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Elisabeth Rohr, Mechtild M. Jansen u.a. (Hrsg.): Die vergessenen Kinder der Globalisierung

Cover Elisabeth Rohr, Mechtild M. Jansen, Jamila Adamou (Hrsg.): Die vergessenen Kinder der Globalisierung. Psychosoziale Folgen von Migration. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2014. 202 Seiten. ISBN 978-3-8379-2352-0. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,90 sFr.
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Thema

Die Herausgeberinnen legen mit dieser Publikation Ergebnisse und Diskussionsbeiträge zu psychososzialen Folgen transnationaler Migration aus unterschiedlichen disziplinären, nationalen und internationalen Perspektiven und Studien vor. Der Band will eine bislang eher vernachlässigte Lücke internationaler Migrationsforschung schließen, indem hier vor allem Vulnerabilitäten und Bewältigungsmuster von „Kofferkindern“, zurückgelassener, allein geflüchteter und remigrierter Kinder oder Jugendlicher in Kontexten transnationaler Migrationen in den Blick genommen werden.

Herausgeberinnen

Dr. Elisabeth Rohr, Gruppenanalytikerin und Supervisorin, lehrte bis 2013 an der Phillips-Universität Marburg „interkulturelle Erziehung“, Forschung und Bildungspraxis in Kontexten der Entwicklungszusammenarbeit in Ecuador und Guatemala;

Mechthild M. Jansen, Erziehungswissenschaftlerin und Jamila Adamou, M.A. Politik und Literaturwissenschaftlerin, ehemalige und aktuelle Leiterinnen des Referates Frauen, Gender Mainstreaming, geschlechtsbezogene Pädagogik Migration der Hessischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit.

Entstehungshintergrund

Der Band versammelt Beiträge von Autorinnen und Autoren, die überwiegend Vortragende einer Tagung zum Thema „Transnationale Kindheit und die psychosozialen Folgen globaler Migration“ im Oktober 2012 an der Phillipps-Universität in Marburg waren.

Aufbau und Inhalte

Die Beiträge des Bandes sind in drei Teilen gegliedert

  1. zu transnationaler Migration,
  2. zu den psychosozialen Folgen globaler Migration und
  3. zu transnationaler Migration in Deutschland

Die Sozialwissenschaftlerin Elisabeth Beck-Gernsheim eröffnet den Band mit einem Text zu „Lebens- und Liebesformen in einer globalisierten Welt“ (11-24). In der Vielfalt transnationaler Familien sucht dieser Beitrag nach Mustern und „gemeinsamen Grundlinien“ unter der Prämisse eines Leitgedankens, der die Entstehung transnationaler Familienkonstellationen primär als Folge globaler Ungleichheit und „die weltweit immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich“ (11), einer damit einhergehenden rapiden Zunahme von Migrationswünschen einerseits und restriktiven Migrationsgesetzen andererseits begründet sieht: Bei der Suche nach Migrationswegen werde die Familie zu einer wichtigen Ressource. Vor dem Hintergrund des Bedeutungszuwachses von Familiennachzug als oft einzig verbleibender legaler Möglichkeit zur Migration werden „Migrationswillige (…) zu Artisten der Grenze, die die Ressource Heirat und (…) Kind als Migrationsweg entdecken.“(14) Der Beitrag beleuchtet Heiratsverbindungen zwischen Herkunfts- und Ankunftsland, die Spannung zwischen Familienloyalität in traditionalen Familienkonstellationen und deren Funktionalität oder auch Funktionalisierung bei der Migrationsbewältigung. Motive und Phänomene, auch Kinder als Ressource einzusetzen, um Migrationswege zu öffnen (vgl. 17) werden am Beispiel des sogenannten „Entbindungstourismus“ aufgezeigt, wenn der Geburtsort zu Aufenthaltsrecht und Familiennachzug verhilft. Erziehung und Bildung auch im fernen Ausland und unter dem Preis der Trennung von den Eltern, bilden einen weiteren Schwerpunkt. Der Beitrag diskutiert abschließend die normativen Implikationen zwischen Zweckhaftigkeit einer Ehe oder Elternschaft als Vorsorge und romantischer Liebe oder emotional betontem Kinderwunsch zwischen Tradition und Moderne. Die „Aura des Anrüchigen“ beim Thema Heiratsmigration (21) soll versachlicht werden und eine polare Gegenüberstellung zwischen Gefühl und Romantik einerseits und Zweckdenken und Materialismus andererseits komme in ihrer Schlichtheit den vielfältigen empirischen Mischungsverhältnissen dieser Kategorien kaum auf den Grund. Freilich wird am Ende den LeserInnen der westlichen Moderne eine Revision ihrer vertrauten Vorstellungen von Familie, Ehe und Elternschaft nahegelegt, um migrantische Motive auch als Spiegel politischer, sozialer, rechtlicher und ökonomischer Bedingungen zu verstehen.

