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Konrad Paul Liessmann: Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift

Rezensiert von Dr. phil. Reiner Andreas Neuschäfer, 18.11.2014

Cover Konrad Paul Liessmann: Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift ISBN 978-3-552-05700-5

Konrad Paul Liessmann: Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift. Zsolnay (Wien) 2014. 176 Seiten. ISBN 978-3-552-05700-5. D: 17,90 EUR, A: 18,40 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Thema

Derzeitige Bildungsdebatten und Bildungsreformen werden pädagogisch und philosophisch zunehmend in Frage gestellt. Dieses Buch hinterfragt 08/15-Positionen und Modebegriffe rund um Bildung in pädagogischer, philosophischer, systemischer und schulpolitischer Perspektive. Die Basis der beinahe zweihundert Seiten ist die Infragestellung gängiger Klischees und romantischer Vorstellungen eines Lernens, das in eine Vielfalt vermeintlicher Kompetenzen und einer an Spaß orientierten Schulkultur mündet. Das Buch reagiert auf gesellschaftliche Veränderungen der schulischen Lernkultur und auf bildungspolitische Probleme in Zusammenhang mit dem Bologna-Prozess zur Erneuerung des europäischen Hochschulraums. Es wendet sich gegen eine Proklamierung und Propagierung einer Bildung, die letztlich lediglich politischen und ökonomischen Interessen dient. Die Ausführungen spiegeln eine philosophisch untermauerte Sicht des Autors wider, die bewusst als „Streitschrift“ formuliert ist, um die derzeitige Schul- und Lernkultur radikal aufzurütteln.

Autor

Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann ist als Professor für Philosophie (Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik) an der Universität Wien sowie als Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist tätig. Er wurde am 13. April 1953 in Villach/Österreich geboren, studierte Germanistik, Geschichte, Psychologie, Soziologie und Philosophie in Wien. Nach Promotion zum Dr. phil. Aufgrund seiner Untersuchung „Anfang und Ende der Philosophie – Studien zum Verhältnis von Theorie und Praxis im griechischen und nachhegelschen Denken“ (1979) habilitierte er sich zehn Jahre später (1989) mit einer Studie zu Sören Kierkegaard. Seit 1997 ist er wissenschaftlicher Leiter des „Philosophicum Lech“ und Herausgeber der gleichnamigen Reihe im Zsolnay-Verlag. Seit 2002 ist er Leiter des Friedrich-Heer-Arbeitskreises der Österreichischen Forschungsgemeinschaft und Herausgeber der Werke von Friedrich Heer. 2003 bekam er den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels, wurde im Januar 2007 mit dem Titel „Wissenschaftler des Jahres 2006“ vom Club der österreichischen Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten ausgezeichnet und erhielt 2010 den Donauland-Sachbuchpreis.

Entstehungshintergrund

Das Buch „Geisterstunde“ stellt eine an der Praxis orientierte Fortsetzung des Buches „Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft“ (2006) aus der Feder von Konrad Paul Liessmann dar. In einem essayistischen Stil kritisiert er Etliches, was in Klassenräumen, Hörsälen usw. als „Bildung“ bzw. „Wissen“ verkauft wird. Fragen und Fakten zu Formen von Lernsettings werden in den Blick genommen und einer Überprüfung hinsichtlich eines humanistischen Bildungsideals unterzogen. Große Teile des Buches liegen Erkenntnisse und Erfahrungen des Autors zugrunde, die er selbst in Zusammenhang mit Bildungsfragen vor allem im österreichischen Kontext gesammelt hat.

Aufbau

Die Streitschrift umfasst fast 200 Seiten und enthält elf Kapitel, die durch ein Vorwort und Anmerkungen ergänzt werden. Die elf Bereiche des Buches gliedern sich folgendermaßen:

  1. Pisa, Panik und Bologna. Die Logik von Bildungskatastrophen
  2. Der Bildungsexperte. Zur Psychopathologie eines Sozialcharakters
  3. Kompetenter Ungeist. Das Verschwinden des Wissens
  4. Fächerdämmerung. Die neue Disziplinlosigkeit
  5. Powerpoint-Karaoke. Die Destruktion von Bildung durch ihre Simulation
  6. Was weiß das Netz? An den Grenzen der Suchmaschinen
  7. Die orale Phase als Lebensprinzip. Zum Verhältnis von Konsum, Pädagogik und Infantilisierung
  8. Philosophie der Schule. Anmerkung zu einer Anmerkung Humboldts
  9. Leselust und Leseleid. Analphabetismus als geheimes Bildungsziel
  10. Die Diktatur der Geschäftigkeit. Von der Käuflichkeit des Geistes
  11. Die Tränen der Muse. Über die Schönheit des Nutzlosen

Inhalt

Das Buch setzt im ersten Kapitel (S. 12-29) ein mit dem Versuch, Voraussetzungen, Verpflichtungen und Vorurteile derzeitiger Bildungsoffensiven zu entlarven. Es geht Konrad PaulLiessmann hierbei vor allem darum, Verständnis für deren Logik und Struktur zu wecken und deren Problematik vor Augen zu führen. Dies erfolgt – wie auch im weiteren Verlauf des Buches – stets belegt oder zitiert anhand etlicher Literaturhinweise.

Das zweite Kapitel (S. 30-44) mit der Überschrift Der Bildungsexperte erläutert den pädagogischen Zeitgeist, der – flankiert von Genetik und Hirnforschung – zur Konformität neigt und der einem ökonomisierten Schulalltag verfallen ist. Das Kapitel zeigt auf, dass es aktuell weniger um Reformen als um eine Revolution gehe mit dem Ziel: „Die zunehmende Identifizierung von Lernen und Leben und das damit einhergehende Verschwinden des Lehrers und der Schule.“ (S. 37). Statt klassischer Bildungsinhalte gehe es aktuell nur noch um Erfahrungswissen, Selbstorganisation, Kreativität, Teamfähigkeit und Originalität. Erfahrung werde dann zum Allerweltswort und jegliche Theorie diskreditiert. Aktuell übersehe man, dass Bildung seine Wurzel in der Distanz zum Leben habe und eben nicht in ihrer Nähe, und somit Vermittlung statt Aneignung durchaus ihre Berechtigung habe. Liessmann macht den Hang aus, dass Lehrer zum Coach/Lernbegleiter und Schüler zu Lernpartnern werden, wobei Letztere im Grund genommen von sich aus, autonom und selbstbestimmt lernen und sogar auch den eigenen Lernfortschritt kontrollieren. Das Ziel der Mündigkeit gehe dabei letztendlich verloren, da Kinder von vorneherein als mündig erklärt würden. Schulen erübrigen sich damit, wenn hier nicht mehr Kenntnisse erworben und Geheimnisse der Welt erforscht werden – jenseits des eigentlichen Lebens aus lauter Lust am Lernen. Man müsse nicht den Schülern das Rad neu erfinden und das Leben neu entdecken lassen. Bildung beziehe sich im Wesentlichen auf überkommenes Wissen. Von daher habe der Frontalunterricht nicht weniger seine Berechtigung als die glorifizierte Projektarbeit. Bildung hat mit Anstrengung, Leistung und Abstand vom Leben zu tun, ohne dass Bildung zu einer Heilsbotschaft hochstilisiert werden müsste.

Im dritten Kapitel (Kompetenter Ungeist) geht Konrad Paul Liessmann auf den Seiten 45-60 dem „Verschwinden des Wissens“ nach und macht dieses an der Inflation einer Kompetenzorientierung fest. Diese wurzelt weder in der Pädagogik noch in einer Bildungstheorie, sondern ausschließlich in der Ökonomie. Anhand von Kompetenzen will man Leistungen messbar und vergleichbar machen und evtl. optimieren. Ausführlich wird dargelegt, wie uferlos inzwischen sich eine Kompetenzorientierung gebärdet und wie weit sie sich von einer Ausrichtung an Fachinhalten entfernt hat. Neben inhaltlichen Aspekten nimmt Liessmann auch den sprachlichen Ausdruck und Stil kompetenzorientierter Curricula mit etlichen Beispielen, auch aus der Schweiz „aufs Korn“.

