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Karin Böllert, Martin Wazlawik (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt

Cover Karin Böllert, Martin Wazlawik (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt. Institutionelle und professionelle Herausforderungen. Springer VS (Wiesbaden) 2014. 167 Seiten. ISBN 978-3-531-18529-3. 29,95 EUR.
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Thema

Die Dimensionen Macht, Gewalt und Sexualität sind in pädagogischen Beziehungen inhärent und können sich in einer toxischen Weise zu vielfältigen Formen sexualisierter Gewalt mischen. Von diesen Konstellationen war und bleibt die pädagogische Handlungspraxis bedroht. Seit der zahlreichen Aufdeckungen von sexualisierter Gewalt in schulischen, pädagogischen und kirchlichen Einrichtungen setzt allerdings ein stärkerer Auseinandersetzungsprozess ein, der analysiert, „welche Strukturen, Systeme, Ideologien und Abhängigkeiten“ (S. 2) zu sexualisierten Machtausübungen führen. Die lange vorherrschende disziplinäre und professionelle „Sprachlosigkeit“ soll durch eine bewusste Thematisierung sowie pädagogische Selbstreflexion aufgebrochen werden. Die Autor_innen leisten eine Systematisierung der Debatte, durch das Herausschälen spezifischer institutioneller und professioneller Problemlagen und Herausforderungen, die Prävention sexualisierter Gewalt entweder begünstigen oder verhindern. Sie weisen bereits einleitend den Weg und rücken „die Frage der Professionalisierung von Mitarbeiter_innen und Institutionen sowie die Frage der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen“ (S. 2) in den Fokus.

Herausgeberin und Herausgeber

Das Team der Herausgebenden stammt aus der Abteilung Sozialpädagogik am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Münster. Karin Böllert ist dort Professorin im Bereich Kinder- und Jugendhilfe/Sozialpolitik. Martin Wazlawik hat eine Juniorprofessur mit dem Schwerpunkt Pädagogische Professionalität und sexuelle Gewalt inne. Beide sind in die vom BMBF geförderte Forschungslinie „sexualisierte Gewalt in pädagogischen Kontexten“ eingebunden. Darüber hinaus ist Karin Böllert Mitglied im Fachbeirat des unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.

Aufbau

Die Systematisierung der Debatten erfolgt in drei Teilen. In den Grundlegungen wird auf die notwendige Wahrung kontrollierender Strukturen hingewiesen sowie auf die Gestaltung der pädagogischen Beziehung – auch unter der Beachtung des bisher häufig ausgeblendeten Körpers. Unter dem zweiten Teil „Reaktion und Herausforderungen in Institutionen und Handlungsfeldern“ versammeln sich Analysen der Reformpädagogik sowie der institutionellen Kontexte Kirche und Schule. Der abschließende dritte Teil „Herausforderungen und Erfahrungen in Prävention und Opferschutz“ umfasst den aktuellen Stand der Wirkforschung über vorhandene Präventionskonzepte, Beiträge über eine grundsätzliche Implementation von Schutzkonzepten und sexueller Bildung, einen bilanzierenden Status-Quo der Aufarbeitungsprozesse und Handlungsbedarfe sowie die Zusammenfassungen von professionellen und disziplinären Herausforderungen.

Zu 1. Grundlagen

Manfred Kappler kritisiert die teilweise immer noch ausstehenden Veränderungen institutioneller Strukturen in der stationären Jugendhilfe, die sexueller Gewalt entgegenwirken. Er diagnostiziert ein „blindes Vertrauen“ der Erziehungsberechtigten in Internatsschulen und Heime. Zudem besteht manches mal eine Tendenz zur Abschiebung von Kindern, weil kaum Kapazitäten der Eltern vorhanden sind, sich um die Belange der Kinder zu sorgen. Aufseiten der pädagogischen Einrichtungen existiert ein gewisser „Belegungsdruck“ (S. 12), der mit einer Orientierung am Wohlergehen und der angemessenen Betreuung von Kindern konkurrieren kann. Zwischen Eltern und pädagogischer Einrichtung stehen folglich die anvertrauten und gleichzeitig ausgelieferten Kinder, deren Wohlergehen durch andere Interessen vernachlässigt wird. Erschwerend kann hinzukommen, dass neben selten interessierten Eltern auch andere fachliche Instanzen wie die Heimaufsicht wenig Kontrolle ausüben. Die institutionelle Verantwortung für das Wohlergehen ist dann weiterstgehend frei von Kontrolle und potenziert das Maß an Ohnmacht der Heranwachsenden gegenüber übermächtigen Institutionen. Dies belegt Kappler durch den Verweis auf die Odenwaldschule, an der sexuelle Gewalt durch die „im Zeichen von Freiheit und Gleichheit und nichtautoritärer Erziehung verübt“ (S. 13) wurde oder an bestimmten katholischen Einrichtungen, deren Sexualfeindlichkeit, die sexuelle Selbstbestimmung einschränkte und den „obsessiven Kampf“ gegen Sexualität in sexuelle Gewalt kanalisierte.

