienthese der Mediation gebildet „Bei den Grundsätzen der Mediation handelt es sich um Prinzipien im Sinne von Optimierungsgeboten innerhalb des Verfahrenssystems Mediation“ (S. 42) und nach Klärung der normentheoretischen Natur der Mediationsgrundsätze bestätigt. Die Mediationsgrundsätze sind demnach keine Regeln, welche Gebote und Verbote enthalten und strikten Charakter aufweisen.

Eine Mediationsdefinition, die über bereits vorhandene Definitionsansätze hinausgeht, wird als Basis für die diskurstheoretische Analyse entwickelt.

Der Konflikt als Gegenstand der Mediation ist ebenso Thema wie die Rolle des/r Mediators/in. Anhand der Mediationshasen wird die Struktur der Mediation dargestellt. Zwei Methoden der Mediation – Selbstbehauptung und Wechselseitigkeit – erhalten, da für die diskurstheoretische Analyse bedeutend, in diesem Kapitel Raum.

Anschließend werden in Kapitel 2 („Begründungsansätze der Mediation“ B.) bisherige Begründungsansätze der Mediation systematisiert und auf ihren Begründungswert untersucht.

Der kollektivistische Begründungsansatz der Entlastung der Justiz findet ebenso Erwähnung wie individualistische, sich aus ökonomischer Betrachtung und aus Parteisicht ergebende Begründungsansätze. Als weitere pragmatische Begründungsdimensionen werden der Beschleunigungseffekt, der Schutz zwischenmenschlicher und wirtschaftlicher Beziehungen, die Förderung nachhaltigen Friedens und wesentliche Vorzüge und Wesensmerkmale der Mediation analysiert. Als Vorzüge sind hier folgende Aspekte genannt: die umfassende Sachverhaltsbetrachtung, die Förderung der Überwindung rein strategischer Vorgehensweisen, der erweiterter Beteiligtenkreis, der informelle Rahmen, die Möglichkeit der umfassenden Regelung, die Vertraulichkeit des Verfahrens, die Berücksichtigung von Emotionen, die Stärkung des Autonomiegedankens, die Eigenverantwortlichkeit und größere Akzeptanz (S. 122).

Anschließend setzt sich der Autor mit der gesetzlichen Begründungsdimension der Mediation auseinander, deren hohen Stellenwert als positive und demokratische Legitimation er betont, was – aufgrund der Universalität des Mediationsverfahrens und der globalen Praxis – die Frage nach einer überpositiven und universellen Legitimationsgrundlage jedoch nicht obsolet macht (S. 123).

Das dritte Kapitel („Die Theorie des allgemeinen praktischen Diskurses“ C.) widmet sich der Auseinandersetzung und Modifikation der Alexyschen Theorie des allgemeinen praktischen Diskurses. Es beginnt mit einer Einführung und der Abgrenzung zu anderen Diskurstheorien, gibt einen kurzen Einblick in die Unterscheidung empirischer, analytischer und normativer Diskurstheorien, prüft (ab S. 127) Alexys Argument zur universalen Geltung von Diskursregeln in Betrachtung der einzelnen Begründungsschritte, analysiert das Verhältnis von realem und idealem Diskurs durch Darstellung und kritische Würdigung des Zwei-Ebenen-Modells Alexys (ab S. 159) und des „Drei-Ebenen-Modells“ Bäckers (ab S. 161) und gelangt zur Verteidigung des Zwei-Ebenen-Modells.

Am Ende des dritten Kapitels stellt der Autor eine Modifikationsthese auf, in welcher das Zwei-Ebenen-Modell um eine Vermittlungsstufe zwischen realem und idealem Diskurs erweitert wird.

In Kapitel 4 („Der juristische Diskurs als Sonderfall des allgemeinen praktischen Diskurses“ D.) wird die Sonderfallthese Alexys – mit Schwerpunkt auf die diskurstheoretische Analyse des Gerichtsprozesses – erläutert.

