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Herbert Renz-Polster: Die Kindheit ist unantastbar

Cover Herbert Renz-Polster: Die Kindheit ist unantastbar. Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2014. 180 Seiten. ISBN 978-3-407-85847-4. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,30 sFr.
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Thema

Bildung ist ein Teil des Lebens, aber in der heutigen Zeit auch ein heiß umworbener und umkämpfter Bereich in einer auf Leistung ausgerichteten und den demographischen Wandel fürchtenden Gesellschaft. Es gibt viele Programme, Stiftungen, interessierte Ministerien, die geradezu Bildung überschwänglich fördern wollen, um die vermeintlichen Chancen im späteren beruflichen Alltag eines jeden einzelnen zu erhöhen. Und es gibt auf der anderen Seite Hirnforscher – z.B. Hüther – die für Lernen durch Begeisterung plädieren und sich daher gegen instruktive, allein an Gewinnmaximierung orientierte und überambitionierte Bildungsprogramme wenden, die die Beziehungen zu den Kindern darüber vergessen lassen. Daraus ergeben sich Fragen; inwieweit in Lebensentwürfe und Bedürfnisse -vor allem von Kindern und von Eltern- hineingewirkt bzw. hinein dirigiert wird. Auf der anderen Seite stehen die Fragen, wie in einer solchen Situation der Interessenskonfusion, Pädagogik überhaupt aufgestellt ist? Welche Konzepte hält wer vor? Wer setzt dabei welche Interessen durch? Wer bestimmt die Richtung? Wer profitiert am Ende tatsächlich davon? Diese kritisch-hinterfragende Orientierung verleiht dem Thema eine -vor allem- aktuelle Brisanz.

Autor

Herbert Renz-Polster ist Jg. 1960, Kinderarzt und Wissenschaftler, mit Forschungstätigkeit im Bereich Prävention und Gesundheitsförderung zunächst in den USA, dann am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Er ist Autor einiger Publikationen, u.a. erschien sein Grundlagenwerk „Kinder verstehen. Born to be wild“ (2009), „Menschenkinder – Plädoyer für eine artgerechte Erziehung“ (2011), „Wie Kinder heute wachsen – ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Denken und Fühlen“ (zusammen mit G. Hüther, 2013).

Entstehungshintergrund

Für den Autor dieses Buches ist eine wahrnehmbare Entwicklung Anlass, diese zu hinterfragen und ihr nachzugehen: Während es in den 80iger Jahren in den Kindergärten noch um Spiel und Spaß gegangen sei, treffen sich jetzt kleine Forscher zu naturwissenschaftlichen Experimenten. Statt Basteln stünde die Erweiterung des Zahlenraumes auf dem Programm. Dabei sei der Autor überzeugt davon, dass es nicht die Idee der Kinder oder Pädagogen gewesen ist, Kindergärten so auszurichten. Vielmehr richte sich eine solche Entwicklung danach, wofür Kinder einmal gebraucht werden. Der Autor sei zudem der festen Überzeugung, dass Eltern in der Erziehung besser fahren, wenn sie die „Mit-Erzieher“ ihrer Kinder kennenlernen würden.

Aufbau

Die Publikation untergliedert sich in ein kurzes Vorwort, sechs Teile, mit bis zu je 5 Unterkapiteln und einen Abschlusskapitel. Jedes Unterkapitel wiederrum hat mehrere Absätze mit Teilüberschriften.

Das Buch ist wie folgt untergliedert:

Vorwort

Teil 1: Wer erzieht unsere Kinder?

  • Von Elternliebe und Machtinteressen (Kap. 1)
  • Standortsicherung (Kap. 2)
  • Von dem was uns richtig erscheint (Kap. 3)
  • Der globalisierte Wettbewerb (Kap. 4)

Teil 2: Die pädagogische Mobilmachung

  • Pädagogik im Interesse der Globalisierung? (Kap. 5)
  • Kindheit und Effizienz (Kap. 6)
  • Das Projekt und seine Leitung (Kap. 7)

Teil 3: Unterschiedliche Akteure – unterschiedliche Interessen?

  • Wo stehen die Eltern? (Kap. 8)
  • Wissenschaft – Auftritt der Experten (Kap. 9)
  • Der Staat als Erziehungshelfer? (Kap. 10)
  • Wirtschaft – der große Pate der Bildung? (Kap. 11)
  • Spuren, die sich kreuzen, oder: Miterzieher allerorten! (Kap. 12)

Teil 4: Der pädagogische Belagerungsring rund um das Kleinkind

  • Protektorat Kita (Kap. 13)
  • Frühpädagogik als Spekulationsmodell (Kap. 14)

Teil 5: In der Klemme

  1. Das nicht gehaltene Versprechen (Kap. 15)
  2. Die älteste Frage (Kap. 16)
  3. Wem gebührt die Bildungshoheit? (Kap. 17)

Teil 6: Der magische Kern der Kindheit

  • Erziehung für den Ertrag (Kap. 18)
  • Das pädagogische Paradox (Kap. 19)

Abschlusskapitel: Was wollen wir eigentlich?