Das vierte Kapitel (S. 61-77) unter der Überschrift Fächerdämmerung stellt der Autor unter die berechtigte Frage, was der Sinn unzähliger Studiengänge sein solle. Er spricht den Fächerkonglomeraten ohne methodische Absicherung und Zielsetzung die Existenzberechtigung schlichtweg ab und wagt sich als Kritiker weit vor mit Anfragen wie: Ist eine Universität, die 250 Lehrgänge anbietet besser als eine, die den Differenzierungswahn noch nicht mit vollzieht? Ebenso bedenklich ist die Uferlosigkeit in der Hoffnung auf Beziehungen und Teams; eine demokratische und chancengerechte Schule, die sich mit Themen wie Heterogenität, Gender-Mainstreaming, Migration und Mehrsprachigkeit, Mobbing und Homophobie beschäftigt; rhythmisierende Ganztagschule; differenzierte Benotung bzw. Beurteilung; Beratung, Supervision und Evaluation.

Die spezifischen Methoden aktueller Didaktik werden im fünften Kapitel (S. 78-88) unterhaltsam behandelt mit dem passenden Titel Powerpoint-Karaoke. Hier zeigt der Autor auf zehn Seiten, dass die Praxis der Unbildung nicht nur an Inhalten, sondern auch an den Formen ihrer Vermittlung festzumachen ist. Mit Humor entlarvt das Kapitel die irrige Vorstellung, eine Präsentation würde auch schon Wissen zum Besten geben.

Das sechste Kapitel Was weiß das Netz? (S. 89-106) stellt vor allem die Euphorie im Blick auf den Wert und die Möglichkeiten des Netzes deutlich in Frage, ebenso eine angebliche Medienkompetenz der Netzgeneration, die schnell erschöpft ist. Auch soziale Netzwerke erweisen sich letzten Endes für das Miteinander in Familien und Gemeinschaften, aber auch in schulischen Kontexten gerade nicht nur als sozial …

Die gesellschaftliche Realität kommt im siebenten Kapitel (S. 107-117) Die orale Phase als Lebensprinzip zum Tragen, indem das Verhältnis von Konsum, Pädagogik und Infantilisierung aufgegriffen wird. Demzufolge geht die neue selbstverschuldete Unmündigkeit weit über die Bildungslandschaft selbst hinaus und trägt inzwischen gesamtgesellschaftlich bedenkliche Züge: Wer keine Verantwortung übernehmen will, wird offener für Beratungen und letzten Endes für Fremdbestimmung.

Konkret bildungstheoretisch wird der Autor im achten Kapitel (S. 118-130) mit einer Philosophie der Schule. Statt auf Veränderung, die sich nach Liessmann als Anpassung an den gesellschaftlichen Zeitgeist entpuppt, propagiert der Autor die Kontinuität und die Freude an der Verlässlichkeit in punkto Institution Schule. Sein Bildungsbegriff richtet sich dabei aus an Humboldts Vorstellung, dass das Lernen nicht nur zweckdienlich ist, sondern seinen Sinn auch in sich haben kann. Das Kapitel zeigt zudem, wie insbesondere politisch links orientierte Bildungsvorstellungen, alte Vorurteile gegen ein Bildungsbürgertum ins Feld führen und die Schule von Grund auf unter Verdacht stehe. Die Ausführungen münden im prägnanten Satz „Dort wo sich Bildung nur mehr als Ausbildung versteht, zeigt sich die Praxis der Unbildung in ihrer beschränkten und beschränkenden Gestalt.“ (S. 129).

Kapitel 9 macht unter dem Titel Leselust und Leseleid (S. 131-149) ausführlich die Notwendigkeit basaler Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben deutlich. Eine systematische Niveaunivellierung lässt sich beispielsweise an den Folgen der Reichen-Methode (Lesen durch Schreiben) festmachen und der zunehmenden Profilierung der Lehrer als Markierer von Grenzen. Liessmann zeigt auf, dass Sprache eben mehr als lediglich Informationsweitergabe ist und gerade von den Nuancierungen und Schönheiten lebt. Differenzierung hat ihren Wert jenseits von Reduktion und Vereinfachung („Leichte Sprache“).