Der juristische Diskurs findet durch Bindung an das geltende Recht (nach Alexy Gesetz, Präjudiz und Dogmatik, S. 202) unter bestimmten Einschränkungen statt. In diesem Kapitel der vorliegenden Publikation wird geprüft und geklärt, dass es bei juristischen Fragen auch um praktische Fragen geht, wie es mit dem Anspruch auf Richtigkeit im juristischen Diskurs steht (durch Widerlegung der Einwände gegen den Anspruch auf allgemeine Richtigkeit) und spezifischen juristischen Einschränkungen (Sonderfallthese im engeren Sinn) nachgespürt. Der Gerichtsprozess als Diskurs erlebt durch die Prozessordnungen, durch limitierte TeilnehmerInnenschaft und limitierte Zeit, durch die mit Zwang verbundene Stellung der RichterIn und aufgrund der Motivation der Parteien Einschränkungen. Das Ergebnis bestätigt den Gerichtsprozess als Diskurs, der in der Regel wegen der spezifischen Einschränkungen der Diskurssituation weit entfernt von der Situation eines idealen Diskurses ist – und sohin ein eingeschränkter Sonderfall ist –, ohne jedoch die Diskursprinzipien zu verletzen.

Auf dieser Grundlage basiert die „Diskurstheoretische Analyse der Mediation“ (E.). Betont werden der Aspekt der Richtigkeit und spezifische Bedingungen, die zu einer Annäherung der Mediation an einen idealen Diskurs führen.

Die Richtigkeitsthese der Mediation lautet „Der Mediationsdiskurs ist ein Sonderfall des allgemeinen praktischen Diskurses“ (S. 226). Die Idealthese der Mediation lautet „Die Mediation verfügt über Prinzipien, Methoden und Rahmenbedingungen, die zu einer Annäherung an den idealen Diskurs führen“ (S. 252) wobei der von Alexy definierte ideale Diskurs nochmals beschrieben wird (S. 252): „Der ideale praktische Diskurs ist definiert durch die Suche einer Antwort auf eine praktische Frage unter den Bedingungen unbegrenzter Zeit, unbegrenzter Teilnehmerbereitschaft und vollkommener Zwanglosigkeit im Wege der Herstellung vollkommen sprachlich-begrifflicher Klarheit, vollkommener empirischer Informiertheit, vollkommener Fähigkeit und Bereitschaft zum Rollentausch und vollkommener Vorurteilsfreiheit.“.

Die Überprüfung der beiden Thesen führt zum Ergebnis, dass in der Mediation praktische Fragen mit dem Anspruch auf Richtigkeit diskutiert werden und die bestimmten Spezifika der Mediation die Diskurssituation nicht einschränken, sohin die Mediation einen nicht einschränkungsbedingten Sonderfall des realen praktischen Diskurses darstellt (S. 251); Zudem haben insbesondere die Mediationsprinzipien und die Mediationsmethoden ideal-approximative Wirkung, wodurch mit der Mediation zwar ein realer (sohin unvollkommener) Diskurs vorliegt, der sich jedoch – anderes als der Gerichtsprozess – dem idealen Diskurs annähert (S. 260).

Ein weiterer Vergleich des Mediationsdiskurses mit dem Gerichtsprozess erhellt, dass beide zu den realen allgemeinen und praktischen Diskursen zählen, der Konsens in der Mediation anhand der Prinzipien (wie Eigenverantwortung) und der Methoden (wie Selbstbehauptung und Wechselseitigkeit) regelmäßig Grundlage für einen materiellen und nicht nur formellen Rechtsfrieden ist, was wiederum als Ziel gesetzt den Richtigkeitsbegriff prägt (S. 261), wohingegen der Richtigkeitsbegriff im Gerichtsprozess deutlich enger ist und der Anspruch häufig nur objektiv erhoben wird (S. 262).

Die Mediation weist wie der Gerichtsprozess Spezifika auf, stellt jedoch als rein diskursives Verfahren einen nicht einschränkungsbedingten Sonderfall des allgemeinen praktischen Diskurses dar (S. 262).

