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Anti-Bias-Netz (Hrsg.): Vorurteilsbewusste Veränderungen mit dem Anti-Bias-Ansatz

Cover Anti-Bias-Netz (Hrsg.): Vorurteilsbewusste Veränderungen mit dem Anti-Bias-Ansatz. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2015. 125 Seiten. ISBN 978-3-7841-2608-1. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR, CH: 27,50 sFr.
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Vorurteile – Macht – Diskriminierung

Es ist die Spirale von Höherwertigkeitsvorstellungen, Ausgrenzungen, machtbestimmte und diskriminierende Beeinträchtigungen, die „bias“ (Voreingenommenheit und Vorurteile) schafft und „Apartheid in den Köpfen“ wachsen lässt. Vorurteile, so lernen wir, sind nämlich in unserem Denken und Handeln vorhanden. Ein Vorurteil, so soll einmal Albert Einstein festgestellt haben, sei schwerer zu spalten als ein Atom. Es kommt also darauf an zu erkennen, dass Vorurteile Produkte einer bestehenden Gesellschaft und Bestandteile des individuellen und kulturellen Daseins der Menschen sind. Sie werden also weder in die Gene noch in die Wiege gelegt. Damit wird gleichzeitig deutlich, dass es Aufgabe des zôon politikon, des politischen Lebewesens Mensch ist (Aristoteles), sich der negativen Ausprägungen von Vorurteilsbildungen bewusst zu sein. Die wissenschaftliche Vorurteilsforschung liefert Hinweise dafür, dass es nicht darauf ankommt, Vorurteile zu negieren oder aus der Welt schaffen zu wollen, sondern „Wege zu finden, mit Vorurteilen umzugehen, sie zu reduzieren und ihre explosiven, ihre mörderischen Potentiale zu kontrollieren“ (Anton Pelinka, Hrsg., Vorurteile. Ursprünge, Formen, Bedeutung, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12918.php). Der Weg hin zu der Erkenntnis, dass der Andere, den ich in seiner Existenz, seinem Aussehen und Handeln ablehne, ich selbst sein könnte, ist im allgemeinen nur mit großer, intellektueller Anstrengung zu gehen.

Entstehungshintergrund und Herausgeber

Vorurteilsbewusstes Denken und Handeln, das hier als „Anti-Bias-Ansatz“ thematisiert wird, ist ja nichts anderes als das Bemühen, sich einseitiger und diskriminierender Verhaltensweisen bewusst zu werden und einen Perspektivenwechsel durch einen Lern- und Reflexionsprozess herbeizuführen. Der in den USA in den 1980er Jahren entwickelte Anti-Bias-Ansatz zielte anfangs vor allem auf Veränderungsprozesse in der Kleinkinderpädagogik. Durch eine frühzeitige Intervention sollen Bildungsungerechtigkeiten abgebaut und verhindert werden. Die Ausweitung dieser Zielsetzungen auf gesellschaftliche Emanzipation und lokale und globale Gerechtigkeit schließlich hat dazu geführt, dass das erfahrungsorientierte Diskriminierungs- und Veränderungsmodell Anti-Bias sich als transkulturelle Initiative der Kinder- und Erwachsenenbildung entwickelt hat, das auf der Homepage des Anti-Bias-Netzwerks (www.anti-bias-netz.org) mit der Perspektive charakterisiert wird: Muster aufbrechen – eigene Haltung reflektieren – Vielfalt wertschätzen – Schieflagen ins Gleichgewicht bringen – Hindernisse überwinden.

Mit dem Anti-Bias-Netz artikulieren sich Theoretiker und Praktiker der pädagogischen und sozialen Arbeit. Sie reflektieren ihre beruflichen und individuellen Erfahrungen bei der Anti-Diskriminierungs-Arbeit, diskutieren die Entwicklung des pädagogischen und sozialpolitischen Ansatzes und bieten Fortbildungsveranstaltungen für ErzieherInnen in Kitas, PädagogInnen in Schulen, für internationale Freiwilligen- und zivile Friedensdienste, Empowerment, Vereine, Verbände, Verwaltungsdienste und MultiplikatorInnen an. Sie verstehen ihren Diskussions- und Erfahrungsbericht als eine Einladung an all jene, die in ihrer theoretischen und praktischen Arbeit eine kritische Haltung und Arbeitsweise schätzen und praktizieren.