Kapitel 10 (S. 149-165) analysiert unter Die Diktatur der Geschäftigkeit die Freiheit der derzeitigen, von Bologna-Prozessen und Unternehmungsberatung bestimmten Wissenschaft, insbesondere an Universitäten. Hier macht Liessmann eine Geschäftigkeit aus im doppelten Sinne des Wortes, die einem ruhigen Forschen und verantwortlicher Lehre entgegensteht, wenn stets nach Gastprofessuren und Drittmitteleintreibung gefragt wird und das eigentliche Ziel der Forschung und Lehre aus den Augen verloren wird. Inwieweit ist der Universitätsbetrieb inzwischen käuflich geworden? „Diese Sehnsucht, an quantifizierbaren und nicht an inhaltlichen Kriterien gemessen zu werden, ist allerdings in der Wissenschaft besonders prekär, verdankt sich ihr Fortschritt doch einem methodisch abgesicherten Diskurs und nicht einem quantifizierbaren Verfahren.“ (S. 153). Teilweise könnten einige schon „in die Nähe intellektueller Prostitution gerückt werden“ (S. 154). Sowohl den Studenten hat der Bologna-Prozess Freiräume beschnitten, als auch den akademischen Lehrern ihre Freiheit. Liessmann fordert entsprechend ein angemessenes Anspruchsniveau, ein historisches Bewusstsein und die Fähigkeit, angemessen zu urteilen als Notwendigkeiten einer akademischen Bildung.

Das elfte Kapitel (S. 166-181) bietet unter ästhetischem Blickwinkel bildungspolitische Ausführungen. Der Titel Die Tränen der Muse will verdeutlichen, dass zu den Kompetenzen – beispielsweise im Fach Geschichte – leider nicht mehr das Erzählen gehört. Dabei gehört das Zweckfreie, Schöne schlichtweg elementar zur Bildung, also auch das freie Darlegen und Erzählen sowie ein freier Aufsatz zu einem bestimmten Thema, der nicht in kleinen Schritten aufgegliedert ist, sondern sich der Entfaltung öffnet. Überhaupt würden die musischen Fächer in der Bildungsdiskussion vollkommen vernachlässigt, zumal ja sämtliche OECD-Studien sich sprachlichen und naturwissenschaftlichen Fächern zuwenden, aber Musik, Religion, Kunst, Sport, Philosophie usw. völlig außen vor bleiben.

Diskussion

Die wenigen widerständigen, sich noch kritisch im Blick auf eine Bertelmannisierung äußernden Erziehungswissenschaftler, schweigen inzwischen oder werden als Neuhumanisten abgetan, weil ihnen Bildung mehr zusagt als (nur) Ausbildung als Outcome-Orientierung. Den Schulen wird zwar – nicht zuletzt aufgrund von Inklusion – Individualisierung und Differenzierung abverlangt, aber letztendlich mündet dieses Bestreben durch Endeffekte des im Grunde genommen betriebswirtschaftlichen Begriffs Kompetenz darin, die individuellen Leistungen gleichzumachen. Ob Mündigkeit noch das Ziel aktueller Lernarrangements ist, bleibt dahingestellt. Es bleibt aber die Frage, ob Digitalisierung und Infantilisierung automatisch ins Destruktive gleiten müssen?

Zu denken geben muss in jedem Fall das leidenschaftliche Plädoyer für eine Bildung unter der Prämisse der Schönheit des Nutzlosen. Diese ästhetische Kategorie wird in aktuellen Studien nachweislich vernachlässigt.

Ist eine Schule wirklich wünschenswert, in der es nur noch Teams gibt, alles sich an Schülern und deren Horizont orientiert, wo Klassenzimmer aufgelöst werden, zumal es nur noch Lernlandschaften und Lernbegleiter gibt und die Wände und Whiteboards voller Präsentationen der Schüler sind – ohne dass sie oft mehr sind als Kopien oder Ausdrucke aus dem Internet. Problematisch ist tatsächlich ein mehrheitlich fächerübergreifender Unterricht und im Grunde genommen eine Auflösung des Fachunterrichts zugunsten eines an bestimmten Kompetenzen orientierten Unterrichts, bei dem die Fachinhalte selbst zugunsten methodischer Möglichkeiten und Sozialtrainings vernachlässigt werden. Wo Fachinhalte permanent diskreditiert werden, muss man sich fragen, was an deren Stelle tatsächlich tritt. Ist Schule wirklich eine Institution, in der Schüler sich selbst und untereinander etwas beibringen?