Zuletzt („Diskurstheoretische Legitimation der Mediation und Bestätigung der Diskurstheorie“ F.) wird die Mediation als ein auf Richtigkeit abzielender rationaler Sonderfall des allgemeinen praktischen Diskurses aufgezeigt – der sich dem idealen Diskurs annähert – und somit eine zeitlose und überpositive Legitimationsgrundlage der Mediation geschaffen. Die Praxis erhält eine universelle theoretische Grundlage zur Legitimation der Tätigkeit der MediatorInnen und des Agierens der MediantInnen im Mediationsdiskurs; zudem soll dies MediatorInnen dazu motivieren, das Ideal im Blick zu haben (S. 263)

Zielgruppen

Wer insbesondere könnte sich für das Werk interessieren?

Die mediationswissenschaftliche Gemeinschaft ist noch klein. Als wissenschaftsnahe LeserInnen denkbar scheinen etwa (Rechts)-PhilosophInnen, LinguistInnen, KommunikationswissenschaftlerInnen, kurzum Personen, die den diesem Werk zugrundeliegenden Gedankengang als stringent nachvollziehen können oder welchen die eine oder andere kritische Auseinandersetzung doch zu kurz kommt – gemessen an der sichtbaren Kritik betreffend die wissenschaftliche Plausibilität bereits der allgemeinen Diskurstheorien.

RichterInnen und RechtsanwältInnen sind eine ideale Zielgruppe als LeserInnen. Die Arbeit bietet Themen, Analysen, Verbindungen, die geeignet sind, berufliches Handeln auf einer fein aufbereiteten Metaebene zu reflektieren.

Das Kapitel A. kann (nicht nur) JuristInnen als anspruchsvolle und übersichtliche Einführung in die Mediationspraxis dienen.

Die Veröffentlichung ist nicht zuletzt für PraktikerInnen der Mediation und für Lehrende der Mediation hilfreich und relevant. Vielfach werden Aspekte, die im Mediationsalltag nur gefühlt in Erscheinung treten systematisiert, in eine klare Form gegossen und in nachvollziehbarer Weise erhellend benannt. Die sich gut absichernde Schreibweise des wissenschaftlichen Stils wie auch der elitäre Titel mögen PraktikerInnen allerdings davon abhalten, sich als Zielgruppe angesprochen zu fühlen.

Der innovative Gedanke, die Mediation anhand der Diskurstheorie zu legitimieren und ihr einen einmaligen überpositiv legitimierten universellen Rahmen zu geben kann, für die Praxis aufbereitet, – als vortreffliche Zusammenschau vorhandenen Wissens mit neuer Perspektive – ein ähnliches Lauffeuer bewirken wie so manche simple jedoch wirksame Kommunikationstheorie.

Fazit

Die Arbeit von Jonas Hennig setzt sich zum Ziel, einen wissenschaftlich-theoretischen Beitrag zu leisten und der Mediationspraxis eine überpositive Legitimationsgrundlage zu geben. Zudem möchte sie der Praxis der Mediation neben einem theoretischen Fundament auch einen brauchbaren Maßstab für das alltägliche Handeln an die Hand geben. Dies ist ihr weitgehend gelungen.

Ein wissenschaftlich-theoretischer Beitrag wurde geleistet, die gefundene Legitimationsgrundlage ist ein beachtlicher Beitrag zur (Weiter)-Entwicklung der Mediationswissenschaft, für die Mediationspraxis wurden Theorien und Handlungsmaßstäbe analysiert wie auch kreiert.

Die vorliegende Publikation ist ein wesentlicher Grundstein auf dem Wege der Professionalisierung und Legitimation der Mediation. Das interdisziplinäre Werk schafft eine innovative Verbindung der Mediation mit philosophischen und juristischen Theorien.


Rezensentin
FH-Prof. Mag. Verena Musil
MSc MBA. Juristin, em. Rechtsanwältin, eingetragene Mediatorin in freier Praxis, Lehre und Forschung an der FH Campus Wien, Lehre Universität Wien.
Homepage www.fh-campuswien.ac.at
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Zitiervorschlag
Verena Musil. Rezension vom 20.11.2015 zu: Jonas Hennig: Mediation als rationaler Diskurs. Über positive Legitimation der Mediation und Vergleich zum Gerichtsprozess am Maßstab der Alexyschen Diskurstheorie. Duncker & Humblot (Berlin) 2014. ISBN 978-3-428-14273-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17625.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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