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Institut für Kulturanalyse e.V (Hrsg.): Für eine Konfliktkultur in Familie und Gesellschaft

Rezensiert von Dr. Véronique Eicher, 25.02.2015

Cover  Institut für Kulturanalyse e.V (Hrsg.): Für eine Konfliktkultur in Familie und Gesellschaft ISBN 978-3-8376-2769-5

Institut für Kulturanalyse e.V (Hrsg.): Für eine Konfliktkultur in Familie und Gesellschaft. Kommunikation in interkulturellen und interreligiösen Übergangsräumen. transcript (Bielefeld) 2014. 140 Seiten. ISBN 978-3-8376-2769-5. 20,99 EUR.
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Thema

Im vorliegenden Buch geht es um Erfahrungen mit dem dreijährigen Modellversuch eines Elternbildungskurses mit dem Ziel eine Konfliktkultur zu fördern, die schwierige Interaktions- und Kommunikationsmuster erkennt und sie in möglichst „konstruktive Spannungsverhältnisse“ (S. 9) umwandelt.

AutorIn oder HerausgeberIn

Das Buch wurde vom Institut für Kulturanalyse e.V. herausgegeben. Die AutorInnen sind die folgenden: Dr. Renate Haas ist im Institut für Kulturanalyse tätig und hat die Projektleitung des Elternbildungskurses „Konfliktkultur – Ein Programm zur Bildung historischen Bewusstseins von Eltern“ inne, PD Dr. Lorenz Wilkens arbeitet ebenfalls im Institut für Kulturanalyse, ist Religionswissenschaftler und Mitarbeiter im Elternbildungskurs, und Prof. Dr. Susanne Enderwitz ist Professorin für Islamwissenschaft an der Universität Heidelberg.

Entstehungshintergrund

Am 17. Januar 2014 fand eine Fachtagung statt unter dem Titel „Arbeit an und in interkulturellen und interreligiösen Übergangsräumen. Bericht aus dem Inneren des Modellprojekts ‚Konfliktkultur‘ – Ein Programm zur Bildung historischen Bewusstseins von Eltern“, um die Ergebnisse des dreijährigen Modellversuchs eines Elternbildungskurses vorzustellen und mit einer interessierten (Fach-)Öffentlichkeit zu diskutieren. Das Buch entstand als Ergebnis dieser Tagung und enthält die Vorträge und Auszüge aus den darauffolgenden Diskussionen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in fünf Kapitel eingeteilt, beginnend mit einer Einleitung von Renate Haas und einem Grußwort, das von Reinhard Naumann – Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf (Berlin) – gesprochen wurde. Die drei anschließenden Kapitel bilden den Hauptteil des Buches und bestehen aus den drei Vorträgen der Fachtagung.

Das erste und längste Kapitel (von Renate Haas) heißt: „Von der Faszination der ‚Urgemeinschaft‘ oder Erfahrungsbewegungen im Modellprojekt ‚Konfliktkultur‘“. Darin werden zunächst die Unsicherheiten bezüglich Erziehungsfragen, denen jede Elterngeneration aufs Neue ausgesetzt ist, aufgezeigt. Anschließend folgt eine kurze Beschreibung des Elternbildungskurses, der mit zehn Frauen durchgeführt wurde. Sieben der beteiligten Frauen weisen einen Migrationshintergrund (meist türkischer Herkunft) auf. In diesem Elternkurs wird mit der fiktiven Geschichte einer Partnerschaft und späteren Elternschaft zwischen einem jungen Paar gearbeitet, und es werden ihre Geschichte und Erfolgschancen als Paar und Eltern besprochen. Im Zusammenhang mit Diskriminationserfahrungen der Teilnehmenden thematisiert Haas anschließend die Spaltung in der Gesellschaft durch zwei Haltungen – Idealisierung des Fremden vs. Fremdenfeindlichkeit. Sie sieht diese beiden Haltungen als Folge der nationalsozialistischen Vergangenheit, welche in Deutschland nicht stark genug aufgearbeitet wurde. Durch das Aufeinandertreffen mehrerer unverarbeiteter Geschichtsverläufe in Migrationskontexten kann es zu einer „historischen Abspaltung“ (S. 38) kommen, indem es keine gemeinsame Grundlage mehr gibt und Inhalte beziehungslos nebeneinander stehen (S. 39). Haas bringt anschließend das Thema Adoleszenz und Schuldgefühlstoleranz ins Spiel, da die Adoleszenz die Schlüsselperiode darstellt, in der die Jugendlichen entscheiden, wie sie die Geschichte ihrer Eltern weitertragen: Nämlich entweder durch weitere Schuldzuweisungen oder durch Veränderung. Zum Schluss des Kapitels betont sie die Wichtigkeit der Institutionen (z.B. Schulen) in durchmischten Gesellschaften und beschreibt das Konzept des Ursprungsmythos, das im Elternbildungskurs kontrovers diskutiert wurde. Unter Ursprungsmythos verstehen Renate Haas und Lorenz Wilkens, dass die Herkunft ein wesentlicher Bestandteil der eigenen Person ist, der mit den neuen Erfahrungen (z.B. des Ankunftslandes) verknüpft werden muss.