Die Figur des „pädagogischen Eros“ ist eine bis auf Platon zurückzuführende Interpretation der pädagogischen Beziehung, die in der Geschichte des pädagogischen Berufs unterschiedlich interpretiert und sexuell aufgeladen wurde. Mit dem Verweis auf Nohl war der „pädagogische Eros“ frei von einer Konnotation der geschlechtlichen Liebe und damit gegensätzlich zum Verständnis in der griechischen Antike und der aktuellen Auslegung interpretiert. Innerhalb einer verantwortungsvollen und professionellen Beziehungsgestaltung spricht Wolfgang Nieke der „Leibkompetenz“ eine relevante Rolle zu. Der in der Pädagogik weitläufig dethematisierte Körper fordert einen reflektierten Umgang, da er als Kommunikationsmedium pädagogische Beziehungen gestaltet. Dies bedeutet nicht nur den Einsatz Mimik und Gestik, sondern auch eine „affektive Selbstkontrolle bis in den Leib hinein“ (S. 28), durch die auch eine Bewusstheit über erotische Projektionen entstehen kann. Des Weiteren fordert er eine reflektierte Gestaltung von Körperkontakt, der zur Förderung von Kindern und Jugendlichen eingesetzt werden kann aber nie eigenen Bedürfnissen dienen darf.

Zu 2. Reaktionen und Herausforderungen in Institutionen und Handlungsfeldern

Die durchaus heterogenen reformpädagogischen Ansätze, eint die Gefahr einer grundsätzlichen Immunisierung vor Kritik. Sabine Andresen begibt sich auf Spurensuche und belegt, dass am bürokratischen und bürgerlich-medialen Gegenwind ein kollektives reformpädagogisches „Wir-Gefühl“ wuchs, welches eine verklärte, wenig selbstkritische „Vorstellung reformpädagogischer Vollkommenheit“ (S. 42) schuf. Sabine Andresen formuliert drei zentrale Denkfiguren und ihr kritisches Potential. Über reformpädagogischem Handeln schwebt eine Hybris, die pädagogische Konzepte und Vorstellungen weit über ein konkret pädagogisches Anliegen anschwellen ließen und einem ideologischen Dogmatismus folgten. Zudem herrschte ein grundlegendes Misstrauen gegenüber der Erziehungskompetenz von Müttern, Vätern aber auch entgegen traditioneller Schulen, denen vorgeworfen wurde, Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung nicht ausreichend unterstützen zu können. Somit war allein die reformpädagogische Bewegung im Stande, geeignet zu fördern. Daran knüpft die dritte Denkfigur an, die eine Deutungshoheit über eine „gute Kindheit und Jugend“, „gute Erziehung und Bildung“ und „gute Familie“ (S. 42) beansprucht.

