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Bettina Wyer: Der standardisierte Arbeitslose

Cover Bettina Wyer: Der standardisierte Arbeitslose. Langzeitarbeitslose Klienten in der aktivierenden Sozialpolitik. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2014. 248 Seiten. ISBN 978-3-86764-557-7. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 46,90 sFr.
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Thema

Im internationalen Vergleich sind auch in der Schweiz verhältnismäßig viele Menschen von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen. Ein Siebtel der Bevölkerung der Schweizer Bevölkerung (1.090.000) ist armutsgefährdet. Die Caritas Schweiz schätzt in ihrem Sozialalmanach 2012 die Zahl der Kinder auf 260.000. Dennoch nehmen ca. 40 bis 60 % der Anspruchsberechtigten keine Sozialhilfe in Anspruch.

Die aktivierende Sozialpolitik der Schweiz proklamiert, berufliche Reintegration hänge maßgeblich von der Leistungsorientierung und Eigenverantwortung der erwerbslosen Personen ab.

Die Dissertation von Bettina Wyer untersucht die Auswirkungen dieser aktivierenden Sozialpolitik auf langzeitarbeitslose Menschen mit erhöhten Vermittlungsschwierigkeiten, die im Rahmen von vorübergehenden Beschäftigungsprogrammen in den 1. Arbeitsmarkt integriert werden sollen, und des Fachpersonals.

Autorin

Dr. Bettina Wyer ist Sozialwissenschaftlerin und Sozialpädagogin in den Bereichen Arbeitsintegration und Bildung. Sie arbeitet als freischaffende Wissenschaftlerin, Dozentin und Schauspielerin. In der Denknetz - Fachgruppe "Sozialpolitik, Arbeit und Care Ökonomie" engagiert sie sich für eine solidarischere Gestaltung der schweizerischen Sozialpolitik.

Veröffentlichung: Schallberger/Wyer: Praxis der Aktivierung – eine Untersuchung von Programmen zur vorübergehenden Beschäftigung, Konstanz, 2010, in der die Handlungsformen des Fachpersonals beschrieben werden.

Aufbau

Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile.

Zu Teil 1

Der erste Teil stellt eine Analyse der politisch-normativen Konstruktion der Aktivierungspolitik, die institutionelle Ausgestaltung der zuweisenden Stellen und der arbeitsmarktlichen Maßnahmen dar. Die Forschungsergebnisse zeigen, die aktivierende Sozialpolitik führt in den USA und Deutschland zwar zu einem Rückgang der Erwerbslosenzahlen. Gleichzeitig entwickelt sich dort eine Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse mit einer ansteigenden Armutsquote, weil die Löhne nicht existenzsichernd sind. Wyer stellt fest, dass sich ein großer Teil der Erwerbslosen in der Schweiz in einer „prekären Zwischenzone“ von normaler zu prekärer Beschäftigung befindet.

Die aktivierende Sozialpolitik in der Schweiz orientiert sich bei der Bewältigung von Arbeitslosigkeit an der Logik wirtschaftlicher Profitmaximierung. Für Wyer kommt darin eine politische und gesellschaftliche Haltung zum Ausdruck: das Bild eines standardisierten Arbeitslosen, der sich wie ein idealtypischer Arbeitnehmer in der Schweiz verhalten soll. Vorausgesetzt werden eine ausgeprägte Leistungsorientierung, Eigenverantwortung, Funktionstüchtigkeit und hohe Selbststeuerungskompetenz.

Der standardisierte Arbeitslose als Spiegelbild des idealtypischen Arbeitnehmers steht damit dem Ausgangspunkt staatlicher Unterstützungsleistungen entgegen. Diese basierten auf der Erkenntnis, dass es nicht allen Gesellschaftsmitgliedern möglich ist, eine langfristig gesicherte berufliche Existenz aufzubauen oder aufrecht zu erhalten. Die Sozialpolitik grenzte sich damit gegen die Vorstellung eines idealtypischen Arbeitnehmers ab.

Die aktivierende Sozialpolitik geht also mit einer entscheidenden Schwächung des Sozialen einher.

Zu Teil 2

Der zweite Teil befasst sich mit den Folgen der Standardisierung in der Praxis anhand von Interviews mit KlientInnen und Fachpersonen.

Die Forschungsergebnisse der Schweizer Evaluation des Staatssekretariats für Wirtschaft SECO dokumentieren und kommentieren bereits umfassend die aktivierungspolitische Wende in der Schweiz. Sie fokussieren sich jedoch nicht explizit auf die Situation der Erwerbslosen.

Die von Wyer mit Hilfe der Methode „objektive Hermeneutik“ ausgewerteten 21 Gesprächsprotokolle stammen aus dem Forschungsprojekt des Schweizer Nationalfonds „Praxis des Aktivierens“, das die Qualität unterschiedlicher Beschäftigungsprogramme untersucht hat. Interviews führte Wyer mit Menschen, die Leistungen der Arbeitslosen- oder der Invalidenversicherung bezogen oder ausgesteuert waren und Sozialhilfe erhielten. Sie waren meist nicht oder gering qualifiziert.