Ist die Didaktik wirklich so sehr auf Messinstrumente, Maßnahmen, Indices, Listen usw. bezogen, dass letzten Endes die individuelle Person und Persönlichkeit von Lehrkräften und Schülern zu kurz kommt? Schätzt Konrad Paul Liessmann es richtig ein, dass die Bedeutung empirischer Begleitung und evaluativer Prüfungen oft überschätzt werde? Die Frage, ob bei einer dermaßen fundamentalen Veränderung der Schule hin zu einer „Unbildung“ überhaupt noch grundgesetzgemäß eine allgemeine Schulpflicht aufrecht erhalten werden kann, wenn von Seiten der Schule dermaßen in die Erziehung und Persönlichkeitsbildung eingegriffen wird.

Es ist zu diskutieren, ob die an Bildung orientierte Schule und Universität, wie Konrad Paul Liessmann sie beschreibt, tatsächlich so noch machbar wäre mit dem derzeitigen Lehr- und bildungspolitischem Personal; oder ober der Zug nicht schon längst abgefahren ist. Eine ausgeprägte Bündnispartnerschaft mit OECD, Bertelsmann & Co hat nicht nur zu „Kölsche Klüngel“, sondern auch zu einer Ökonomisierung von Bildung geführt, wie sie auch in aktuellen Gesetzesentwürfen zu Bekenntnisschulen und zur Hochschullandschaft beispielsweise in Nordrhein-Westfalen zum Tragen kommt.

Ist man überhaupt noch im Blick auf eine humanistische Bildungsvorstellung gewappnet gegen eine vom Konstruktivismus und Normenkritik dominierten Bildungstheorie und -praxis? Gibt es noch eine Alternative zur Ökonomisierung angesichts leerer Kassen in Landeshaushalten und einer Neuorientierung am demographischen Wandel, der junge Menschen letztlich „alt aussehen lässt“? Braucht die Wissenschaft nicht doch Messbarkeit in ihrer Lehre und Forschung?

Leider fehlt in dem Buch ein Personen- und Stichwortverzeichnis, sodass man auf das Inhaltsverzeichnis angewiesen ist, um zu ahnen, wo bestimmte Themen und Personen im Buch vorkommen.

Eine Konfrontation mit anderen Auffassungen wird durch die Ausführungen des Buches jedenfalls ausgelöst und kann zu einem konstruktiv-kritischen Diskurs beitragen. Ob aber dadurch z.B. kompetenzorientiert oder Bologna-begeistert eingestellte Personen für die Sache der Bildung gewonnen werden können, sei dahingestellt. Doch daher hat Konrad Paul Liessmann sein Buch ja absichtlich als „Streitschrift“ deklariert. Eine solche ist das Buch im wahrsten Sinne des Wortes!

Fazit

Das Buch bietet in weiten Teilen eine grundlegende, konstruktiv-konservative Kritik am derzeitigen Diskurs rund um Bildung und zeigt sprachlich spitz Probleme aktuellen Lernens in Schule, Hochschule und Universität auf. Der Autor orientiert sich selbst an einem ausdrücklich humanistischen Bildungsideal a la Humboldt und fordert Bildung statt Ausbildung mit ihrer Fokussierung auf Kompetenzen und Nützlichkeiten. Zudem sieht das Buch die Gefahr einer Ökonomisierung der Bildung und verlangt eine grundsätzliche Abkehr von immer wieder ins Feld geführten Vorstellungen, die letztlich bildungskritisch und leistungshemmend wirken. Mit der verstärkten Ausrichtung des Bildungsbetriebs am ökonomischen und musefeindlichem Paradigma wird der humanistische Bildungsanspruch an die Qualität des Wissens, zugunsten einer fragwürdigen Quantität, zu Grabe getragen.

Eine herausfordernde Streitschrift, die zu denken gibt und Bewusstseinsbindungen gekonnt aufdeckt.

Rezension von
Dr. phil. Reiner Andreas Neuschäfer

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Zitiervorschlag
Reiner Andreas Neuschäfer. Rezension vom 18.11.2014 zu: Konrad Paul Liessmann: Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift. Zsolnay (Wien) 2014. ISBN 978-3-552-05700-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17629.php, Datum des Zugriffs 29.06.2022.


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