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Nadine Balzter, Yan Ristau u.a.: Wie politische Bildung wirkt

Cover Nadine Balzter, Yan Ristau, Achim Schröder: Wie politische Bildung wirkt. Wirkungsstudie zur biographischen Nachhaltigkeit politischer Jugendbildung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2014. 223 Seiten. ISBN 978-3-89974-973-1. D: 24,80 EUR, A: 25,50 EUR, CH: 35,50 sFr.

Non-formale politische Bildung, Bd. 3.
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Thema

Über mittel- oder langfristige Wirkungen der Teilnahme an Veranstaltungen der außerschulischen Politischen Bildung wird seit geraumer Zeit debattiert. Nadine Balzter, Yan Ristau und Achim Schröder legen nun eine Untersuchung vor, die hierzu erstmals Ergebnisse und zudem Anregungen für weitere Fragen liefert. Um mittelfristige Wirkungen außerschulischer Politischer Bildung zu untersuchen, wurden junge Erwachsene befragt, die ca. fünf Jahre zuvor an Veranstaltungen teilgenommen haben. Die dort gemachten Erfahrungen werden dabei mit anderen biographischen Erfahrungen und Erkenntnissen verknüpft und begründete Schlussfolgerungen für die außerschulische Politische Bildung gezogen.

Entstehungshintergrund

Anknüpfend an eine quantitative Studie, die vom BMBF gefördert und eine bundesweite Evaluation Politischer Bildung zum Gegenstand hatte (Schröder, Achim/ Balzter, Nadine/ Schroedter, Tommy: Politische Jugendbildung auf dem Prüfstand. Ergebnisse einer bundesweiten Evaluation. Weinheim und München 2004) haben Achim Schröder (Projektleitung) und die Wissenschaftlichen Mitarbeiter_innen Nadine Balzter und Yan Ristau in einem dreijährigen von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Forschungsprojekt (2010-2013) eine qualitative Studie zu den Wirkungen außerschulischer Politischer Bildung durchgeführt.

Aufbau und Inhalt

Im Zentrum des Bandes stehen die biographischen Rekonstruktionen der ehemaligen Teilnehmer_innen an Veranstaltungen der außerschulischen Politischen Bildung. Gerahmt werden die biographischen Rekonstruktionen durch die Darstellung des zugrunde gelegten Selbstverständnisses von Politischer Bildung (Kap. 1). Hier wird die Entwicklung Politischer Jugendbildung kurz skizziert und die Entstehung der Untersuchung vorgestellt. Die Autor_innen bauen insofern auf eigenen Vorarbeiten auf, vor allem die bundesweite Evaluationsstudie aus dem Jahr 2004 (Schröder, Balzter, Schroeter), die aber noch keine Informationen über längerfristige Wirkungen hervorgebracht hatte. Die nunmehr vorgelegte Untersuchung fokussiert deshalb mit dem Konzept „biographische Nachhaltigkeit“ mittelfristige biographische Wirkungen. Dabei werden nicht allein die Grundlagen Politischer Bildung zum Ausgangs- und Referenzpunkt gemacht, sondern auch aktuelle Herausforderungen bzw. Fragestellungen (z.B. Politikbegriff, Erfahrungs-/Subjektbezug, Bedeutung von Emotionen, Persönlichkeitsbildung, Besonderheiten der Jugendphase und damit verbundenen Aufgaben von Bildungsreferent_innen). Biographie wird damit als ein umfassendes Konzept verstanden, in das unterschiedliche Komponenten hineinspielen. In diesem Kapitel erfolgt auch die Begründung der Anlage der Interviewstudie: Junge Erwachsene wurden ausgewählt, da bei ihnen zu erwarten ist, dass sie eine gewisse biographische Integrität erlangt haben und ihre Handeln in einen biographischen Kontext stellen (können).

Im zweiten Kapitel geht es um die Darstellung des methodischen Ansatzes, des genauen Vorgehens und eine Einordnung in den Forschungsstand sowie den gesellschaftlichen Diskurs zu Politischer Bildung. „Biographische Nachhaltigkeit“ wird dabei als „Verbindung [.] zwischen den Bildungserlebnissen und späteren Lebenserfahrungen“ (S. 33) verstanden, die auf der Grundlage biographisch-narrativer Interviews (in Anlehnung an Rosenthal) erschlossen werden sollen. Zudem wurden Gruppendiskussionen durchgeführt, die der „Aufschließung kollektiv-biographischer Gemeinsamkeiten“ (S. 34) dienen. Ausgewertet wurden die Interviews auf der Grundlage der Grounded Theory u.a. in tiefenhermeneutisch ausgerichteten Forschungswerkstätten, an denen Praktiker_innen und Wissenschaftler_innen beteiligt waren.