Im zweiten kurzen Kapitel von Lorenz Wilkens wird das Konzept der Rêverie vorgestellt, das als „ein Zustand ungebundenen, ungezielten Nachdenkens, in dem Wahrnehmungen und Erinnerungen ineinander fließen“ (S. 87), beschrieben wird. Es wird sowohl in der Mutter-Kind-Interaktion diskutiert wie auch in Institutionen, z.B. auf dem Markt (zwei ältere Personen die das rege Treiben auf dem Markt ruhig und nachdenklich beobachten), bei den Künsten (in gewissen Musikstücken und Malereien, in denen Mutter und Kind dargestellt werden) und bei Religionen (die meditative Atmosphäre in Kirchen, Moscheen, Synagogen und Tempeln). Er beschreibt ebenfalls die kollektive Rêverie als „eine gemeinsame gelöste Nachdenklichkeit“ (S. 99), mit dem der Elternbildungskurs abschloss.

Im dritten und letzten Kapitel thematisiert Susanne Enderwitz Strukturprinzipien in gegenwärtigen islamischen Gesellschaften. Sie diskutiert die Modernisierungstheorie, die von einer Angleichung der Lebensbedingungen in allen Kulturen ausgeht, sodass letztlich alle sich dem westlichen Vorbild annähern (z.B. mehr Rechte für Frauen, mehr Kleinfamilien). Bereits in den 1980er-Jahren hatte sich der Nahe Osten allerdings bereits soweit verändert, dass der Wandel nicht Richtung Westen ging, sondern es wurde der Ruf nach dem Islam als Lösung der Probleme laut. Sie thematisiert ebenfalls kurz die Stellung der Familie in der arabischen Literatur anhand einiger Beispiele („Die Tage“ von Taha Hussain über den Aufstieg eines mittellosen blinden Bauernjungen, die Bücher von Nagib Machfus über junge Männer, die hinaus ins moderne Leben wollen und dort an den gesellschaftlichen Hürden scheitern, „Das Tor“ von Sahar Khalifa über junge Palästinenser, die den Aufstand gegen Israel auch als Aufstand gegen die Väter beschreiben). Susanne Enderwitz schließt das Kapitel mit der Beobachtung, dass die Stellung der Familie sowohl in islamischen Gesellschaften wie auch in westlichen Kulturen (z.B. Deutschland) wieder erstarkt.

Diskussion und Fazit

Das Buch gibt einen interessanten Einblick in das potenzielle Spannungsfeld, dem junge Eltern mit Migrationshintergrund ausgesetzt sind. Während die ersten beiden Kapitel konkreter über den Elternbildungskurs und assoziierte Konzepte berichten, werden im letzten Kapitel generelle Überlegungen zur Stellung der Familie in islamischen Gesellschaften dargelegt. Da das Buch als Folge einer Fachtagung entstanden ist und die Kapitel die Vorträge wiedergeben, stehen die Kapitel relativ lose nebeneinander. Hier wäre es spannend gewesen, in einem abschließenden Kapitel eine Integration der Inhalte in Form einer Synthese anzustreben, um z.B. die Überlegungen zur Stellung der Familie in die Erfahrungen des Elternbildungskurses einfließen zu lassen. Zusätzlich wäre es interessant gewesen, bei den einzelnen Kapiteln die jeweiligen Erkenntnisse in Zusammenhang mit der Weiterentwicklung des Elternbildungskurses zu diskutieren. Da man als Lesende weniger Informationen zum Kurs hat (siehe unten), ist es schwierig die verschiedenen Inhalte miteinander zu verknüpfen.

Als Forschende und interessierte Fachperson im Bereich der Elternbildung hätte ich mir ein weiteres Eingangskapitel gewünscht, in dem der Elternbildungskurs genauer dargestellt wird mit seiner Entstehungsgeschichte, den Zielen, dem Aufbau und einer inhaltlichen Beschreibung der Sitzungen. Dies hätte ebenfalls ein besseres Hintergrundwissen gegeben, um die Beschreibungen und Eindrücke in den Kapiteln besser kontextualisieren zu können. Da ich die Ansätze, die ich aus dem Buch bisher erlesen konnte, sehr spannend finde, hoffe ich sehr, dass eine weitere Publikation mit Fokus auf den Elternbildungskurs geplant ist.

Rezension von
Dr. Véronique Eicher
Dozentin für Lehre und Forschung in Sozialer Arbeit, ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Departement Soziale Arbeit
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Es gibt 1 Rezension von Véronique Eicher.

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Zitiervorschlag
Véronique Eicher. Rezension vom 25.02.2015 zu: Institut für Kulturanalyse e.V (Hrsg.): Für eine Konfliktkultur in Familie und Gesellschaft. Kommunikation in interkulturellen und interreligiösen Übergangsräumen. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8376-2769-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17666.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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