Mit der katholischen Kirche und ihrer institutionellen Spezifik sowie ihren institutionellen Be- und Verarbeitungsprozessen von Fällen sexualisierter Gewalt setzt sich Martin Wazlawik auseinander. Die zögerliche Thematisierung von unterschiedlichen Formen sexueller Übergriffe innerhalb der Kirche liegt zum einen ursächlich am „innerkirchlichen Entsetzen“ (S. 51). Die Gewissheit, dass Taten, die nicht im Willen Gottes geschahen, mitten aus der ihm dienenden Institution entspringen, lähmte, beschämte und erschütterte ihre Mitglieder. Zum anderen lagen die Gründe für die späte Auseinandersetzung ab 2010 auch außerhalb der Kirche und können durch einen gesamtgesellschaftlichen Prozess der Enttabuisierung und Skandalisierung beschrieben werden. Für die katholische Kirche stehen laut Wazlawik eine tiefer führende Auseinandersetzung mit Sexualmoral sowie eine breitere Thematisierung von Sexualität durch Sexualpädagogik noch aus, um Sprachfähigkeit über Themen wie Sexualität und Macht zu erlangen. Auf der anderen Seite sind diverse Reaktionen der katholischen Kirche erfolgt, die deutlich signalisieren, dass Hilfe für Opfer angeboten, Präventionsstrategien konzeptioniert und verbindliche Vereinbarungen getroffen wurden. An der „Ernsthaftigkeit und einem entsprechenden Engagement“ (S. 55) wird sich herauskristallisieren, ob das Engagement Früchte trägt und wie es fortgesetzt wird.

Die Unsicherheiten, die mit der Dosierung von Körperkontakt in der Schule verbunden sind, weisen darauf hin, dass über die Ambivalenzen zwischen Nähe und Distanz in der pädagogischen Interkation wenig reflektiert wird und noch weniger ausgebildet wird. Vielmehr braucht es laut Renate-Berenike Schmidt eine Auseinandersetzung mit Gefühlen aufseiten der Pädagog_innen aber auch ein Hineinfühlen in die emotionale Erfahrungswelt von Kindern und Jugendlichen, um nachzuvollziehen, welche Berührungen Grenzen überschreiten. Zudem ist die nötige Kommunikationsfähigkeit relevant für professionelles Agieren, um Unsicherheiten oder Irritationen abklären zu können. Dieser voraussetzungsreiche professionelle Umgang mit Nähe und Distanz wird durch das grundsätzlichere Problem behindert, „[…] dass das Verhältnis zwischen Schule und Sexualität prinzipiell ein problematisches ist.“ (S. 61)

Zu 3. Herausforderungen und Erfahrungen in Prävention und Opferschutz

Die Sondierung der empirischen Studienlage zur Wirksamkeit von verschiedenen Präventionsansätzen verdeutlicht, dass die intendierten Ziele nicht immer erreicht werden oder die Effekte unklar bleiben. Zum einen betrachtet Heinz Kindler personenbezogene Präventionskonzepte, die darauf abzielen Selbstvertrauen bei Heranwachsenden zu fördern, die Schutzfähigkeit durch Bezugspersonen zu stärken oder potentielle Täter zu beraten. Zum anderen werden Befunde zusammengetragen, die Aussagen über Wirkweisen von Maßnahmen zulassen, deren Konzentration auf die strukturelle Prävention sexueller Gewalt erfolgt.

Entstehungsbedingungen für sexualisierte Gewalt in pädagogischen Institutionen sind multidimensional und komplex. Um passgenaue präventive Schutzkonzepte in Institutionen zu implementieren, bedarf es einer exakten institutionsspezifischen Risikoanalyse. Zudem sind die Initialisierung von Beteiligungs- und Beschwerdemaßnahmen für Kinder und Jugendliche und einer Strategie bei dem Verdacht auf Übergriffe notwendig, um Institutionen handlungsfähig werden zu lassen. Mechthild Wolff zeigt dabei einerseits die Möglichkeiten potentielle Übergriffe durch eine selbstreflexive und beteiligungsorientierte Organisationsanalyse vorzubeugen und andererseits anhand von geschehenem Missbrauch im Sinne einer „proaktiven Aufarbeitung“ (S. 106) die ungünstigen Dynamiken zu verstehen und aufbauend ebenfalls passgenaue Präventionsmaßnahmen zu entwickeln.

Uwe Sielert betont, dass sexuelle Bildung bei der Minimierung von sexualisierter Gewalt priorisiertes Ziel sein muss. Entgegen einer zu befürchtenden Vereinseitigung von gewaltmindernden Präventionsinitiativen und einer an Defiziten orientierten pädagogischen Prävention, geht es darum Sexualität als identitätsstiftendende Ressource zu fördern – nicht nur punktuell präventiv, sondern lebensbegleitend bildend. Um Kindern und Jugendlichen einen selbstreflektierten Umgang mit sich und ihrer Sexualität zu ermöglichen braucht es gesprächsbereite Pädagog_innen und tragfähige Beziehungen, um die Entwicklungsprozesse zu begleiten. Die gewaltmindernde Funktion von sexueller Bildung muss durch eine Sexualkultur in Organisationen unterstützt werden, die sexualitätsbezogene Themen kommunizierbar macht und machtsensibel mit Jugendlichen umgeht.