Damit ist die Frage nach empirischen, vor allem qualitativen Befunden aufgeworfen, die Eltern- und Kindschaftsverhältnisse in Migrationskontexten und mögliche psychosoziale Folgen auch aus der Perspektive der je subjektiven oder familienbezogenen Perspektive zur Sprache bringen. Hierzu liefern die Beiträge im zweiten Teil des Buches aufschlussreiche Einblicke, von denen einzelne hier erwähnt werden:

Joseba Achotegui, der u.a. an der Universität von Barcelona zur psychischen Gesundheit, Betreuung und Behandlung von Immigranten, Minderheiten und sozial Ausgegrenzten forscht und lehrt, verdeutlicht zusammen mit Elisabeth Rohr das „Ulises-Syndrom“, ein von ihm 2002 entwickeltes Konzept zur Erfassung migrationsbedingter Stressoren in interkultureller Perspektive.

Auf der Basis einer qualitativen Studie anhand von Interviews mit heute zwischen 30 und 50 Jahre alten türkisch-stämmigen Männern und Frauen, die früher als Kinder von ihren nach Deutschland migrierten Eltern bei Verwandten in der Türkei zurückgelassen worden waren und erst später nachgeholt wurden, zeigt Gülcin Wilhelm („Eine Generation packt ihre Koffer“) persönliche Kränkungen und Härten auf. Die Trennung von den Eltern wurde überwiegend als „extreme Stresserfahrung“ erinnert und selbst, wenn dies bei einigen „ungeahnte Stärken hervorgerufen“ habe, so bezögen sich diese „im Wesentlichen auf den beruflichen Bereich und nicht auf den bereich der persönlichen Gestaltung von Beziehungen“ (77). Verweigerte Abschiede und oft lange Trennungsphasen, die Unerfahrenheit der oft noch sehr jungen Mütter, fehlende Väter oder Vorbilder für Erziehung zeitigen transgenerationelle Folgen, die mit der frühen Migration der 1950er und 1960er Jahre einhergehen (vgl. 71). Auch wenn die Befragten sich keineswegs als „Opfer“ sehen, prägen Unbeständigkeit, Rastlosigkeit und Unruhe und eine oft gestörte Generationen-Beziehung die Biografien, ob hier freilich das „versteckte Leiden einer ganzen Generation“ (78) vorliegt, bedarf weiterer empirischer, auch quantitativer Studien.

Elisabeth Rohr identifiziert in ihrem Beitrag „Die Globalisierung von Intimität“ bestehende Forschungsdefizite in Hinblick auf das Schicksal von Kindern und Jugendlichen in Migrationskontexten und referiert Befunde aus einem mit Elin Rau durchgeführten Forschungsprojekt über transnationale Kindheit, das das Schicksal von in Ecuador zurückgelassenen Kindern von Migranten zum Untersuchungsgegenstand hatte. Nur knapp die Hälfte der in Ecuador zurückgelassenen Kinder können ihren Eltern in die Migration folgen (FN 112). Hier kann gezeigt werden, dass die oft gestellte Schuldfrage – Mütter oder Verhältnisse, „mother-bashing“ oder Heroisierung – zu kurz greift. Transnationale Mutterschaft und transnationale Kindheit sind mit erhöhten gesundheitlichen und psychosozialen Risiken verbunden und der Glaube, es existierten „in den Ländern des Südens intakte großfamiliale Lebensverhältnisse“ die durch Liebe, Fürsorge und Geborgenheit die oft schmerzhaften Trennungserlebnisse und deren Folgen zu kompensieren vermögen, entpuppt sich als Illusion (109).

Die transgenerationelle Problematik von Phänomenen von „care drain“ (- Großeltern verlieren die Fürsorge ihrer migrierten Kinder und sollen gleichzeitig erneut Elternfunktion für die Enkel übernehmen -) bis „care chain“ ( – Modifikationen der Bindungen zwischen Müttern, leiblichen getrennt lebenden Kindern und in der Migration versorgten Kindern -) wird hier plausibel verdeutlicht.

Anca Gheaus greift dies aus moralphilosophischer Perspektive und unter Gesichtspunkten politischer Philosophie gerechtigkeitstheoretisch auf und fragt ebenfalls nach „Auswirkungen des ‚care drain‘ und die Verantwortung für die Kinder der Migration“ (137). Kritisiert wird die Unzulänglichkeit eines rein utilitaristischen Modells (z.B. bei Bhagwai, vgl. S.140). Die Tatsache, dass viele Migrantinnen weltweit ihr familiäres Zusammenleben aufgeben müssen, um als Sorgende gegen Lohn für Familien zu arbeiten, die nur dadurch ihre eigene Karriere sichern können, dass sie ihre Angehörigen gut versorgt wissen, führt zu Dilemmata, zwischen Familie und Arbeit wählen zu müssen (Vgl.149). Vor dem Hintergrund, dass ein ökonomisches System, das die Ermöglichung der Sorge für andere nicht erfüllt, grundlegend schlecht ist (sensu Engster), werden politische Lösungen abschließend zur Diskussion gestellt.