Im Vorwort formuliert Renz-Polster Ausgangspunkt, Fragen und Situationen zum Thema.

Zu Teil 1 Wer erzieht unsere Kinder?

Erstes Kapitel. In diesem Kapitel geht der Autor in die Geschichte der Bildung und Erziehung zurück und stellt Motive der Erziehung von den 20iger bis in die 80iger Jahre hinein vor, bevor er zur allgemeinen Bestandsaufnahme in die heutige Zeit überleitet. Er fragt dabei nach den Bildern vom Kind, nach Leitmotiven bzw. Leitbildern der Förderung, den vorherrschenden Interessen derer, die die Deutungsmacht über Bildung und Erziehung inne haben und entwirft das Kind als Funktionsträger in verschiedenen Epochen.

Zweites Kapitel. Neben der Fortführung der Gedanken des 1. Kapitels, wird nun eine weitere Perspektive, nämlich die der Eltern ins Boot geholt und der Perspektive gesellschaftlicher Interessen gegenüber gestellt. Vor dem Hintergrund einer globalisierten Marktwirtschaft werden dann diese gesellschaftlichen Interessen plausibel gemacht und kritisch die Frage; Bildung zur Standortsicherung? diskutiert.

Drittes Kapitel. Dieser Teil setzt sich vornehmlich mit den Fragen auseinander: Wie es kommt, dass das, was uns als „richtig“ erscheint widerspruchslos hingenommen wird und wer es einflüstert, was Wert hat und was nicht. Dabei werden verschiedene, wirkende Aspekte angeschaut, so etwa: die Begegnungen zwischen innerer und äußerer Welt, der Resonanzraum der Geschichte, der Dschungel an Entwürfen, der Blick aus dem eigenen Fenster, mit der kritischen, das Kapitel abschließenden Frage: das wertschöpfende Leben als richtiges Leben?

Viertes Kapitel. In diesem Kapitel wird der Kontext unserer Gesellschaft präzisiert bzw. erhellt und mit Zahlen untermauert. Dazu gehört die differenzierte und wiederum kritische Betrachtung der Schlagworte: Wachstumszwang, Ungleichheit, Leistungsgesellschaft. Außerdem werden die aktuellen Tendenzen beleuchtet: Entwicklung eines neuen transnationalen Machtzentrums, folglich neue Interessenskonflikte, ein daraus resultierender schrumpfender Spielraum in der Gesellschaft und eine paralysierte Politik auf der einen Seite und Verflechtungen von Investorengemeinden, Posten in Vorständen und Aufsichtsräten, Topmanagement, Lobbyisten, Stiftungen, Dachverbänden und Politik auf der anderen Seite. Mit Blick auf die Bildungslandschaft werden diese Verquickungen durch das Setzen von Maßstäben und das Entwickeln von Netzen, ausgestattet mit der Macht zur Richtungsvorgabe in der Bildung, verdeutlicht.

Zu Teil 2 Die pädagogische Mobilmachung

Fünftes Kapitel. Dieses Kapitel wird mit einer Frage eingeleitet: Pädagogik im Interesse der Globalisierung? Anhand des Falls „Haus der kleinen Forscher“ skizziert Renz-Polster hier den Weg von recht haltlosen aber wirksamen Deutungen von mangelnder Leistungsbereitschaft, sowohl der Kinder als auch der Erzieherinnen, über die Wachstumsbrille – Bildung ist Wissen, Wissen ist Innovation, Innovation bedeutet Wachstum-, zur praktischen Umsetzung mittels eines großangelegten Kongresses, mit Unternehmensvertretern, Vertretern aus Politik und Wissenschaft, moderiert durch Anne Will, bis hin zur Diskussion neuer anstehender Standards: Kitabesuch als Pflicht, Ergebnisorientierung und Qualitätsmanagement, einschließlich Kontrolle bzw. Evaluation dieser in der (frühkindlichen) Bildung, einschließlich eines erforderlichen Personalschlüssels, weiter bis zur Feststellung eines entsprechenden Curriculums mit Schwerpunktsetzung und Finanzierungsplänen. Das Kapitel endet wiederum mit einer Frage: Die Stimmen der Eltern?