Aufbau und Inhalt

Das erfahrungsorientierte Diskriminierungs- und Veränderungsmodell „Anti-Bias“ wird in der Einleitung dargestellt und in ihre Elemente und Strukturen gegliedert. Danach folgen in neun Kapiteln die von den Netzwerkmitgliedern aufgeschlüsselten Aspekte und gesellschaftlichen Zusammenhänge der Anti-Bias-Arbeit.

Die Berliner Diplom-Pädagogin, Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache und Fortbildnerin Cvetka Bovha, die Erwachsenenbildnerin und TZI-Expertin Nele Kontzi und die freiberufliche Prozessbegleiterin und Moderatorin Jetti Hahn bieten im ersten Kapitel „Denkanstöße für die Soziale Arbeit“ an. Sie vermitteln Zusammenhänge von individueller und beruflicher Praxis und plädieren für einen „neuen Ethos professioneller Nähe in der Sozialen Arbeit“, indem sie auf die eigene Standortbestimmung und Handlungsorientierung verweisen: „Ich bin kritisch gegenüber meiner eigenen kontextabhängigen Positioniertheit, leite daraus eine solidarische Praxis gegenüber den Adressat_innen meiner Arbeit ab und mache es zu einem Grundprinzip, marginalisierte Sichtweisen zu berücksichtigen“.

Nele Kontzi und die Trainerin zu diskriminierungs-, rassismus- und machtkritischen Themen, ?aklina Mamutoviç, informieren über die Möglichkeit, den Anti-Bias-Ansatz als Menschenrechtsbildung in der Grundschule einzusetzen. Mit den Zielsetzungen – Ich-Identität und Bezugsgruppenidentität zu stärken, Respekt und Empathie für Vielfalt zu entwickeln, kritisches Denken über Vorurteile und Diskriminierung anzuregen und sich Diskriminierung und Vorurteilen zu widersetzen – sollen Bewusstsein und Kompetenz der Schülerinnen und Schüler gestärkt werden, im Sinne einer inklusiven Pädagogik „eine selbstbestimmte, kritische und selbstreflexive Lebensführung zu entwickeln“.

Nele Kontzi berichtet über ihre Erfahrungen, wie Anti-Bias vorurteilsbewusste Veränderungsprozesse beim schulischen Lernen unterstützen und Veränderungen in der Institution Schule ermöglichen können. Sie verweist darauf, dass es hilfreich ist, professionelle, externe Begleiter und Berater bei der Schulentwicklung einzubeziehen: „Schulen, die sich auf den Weg machen, ausgrenzende Barrieren aufzuspüren und abzubauen, tragen dazu bei, die Potentiale aller Schüler_innen zu erkennen und können somit Bildungserfolge verbessern“.

Jetti Hahn rät, „mit Eltern gemeinsame Sache (zu) machen“, indem eine vorurteilsbewusste Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus zustande gebracht wird. Sie verdeutlicht diese Ansätze, indem sie darauf hinweist, dass eine veränderte Kooperation darauf basiert, dass in der Schule Kollegialität und die Bereitschaft und Fähigkeit zur kritischen, identitäts- und institutionenstiftenden Kooperation praktiziert wird Nur dann wird eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe möglich sein.

Die Bildungspraktikerin für Globales Lernen, Annette Kübler, fragt: „Warum hängt die Weltkarte falsch herum“, und sie beantwortet die Frage: „Weil ich was seh´, was du nicht siehst!“. Sie will damit darauf hinweisen, dass der Anti-Bias-Ansatz ermöglicht, neue Perspektiven zu entwickeln. Sie zeigt an mehreren Beispielen aus ihrer Seminararbeit auf, wie ein Perspektivenwechsel eingeleitet und bewusst gemacht werden kann; gleichzeitig wie eine Ahnung (und Erfahrung) vermittelt werden kann, dass Infragestellungen und Verunsicherungen – „wenn normal nicht mehr normal ist“ – neue Türen öffnen und Weltbilder entstehen lassen können.

