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Pamela Michaelis, Ingrid Meyer-Klemm: Ich bin anders - du auch?

Cover Pamela Michaelis, Ingrid Meyer-Klemm: Ich bin anders - du auch? Sich selbst und andere neu entdecken ; das Enneagramm in der mündlichen Tradition. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2008. 140 Seiten. ISBN 978-3-8334-7492-7. 15,90 EUR, CH: 28,00 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Als Mediatorin gehört die Wahrnehmung unterschiedlicher Sichtweisen (z.B. in einer Konfliktsituation) zu den Vorrausetzungen für eine erfolgreiche Arbeit. Ein Handwerkszeug, diese Unterschiede besser zu verstehen, bietet mir seit einigen Jahren die Arbeit mit dem Enneagramm. In der menschlichen Wahrnehmung gibt es kein Richtig oder Falsch, sondern individuelle Unterschiede. Das Enneagramm erklärt diese Verschiedenheiten und liefert ein spannendes Modell zu ihrer Erklärung.

Das Enneagramm (altgriechisch ennea = 9, dargestellt als neun Punkte auf einer Kreislinie, die zu einem Stern verbunden sind) ist eine Lehre über neun unterschiedliche Wahrnehmungsstile und die daraus resultierenden Lebensstrategien. Jeder Mensch pflegt einen Stil, dieser ändert sich im Verlauf des Lebens nicht, sondern man entwickelt ihn ständig weiter. Die Kenntnis über den je eigenen Stil kann diese Entwicklung erleichtern.

Wahrnehmung ist ein selektiver und emotionaler Prozess. Die unterschiedlichen Sichtweisen führen zu verschiedenen Arten des Denkens, Fühlens und Handelns. Probleme und Konflikte entstehen häufig dadurch, dass der eigene Wahrnehmungsstil automatisch als allgemeingültig erachtet wird. Die Sicht der anderen bleibt unverständlich. Im (Berufs-)Alltag ist es hilfreich diese Mechanismen zu erkennen und mit den Verschiedenheiten konstruktiv um zu gehen. Die Arbeit mit dem Enneagramm erweitert das eigene Bewusstsein und hilft Toleranz und Empathie zu entwickeln. Dabei bleibt die Herangehensweise dynamisch, heißt, es geht nicht um Schubladen, sondern Entwicklungsmöglich-keiten, denn jede Sichtweise hat ihre Berechtigung. (Aus diesem Grund ist das Enneagramm übrigens interessant bei der Arbeit mit Teams oder Gruppen.)

Das Enneagramm wird seit Jahrhunderten mündlich überliefert und inzwischen auch mit viel Literatur nachvollzogen und erläutert. Das Enneagramm beschreibt neun unterschiedliche Wahrnehmungsstile, die durch neun Leidenschaften gesteuert werden (->Motivation). Die Neun Stile sind jeweils drei Zentren zugeordnet, entsprechend der drei Gehirnregionen (rationales Gehirn, limbisches Gehirn und Reptiliengehirn). Damit entstehen unterschiedliche Strategien, um in und mit der Welt zu agieren. Die Wirkung der Leidenschaften auf unsere subjektive Art die Welt zu sehen und zu erleben, vollzieht sich weitgehend unbewusst.

Diese Motivationen verleiten uns, uns mehr auf eines unserer drei „Intelligenzzentren“ zu verlassen. Daraus ergibt sich ein erkennbarer Unterschied im Denken, Fühlen, Verhalten und im Kommunikationsstil.

Wie kommt es zu diesem individuellen Stil und wie gehen wir damit um? Der Beantwortung dieser Fragen widmet sich das vorliegende Buch – der mündlichen Tradition entsprechend- anhand von persönlichen Kindheitsschilderungen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 15 Kapitel. In den ersten vier Kapiteln wird das Erkenntnisinteresse der Autorinnen sowie das Enneagramm als Ganzes beschrieben.

Mithilfe fiktiver Kommentare zur Figur von Pippi Langstrumpf werden auf lediglich einer Seite die neun unterschiedlichen Wahrnehmungen sehr eindrücklich präsentiert.

