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Robert Bachert, Sandra Eischer u.a. (Hrsg.): Risikomanagement im gemeinnützigen Bereich

Cover Robert Bachert, Sandra Eischer, Manfred Speckert (Hrsg.): Risikomanagement im gemeinnützigen Bereich. Grundlagen und Praxisbeispiele. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2014. 175 Seiten. ISBN 978-3-7841-2618-0. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema und Zielsetzung

Angesichts zunehmender Marktdynamik und Komplexitäten im NPO-Bereich will das vorliegende Werk die Grundlagen und Instrumente für ein ganzheitliches Risikomanagement im NPO-Bereich darlegen und die zentralen Steuerungsmöglichkeiten

  • Frühwarnindikatoren,
  • Internes Überwachungssystem,
  • Risikocontrolling und
  • Rating/Kreditrisikomanagement

anhand praxiserprobter Fallbeispiele erläutern. Insoweit soll ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess angestoßen und ein Beitrag zu einer risikoorientierten Unternehmens- und Personalentwicklung geleistet werden.

Herausgeber/Autoren

An dem vorliegenden Werk haben insgesamt neun Autoren mitgewirkt, deren Vita hier nicht im Einzelnen wiedergegeben werden kann. Diese Gruppe inkludiert die drei Herausgeber. Es handelt sich sämtlich um Führungskräfte aus dem Finanz- und Rechnungswesen in Verbänden und Einrichtungen des Non-Profit-Bereichs bzw. in entsprechend ausgerichteten Kreditinstituten.

Aufbau

Das vorliegende Werk hat zwei Teile.

In Teil A werden Theorie und Grundlagen des Risikomanagements und des Ratings beschrieben. Insbesondere wird auf die grundlegenden Bestandteile des Risikomanagements, auf Ratingverfahren und Risikoinformationssysteme sowie auf die Vernetzung mit Aspekten der Corporate Governance eingegangen.

Teil B widmet sich der praktischen Anwendung und zeigt verschiedene Konkretisierungen von Ratingverfahren und Risikomanagementsystemen in der NPO-Praxis auf. Hierbei werden sowohl Träger und Verbände als auch Kreditinstitute berücksichtigt.

Inhalt

Eingangs wird der Risikobegriff definiert und das Risikomanagement historisch aus dem Versicherungsmanagement abgeleitet. Hieraus wird auf den zeitgemäßen Ansatz des Risikomanagements als „Gesamtheit der Maßnahmen zur Bewusstmachung und Bewältigung aller Risiken der unternehmerischen Tätigkeit“ übergeleitet. Auf die gesetzliche Verpflichtung des § 91 Abs. 2 AktG, welche für hinreichend große und komplexe Geschäftsbetriebe auch anderer Rechtsformen analog anwendbar ist, wird eingegangen, wenn auch die Ableitung diesbezüglicher Mindestanforderungen an eine ordnungsmäßige Geschäftsführung an dieser Stelle unterbleibt. Die korrespondierende Pflicht zur Risikoberichterstattung nach § 289 HGB wird problematisiert.

Sodann wird die Grundstruktur des Risikomanagementsystems dargestellt. Hierbei bildet den „Überbau“ die Risikokultur und -politik i.S. eines „tone at the top“. Anschließend werden die drei Subsysteme des Risikomanagements,

  • Früherkennungssystem,
  • Internes Überwachungssystem und
  • Controlling

erörtert und mithilfe von Checklisten operationalisiert.

Die sich aus dem Kreditrisikomanagement der Kreditinstitute ergebenden Anforderungen an kreditsuchende Unternehmen werden aus den aufsichtsrechtlichen Rahmenwerken „Basel II“ und „Basel III“ motiviert. Während „Basel II“ vornehmlich auf die am Risiko der Kreditnehmer orientierte Eigenkapitalunterlegung der Kredite abstellt, resultiert aus „Basel III“ eine sowohl quantitative als auch qualitative Verschärfung der Eigenkapitalausstattung der Kreditinstitute. Die hieraus folgende Eigenkapitalknappheit führt aber wiederum zu einer verstärkt risikoadjustierten Kreditbepreisung.