Sechstes Kapitel. Dem schließt sich eine Diskussion der paradox erscheinenden Paarung: Kindheit und Effizienz an. Es werden Globalisierung und unser Bild vom Kind gegenübergestellt und entsprechende Zusammenhänge zwischen der unerbittlichen Beschleunigung des Arbeits- und Alltagslebens, der Angst, das Erreichte zu verlieren – anstatt der Hoffnung auf ein besseres Leben- und der Tendenz, hin zu einer zunehmend kinderlosen Gesellschaft, hergestellt. Die Konsequenzen fasst der Autor in bestehender Alternativlosigkeit zu den Vorgaben, wie Alltag heute stattfindet, einer Kindheit unter Druck, der Homogenisierung der Kindheiten, Zielkonflikten, was z.B. die Halbtagstätigkeit junger Mütter betrifft und der Systemlogik, dass es heute um die Bildung von „Humankapital“ ginge, zusammen.

Siebentes Kapitel. Hier stehen die besonders treibenden Kräfte dieser Bildungspolitik und Entwicklung im Fokus. Diese „Kräfte“ werden von Renz-Polster zunächst gesucht und aufgespürt sowie anschließend kritisch auseinandergesetzt, nämlich: der Fetisch Wissensgesellschaft, die Rede von Zukunftsbranchen, die bisherigen Profis wie Lehrer, Erzieher als gekränkte und anders interessierte Minderheit, Experten fernab der Kinder, der tonangebende Teil heutiger Pädagogik -also der Teil, der die Begründungen liefert-, PISA als Beispiel der Methodik, ein neuer Bildungsbegriff, Wirtschaftsinteressen und ihr Aufgehen in der Politik, Zielvorgabe; effizientere Bildungseinrichtungen, anstatt bessere Bildungseinrichtungen, die Stiftungen und der globale Bildungsmarkt, wo Bildung inzwischen als Wert gehandelt wird.

Zu Teil 3 Unterschiedliche Akteure – unterschiedliche Interessen?

Achtes Kapitel. In der ersten Rubrik in diesem dritten Teil werden Eltern nach ihren Interessen und Standpunkten befragt. Renz-Polster beschreibt eine heterogene Elternschaft, allerdings mit der Tendenz, das Ruder einfach abzugeben und sich dem Zeitgeist widerspruchslos unterzuordnen. Dabei pflegt er in die Diskussion die Bedeutung der Entstehung des Kinderbildes, Beziehungserfahrungen in der Kindheit und die Bedeutung des psychosozialen Rahmens mit ein.

Neuntes Kapitel. Dieses Kapitel gehört der Wissenschaft und deren Experteneinwürfen vom Kaiserreich bis heute. Wissenschaft wird hier als Spiegel des jeweils vorherrschenden Menschenbildes, der gesellschaftlichen Entwicklung und der Macht begriffen und die Nutzung theoretischer Erklärungsmodelle kritisch hinterfragt. Beispielsweise schaut sich der Autor das Kind als „Reflexautomat“, vor dem Hintergrund der Theorie des Behaviorismus, etwas genauer an. Ebenso wird das Postulat der vermeintlichen Objektivität von Studien und Experimenten diskutiert.

Zehntes Kapitel. Dieses Kapitel widmet sich der Rolle und den Interessen des Staates als Erziehungshelfer. Es wird Fragen zur Entstehung des staatlichen Bildungsmonopols, im Rahmen der historischen Entwicklung, nachgegangen und gleichzeitig das Legitimationsproblem des staatlichen Bildungswesens anhand von drei Entwicklungen erläutert. Ein zusätzlich eingeschobener Exkurs bildet in diesem Kapitel ein Ausflug in das „Pädagogische Jahrhundert“ – das 18. Jahrhundert.

Elftes Kapitel. Die Wirtschaft als großer Pate der Bildung? Wirtschaft als „Patchworkfamilie“ mit ihren transnationalen Konzernen als „Big Player“ wird in seinen differenzierten und bisweilen unterschiedlichen Interessensanteilen dargestellt, je nach Größe und Ausdehnung der entsprechenden Unternehmen. Mit dem Vorwurf einer „parasitären Strategie“ stellt der Autor dabei die Durchsetzungskraft der „Big Player“ der Gesellschaft, die das Bildungssystem bezahlt und den Interessen der ortsverbundenen Wirtschaft gegenüber. Die Auswirkungen auf die Entwicklungen der Universitäten mit zunehmender Drittmittelfinanzierung und Auftragsforschung auf der einen Seite und die Austrocknung der Bereiche und Fakultäten, die für die wirtschaftliche Wertschöpfung uninteressant erscheinen, auf der anderen Seite, werden beispielhaft für die Reichweite dieses Parasitentums auseinandergesetzt.

