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Hans Jürgen Krysmanski: Hirten & Woelfe (Geld- und Machteliten)

Cover Hans Jürgen Krysmanski: Hirten & Woelfe. Wie Geld- und Machteliten sich die Welt aneignen oder: Einladung zum Power Structure Research. Verlag Westfälisches Dampfboot 2014. 6. Auflage. 313 Seiten. ISBN 978-3-89691-602-0. 29,90 EUR.

Nachdruck der 2. gründlich überarb. u. erweit. Auflage.
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Die Macht der Eliten

Kapitalismus- und Neoliberalismuskritik gilt in der globalisierten, scheinbar „Alles-Machbar-Welt“ als Kontrapunkt und, je nach Mentalität, politischem Bewusstsein und Ideologie, als wehrhafte bis machtbewusste Alternative: Eine bessere, humane und soziale Welt ist möglich! Es ist immer die Frage, wie Macht entsteht und

Ohnmacht wird, und wie Macht legitim ausgeübt und Machtmissbrauch benannt und verhindert werden kann (Ingo Elbe / Sven Ellmers / Jan Eufinger, Hrsg., Anonyme Herrschaft. Zur Struktur moderner Machtverhältnisse, 2012; www.socialnet.de/rezensionen/13528.php), wie in den Zeiten der Krisen Menschlichkeit obsiegt (Saral Sarkar, Hrsg., Die Krisen des Kapitalismus. Eine andere Studie der politischen Ökonomie, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/12301.php), wie Fehlentwicklungen zu begegnen ist (Manfred Lütz, Bluff! Die Fälschung der Welt, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14059.php), wie die Welt human verändert werden kann, ohne dabei Gewalt anzuwenden (John Holloway: Kapitalismus aufbrechen, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10534.php; Joanna Macy / Norbert Gahbler, Fünf Geschichten, die die Welt verändern. Einladung zu einer neuen Sicht der Welt, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14441.php; Silke Helfrich / Heinrich-Böll-Stiftung, Hrsg., Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13482.php), aber auch, wie Macht krank macht ( Werner Berschneider, Wenn Macht krank macht. Narzissmus in der Arbeitswelt, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11203.php). Der Diskurs ist so vielfältig wie das Problem. Er wird mit positiven und negativen Sentenzen ausgetragen, und mit deutlichen bis populistischen Argumenten belegt: „Kamikaze-Kapitalismus“ (David Graeber) – Raubtier-Kapitalismus“ (Peter Jüngst). Die uralte philosophische Frage, ob der Mensch des Menschen Freund und Hirte oder Feind und Wolf sei, ist in zahlreichen Analysen und Essays bedacht worden. Auch die wissenschaftliche Macht- und Herrschaftsstrukturforschung hat (zumindest) in den US-amerikanischen Sozialwissenschaften ihren Platz. Eine neue Fragestellung allerdings tut sich auf in der sich immer interdependenter, entgrenzender und die Gesellschaften auseinander dividierenden Entwicklung der Globalisierung auf. Der humane Skandal, dass die Reichen immer reicher und die Habenichtse immer ärmer werden, erfordert einen Perspektivenwechsel, der weg führen muss von dem bequemen und ökonomisch und politisch gewachsenen Mentalitäten, dass „die da oben“ es schon richten werden und den eher ohnmächtigen Erfahrungen, man könne als Einzelner dagegen „sowieso nichts machen“. In diesem Zusammenhang ist es berechtigt, von einer „Graswurzelbewegung“ zu sprechen, die ausgeht von den Initiativen Einzelner und hinführt zu einer gesellschaftlichen Aufmerksamkeit, die der ehemalige Schweizer Top-Manager und spätere Umwelt- und Menschenrechtsaktivist Hans A. Pestalozzi (1929 – 2004) als „positive Subversion“ bezeichnet und mit dem eingängigen, herausfordernden Spruch belegt hat: Wo kämen wir hin / wenn alle sagten / wo kämen wir hin / und niemand ginge / um einmal zu schauen / wohin man käme / wenn man ginge.(Hans A. Pestalozzi, Nach uns die Zukunft, Bern / Stuttgart 1979 / 1982, S. 215).

