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Juliane Sagebiel, Sabine Pankofer: Soziale Arbeit und Machttheorien

Cover Juliane Sagebiel, Sabine Pankofer: Soziale Arbeit und Machttheorien. Reflexionen und Handlungsansätze. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2015. 250 Seiten. ISBN 978-3-7841-2616-6. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 34,50 sFr.
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Thema

2007 veröffentlichten Björn Kraus und Wolfgang Krieger einen Reader zu „Macht in der Sozialen Arbeit“. Das war eine Pionierleistung. Ein mehrperspektivischer Blick auf das Thema hatte in der Publikationslandschaft noch gefehlt. In der Theoriebildung von Silvia Staub-Bernasconi spielte die Beschäftigung mit Fragen der Macht stets eine zentrale Rolle. Ansonsten fanden sich aber wenige Texte, die das Machtthema explizit ins Zentrum von Überlegungen zur Sozialen Arbeit stellten. Erstaunlich ist das insofern, als Machtverhältnisse auf den verschiedenen Ebenen bis zur Milkroebene der Beziehung zu den Klientinnen und Klienten die Handlungsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit vorformen und bestimmen. Das Thema ist auch gut für Emotionalisierungen. Im beruflichen Alltag kann sich das in Ohnmachtsgefühlen äußern, oder in einer Überanpassung an bestehende oder vermeintliche Machtverhältnisse.

Es ist also an der Zeit, sich des Themas gründlich anzunehmen, und das in einer Form, die auch für Studierende und Praktiker/innen lohnend ist. Möglicherweise ist gerade jetzt der ideale Zeitpunkt dafür: Schließlich kommen politische Machtverhältnisse ins Wanken und das Erstarken autoritärer Bewegungen lässt härtere Zeiten befürchten, für die man gerüstet sein sollte.

Autorinnen

Juliane Sagebiel lehrt an der Hochschule München Sozialarbeitswissenschaft.

Sabine Pankofer lehrt Psychologie an der Katholischen Hochschule in München.

Aufbau

Der Band hat drei große Teile:

  1. Nach einer kurzen Einführung ins Thema werden zuerst Machttheorien vorgestellt,
  2. dann Anleitungen zur Analyse von Machtverhältnissen gegeben.
  3. Schließlich folgen Anregungen für eine machtbewusstere Soziale Arbeit.

Inhalt

Ungefähr die Hälfte des Bandes ist der Darstellung ausgewählter machttheoretischer Konzepte gewidmet. Referiert werden von den allgemeinen Machttheorien:

  • Max Weber
  • Karl Marx
  • Heinrich Popitz
  • Hannah Arendt
  • Niklas Luhmann
  • Michel Foucault
  • Pierre Bourdieu
  • Judith Butler

Spezielle Konzepte aus der Sozialen Arbeit:

  • Silvia Staub-Bernasconi
  • Björn Kraus
  • Saul Alinsky
  • Empowerment
  • Kritisch-materialistische Ansätze

Nach einer kurzen Vorstellung der Personen skizzieren die Autorinnen, wie die von ihnen ausgewählten Theoretiker/innen Macht verstehen und sie beschreiben. Sie machen das über weite Strecken erzählend und versuchen auf dem kurzen Weg Bezüge zur Sozialen Arbeit herzustellen. Markante Zitate sind hervorgehoben. So hat man auch einen Gewinn, wenn man Teile des Buchs nur durchblättert: Die Chance, dann doch genauer nachlesen zu wollen, wenn ein Zitat irritiert oder interessiert, ist groß.

In einem weiteren Schritt bieten die Autorinnen Raster für die Analyse von Machtverhältnissen im Feld der Sozialen Arbeit an. Hier folgt auch noch einmal eine Auf- bzw. Einarbeitung der zuvor referierten verschiedenen theoretischen Zugänge. Aus der Sicht des jeweiligen Verständnisses werden die Fragen formuliert. Zuerst werden drei Systematiken angeboten: Subjekt, Beziehung, Organisation und Gesellschaft; die Wissensformen und das W-Fragen-Modell; eine Kurz-Checkliste. In ihrer eigenen Herangehensweise folgen die Autorinnen weitgehend der Sichtweise von Staub-Bernasconi.

