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Hertha Richter-Appelt, Timo O. Nieder (Hrsg.): Transgender-­Gesundheitsversorgung

Cover Hertha Richter-Appelt, Timo O. Nieder (Hrsg.): Transgender-Gesundheitsversorgung. Eine kommentierte Herausgabe der Standards of Care der World Professional Association for Transgender Health. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2014. 203 Seiten. ISBN 978-3-8379-2424-4. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,90 sFr.
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Thema

Seit 1979 gibt die World Professional Association for Transgender Health (WPATH) Empfehlungen für die gesundheitliche Behandlung und Versorgung transsexueller, transgender und geschlechtsnichtkonformer Menschen heraus, um ihre gesundheitliche Situation zu verbessern. Die 7. Version dieser „Standards of Care“ liegt mit diesem Buch – in der Übersetzung der HerausgeberInnen – erstmals in deutscher Sprache vor. Ein weiteres Thema des Buches ist die aktuelle nationale und internationale Diagnostik und Versorgung von Menschen mit Transsexualität oder Geschlechtsdysphorie. Die Geschlechtsdysphorie ist ein Leiden, das durch die Diskrepanz zwischen der Geschlechtsidentität eines Menschen und dem ihm bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht verursacht wird.

HerausgeberInnen

Prof. Dr. phil. Hertha Richter-Appelt ist Psychologische Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin und stellvertretende Direktorin am Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), und Prof. Dr. phil. Timo O. Nieder ist Psychologischer Psychotherapeut und arbeitet am Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie des UKE.

Aufbau

Das Buch ist folgendermaßen gegliedert:

  1. Hertha Richter-Appelt und Timo O. Nieder: Die Entwicklung der Versorgungsempfehlungen im Kontext von Transsexualität seit 1979 (6 Seiten)
  2. Timo O. Nieder, Susanne Cerwenka und Hertha Richter-Appelt: Nationale und internationale Diagnostik und Versorgung von Menschen mit Transsexualität oder Geschlechtsdysphorie (28 Seiten)
  3. World Professional Association for Transgender Health (WPATH): Standards of Care (SOC) in der Übersetzung von Hertha Richter-Appelt und Timo O. Nieder (108 Seiten)
  4. Literatur und Anhang (40 Seiten)

Zu Kapitel 1

Die 1. Version der Versorgungsempfehlungen aus dem Jahr 1979 trug den Titel „Behandlungsstandards für die hormonelle und chirurgischeeeeeeee Geschlechtsanpassung für Personen mit Geschlechtsdysphorie“ [Standards of Care (SOC) for the Hormonal and Surgical Sex Reassignment of Gender Disphoric Persons]. Sie wurde vor allem veröffentlicht, um den Fachkräften, die Hormonpräparate verschreiben oder geschlechtsanpassende chirurgische Eingriffe durchführen, vor rechtlichen, ethischen und moralischen Bedenken und insbesondere vor Haftbarkeit zu schützen. In der Folge erfuhren die SOC ihre radikalsten Änderungen mit der 5. Version, die unter der Präsidentschaft von Friedemann Pfäfflin, einem in Deutschland tätigen Sexualforscher und Psychoanalytiker, erarbeitet wurden. Die SOC wurden umbenannt und in Anlehnung an die Nomenklatur des US-amerikanischen Diagnosesystems DSM unter dem Titel „Behandlungsstandards für Störungen der Geschlechtsidentität“ im Jahr 1998 publiziert. Ein wichtiger Aspekt war außerdem die Rolle der Psychotherapie. Während früher eine Psychotherapie mit dem Ziel durchgeführt wurde, die jeweilige Person von ihrem Wunsch zu befreien, in der anderen Geschlechtsrolle zu leben und sich „umwandeln“ zu lassen, wurde nun das Ziel formuliert, mit der Psychotherapie das allgemeine Lebensgefühl der betreffenden Person zu verbessern. Erstmals wurde in der 5. Version der SOC auch auf die Behandlung von Kindern und Jugendlichen eingegangen. Mit der 7. Version der SOC (2011) will man wegkommen von der bisherigen Systematik der Begutachtung und Auswahl geeigneter transsexueller Menschen und hinkommen zur Etablierung einer Gesundheitsversorgung für transsexuelle, transgender und geschlechtsnichtkonformer Menschen mit dem Anspruch, im Kontext individueller Geschlechtsdysphorie und (Trans-)Identität nachhaltiges Wohlbefinden zu ermöglichen.

Zu Kapitel 2

Mit dem Begriff Transsexualität werden Personen beschrieben, die sich im falschen Körper erleben. Gemeint ist damit jedoch nicht der gesamte Körper, sondern nur die geschlechtsspezifischen Merkmale, die nicht mit dem Erleben der eigenen Geschlechtszugehörigkeit in Einklang zu bringen sind: Brust- und Genitalbereich, Körper- und Gesichtsbehaarung und Stimmhöhe. Wenn die geschlechtsbezogenen Ausprägungen des Körpers nicht mit dem Erleben und/oder Verhalten in Einklang gebracht werden können, spricht man von Geschlechtsinkongruenz. Der aus der Geschlechtsinkongruenz resultierende Leidensdruck wird als Geschlechtsdysphorie (engl.: Gender Dysphoria) bezeichnet.

Epidemiologie: Angaben zur Anzahl transsexueller Frauen sind je nach dem zugrunde gelegten Außenkriterium sehr unterschiedlich. Für Deutschland werden nur die Daten aus einer unveröffentlichten medizinischen Doktorarbeit von Meyer zu Hoberge (2009) präsentiert. Demnach beträgt die Anzahl transsexueller Frauen 5,5 auf 100000. Zur Anzahl transsexueller Männer in Deutschland geben die AutorInnen keine Auskunft. In Belgien und den Niederlande beträgt die Anzahl transsexueller Männer etwa 3 auf 100000.