Entstehungshintergrund und Autor

Der Soziologe Hans-Jürgen Krysmanski (1935) lehrte an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Er hat sich immer schon eingesetzt für die lokale und globale Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit und für Frieden in der Welt. Er war von 1976 bis 1991 Mitglied des Präsidiums des Weltfriedensrats und des Steering Committee der World Federation of Scientific Workers, gehört dem Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an, engagiert sich als Wissenschaftlicher Beirats bei Attac und der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Mit zahlreichen Expertisen, Auftrags- und Forschungsarbeiten meldet sich Krysmanski immer wieder zu Wort; nicht aus dem elitären und geschützten Elfenbeinturm heraus, sondern als beobachtender Zeitgenosse und engagierter Veränderer „auf den Straßen und Plätzen der Welt“.

Bei dem nun vorgelegten Arbeitsbuch handelt es sich um die überarbeitete, erweiterte und aktualisierte sechste Auflage des 2004 erschienenem Bandes, das Positionen gegen die Praktiken der Macht- und Geldeliten in der Welt setzt. Dabei geht es zum einen darum, eine (deutsche) soziologische Aufmerksamkeit auf die in den USA seit einigen Jahren aktive Bewegung der „Power Structure Research“ zu lenken; zum anderen Mut zu machen, „wie kollektive investigative Forschung von unten – grassroots research – in Gang kommen kann“. Angesichts der kapitalistischen Entwicklungen sei „aus den Resten einer bürgerlichen Gesellschaft, die sich zivilgesellschaftlich zurechtgestutzt hat, … eine reale und doch von Derivaten abgeleitete Aktien-Gesellschaft geworden“. Aus der „aufgeplusterte(n ) Elitemacht, die sich zu globaler Imperialität aufschwingen wollte…, ist ein zerfallendes Feudalreich schein-souveräner Superreicher und ‚Vermögender‘ geworden“, die, nach Meinung des Autors, nur noch ein, zwei Krisen überleben könne, und das auch nur, weil es die Profiteure der Elitemacht „über Gebühr mit Boni aller Art überhäuft“. So lassen sich die in verschiedenen Zusammenhängen entstandenen Texte und Analysen als „Abgesang“ der „heutigen kapitalismusbasierten High-Tech-Refeudalisierung“ lesen, die den Blick und die Ermunterung lenkt auf „do-it-yourself Power Structure Research“.

Aufbau und Inhalt

Die einzelnen Texte gliedert der Autor in fünf Kapitel. Im ersten stellt er fest: „Souverän ist, wer über Geldmacht verfügt“. Er fragt: „Wie reich ist eigentlich superreich?“; er druckt ein Radio-Interview vom Januar 2003 ab, das er mit dem WDR geführt hat, und er zeigt damit auf, wie wenig sich an der Situation bis heute geändert hat; und er gibt seine Überlegungen zur Monetarisierung des Politischen aus 2004 wieder.

Im zweiten Kapitel zeigt er „Amerikas Weg zum Imperialismus“ auf, indem er vermittelt, wie sich die Metapher „Hirten und Wölfe“ in der wissenschaftlichen Forschung seit den 1930er Jahren darstellt. Er diskutiert, wie sich in den 1950er Jahren „Franchising the American Way of Life“ etablierte. Am 15. Januar 2002 hat er im Rahmen einer Attac-Veranstaltung an der Universität Münster über die geopolitische Bedeutung der Machteliten der USA gesprochen. An den verbreiteten Mentalitäten und Ideologien zeigt er auf, wie Verschwörungstheorien und Kapitalverwertungsmechanismen eine unheilige Allianz eingehen; und mit der Frage „Wer führt die neuen Kriege?“ positioniert er sich im (geo-)politischen Diskurs um den „New Deal“ und stellt die Entwicklungen heraus, die sich aus dem „Zusammenspiel von privatem Reichtum mit ‚Direktoraten‘ aus Konzernwelt, Politik, Militär, Kultur usw. heute zu einem Schwarzen Loch, zu einem Gravitationszentrum der Macht verdichtet“.