Den Grundlagenteil abschließend wird das Risikomanagement in den Kontext der Corporate Governance-Debatte und den Deutschen Corporate Governance Kodex (DCGK) eingebettet. Die Ausstrahlungswirkung auf Nicht-AG wird zutreffend diskutiert. Irritierend ist die (bei Erscheinungsdatum 2014!) Angabe (S. 60 und 63), dass die aktuelle Fassung des DCGK vom 14. Juni 2007 datiert. Auch wird die im DCGK neben der Vorhaltung eines Risikomanagementsystems kodifizierte, mit dieser in engem Zusammenhang stehenden Pflicht zur Einrichtung eines Compliance-Management-Systems (DCGK Tz. 4.1.3) nicht weiter erörtert. Insbesondere diesbezügliche Unterlassungen des Managements haben aber in der Vergangenheit zu Schieflagen geführt.

Der Praxisteil besteht aus der Darstellung und Diskussion von konkreten Praxisbeispielen für Risikomanagementsysteme aus Sicht

  • des Diakonischen Werkes Baden, Karlsruhe,
  • des Diözesan-Caritasverbandes, Freiburg,

sowie von Rating-Systemen aus Sicht der Kreditinstitute,

  • des vom Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken e.V. (BVR) entwickelten „VR-Rating NPO“,
  • des hierauf aufbauenden Expertensystems EKK-CARE der Evangelischen Kreditgenossenschaft, Kassel;

zusätzlich werden branchenbezogene „Prototypen“ eines unternehmerischen Risikomanagementsystems und eines Risikomanagement-Prozesses entwickelt.

Einen Mehrwert gegenüber der verfügbaren Standardliteratur stellt dar, dass aufgezeigt wird, wie das Risikomanagementsystem in die spezifische Binnenstruktur eines Verbandes bzw. eines Trägers konkret einzubetten ist und wie entsprechende Informations- und Kommunikationspflichten zu formulieren sind. Instruktiv ist auch die Aufführung entsprechender verbandlicher Regelwerke. Die Instrumente des Risikomanagements werden in den Zusammenhang zur Corporate Governance gestellt und für die spezifischen Belange der NPO konkretisiert. Leider wird im Rahmen der Darstellung des Risikomanagements im Diakonischen Werk Baden auf den Abdruck des ausgangs erwähnten Excel-Tools nebst RiskMap (S. 94) verzichtet, welches das Interesse mindestens des Rezensenten geweckt hat. Es bleibt unklar, ob dieses Beispiel nachfolgend in Abschnitt 3, Teil B dargestellt wird, zumal der letztgenannte Abschnitt ohne Autorenangabe ist.

Die Darlegungen zum Diözesan-Caritasverband weisen als Kerninstrument der Risikoidentifizierung den Risikoatlas und zugehörige Risikobeschreibungen aus. Instruktiv sind die detaillierten Regelungen zur organisatorischen Verankerung des Risikomanagementsystems zu Verantwortlichkeiten, Informations- und Kommunikationsregeln sowie zur Ad-hoc-Berichterstattung.

Das VR-Rating NPO besteht aus quantitativen Jahresabschlusskennzahlen, allgemeinen qualitativen Fragen sowie branchenspezifischen Fragen. Bei den Kennzahlen handelt es sich vornehmlich um vertikale Kapitalstrukturkennzahlen, Liquiditätsgrade sowie Cashflow-basierte Kennzahlen. Die Fragen richten sich auf die Qualität des Managements, die Marktsituation, den Anspruch auf Fördermittel, die verfolgte Jahresabschlusspolitik und die Kontoführung.

Das Expertensystem EKK-CARE liefert darüber hinaus Frühwarnindikatoren und branchentypische Leistungsrichtwerte, die ein Benchmarking ermöglichen sollen. Darüber hinaus gibt ein qualitativer Fragenkatalog Aufschlüsse über Leistungsangebot und -qualität, wirtschaftliche Abhängigkeiten, das Image, die Investitions- und Wachstumspolitik bzw. Haftungsverhältnisse. Das System ermittelt hieraus einen Gesamtbonitätsindikator und fertigt einen Ergebnisbericht aus. Dies wird an einem Beispiel veranschaulicht. Hierbei werden auch die Unterschiede zum VR-Rating NPO verdeutlicht: Während ersteres lediglich die Ausfallwahrscheinlichkeit prognostiziert, liefert EKK-CARE darüber hinaus frühwarnorientierte und ursachenbezogene Informationen.