Wyer macht Einzelfallanalysen, thematische Sequenzen und beschreibt ein Musterbeispiel eines standardisierten Arbeitslosen. Ihre Forschungsergebnisse konzentrieren sich auf die Erfahrungen von Arbeitslosigkeit in Beschäftigungsprogrammen, die gesundheitlichen Belastungen, die Folgen vorhandener Ressourcenschwächen sowie Anpassungsleistungen und Bewältigungsmuster in der institutionellen Praxis.

Beschäftigungsprogramme stellen langzeitarbeitslose KlientInnen vor besondere Herausforderungen. Sie müssen in heterogenen Teams unfreiwillig zusammenarbeiten. Innerhalb dieser Teams gibt es kulturell bedingte Unterschiede im Umgang mit Arbeit und Arbeitslosigkeit oder Schmerzen. Gesundheitliche Probleme Einzelner können weitere Belastungen für das Team sein. Dies erschwert die Solidarisierung und fördert die Vereinzelung.

Um sich bestimmten Anforderungen der zuweisenden Stelle oder dem Beschäftigungsprogramm zu widersetzen oder als körperliche Entschuldigung greifen KlientInnen auf gesundheitliche Einschränkungen zurück. Wyer sieht darin ein zum Ausdruck kommendes Recht auf persönliche Verfügung über das Selbst.

Insgesamt wird die Bewältigung von Arbeitslosigkeit zu einem Kraftakt der Einzelnen, der wenig Spielraum für Solidarisierung lässt.

Wyer kommt zu dem Ergebnis, der Fokus der Unterstützung müsste auf die Erarbeitung und Stärkung innerer Bewältigungsformen gelegt werden, wenn Langzeitarbeitslose auf dem 1. Arbeitsmarkt keine Stelle mehr finden, um die eigene Situation langfristig erträglich und gestaltbar zu machen.

Für Menschen mit Ressourcenschwächen und begrenzten beruflichen Gestaltungsmöglichkeiten sieht Wyer die Notwendigkeit, eine differenzierte Falldiagnostik durchzuführen. Nur so kann es gelingen, realistische Möglichkeiten zur Bewältigung der vorhandenen Ressourcenschwächen und sinnvolle Strategien zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit zu entwickeln. Erforderlich ist gleichzeitig eine umfassende Betreuung, damit KlientInnen ihre vielfältigen individuellen Belastungen bewältigen können.

Betroffene entscheiden sich in der Praxis überwiegend für ein von zwei Handlungsmustern, die Wyer als „primäre und sekundäre Anpassungsleistungen“ beschreibt.

Entweder die KlientInnen passen sich mit ihren Deutungs- und Handlungsmustern dem Konzept des standardisierten Arbeitslosen an. Wenn sie sich als vollwertiges Mitglied in der Beschäftigungmaßnahme fühlen, kann dies erfolgreich sein.

Oder die KlientInnen verhalten sich selbstbestimmter oder/und widerständig, um die ideelle Unabhängigkeit zu bewahren. Widerstand wird dann als Autonomiegewinn erlebt oder als Recht, eine Wahl zu haben.

Die zuweisenden Stellen entscheiden über materielle und immaterielle Hilfen, über Sanktionen und Belohnungen. Staatliche Wertvorstellungen und behördliche Vorgaben sollen in ein individuelles Arbeitsbündnis münden, das die Integration zum Ziel hat. Die politischen Normen der Aktivierungspolitik fordern dazu auf, das faktische Verhalten der KlientInnen in den Mittelpunkt zu stellen. Daher wünschen sich Fachpersonen die KlientInnen mit primären Anpassungsleistungen. Wyer kommt deshalb zu der Überzeugung, dass das Fachpersonal einer hohen professionellen Autonomie und Reflexion bedarf, um eine klientenorientierte Unterstützung überhaupt möglich zu machen.

In der Praxis werden Fachpersonal und langzeitarbeitslose KlientInnen permanent zu Aktivismus genötigt. Für Falldiagnostik und Betreuung fehlt die Zeit. Wyer stellt deshalb die Frage, ob das aktivierungspolitische Setting sinnvoll ist, wenn es in diesen Fällen zur Reproduktion sozialer Ungleichheit führt.

Wyer kommt zu folgenden Ergebnissen:

  • Die These des standardisierten Arbeitslosen als paradigmatische Unterströmung fließt in die standardisierten Anforderungen an Arbeitslose ein, die sich anlehnt an das Konzept des idealtypischen Arbeitnehmers mit der Leitvorstellung überdurchschnittlicher Leistungsbereitschaft und Anpassungsfähigkeit an die Erfordernisse des Arbeitsmarktes.
  • Die standardisierten Vorgaben und die fehlende Zeit verunmöglichen für viele Langzeitarbeitslose eine Reintegration in den 1. Arbeitsmarkt. Die Ausblendung des Blickes des Betroffenen befördert die gesellschaftliche Entsolidarisierung und bedroht die gesellschaftliche Stabilität bei steigender Arbeitslosigkeit.