Ein weiteres Kapitel widmet sich der Anwendung. Anhand von Praxissituationen wird vorgeführt, wie eine Analyse der Machtverhältnisse aussehen könnte. Deutlich wird dabei, dass Machtverhältnisse nicht immer so eindeutig sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mögen – und dass die Dynamik dem Spiel einen unvorhergesehenen Verlauf geben kann. Die vier Beispiele beschäftigen sich mit verschiedenen Ebenen: Das erste Beispiel ist auf der Subjektebene angesiedelt, das zweite auf der Teamebene, das dritte auf der Organisationsebene. Schließlich wird im vierten Beispiel die sozialpolitische Strukturebene in den Blick genommen. Die Situationsbeschreibungen, als „Geschichten“ verpackt, regen Assoziationen zu Situationen an, die man wohl hinreichend aus der eigenen Praxis kennt.

Im vorletzten Abschnitt des Bandes versuchen sich die Autorinnen an einer Analyse der Machtkonstellationen rund um das Desiderat der Professionalisierung der Sozialen Arbeit und hier auch mit einem speziellen Blick auf die Entwicklung der Stellung der Sozialen Arbeit und ihrer Wissenschaft auf den Hochschulen. Sie enden mit dem Appell, Machtchancen zu nutzen.

Ein Index erleichtert das Auffinden von Stichwörtern.

Diskussion

Die Autorinnen bemühen sich, das durchaus komplizierte Thema möglichst didaktisch aufzubereiten, und über weite Strecken gelingt das auch. Manchmal wirken diese Versuche etwas betulich, das sollte aber nicht davon abhalten, sich mit dem Text auseinanderzusetzen.

Der Band ist durch grau unterlegte Passagen, eine Vielzahl an Tabellen und einige Fallbeispiele reich gegliedert und lädt so dazu ein, sich einmal da und einmal dort „festzulesen“. Angesichts der sonst weit verbreiteten Buchstabenwüsten in der Fachliteratur ist das hoch zu schätzen.

Die Auswahl der vorgestellten Konzepte ist nachvollziehbar und enthält das Minimum, das man wohl kennen sollte, wenn man über Machtfragen mitreden will (oder mitspielen will via Selbstermächtigung). Wenn was abgeht, dann sind das wohl die Beiträge von Antonio Gramsci und Klaus Holzkamp.

Inhaltlich fehlt eine Auseinandersetzung mit den individuellen Möglichkeiten und Fallen des Umgangs mit ungünstigen Machtverhältnissen. Es fehlen die Stichworte Angst, Anpassung, Opportunismus – und interessanterweise auch Taktik und Strategie. Die letzteren beiden sind wohl unerlässliche Vokabeln, wenn ein Machtgewinn angestrebt werden soll oder ein Machtverlust zu verhindern ist.

Etwas irritierend scheint mir, dass jeweils die Sozialarbeit als Profession (über deren Einheitlichkeit auch zu diskutieren wäre) als Beispiel herangezogen wird, wie denn Macht zu vergrößern sei. Wären hier nicht die Klient/inn/en der interessantere Bezugspunkt?

Fazit

Die Autorinnen stellen einige machttheoretische Ansätze, die in der sozialwissenschaftlichen und sozialarbeitswissenschaftlichen Diskussion eine Rolle spielen, didaktisch aufbereitet vor. Sie bieten Strukturvorschläge für machtanalytische Überlegungen und verdeutlichen diese an Situationsbeispielen. Für Praktiker/innen und Studierende der Sozialen Arbeit gelingt so trotz einiger Mängel eine Einführung, die zu einem aktiven Umgang mit den je vorfindlichen Machtverhältnissen ermutigen soll und hoffentlich auch kann.


Rezensent
Prof. Mag. Dr. Peter Pantuček-Eisenbacher
Diplomsozialarbeiter, Soziologe, Supervisor (ÖVS)
Leiter Department Soziale Arbeit, Master-Stdgg. Soziale Arbeit
Fachhochschule St.Pölten GmbH University of Applied Sciences
Homepage pantucek.com


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Zitiervorschlag
Peter Pantuček-Eisenbacher. Rezension vom 29.03.2017 zu: Juliane Sagebiel, Sabine Pankofer: Soziale Arbeit und Machttheorien. Reflexionen und Handlungsansätze. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2015. ISBN 978-3-7841-2616-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17682.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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