Cvetka Bovha berichtet über ihre Erfahrungen beim Einsatz des Anti-Bias-Ansatzes bei Seminaren und Fortbildungen mit Angehörigen von (internationalen) Freiwilligendiensten. Sie zeigt auf, dass und wie eine Kombination von Anti-Bias-Methoden mit anderen, interkulturellen und emanzipatorischen Konzepten, wie etwa Critical Whiteness oder Social Justice, hilfreich sein kann.

Annette Kübler diskutiert mit ihrem Beitrag „Zwischen Colorline und Handlungsmöglichkeiten – für Kinder, Eltern und Pädagog_innen“ ihre Erfahrungen als Anti-Bias-Trainerin. Es sind die meist bei den Beteiligten Erstaunen (oder Erschrecken)erzeugenden Prozesse, die sich beim „Othering“, also den Anderen als anderen zu machen, ergeben; oder auch bei entschuldigenden. (unschuldig erscheinenden) Reaktionen: „Ich bin doch kein Rassist!“ und „Ich hab´ doch keine Vorurteile!“, die aufgedeckt und bewusst gemacht werden durch eine kritische Auseinandersetzung mit Lernmaterialien und Schullektüre: „Mit dem Anti-Bias-Ansatz richten wir den Blick auf Verstrickungen in gesellschaftliche Strukturen von Diskriminierung und auf alternative Handlungsmöglichkeiten“.

?aklina Mamutoviç thematisiert mit dem Begriff „Empowerment“ die Strategie, die Autonomie und Selbstbestimmung und -verantwortung von Menschen zu stärken. In Trainings soll die Mündigkeit, Individualität und Identität von diskriminierten und benachteiligten Gruppen von Menschen zu einer stärkeren, eigenverantwortlichen, gesellschaftlichen Teilhabe gebracht werden. Am Beispiel von „People of Colour“ hat sie mit Gleichgesinnten Methoden entwickelt, wie es gelingen kann, eine neue Orientierung, Perspektiven und Sichtweisen zu entwickeln und durch souveräne Handlungskompetenzen zu erweitern. Dabei spielt das Auffinden und Entwicklung von transformativen, nicht von vornherein diskriminierungsverdächtigen Räumen eine große Rolle.

Die Berliner Referentin für rassismuskritische, interkulturelle und diversitätsbewusste Bildung, Patricia Göthe, beschließt den Sammelband mit ihrem Beitrag: „Wie ein Kieselstein im Wasser: Von Empowerment und Sensibilisierung zur gesellschaftlichen Transformation“, indem sie ihre persönliche und berufliche Entwicklung hin zur Anti-Bias-Trainerin beschreibt und in Beziehung bringt mit ihren Forschungen und Erfahrungen zu den Empowerment- und Chritical Whiteness-Konzepten. In einem Interview(Gespräch) mit Anti-Bias-Expertinnen und Experten eröffnen sich die vielfältigen Aspekte, Wege, Irr- und Umwege einer vorurteilsbewussten, erfahrungsorientierten Diskriminierungs- und Veränderungsarbeit.

Fazit

In den Zeiten von Egoismen, Ethnozentrismen, Nationalismen, Radikalismen, Fundamentalismen, antidemokratischen Tendenzen und zunehmenden lokalen und globalen Ungerechtigkeiten ist es notwendig, eine tätige Aufmerksamkeit auf die natürlichen, kulturellen und humanen Vielfalten der Menschheit zu lenken; denn: Wo Diskriminierung herrscht, wird die Menschenwürde beschädigt! Es wäre zu wünschen, dass in der Aus- und Fortbildung von Sozialpädagog_innen, Lehrämtern und sozialen Diensten der Anti-Bias-Ansatz stärkere Berücksichtigung findet und sich das Anti-Bias-Netzwerk vergrößert. Die in dem Handbuch aufgezeigten Zielsetzungen, Arbeitsformen und Methodeninstrumente sind hilfreich, um vorurteilsbewusste Veränderungen individuell und lokal- und globalgesellschaftlich zu verwirklichen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.01.2016 zu: Anti-Bias-Netz (Hrsg.): Vorurteilsbewusste Veränderungen mit dem Anti-Bias-Ansatz. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2015. ISBN 978-3-7841-2608-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17679.php, Datum des Zugriffs 09.12.2019.


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