In den biographisch-narrativen Interviews wurden junge Erwachsenen im Alter von 18-27 Jahren befragt, die ca. 5 Jahre zuvor an Angeboten der Politischen Bildung teilgenommen haben. Bei der Auswahl, die über Kontakte zu Trägern der Politischen Bildung erfolgte (177 potentielle Teilnehmer_innen wurden zunächst angeschrieben), wurden verschiedene Differenzkategorien berücksichtigt (u.a. Geschlecht, Region, Migrationshintergrund, Alter, soziale Milieus, unterschiedliche Träger und Angebote). Durchgeführt wurden dann 43 Interviews sowie 4 Gruppendiskussionen mit zwischen 5 und 9 Teilnehmer_innen aus langzeitpädagogischen Settings.

Im dritten Kapitel stellen die Autor_innen eine von ihnen entwickelte Typologie vor. Dabei unterscheiden sie 4 „Typen“ bezogen auf die Wirkungen bzw. Effekte von außerschulischer Politischer Bildung im biographischen Zusammenhang:

  • Politisches Engagement: Interviewte, die sich durch die Erfahrungen in der Politischen Bildung politisch engagieren.
  • Berufliche Orientierung innerhalb des politischen Feldes: die bislang „unbeachtete Nebenwirkung“ (S. 48) der durch Politische Bildung initiierten beruflichen Orientierung (Politikwissenschaft, Bildungsreferent_in, Berufspolitiker_in).
  • Politisch aufgeklärte Haltung: Teilnehmer_innen an Veranstaltungen der Politischen Bildung, die „das bisherige Denken und Handeln in Frage [.] stellen und sich zu einem politisch aufgeklärten und in Teilen politisch handelnden Bürger weiter entwickeln“ (S. 49).
  • Erwerb politisch aktivierbarer Grundfähigkeiten: eher auf der subjektiven Ebene angesiedelte Wirkungen wie „Stärkung des Selbstbewusstseins, Selbstwirksamkeitserfahrungen“ (S. 49).

Die Autor_innen stellen diese Wirkungen in den Kontext der biographischen Erfahrungen, so dass deutlich wird, dass die Teilnahme an Veranstaltungen der Politischen Bildung als Kontrast- oder Verstärkungserfahrung unterstützend, impulsgebend oder neue Zugänge eröffnend wirken kann. In diesem Zusammenhang weisen die Autor_innen auch auf ein Problem der Untersuchung hin. Durch die Kontaktaufnahme über die Träger wurden vor allem Interviewpartner_innen angesprochen, die in den Veranstaltungen für sie wichtige Erfahrungen machen konnten. So kann sich lediglich eine der Interviewten nicht an die Inhalte der Veranstaltung erinnern, sondern lediglich an die „Klassenfahrtstimmung“ (S. 57).

Acht biographische Einzelportraits finden sich im vierten Kapitel, dem längsten des Bandes (115 Seiten). Darin werden Wege zu und Effekte von Politischer Bildung ausführlich analysiert.

Bei Sandra wird das Interesse an Politik durch ihr Engagement in einer kulturellen Gemeinschaft und unterstützt durch Angebote der Politischen Bildung ausgelöst. Alexander kommt aus einer politisch engagierten Familie. Die Teilnahme an einem Kinder- und Jugendparlament stützt seinen Politisierungsprozess weiter. Für Andreas ist ein Bildungsaufstieg wichtig, in dessen Prozess er auch Angebote der Politischen Bildung nutzt und sich insbesondere an ihn dort fördernden Personen orientiert und für Johanna hat Politische Bildung in ihrer beruflichen Orientierung eine verstärkende und differenzierende Funktion, während bei Mareike die Teilnahme an Veranstaltungen der Politischen Bildung einen Impuls für eine politisch aufgeklärte Haltung gibt. Cem macht in der Schülervertretung und der Politischen Bildung neue Erfahrungen und Mario erwirbt durch eine Kontrasterfahrung aktivierbare Grundfähigkeiten. Die Erweiterung des Wissensbestandes sowie ihrer kommunikativen und sozialen Kompetenzen sind für Mona wichtige Erfahrungen, die sie sowohl privat als auch beruflich nutzt.

Fallübergreifende und kontrastierende Vergleiche werden im fünften Kapitel vorgestellt.