Doch wie entsteht der jeweilige Typ? Damit kommen wir zum Herzstück des Buches, denn in den nun folgenden neun Kapiteln wird jeder Enneagramm-Stil oder -Typ anhand der gleichen Struktur beschrieben: jeweils drei Kindheitsgeschichten von Erwachsenen – heute überwiegend zwischen 40 und 60 Jahren alt - werden dargestellt; um zu zeigen „wie sich ein Persönlichkeitsstil aus einem bestimmten Naturell heraus und durch Interaktion mit der Umwelt entwickelt.“ Ausgehend von der als Kind erlernten „Überlebensstrategie“, werden Schätze, Themen und „Goldene Regeln für den Umgang“ mit dem jeweiligen Typ abgeleitet. Den Abschluss jeden Typ-Kapitels bildet eine Liste „Was ein Kind diesen Typs braucht und wie mache ich das“. Hier ein paar Beispiele:

Ein …Kind braucht:

  • ein Danke für das Nett-und-Hilfreich sein, manchmal auch ein Nein danke!
  • Struktur und deren kritiklose Vermittlung.

Wie mache ich das?

  • Benennung der Struktur („Im Unterricht reden wir jetzt nicht“ statt „Du hörst jetzt mit dem Reden auf“)

Das vorletzte Kapitel widmet sich Entwicklungsmöglichkeiten, indem es die sogenannten Stress- und Trostpunkte knapp beschreibt und auch auf die Bedeutung der sogenannten Flügel im Enneagramm hinweist.

Mit einer Literaturliste endet das Buch.

Zielgruppen und Diskussion

„Wir sind der Überzeugung, dass Eltern, LehrerInnen und BeraterInnen die Menschen optimaler begleiten und ihre natürliche Begabung leichter erkennen und fördern können, wenn sie wissen, welche Kernmotivation hinter dem erlebtem Verhalten steht.“ (Zitat aus der Einleitung). Dazu gibt das Buch viele Anstöße, einen Typen, einen Stil besser zu erkennen und zu verstehen, und bietet praktische Anregungen für den gelungenen Umgang miteinander, dies mit einem besonderen Augenmerk auf den Umgang und die Arbeit mit Kindern. So nutze ich die Passage mit den Pippi-Langstrumpf-Kommentaren gerne, um Interessierten einen ersten Geschmack von der Enneagramm-Arbeit zu vermitteln.

Auch für die tiefere Auseinandersetzung mit den Typen bietet das Buch reichlich Material, zudem ist es in leicht verständlicher Form geschrieben. Diese „Was ein Kind braucht“-Übersichten sind regelrechte Erziehungsratgeber in Checklisten-Form, die auch anderweitig nützlich sein können. In der Teamentwicklung bspw. oder um sich selbst besser kennen zu lernen, indem man sich hinterfragt, was tut mir denn eigentlich gut, ist es eher der „Respekt und Lob für meinen Einsatz“ oder ein „Gesehen werden, ohne im Mittelpunkt zu stehen“?

Autorinnen

Pamela Michaelis und Ingrid-Meyer-Klemm setzen sich beide seit 25 Jahren mit dem Enneagramm auseinander.

Pamela Michaelis ist zertifizierte Enneagramm-Lehrerin und lizensierte Ausbilderin seit 2003 mit eigener Praxis in Hamburg sowie Gründerin von Enneagram Germany. Sie ist langjährige Enneagramm-Expertin für die mündliche Tradition nach Helen Palmer und Dr. David Daniels.

Ingrid Meyer-Klemm arbeitet als stellvertetende Schulleiterin und in der Lehrerfortbildung. Sie ist ebenfalls zertifizierte Enneagramm-Ausbilderin.

Fazit

Das Buch von P. Michaelis und I. Meyer-Klemm hat einen speziellen Fokus auf die Herausbildung der einzelnen Enneagramm-Stile sowie auf den Umgang mit Kindern, womit es sich von der vorhandenen Enneagramm-Literatur abhebt.

Das Buch ist praxis- und lebensnah geschrieben, durch die persönlichen Kindheitsgeschichten wirkt es sehr lebendig, hier findet man auch schnell Anknüpfungspunkte für das eigene Erleben. Den einzelnen Mustern wird mit viel Wertschätzung begegnet, ihre Stärken sind hervorgehoben, und ein förderliches Verhalten im Umgang damit angeregt.

Mein Fazit: Um dem Enneagramm-Wissen und sich selbst mehr auf die Spur zu kommen, ist „Ich bin anders -Du auch?“ ein absolut lesens- und empfehlenswertes Buch.


Rezensentin
Dipl. Päd. Sabine Kamp-Decruppe
Mediatorin BM e.V., tätig u.a. im Psychosozialen Dienst der Friesenhörn GmbH
Homepage www.sabine-kamp.de
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Zitiervorschlag
Sabine Kamp-Decruppe. Rezension vom 18.11.2014 zu: Pamela Michaelis, Ingrid Meyer-Klemm: Ich bin anders - du auch? Sich selbst und andere neu entdecken ; das Enneagramm in der mündlichen Tradition. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2008. ISBN 978-3-8334-7492-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17628.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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