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Klaus Boerner: Das psychologische Gutachten. Ein praktischer Leitfaden

Rezensiert von Dr. Anne-Kathrin Mayer, 02.11.2004

Cover Klaus Boerner: Das psychologische Gutachten. Ein praktischer Leitfaden ISBN 978-3-407-22163-6

Klaus Boerner: Das psychologische Gutachten. Ein praktischer Leitfaden. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2004. 208 Seiten. ISBN 978-3-407-22163-6. 12,90 EUR. CH: 23,70 sFr.
Reihe: Beltz Taschenbuch, Band 163
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Zur Relevanz des Themas

Psychologische Gutachten und Befundberichte werden in nahezu allen psychologischen Tätigkeitsfeldern erstellt, bspw. im klinischen, im forensischen oder im verkehrspsychologischen Bereich sowie im Kontext der Schul- und Berufsberatung. Sie besitzen im Regelfall hohe lebenspraktische Bedeutung für die begutachteten Personen. Das Verfassen solcher Gutachten stellt daher eine äußerst verantwortungsvolle Aufgabe dar, die komplexe Anforderungen an Praktikerinnen und Praktiker stellt. Dies kommt auch in den "Richtlinien für die Erstellung psychologischer Gutachten", herausgegeben vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen, zum Ausdruck. In ihnen wird das psychologische Gutachten explizit als eine "wissenschaftliche Leistung" definiert, die an gleichermaßen hohen theoretischen, methodischen und ethischen Standards zu messen ist wie jede andere wissenschaftliche Arbeit. Umso wichtiger erscheinen verständliche und leicht handhabbare Hilfsmittel, welche die Bewältigung dieser Anforderungen erleichtern.

Aufbau, Inhalte, Gliederung

Börners bewährter Leitfaden zur Erstellung psychologischer Gutachten liegt als "erweiterte Neuausgabe" in der 7. Auflage vor. Der Band ist in zwei Hauptabschnitte gegliedert.

Im ersten Abschnitt werden zunächst einige allgemeine Grundprinzipien der Gutachtenerstellung auf zwei Seiten abgehandelt. Betont wird dabei insbesondere die Notwendigkeit, bei der psychologischen Begutachtung auf die Individualität der zu begutachtenden Personen einzugehen. Sodann erläutert Börner den Aufbau psychologischer Gutachten und geht knapp auf deren wesentliche Gliederungsaspekte (Bisheriger Sachverhalt, Psychologische Untersuchung, Stellungnahme zur Fragestellung) ein.

Im zweiten Hauptabschnitt wird illustriert, wie die mit standardisierten Leistungstests und Fragebögen gewonnenen Untersuchungsdaten interpretiert und im schriftlichen Gutachten dargestellt werden können. Dieser Abschnitt enthält im Wesentlichen eine kommentierte Sammlung von Formulierungsvorschlägen für Untersuchungsergebnisse. Verknüpft werden die Textbausteine mit Hinweisen zu den Grenzen der Interpretierbarkeit der Befunde und ­- bei einigen der Untersuchungsverfahren - Auszügen aus Normtabellen oder Ergebnissen von Validierungsstudien. In einem 12-seitigen Unterkapitel, das in der vorliegenden Ausgabe erstmals auftaucht, wird das Thema "Förderdiagnostik" eingeführt. Dazu wird - ebenfalls nahezu ausschließlich anhand von Formulierungsbeispielen - aufgezeigt, wie aus Verhaltensbeobachtungen Hinweise darauf gewonnen werden können, welche Bearbeitungsstrategien der Probanden während der Durchführung standardisierter Untersuchungsverfahren einsetzen. Die Beobachtungen sollen ferner Rückschlüsse auf spezifische Stärken und Schwächen in einzelnen Teilleistungsbereichen erlauben, die für eine Intervention nutzbar sind. Der Band endet mit einem zweiseitigen Nachwort, in dem der Autor noch einmal kritisch auf die Grenzen standardisierten psychologischen Testens verweist und eine Reihe von Literaturempfehlungen zur vertieften Auseinandersetzung mit psychologischer Diagnostik abgibt.

Angesprochener Nutzerkreis

Der Band will Studierenden eine Hilfestellung beim Erlernen von Techniken der Testinterpretation und Gutachtenerstellung bieten. Psychologen und Pädagogen, die bereits in der gutachterlichen Praxis tätig sind, soll er die Möglichkeit bieten, ihr diagnostisches Vorgehen zu überprüfen.

Tauglichkeit, Nützlichkeit, Lesbarkeit

Formulierungsvorschläge für die Befunddarstellung stellen prinzipiell ein wertvolles Hilfsmittel beim Verfassen schriftlicher psychologischer Gutachten dar, das - so auch die Erfahrung der Rezensentin aus den Anfängen ihrer eigenen gutachterlichen Tätigkeit - die Arbeit wesentlich erleichtern kann.