Der Vergleich der biographischen Rekonstruktionen erfolgt auf der Grundlage verschiedener von den Autor_innen als relevant angesehener Kategorien:

  • Einflussfaktoren politischer Sozialisation (u.a. Familie, peers, Vereine, social media, Ausbildung und Beruf)
  • Einflussfaktoren innerhalb der außerschulischen Politischen Bildung
  • Differenzierungsmerkmals (Geschlecht, Migration, Bildungshintergrund)

Die Ergebnisse zeigen die Bedeutung des familiären Hintergrundes bzw. einer förderlichen Haltung in der Familie ebenso wie die Potentiale Politischer Bildung Zugänge zum Politischen zu öffnen, wenn dies nicht der Fall ist. Schule kann in diesem Zusammenhang sowohl eine Türöffnerfunktion haben als auch eine Kontrasterfahrung darstellen. Peers eröffnen Möglichkeiten der Partizipation und sind wichtig für Kontinuität. Große Bedeutung haben zudem Vereine und Jugendverbände für die Bereitschaft der Teilnahme, ebenso wie neue Medien und Vernetzungsformen, was nach Ansicht der Autor_innen in der Politischen Jugendbildung stärker berücksichtigt werden sollte. Die in der Politischen Bildung erworbenen Kompetenzen können darüber hinaus in Ausbildung und Beruf nützlich sein. Eine besonders wichtige Rolle haben bezogen auf die Wirkungen die Bildungsreferent_innen in Bezug auf ihr Wissen, aber auch ihre Haltungen. Balzter u.a. geben dann noch Hinweise auf die Vor- bzw. Nachteile von fernen und nahen Bildungsorten, wobei mehrmalige und vor allem kontinuierliche Teilnahme höhere Effekte insbesondere bei bildungsfernen Jugendlichen erzielen.

Bezüglich der Differenzierungskategorien zeigt sich, dass bei Geschlecht nur wenig Unterschiede feststellbar sind, während für die interviewten Jugendlichen mit Migrationshintergrund neben dem Erwerb von Grundfähigkeiten vor allem die „Förderung von Anerkennung und die Stärkung des Selbstwertgefühls“ (S. 209) von Bedeutung ist.

Im abschließenden sechsten Kapitel geht es um Schlussfolgerungen für die politische Jugendbildung und Politik, die zunächst ein positives Bild der Wirkungen außerschulischer Politischer Bildung zeichnen: „Teilnehmende und Ziele der politischen Jugendbildung werden erreicht.“ (S. 212) Neben einer kurzen Skizzierung der zentralen Erkenntnisse wird auf die Notwendigkeit „politischer Möglichkeitsräume“ (S. 216) verwiesen, da Politische Bildung tatsächlich den Raum des Politischen öffnet und Positionierungen einer Entwicklungszeit bedürfen. Daraus folgt die Forderung an Politik und Öffentlichkeit, geeignete Rahmenbedingungen für diese Prozesse zur Verfügung zu stellen: „gesicherte Förderung des Personals, einer professionellen Aus- und Weiterbildung von Jugendbildungsreferent_innen und der entsprechenden Lernorte, an denen Bildungsprozesse fruchtbar werden“ (S.217).

Fazit

Die von Balzter, Ristau und Schröder vorgelegte Untersuchung überzeugt durch eine durchdachte und reflexive Anlage, die es ermöglicht, die Untersuchungsschritte dezidiert nachzuvollziehen und die Ergebnisse einzuordnen. Die Autor_innen zeigen erstmals detailliert die unterschiedlichen Wirkungen außerschulischer Politischer Bildung im biographischen Kontext auf und machen das Spektrum an möglichen Erfahrungen deutlich, dass solche Veranstaltungen bewirken können. Damit ist der Band sicher ein Muss für Bildungsreferent_innen und Träger der außerschulischen Politischen Bildung. Die Schwachstelle ist, das über den Zugang zu den Interviewpartner_innen sich ergebende Phänomen, dass vor allem junge Erwachsene interviewt wurden, die angeben, durch Politische Bildung wichtige biographischer Erfahrungen gemacht zu haben. Doch zumindest für diese Gruppe liegen mit der Untersuchung erstmals belastbare und anregende Ergebnisse vor, aus denen sich sowohl Erfolge als auch Herausforderungen außerschulischer Politischer Bildung ablesen lassen.


Rezension von
Prof. Dr. Leonie Wagner
Professorin für Pädagogik und Soziale Arbeit an der HAWK Holzminden
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Zitiervorschlag
Leonie Wagner. Rezension vom 14.01.2015 zu: Nadine Balzter, Yan Ristau, Achim Schröder: Wie politische Bildung wirkt. Wirkungsstudie zur biographischen Nachhaltigkeit politischer Jugendbildung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2014. ISBN 978-3-89974-973-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17675.php, Datum des Zugriffs 23.10.2021.


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