Diskussion

Die längst überfällige Einbeziehung der Situation von Langzeitarbeitslosen in der Schweiz ist ein großer Verdienst dieser Arbeit. Es wird deutlich, wieviel Geld in Evaluationen der aktivierenden Sozialpolitik gesteckt wird, ohne langfristige Erfolge für die Erwerbslosen. Im Ergebnis reduzieren sich die standardisierten kurzfristigen Beschäftigungsprogramme in den meisten Fällen auf kurzfristige positive Erfolg in der Tagesstruktur.

Wyer weist zu Recht auf die ungleichen Ausgangslagen der einzelnen Gesellschaftsmitglieder hin, die von der aktivierenden Sozialpolitik negiert werden. Damit wird eine Chancengleichheit vorausgesetzt, die nicht besteht. Das Konzept der Aktivierung, das die Verantwortung für Erfolg oder Scheitern individualisiert, führt dann nicht zur Reintegration in den Arbeitsmarkt sondern trägt zur Reproduktion sozialer Ungleichheit bei.

In den Auszügen der Interviews wird nicht nur die persönliche Situation einzelner Menschen sondern auch das gesellschaftliche Klima der Leistungsorientierung deutlich. Wyer beschreibt das Abbild der liberalen Tradition des Schweizer Sozialstaates, in dem die Eigenverantwortung der Sozialleistungsbeziehenden von Anfang an zum paradigmatischen Kern zählte und der Bezug von staatlichen Unterstützungsleistungen als persönliches Scheitern verstanden wird. Deshalb erstaunt es nicht, dass eine Beteiligung der öffentlichen und privaten Arbeitgeber in der Schweiz an diesem Integrationsprozess fehlt.

An vielen Stellen hat mir gefallen, wie es Wyer immer wieder gelingt, das subjektive Empfinden der Langzeitarbeitslosen und ihren Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe in Worte zu fassen.

Wyer belässt es nicht nur bei der Analyse der Situation der Langzeitarbeitslosen sondern beschreibt auch die Rahmenbedingungen des Fachpersonals dar: sukzessive Verkürzung der Aufenthaltsdauer in den Arbeitsmaßnahmen in den letzten Jahren, Erhöhung des bürokratischen Aufwandes durch Verlängerungsanträge, Qualitätssicherung und Berichte an Stadt und Kantone.

Wyer zeigt Handlungsvorschläge auf, weil der Weg zur Integration in den 1. Arbeitsmarkt durch standardisierte Vorgaben versperrt wird. Dazu gehören für sie Zeit für die differenzierte Falldiagnostik und Betreuung, langfristige Förderung und Qualifizierung. Erst die genaue Erfassung der beruflichen Laufbahn der KlientInnen unter Berücksichtigung ihrer Biografien und das Verstehen führen zu einer realistischen Entwicklung von Integrationsmaßnahmen. Die KlientInnen sollten dort fallbezogen weiter unterstützt werden.

Fazit

„Der standardisierte Arbeitslose“ gehört in die Bibliotheken der Fachbereiche von Universitäten und Fachhochschulen mit den Schwerpunkten Arbeitsmarktpolitik, Beseitigung von Arbeitslosigkeit.

Studierende können über die Auseinandersetzung mit den Handlungsmustern von Erwerbslosen lernen, Konzepte und Handlungsmodule für die Soziale Arbeit mit langzeitarbeitslosen Menschen zu entwickeln.

SozialpolitikerInnen, die sich für die Beseitigung der Langzeitarbeitslosigkeit einsetzen, sollten dieses Buch lesen. Sie erhalten einen Überblick über die internationalen Forschungsergebnisse und die Wirkung kurzfristiger Beschäftigungsprogramme auf Erwerbslose. Die Forschungsergebnisse von Wyer geben vielfältige Impulse für politische Initiativen unter Einbeziehung der Langzeitarbeitslosen.

Arbeitsloseninitiativen erhalten wichtige Argumente und Fundstellen, um ihr Anliegen auf der politischen Ebene zu transportieren.


Rezension von
Barbara Jessel
Referentin, Volljuristin. Referentin für Grundsicherung und Arbeitsmarktpolitik Arbeitsbereich Existenzsicherung und Integration Diakonisches Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz e.V. (DWBO)
Homepage www.diakonie-portal.de
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Zitiervorschlag
Barbara Jessel. Rezension vom 27.04.2015 zu: Bettina Wyer: Der standardisierte Arbeitslose. Langzeitarbeitslose Klienten in der aktivierenden Sozialpolitik. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2014. ISBN 978-3-86764-557-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17631.php, Datum des Zugriffs 25.10.2020.


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