Das dritte Kapitel titelt er mit „Herrschende Klassen und Machteliten“. Es geht um Begriffsklärungen zu den Analysen über Herrschafts-, Klassen- und Produktionsverhältnisse, sowohl in den bürgerlichen Gesellschaften und die Abhängigkeiten und Ausprägungen der Individuen gegenüber dem Staat, bis hin zu den Entwicklungen in der Moderne. Mit dem Text „Power Structure Research und das Ringmodell der Machteliten“. Er zeigt die Funktionszusammenhänge auf, die sich aus der Gesamtschau von Eigentums-, Verwertungs-, Verteilungs- und Arbeitsverhältnissen ergeben und stellt diese im Modell der „Ringburg“ dar.

Im vierten Kapitel fragt der Autor: „Wem gehört die Welt?“. Er druckt mit der Überschrift „„Von der (Un)Sichtbarkeit des Superreichtums“ zwei Interviewtexte ab, die 2007 in der Zeitschrift „junge Welt“ erschienen sind. Mit der Frage „Wem gehört die EU?“ zeigt mit dem Gutachten die Entwicklungen auf, die sich aus der „kapitalismusbasierten High-Tech-Refeudalisierung“ in Europa ergeben.

Das fünfte und letzte Kapitel befasst sich mit der Thematik „Das Empire in der Krise“. Der Autor setzt sich mit den neueren, geopolitischen und globalisierten Macht-, Herrschafts- und Weltordnungsstrukturen auseinander und fragt nach den „Pfade(n) durchs Empire der Postmoderne“. Der Autor deckt mit dem Nachweis darüber, wie „Generalisten“ in der kapitalmächtigen Dominanz die Regierenden und Mächtigen beraten, die in den US-amerikanischen Think Tanks und im „European Council on Foreign Relations“ ihre Einflüsse immer mehr ausbreiten. Sie reichen von nationalen bis internationalen Netzwerken und Einflusssphären, die mittlerweile auch das Weltwirtschaftsforum in Davos dominieren. Um den „Geldmachtkomplex“ geht es im letzten Text, seine Entstehung, Wirkung – und hoffend – um seine Überwindung durch Aufklärung darüber, welche eigene und funktionale Rolle die Machteliten selbst spielen (und gespielt werden): „So würden sie neben vielem anderen vielleicht auch erkennen, dass Aufklärung kein Produkt eines weißen, angelsächsischen Establishments oder auch nur Europas ist, sondern dass Vernunft sich innerhalb aller Kulturen der Globalisierung entfaltet“.

Als Anhang weist der Autor die „Empirie und Statistik des Reichtums“ aus. Es sind Daten der Kapital- und Geldmacht, des lokalen und globalen Reichtums (und als Konträr der Armut), über Krisensituationen und Netzwerke der Superreichen.

Fazit

Zwar handelt es sich bei der Textsammlung des Arbeitsbuches überwiegend um bereits in verschiedenen Medien publizierte Analysen, Zwischenrufe und Forschungsberichte; die Zusammenfassung unter dem bezeichnenden Titel „Hirten und Wölfe“ präsentieren eine dezidierte Sichtweise, die es dem Leser und der Leserin ermöglichen, die Machenschaften der Geld- und Machteliten zu durchschauen und zu einer „do-it-yourself Power Structure Research“ zu kommen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 23.10.2014 zu: Hans Jürgen Krysmanski: Hirten & Woelfe. Wie Geld- und Machteliten sich die Welt aneignen oder: Einladung zum Power Structure Research. Verlag Westfälisches Dampfboot 2014. 6. Auflage. ISBN 978-3-89691-602-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17633.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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