Zwölftes Kapitel. Folgerichtig wird nun der eckige Tisch beleuchtet, an dem die Player, mit unterschiedlichen Reichweiten um die Bildung streiten. Ein bisher dabei noch nicht berücksichtigter Mitspieler wird von dem Autor mit an den Tisch geholt und in seiner Rolle und Funktion dargestellt. Es handelt sich hierbei um die Medien und deren Macht.

Zu Teil 4 Der pädagogische Belagerungsring rund um das Kleinkind

Dreizehntes Kapitel. Wie die Entwicklung der Elementarpädagogik in Waldorfkitas und Co von der Betreuungsaufgabe zur Bildungs- und Eliteschmiede vonstatten ging und geht und wie die USA vorbildhaft dazu beitrug, wird in diesem Kapitel beschrieben. Damit einhergehende theoretische Neuorientierungen und -fundierungen, mit den Effekten der Vorwürfe; mangelnder akademischer Qualifizierungen der Erzieherinnen, gartenfreier Kindergärten usw. finden dabei ihre kritische Zuwendung durch den Autor.

Vierzehntes Kapitel. Dem sich anschließend wird Frühpädagogik als Spekulationsmodell erörtert und in Bezug zu den Kindern, als die Kindheit verhindernd entworfen. Grundlegende Hemmnisse für das Erleben einer echten Kindheit werden hier noch einmal konkretisiert, wie die funktionelle Perspektive auf das Kind, der Fokus Ökonomie statt Pädagogik und das muntere Drauflosreden ohne Quellenbezüge und angemessene theoretische Fundierung. Fortgefahren wird mit den daraus folgenden Konsequenzen für die Erzieherinnen, die Familien und vor allem die Kinder. Das Kapitel endet mit der unmissverständlichen Forderung nach Einmischung in die Diskussion durch alle Betroffenen und die Forderung, sich zu wehren, besonders adressiert an die Eltern.

Zu Teil 5 In der Klemme

Fünfzehntes Kapitel. Dieses Kapitel dient vor allem dazu, die vorangegangenen Kapitel in ihren Kernaussagen zusammenzuführen und die Umsetzung frühpädagogischer Ambitionen zu konkretisieren. Dabei wird u.a. die Frage gestellt, inwieweit es gerechtfertigt sei, den Bildungsbedarf in einigen eng definierten Zukunftsbranchen zur Grundlage für das Bildungssystem in seiner Ganzheit zu machen. Bezug genommen wird hier auf die MINT-Fächer. Eine andere Frage die der Autor stellt, ist die, wie es eigentlich um die häufig zitierten Aufstiegschancen und damit Aufstiegsversprechen durch Bildung bestellt ist. Ebenso wird das Prosperitätsversprechen auf seine Haltbarkeit hin geprüft. Schlussfolgend und Bilanz ziehend folgt ein Absatz unter der Überschrift: Eltern und Kinder im Hamsterrad.

Sechzehntes Kapitel. Ein erneuter Exkurs in die Geschichte dient der Beleuchtung von Wertemodellen und insbesondere dem Verhältnis von Mensch und Gesellschaft. Dabei wird vor allem nach den immateriellen, also den sozialen und psychischen Kosten von Erziehung und Bildung gefragt, wenn es um die Erfüllung gesellschaftlicher Erwartungen geht.

Siebzehntes Kapitel. Der 5. Teil wird mit der Frage; wem die Bildungshoheit gebührt, abgeschlossen. Es kommt das Grundproblem der Segregation zur Sprache und es wird deutlich gemacht, dass es inzwischen viele Interessierte gibt, die am Bildungsmarkt in: „Deutschland sucht den Super-Bildungsträger“ um Gehör bitten. Inklusion als Thema, fragt hierbei nach der Beteiligung behinderter Kinder am allgemeinen Bildungsprozess und dem Verhältnis zu einer wettbewerbs- und leistungsorientierten Gesellschaft, die selbst gerade nicht inklusiv ist.

Zu Teil 6 Der magische Kern der Kindheit

Achtzehntes Kapitel. Der Leser wird langsam auf die nützlichen Orientierungsschwerpunkte für eine kindgerechte Pädagogik eingestimmt, indem auf das widersprüchliche Dreieck der Erziehung, die zerstörerische Wirkung überspannter Erziehungs- und Bildungsziele, auf die menschlichen Beziehungen und die fehlende Bezugnahme auf pädagogische Analysen und Konzepte eingegangen wird.