Die vormals Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Missbrauchs, Christine Bergmann, macht nach den ersten Aufarbeitungsmaßnahmen und den beauftragten Forschungsprojekten deutlich, dass professionelle Handlungsbedarfe in der Ausbildung, Prävention, Beratung, Therapie und rechtlichen Regelungen zugunsten der Opfer nach wie vor bestehen. Ein grundsätzlicher Mangel an Qualifikation wird in der pädagogischen Praxis attestiert, der einem professionellen und präventiven Umgang mit sexueller Gewalt aktuell noch entgegen steht. Die Bemühungen um Präventionsmaßnahmen von Institutionen sind ebenfalls zu verstärken. Zudem fordern Betroffene neben einer Professionalisierung von Beratung und Therapie auch eine Verbesserung des Opferschutzes sowie Entschädigungen und die Aufhebung oder Verlängerung der Verjährungsfristen.

Angesichts der Herausforderungen, vor die pädagogische Fachkräfte gestellt werden, wenn sie Prävention von und Intervention bei sexualisierter Gewalt leisten, betont Karin Böllert, dass bisher zu wenig auf professionelle Anforderungen geschaut wurde und viel mehr auf institutionelle Bedingungen. Aufbauend auf den Abschlussbericht des Runden Tisches und das Diskussionspapier zu den Leitlinien von Prävention und Intervention werden zentrale Elemente formuliert, die den Diskurs über die pädagogische Professionalität von sozialpädagogischen Fachkräften anregen soll. Um eine pädagogische Professionalität weiter zu konzeptualisieren, werden die Kernelemente „Wissen, Umgang mit Nähe und Distanz, Reflektion und Haltungen“ (S. 139) benannt und einführend konkretisiert.

Werner Thole wirft einen Blick zurück auf den beginnenden, durch Versäumnisse und Ausblendungen geprägten Auseinandersetzungsprozess der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft und beschreibt diesem mit den Worten „vom „Schock“ zur Reflexion“. Formen (sexualisierter) Gewalt sind kein Novum innerhalb pädagogischer Handlungspraxen, dennoch traf die entstehende Thematisierung die Fachöffentlichkeit unvorbereitet – es bestand bis dato kaum Forschung und ein professionelles Bewusstsein über Probleme des Machtmissbrauchs und die „Gefahr der Erotisierung von Macht“ (S. 161) war nicht vorhanden. In pädagogischen Beziehungen ist eine grundsätzliche Gefährdung verankert die ein ausgewogenes Verhältnis von Nähe und Distanz bedroht und durch die immanente Machtasymmetrie zu begründen ist. Thole fordert sowohl für die pädagogische Praxis als auch erziehungswissenschaftliche Forschung ein „kontinuierliches Nachdenken über ethische Standards, Verhaltensregeln und organisationskulturelle Regelungen“ (S. 164). Er bilanziert, dass sexualisierte Gewalt nicht pädagogisch legitimierbar ist, da sie einen Machtmissbrauch darstellt. Vielmehr ist pädagogisches Handel darauf ausgerichtet, Kinder und Jugendliche in ihren Selbstwirksamkeitspotenzialen zu unterstützen und ihnen Erfahrungsräume zu bieten, innerhalb derer sie Anerkennung erfahren. Die Entwicklung einer „institutionellen Ethik“ (S. 164) kann Heranwachsenden einen besseren Schutz gewähren.