Den aus Sicht des Rezensenten besonderen Mehrwert dieses Buchs bilden „Rohlinge“ eines IT-gestützten Risikomanagementsystems sowie -prozesses („Regelkreises“) mit Risikokatalog, Risikobewertungskategorien, Risiko-Portfolio und Risikoüberwachungs- bzw. Maßnahmenplan. Hier werden praxistaugliche Formularsätze dargestellt und organisatorische Handreichungen geboten, wie diese gemäß den Spezifika des Einzelfalls zielgerichtet befüllt und managementorientiert ausgewertet werden können. Auch wird eine sinnvolle IT-Unterlegung des Managementprozesses verdeutlicht.

Zielgruppe

Adressaten dieses Werks sind Führungskräfte bzw. Organmitglieder von Einrichtungen im NPO-Bereich. Ihnen sollen Handreichungen zur Entwicklung eines Frühwarnsystems geboten werden, um Markt- und Organisationsentwicklungen beobachten und bewerten zu können.

Daneben werden Studierende mit entsprechenden Ausbildungs- und Berufszielen das Buch mit Gewinn lesen. Aufgrund des Managementbezugs der Inhalte dürften insbesondere Studierende von Master- bzw. Weiterbildungsstudiengängen angesprochen sein.

Diskussion

Der Grundlagenteil des vorliegenden Werkes ist etwas knapp geraten. Insbesondere die für Organmitglieder drängende Frage nach den Voraussetzungen zur Erfüllung der Sorgfaltspflichten i.S. der Business Judgement Rule nach § 93 Abs. 1 AktG (analog § 43 Abs. 1 GmbHG) und damit nach den Mindestanforderungen für eine Haftungsvermeidung bleibt offen. Auch werden aus dem Erfordernis der Vorhaltung eines – dem Risikomanagement nahestehenden – Compliance-Management-System resultierende Anforderungen an das Leitungshandeln vermisst. Das interne Überwachungssystem wird nicht vertieft. Diese Themen werden aber auch für NPO-Einrichtungen als relevant erachtet. Zum Teil wird nicht die aktuellste Literatur verwendet.

Dessen ungeachtet entfaltet das Werk einen beträchtlichen Praxisnutzen, indem die abstrakten Anforderungen an das Leitungshandeln auf die Belange des Geschäftsmodells von NPO-Einrichtungen zugeschnitten werden. Dies erfolgt in zweierlei Weise. Zum einen werden Best-Practice-Beispiele von zwei NPO-Verbänden dargeboten, zum anderen werden auf NPO-Einrichtungen zugeschnittene Organisationsrichtlinien entwickelt, die von Lesern mit einschlägiger Berufserfahrung auf ihre „individuelle“ Einrichtung angewandt werden können. Die instruktive Erörterung eines Rating- und eines Expertensystems beleuchtet die Perspektive der Kreditinstitute und rundet die Darlegungen ab.

Fazit

Es liegt ein praxisorientiertes und umfassendes Kompendium zum Risikomanagement und Rating vor, „von Managern für Manager“. Aufbauend auf die gesellschafts- und aufsichtsrechtlichen Rahmenbedingungen werden Best-Practice-Beispiele für Risikomanagementsysteme und -prozesse sowie NPO-bezogene Ratingverfahren erörtert. Auf branchenbezogene Leitfäden und Formularsätze gestützt, kann sich der Leser sein „eigenes“ Risikomanagementsystem aufbauen.

Für die adressierte Zielgruppen ein anregendes, innovatives und empfehlenswertes Werk mit hohem Praxisnutzen. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass im NPO-Sektor weiterhin diesbezüglicher Aufholbedarf zu vermuten ist.


Rezensent
Prof. Dr. Mathias Graumann
Professor für Rechnungslegung, insbesondere Controlling, Kosten- und Leistungsrechnung, Steuer- und Wirtschaftsprüfung, Hochschule Koblenz, RheinAhrCampus Remagen, Fachbereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
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Zitiervorschlag
Mathias Graumann. Rezension vom 22.12.2014 zu: Robert Bachert, Sandra Eischer, Manfred Speckert (Hrsg.): Risikomanagement im gemeinnützigen Bereich. Grundlagen und Praxisbeispiele. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2014. ISBN 978-3-7841-2618-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17694.php, Datum des Zugriffs 23.03.2019.


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