Gegen eine grundsätzliche Verallgemeinerung negativer Effekte für Kinder bei elterlicher Migration sprechen Studien, die der sehr differenzierte Aufsatz von Nausikaa Schirilla zur „Transnationale(n) Mutterschaft und die psychosozialen Folgen der Elternmigration für Kinder in Osteuropa“ auf der Basis einschlägiger Forschungen verarbeitet. Folgen transnationaler Mutterschaft werden hier ohne Moralisierungen im Anschluss an Forschungen z.B. von Helma Lutz zu den ca. 150.000, überwiegend osteuropäischen Migrantinnen und von Studien zu lateinamerikanischen und philippinischen Migrantinnen analysiert. Die hier getroffene Differenzierung zwischen Sorge um-“ und Sorge für die Kinder“ bezieht die Nutzung sozialer transnationaler Netzwerke ohne deren Romantisierung ein (125), und benennt negative Effekte der Trennung als Risikofaktoren, ohne Verallgemeinerungen das Wort zu reden. Weder Heroismus gegenüber den Leistungen der transnationalen Mütter, noch Skandalisierung elterlichen Verhaltens und Viktimisierung der Kinder bilden die Richtschnur für eine Perspektive, die den Aufbau sozialer Unterstützung sowohl in den Herkunfts- wie in den Zielländern einfordert. (Vgl. 133).

Die Forschungsarbeit von Simon Moses Schleimer ( „Remigrierte Flüchtlingskinder im Irak“) untersucht anhand tiefenhermeneutischer Verfahren sensu Lorenzer die Remigration kurdischer Jugendlicher im Nordirak, die jahrelang in Deutschland gelebt haben und aufgrund ihrer Rückkehr zwischen 2004 bis 2008 mit einer „Retraditionalisierung von Geschlechter- und Lebensverhältnissen“ (87) und einer patriarchal orientierten Bevölkerung konfrontiert waren. Retraumatisierungen zwischen Loyalitäts- und Identitätskonflikten werden hier anhand einer vor allem auch forschungsmethodisch interessanten Kombination aus narrativen Interviews mit Elementen einer ethnopsychoanalytischen Haltung (88) ermittelt. So kommt auch diese Studie zu dem Schluss, dass erst die sozialpsychologische Perspektive Problemhorizonte offenlegt, die allein unter den Vorzeichen ökonomischer, politischer und sozialer Ressourcen unerkannt zu bleiben drohen.

Diskussion

Mehrere Beiträge dieses Bandes bezeugen in der Zusammenschau ein Spannungsfeld hinsichtlich der Frage, wie in normativer Hinsicht transnationale Migration und die darauf fokussierte Forschung, die einhergehenden Chancen und (psychosozialen) Risiken werten soll: Einerseits geht es um die Anerkennung neuer transnationaler Netzwerke und ihrer Ressourcen für alle Beteiligten. Die in Alltagsdebatten häufige moralisierende Geringschätzung migrantischer Mütter als „Rabenmütter“ verbietet sich vor dem Hintergrund eines Wissens überaus komplexer Wirkungszusammenhänge, das in diesem Buch verfügbar gemacht wird. Die Mehrzahl der aufgeführten und hier diskutierten Studien tendiert jedoch auch zu Befunden, die eine erhebliche Vulnerabilität vor allem für die Kinder bescheinigt und die jedweder Romantisierung transnationaler sozialer Netzwerke einen kritischen Spiegel vorhält.

Es ist gut, dass diese Spannung in der normativen Bewertung der deskriptiv erfassten Migrationsverhältnisse nicht einfach einseitig aufgelöst wird und hier widersprüchliche Tendenzen sichtbar werden und bleiben.

Kritisch wäre anzumerken, dass eine einleitende Klärung des inzwischen sehr weitläufig und systematisch unscharfen Verständnisses von ‚Globalisierung‘ fehlt; Auch eine zumindest kurze Hinführung zum Stand der transnationalen Migrationsforschung wäre wünschenswert, wenngleich einige Autorinnen – etwa mit Hinweisen auf die Studien von Ludger Pries – dies in ihren Beiträgen tun.

Fazit

Der Anspruch, der relativ gut erforschten Lebenslage migrierter Erwachsener hier Einblicke und Befunde aus einschlägigen Studien und Forschungen zur Vulnerabilität ihrer Kinder zur Seite zu stellen, ist gelungen. Die überwiegend forschungsbasierten Einblicke zu psychosozialen Folgen im Kontext von Migrationsverläufen sollten jedoch nicht dazu verführen, Migration allgemein zu einem psychopathologischen Risiko zu erklären. Ein überwiegend gut lesbares Buch, das auch für Betroffene aufschlussreich sein dürfte. Die Lektüre ist für Studium und Lehre wie für am Thema Interessierte zu empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Thomas Eppenstein
Evangelische Hochschule RWL Bochum Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Diakonie
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Zitiervorschlag
Thomas Eppenstein. Rezension vom 16.11.2015 zu: Elisabeth Rohr, Mechtild M. Jansen, Jamila Adamou (Hrsg.): Die vergessenen Kinder der Globalisierung. Psychosoziale Folgen von Migration. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2014. ISBN 978-3-8379-2352-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17672.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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