Neunzehntes Kapitel. Begonnen wird in diesem Kapitel mit den Herausforderungen, die Kinder auf ihrem Entwicklungswege zu bewältigen haben. Diese münden in Fundamentalkompetenzen die nicht didaktisch vermittelbar sind, sondern auf Eigenerfahrung beruhen. Ausgehend von dieser These, wird der Prozess der Ermöglichung der Selbstorganisation, durch den Autor als ein Prozess vermittelt, der nur durch Beziehungen geleitet werden kann. Darauf fußt die sich anschließende Forderung, mehr auf die Entwicklung wirksamer Beziehungs- statt Bildungskonzepte zu setzen. Auch die Frage nach einer Pädagogik des Alltags und einer Pädagogik der Selbstbewährung des Kindes wird hierbei vom Autor gestellt.

Abschlusskapitel: Was wollen wir eigentlich? Hier erhalten die Eltern einen besonderen Platz, eine besondere Rolle eingeräumt, als diejenigen, die im Widerstreit der Interessen ein ausgleichendes Gewicht haben könnten. Wie und unter welchen Voraussetzungen dieser Ausgleich herzustellen wäre, wird von Renz-Polster ferner konkretisiert. Bilanzierend wird aber auch noch einmal auf die krasse Gegensätzlichkeit zwischen jenen, die die Themen der Nützlichkeit der Kinder und jenen die die Qualität der Krippen- und Kinderbetreuung im Auge haben, zurückgegangen. Ersteres werde sofort umgesetzt, Letzteres verweile auf langen Bänken und erhalte das Siegel: zu teuer. Mit zwei Aufforderungen schließt das Kapitel: einmal mit dem Aufruf zu einer ehrlich geführten Debatte und zum anderen mit dem Appell an die Pädagogik, endlich wieder mehr den Blick auf das Fundament der Persönlichkeit zu richten.

Diskussion

Es ist ein scharfes und kein Blatt vor den Mund nehmendes Buch, das als wertvolle Streitschrift gewertet werden kann. Kindheit und Bildung sind Themen, die jeden etwas angehen, die alltagsrelevant sind und das Leben eines Menschen prägen. Und es ist fast verwunderlich, dass wir heute mit unserer Bildungslandschaft da stehen, wo es solcher Bücher bedarf, die die Durchsetzung der Interessen einiger weniger, zu Lasten des weit größeren Teils der Bevölkerung einer Gesellschaft, in ihrer Macht und Reichweite aufklären müssen, die mit dem Finger in die Wunden gestohlener Kindheiten gehen, die einer ohnmächtig erscheinenden Zunft an Pädagogen Mut machen müssen, endlich im Interesse der Kinder den Blick auf das Fundament der Persönlichkeit zu richten und die zur ehrlichen Debatte aller am Bildungsdesaster Beteiligten – auch unter Einbezug der Eltern- aufrufen. Erst vor kurzem twitterte eine 17jährige, dass sie keine Ahnung von Mieten, Versicherungen, Finanzen und Alltag habe, aber ein Gedicht in vier Sprachen auseinandernehmen könne. Sie bekäme mit diesem Buch viel Unterstützung und Verständnis für ihr Erleben. Die Kapitel sind durch ihre kurzen und mit Unterüberschriften versehenen Absätze teilweise zwischen Tür und Angel lesbar. Selbst wenn man zwei Tage später weiter liest, wird man mit dieser Struktur und der je erweiterten Wiederholung, dem Autor besonders wichtig erscheinender Aspekte, auf den Boden der Buchtatsachen zurück geholt und verliert somit nicht den roten Faden. Die verwendete Sprache kommt u.a. verschmitzt, ironisch, alltäglich und sehr verständlich daher, so dass eine gute und wünschenswerte Chance besteht, dass das Buch von vielen gelesen wird.

Fazit

Ein sehr brisantes Buch, das hoffentlich die dringend benötigte Debatte unter Eltern, Pädagogen und Bildungspolitikern auslösen wird.


Rezensentin
Dr. phil. Oda Baldauf-Himmelmann
Ausgebildete systemische Therapeutin / Familientherapeutin, Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin und Kulturwissenschaftlerin. Arbeitet als Akademische MA an der Brandenburgisch-Technischen Universität Cottbus/Senftenberg (BTU CS)
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Zitiervorschlag
Oda Baldauf-Himmelmann. Rezension vom 26.01.2015 zu: Herbert Renz-Polster: Die Kindheit ist unantastbar. Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2014. ISBN 978-3-407-85847-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17627.php, Datum des Zugriffs 16.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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