Allerdings lässt sich das von Börner gewählte Konzept durchaus kritisch hinterfragen. So bedarf es erheblicher Selbstdisziplin, um sich nicht dazu verleiten zu lassen, die vorgeschlagenen Formulierungen in eigene Gutachten zu übernehmen, ohne sich tiefer gehend mit den theoretischen und methodischen Grundlagen sowie den Grenzen des jeweiligen Untersuchungsverfahrens auseinander zu setzen. Zwar warnt auch der Autor vor einem unreflektierten Umgang mit seinen Textbausteinen und mahnt generell zur Vorsicht im Umgang mit Testbefunden. Er schlägt jedoch zugleich an vielen Stellen sehr weit reichende Befundformulierungen vor, welche die Test- und Situationsspezifität eines jeden Untersuchungsergebnisses nicht mehr angemessen widerspiegeln. So werden Skalenwerte in Persönlichkeitsfragebögen verbalisiert, als handle es sich bei ihnen bereits um den Ausdruck der "tatsächlichen" Merkmalsausprägung der Person und nicht - wie es aus Sicht einer wissenschaftlich fundierten Psychodiagnostik angemessen wäre - als Hinweis auf ein spezifische Art des Selbsterlebens oder der Selbstbeschreibung. Zudem belässt es der Autor dabei, die Befunde einzelner Untersuchungsverfahren aufzulisten und zu interpretieren. Auf den umfassenden diagnostischen Prozess, der dem Endprodukt "Gutachten" zu Grunde liegt, geht er jedoch nur unzureichend ein. Insbesondere macht er nicht deutlich, wie die mit verschiedenen Untersuchungsverfahren gewonnenen Untersuchungsdaten zusammengefasst, wie mögliche Widersprüche zwischen ihnen diskutiert und aufgelöst und wie die Untersuchungsbefunde abschließend zu einer Antwort auf die gestellten gutachterlichen Fragen integriert werden können. Diese Stellungnahme zur Fragestellung jedoch bildet den eigentlich zentralen und zugleich wohl schwierigsten Teil des schriftlichen Gutachtens und lässt sich nicht - wie in dem vorliegenden Band geschehen - auf lediglich zwei Textseiten abhandeln. Mit anderen Worten: Das Buch vermittelt lediglich einen sehr begrenzten Ausschnitt des Wissens, das zur fachgerechten Erstellung eines psychologischen Gutachtens benötigt wird.

Diese konzeptuellen Grenzen haben bislang der hohen Verbreitung des Bandes keinen Abbruch getan. In der vorliegenden "Neuausgabe" ist jedoch zudem als äußerst problematisch zu werten, dass etliche der dargestellten Untersuchungsinstrumente keinesfalls - wie auf dem Bucheinband sowie auf S. 11 des Bandes betont wird - "zu den derzeit in der Praxis gängigsten Verfahren" gerechnet werden dürfen. Einige der Instrumente (z.B. das "Prüfsystem für Schul- und Bildungsberatung") werden in der diagnostischen Praxis schon seit langem durch neuere Verfahren ersetzt. Andere Instrumente wurden so grundlegend überarbeitet, dass die von Börner verfassten Befundbeschreibungen und Interpretationshinweise in weiten Teilen wertlos sind. Im Bereich der Leistungs- und Fähigkeitstests betrifft dies beispielsweise den Intelligenz-Struktur-Test, in dessen überarbeiteter Version IST 2000-R die von Börner ausführlich erläuterte Profilanalyse nicht mehr möglich ist. Im Kapitel Fragebogenverfahren wird etwa bei der Darstellung des Freiburger Persönlichkeitsinventars nicht auf die Revision FPI-R Bezug genommen, sondern es werden lediglich die Skalen der älteren FPI-Versionen beschrieben, die kaum Überlappungen mit der aktuellen Version aufweisen. Ärgerlich ist dies vor allem deshalb, weil durch die Literaturhinweise am Ende der einzelnen Abschnitte suggeriert wird, der Text beziehe sich jeweils auf den aktuellen Entwicklungsstand der Verfahren. Angesichts eines solchen Vorgehens überrascht die vom Autor in seinem Nachwort propagierte Forderung nach einer Diagnostik, die sich an dem "Studium neu erscheinender empirischer Untersuchungen zur Interpretation einzelner diagnostischer Verfahren" (S. 214) orientiert, doch ganz erheblich. Konsequenter verhält es sich da mit den allgemeinen Ausführungen zur psychologischen Diagnostik und Begutachtung. Hier wurden sämtliche einschlägigen Publikationen aus den vergangenen 25 Jahren gar nicht erst in die Literaturliste aufgenommen.

Fazit / Kritische Würdigung

"Das psychologische Gutachten" könnte prinzipiell ein wertvolles Hilfsmittel bei der Bewältigung einer anspruchsvollen praktischen Aufgabe sein. Als Anleitung zum Verfassen von Gutachten, die den maßgeblichen Richtlinien des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen in vollem Umfang entsprechen, reicht die vorgelegte Neuausgabe jedoch keinesfalls aus. Um dem Anspruch gerecht werden zu können, sowohl als Lehrbuch für Studierende als auch als Vademekum für Praktiker zu fungieren, müsste der Band in sämtlichen Bereichen vollständig überarbeitet und aktualisiert werden.

Rezension von
Dr. Anne-Kathrin Mayer
Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID), Trier
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Es gibt 23 Rezensionen von Anne-Kathrin Mayer.

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Zitiervorschlag
Anne-Kathrin Mayer. Rezension vom 02.11.2004 zu: Klaus Boerner: Das psychologische Gutachten. Ein praktischer Leitfaden. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2004. ISBN 978-3-407-22163-6. Reihe: Beltz Taschenbuch, Band 163. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1767.php, Datum des Zugriffs 19.05.2022.


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