Diskussion

Diese Publikation ist als Fortführung der pädagogischen Debatte über Entstehungsbedingungen und Präventionsmöglichkeiten von sexualisierter Gewalt einzuordnen. Der thematische Schwerpunkt liegt in professionstheoretischen und -ethischen Betrachtungen. Dabei werden historische als auch zukünftige Perspektiven beleuchtet, um Möglichkeiten der Aufarbeitung als auch der Veränderungspotentiale eröffnet. Der allgemeinen Erschütterung des Vertrauens in die Professionalität von Pädagog_innen und ihren Organisationen, wird in der selbstreflexiv-nüchternen Auseinandersetzung keine Folge geleistet. Der „Schock“ wie ihn Thole bezeichnet scheint überwunden und der Blick für professionell-selbstkritische Analysen nicht mehr durch Abwehrreaktionen versperrt. Deutlich und mahnend ist die einstimmige Aufforderung zu hören, sowohl weiterführende Erkenntnisse zu produzieren als auch die jeweils formulierten institutionellen und professionellen Herausforderungen anzugehen. Bilanzierend wird deutlich, dass nach wie vor viele Fragezeichen gesetzt werden müssen. So kann diese Publikation noch keine Quantensprünge der Forschung verzeichnen, jedoch den Blick auf Wesentliches noch einmal fokussieren. Dieser Tatsache ist es sicherlich auch geschuldet, dass die konzentrierte Zusammenfassung viele sich gerade ausdifferenzierenden Forschungsfelder nicht integriert, darunter: Herausforderung in der Prävention von sexualisierter Gewalt im Kontext von Geschlecht, Migration, Armut oder Behinderung. Trotz einer sich entwickelnden Forschungslandschaft, scheinen die existenten Lücken auch durch diese Publikation. Obgleich die Schaffung von Beteiligungsstrukturen von Heranwachsenden als wichtiges Ziel verstanden wird, wissen wir bisher wenig über deren Bedarfe. Adressat_innenforschung ist daher nötig, um Kenntnis darüber zu generieren, welche Bedarfe Heranwachsende an pädagogischer und sexualpädagogischer Unterstützung haben. Wie loten Sie außerdem ihr Bedürfnis nach Nähe und Distanz zu pädagogischen Fachkräften aus? Zudem stellen sich Fragen nach einer angemessenen Aus- und Fortbildung pädagogischer Fachkräfte. Auf die zentrale Relevanz der Wirkforschung für die Prävention und Intervention verweist ein Artikel bereits übergreifend. Viele Fragen bleiben aufgrund des Bearbeitungsstandes nach offen, werden aber zum Teil in den Artikeln als Forschungsdesiderate gekennzeichnet.

Lobend ist hervorzuheben, dass sich die Publikation trotz ihrer Reduktion auf wesentliche professionelle und institutionelle Schlaglichter vor pauschalisierenden Analysen und Abrechnungen bewahrt, die im Namen der Aufarbeitung betrieben wurden und zu verallgemeinernden, wenig aussagekräftigen Untersuchungen führten. Zudem geht das Werk mutiger und deutlicher als andere Publikationen im Themenkreis der sexualisierten Gewalt den pädagogischen Bereinigungsprozessen von Erotik und Sexualität nach und fordert damit eine stärkere Auseinandersetzung. Die Schweigsamkeit über sexuelle Momente in der Gewalt, die einer erdrückenden Tabuisierung folgt, wird somit sukzessive aufgebrochen.

Fazit

Für die definierte Zielgruppe sozial- und schulpädagogischer Fachkräfte ist dies ein komprimiertes Überblickswerk, das für einen Einstieg in die Debatten hilfreich ist. Die konzentrierte Einführung greift Reaktionen und Herausforderungen in pädagogischen Institutionen, im Zuge einer Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt auf und verweist auf institutionelle und professionelle Strategien der Prävention und des Opferschutzes. Grundsätzlich wird eher der Prävention als der Intervention nachgegangen. Aufgrund der vielschichtigen Beiträge gehört dieser Sammelband zweifelsfrei zur empfehlenswerten Literatur für theoretisch und praktisch versierte pädagogische Fachkräfte, die verstehen wollen, wie voraussetzungsreich gelingende Prävention von sexualisierter Gewalt ist.


Rezension von
Prof.´in Dr. Anja Henningsen
Juniorprofessorin für Sexualpädagogik mit dem Schwerpunkt Gewaltprävention, Institut für Pädagogik, Abteilung Sozialpädagogik, Christian-Albrechts-Universität Kiel
Homepage www.sexualpaedagogik.uni-kiel.de


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Zitiervorschlag
Anja Henningsen. Rezension vom 03.03.2015 zu: Karin Böllert, Martin Wazlawik (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt. Institutionelle und professionelle Herausforderungen. Springer VS (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-531-18529-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17636.php, Datum des Zugriffs 31.03.2020.


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ISSN 2190-9245

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