Im Hinblick auf die medizinische und rechtliche Bewertung der Transsexualität hat sich in den letzten fünfzig Jahren ein Paradigmenwechsel vollzogen:

  1. Früher: Transsexualität ist eine psychiatrische Erkrankung. Heute: Transsexualität wird nicht mehr als eine psychiatrische Erkrankung angesehen.
  2. Früher: Ein Mensch ist entweder transsexuell oder nicht. Heute: Transsexualität ist ebenso wenig ein distinktes Merkmal wie Geschlechtlichkeit. Es wird die Existenz von von mehr als zwei eindeutig männlichen oder weiblichen körperlichen Erscheinungsbildern akzeptiert. Nicht alle Menschen erleben sich entweder als Mann oder Frau.
  3. Früher: „Echte Transsexuelle“ sind homosexuell orientiert. Heute: Die sexuelle Orientierung stellt kein differentialdiagnostisches Kriterium dar.
  4. Früher: „Echte Transsexuelle“ wollen sowohl eine Behandlung mit Sexualhormonen als auch genital- und brustchirurgische Maßnahmen. Heute: Die Art und das Ausmaß der gewünschten Behandlungen lassen keinen Rückschluss auf das Vorliegen einer Geschlechtsinkongruenz oder Geschlechtsdysphorie zu.
  5. Früher: Die Psychotherapeutin bzw. der Psychotherapeut muss feststellen, ob „wirklich“ eine Transsexualität vorliegt. Heute: Die Psychotherapeutin bzw. der Psychotherapeut sollte jene Faktoren erfassen, aus denen sich das Erleben der Geschlechtsdysphorie speist. Weder ist es Aufgabe der Diagnostik zu prüfen, ob es sich um eine früher sogenannte wahre Transsexualität handelt, noch, ob die oder der Betreffende wirklich das andere Geschlecht hat bzw. schon einmal hatte.
  6. Früher: Die Aufgabe der Psychotherapie ist es, die Hilfesuchenden möglichst von ihrer Transsexualität zu heilen, das heißt, den Wunsch nach somatischen Behandlungen zu beseitigen. Heute: Die Aufgabe der multimodalen Therapie ist es, die Geschlechtsdysphorie signifikant und nachhaltig zu reduzieren.
  7. Früher: Nur wenn die Psychotherapie dieses Ziel nicht erreicht (s.o.), dürfen somatische Behandlungen im Sinne einer ultima ratio genehmigt werden. Heute: Das Ziel der multimodalen Therapie liegt in dem Erreichen einer bestmöglichen Lebensqualität unabhängig von der gelebten Geschlechtsform. Es wird empfohlen, die somatischen Behandlungen im Verlauf einer transsexuellen Entwicklung und bei Bedarf auch darüber hinaus psychotherapeutisch zu begleiten.
  8. Früher: Verheiratete Personen müssen sich scheiden lassen, bevor ein juristischer Geschlechtswechsel vollzogen werden kann. Heute: eine bestehende Ehe stellt kein Hindernis für eine Personenstandsänderung dar.
  9. Früher: Behandlungsmaßnahmen zur Veränderung des Genitalbereichs und zur Etablierung von Infertilität sind Voraussetzungen für die Personenstandsänderung. Heute: Weder chirurgische Veränderungen des Brust- und Genitalbereichs noch die Etablierung von Infertilität sind Voraussetzungen für die Personenstandsänderung.

Zu Kapitel 3

Inhaltsverzeichnis der Standards of Care:

  1. Anliegen und Anwendung der Standards of Care
  2. Globale Anwendung der Standards of Care
  3. Der Unterschied zwischen Geschlechtsnichtkonformität und Geschlechtsdysphorie
  4. Epidemiologische Überlegungen
  5. Überblick über therapeutische Ansätze zur Behandlung der Geschlechtsdysphorie
  6. Diagnostische Einschätzung der Geschlechtsdysphorie bei Kindern und Jugendlichen
  7. Psychische Gesundheit
  8. Hormontherapie
  9. Reproduktive Gesundheit
  10. Stimm- und Kommunikationstherapie
  11. Operationen
  12. Postoperative Nachsorge und Nachuntersuchungen
  13. Lebenslange Prävention und hausärztliche Versorgung
  14. Übertragbarkeit der Standards of Care auf Menschen, die in Institutionen leben
  15. Übertragbarkeit der Standards of Care auf Menschen mit einer Störung der Geschlechtsentwicklung

Zielgruppen

Zielgruppen für das Buch sind sowohl psychotherapeutische und ärztliche Fachkräfte aus den Bereichen Endokrinologie, Gynäkologie, Urologie und plastischer Chirurgie als auch interessierten Laien.

Fazit

Das Buch gibt einen sehr guten anwendungsorientierten Überblick zur Thematik der aktuellen Transgender-Gesundheitsforschung. Es soll aber ausdrücklich nicht ein Lehrbuch ersetzen, das auf den deutschsprachigen Raum abgestimmt ist.


Rezension von
Prof. Dr. Uwe Helmert
Sozialepidemiologe


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Zitiervorschlag
Uwe Helmert. Rezension vom 25.03.2015 zu: Hertha Richter-Appelt, Timo O. Nieder (Hrsg.): Transgender-Gesundheitsversorgung. Eine kommentierte Herausgabe der Standards of Care der World Professional Association for Transgender Health. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2014. ISBN 978-3-8379-2424-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17673.php, Datum des Zugriffs 24.09.2021.


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