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Christian Koch: Wie wirtschaftet die Sozialwirtschaft?

Cover Christian Koch: Wie wirtschaftet die Sozialwirtschaft? Eine Abrechnung. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2014. 64 Seiten. ISBN 978-3-7841-2716-3. 7,50 EUR.

Reihe „Soziale Arbeit kontrovers“, Band 10. Für Mitglieder des Deutschen Vereins 6,50 €.
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Thema

Das vorliegende schmale Büchlein ist erschienen in einer Veröffentlichungsreihe, die mit kurzen, eher essayistisch konzipierten und provokant zugespitzten Darstellungen zur Diskussion anregen will. In dieser Reihe „Sozialarbeit kontrovers“ ist die Schrift von Christian Koch das zehnte Heft. Durch das Format – kurz, auf ca. 60 Seiten beschränkt, großzügiger Druck auf relativ kleinen Seiten – wird bereits nahegelegt, dass nur thesenartig argumentiert werden kann. Da genauere wissenschaftliche Darlegungen in einem solchen Format kaum möglich sind, muss der/die Leser/in Einbußen bei der Differenzierung der Argumente in Kauf nehmen. Dementsprechend passt auch das vorliegende Buch in diese Reihe. Denn der Autor benennt seine Intention gleich im Untertitel: „eine Abrechnung“. Damit weiß der/die Leser/in gleich: Hier wird bewusst thesenartig und relativ grob argumentiert, das Zugespitzte dominiert gegenüber einer differenzierenden Argumentationsweise.

Allerdings wüsste man gern, was Gegenstand der vom Autor angekündigten „Abrechnung“ ist, mit wem „abgerechnet“ werden soll und auf welche Sachverhalte sich die „Abrechnung“ bezieht. Die leichte Unsicherheit, die sich bereits bei der Kenntnisnahme des Titels einstellt – was versteht der Autor unter dem Begriff „Sozialwirtschaft“ und welche sind die Akteure der „Sozialwirtschaft“, mit denen „abgerechnet“ werden soll? – klärt sich leider bis zum Ende des Buches nicht auf. In der Einleitung (S. 7) bleibt das Etikett „Sozialwirtschaft“ merkwürdig diffus, was sich in der weiteren Darstellung bedauerlicherweise nicht aufklärt: „soziale Unternehmer“ („social entrepeneurs“), „social business“, Wohlfahrtsverbände, Stiftungen, Selbsthilfegruppen, „soziale“ Aktivitäten von Wirtschaftsunternehmen, Stiftungen, Genossenschaften, soziale Betriebe („Integrationsbetriebe“) – man weiß an vielen Stellen nicht genau, über welche Segmente der „Sozialwirtschaft“ der Autor gerade schreibt und wie er die unterschiedlichen Organisationen, die er in seiner Darstellung erwähnt, in eine Argumentationslogik bringt.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert seine Darstellung in zehn Kapitel, deren zentrale Aussagen sich in kurzen Thesen etwa folgendermaßen „auf den Punkt“ bringen lassen:

  1. In der Sozialwirtschaft macht sich ein überflüssiges Wortgeklingel durch modern daher kommende englische Begriffe breit, die eher zur Verwirrung beitragen und Motive der äußerlichen Eigenwerbung aufscheinen lassen, als dass sie einen sachlichen Aussagegehalt zu kennzeichnen vermögen.
  2. Es existieren auch außerhalb der Sozialbereichs Wirtschaftsunternehmen, die sowohl durch ihre Unternehmensführung als auch durch die Art ihrer Gewinnverwendung „sozial“ tätig sind.
  3. Ähnlich wie andere „Buzzwords“ sorgt der Begriff „social business“ dafür, dass Menschen und Organisationen von den Konstellationen, die mit diesem Begriff einhergehen, profitieren: Seminaranbieter, Berater, Hochschulen, Verlage, Agenturen. Alles wird dem „Businessdenken“ und der „Businesslogik“ unterzogen, es entsteht eine „Wohlfahrtsindustrie“. Dabei ist „social business“, betrieben durch „social entrepeneurs“, alles andere als neuartig.
  4. Aus der Debatte um „social business“ bleiben fälschlicherweise die Wohlfahrtsverbände und deren (Dienst-)Leistungen ausgespart. (Anmerkung des Rezensenten: Wer allerdings eine solchermaßen etikettierte Debatte mit welchen Intentionen führt, wird nicht klar. Belege oder wenigstens Hinweise in dieser Richtung fehlen.)
  5. Zur Beschreibung des gesellschaftlichen Nutzens von „sozialen Unternehmen“ (hier als Sammelbegriff verwendet, ohne dass Abgrenzungen zwischen „Wohlfahrtsorganisationen, Social Business und gewinnorientierten Unternehmen“ vorgenommen werden) sollten folgende „Dimensionen“ herangezogen werden: Verbesserung der Lebenssituation der „Kund/innen“, Gewinnverwendung, öffentliche Kontrolle/ Transparenz, Nachhaltigkeit/ Vermeidung gesellschaftlich unerwünschter Nebenwirkungen.
  6. Die vermeintlich objektive SROI-Berechnung ist im besten Fall als eine Milchmädchenrechnung anzusehen, im schlechteren Fall als ein Täuschungsmanöver. Bei SROI-Berechnungen werden bisher weitgehend unseriöse Berechnungsmethoden angewendet.
  7. Die Darstellung in diesem Abschnitt steht unter der Überschrift „Wer verdient am Sozialen?“ Der Rezensent hat die Darstellung als weitgehend disparate Zusammenfügung unterschiedlicher Aspekte empfunden, bei der ihm die Formulierung einer zusammenfassenden charakterisierenden These nicht möglich war.
  8. Stiftungen sind aufgrund ihrer Struktur potentiell undemokratisch, intransparent, behindern gesellschaftliche Entwicklungen, dienen nur sehr begrenzt der Allgemeinheit.
  9. Die Darstellung steht unter der Überschrift „Ökonomisierung des Sozialen“. Auch hier ist dem Rezensenten aufgrund der Disparatheit der Darstellung die Formulierung einer zusammenfassenden These nicht möglich.
  10. Wohlfahrtsverbände lassen sich zu sehr von „neuen Akteuren auf dem Sozialmarkt“ verdrängen. Freie Wohlfahrtspflege ist „in allen Kernaufgaben existentiell bedroht“ (S. 57).

Diskussion und Fazit

Thesenartige, provokant zugespitzte Darstellungsweisen haben viele Vorteile: In Ihnen kann bisweilen „Klartext“ geschrieben werden, sie können zur Diskussion und zum Widerspruch reizen, sie können auf Entwicklungstendenzen aufmerksam machen und diese ins Licht stellen u.a.m. Aber zum einen sollte der Gegenstand deutlich sein, auf den sich die Provokation bezieht. Und die Argumentation sollte trotz ihres zuspitzenden Charakters einigermaßen stringent, also logisch nachvollziehbar sein. Ansonsten gehen die gut gemeinten Diskussionsanstöße ins Leere. Sie können ihre produktiv gemeinte provokative Wirkung nicht entfalten. Es ist zu befürchten, dass dies bei dem vorliegenden Bändchen der Fall ist.

Freunde der „freien Assoziation“ mögen vielleicht ihre Freude an der Lektüre haben – Personen, die auch bei provokativen Thesen einen Grundbestand an stringenten Argumentationsverläufen erwarten, werden nach der Lektüre wahrscheinlich enttäuscht sein. Mit wem hier „abgerechnet“ wird, erschließt sich kaum. Und ob der vom Autor proklamierte „Social Business Hype“ tatsächlich stattfindet, was das überhaupt ist, wo man diesen „Hype“ besichtigen kann, ob es sich eher um eine Schimäre handelt – der Gegenstand, auf den sich die „Abrechnung“ bezieht, bleibt unklar. Das darf eigentlich auch bei provokativen Verkürzungen nicht passieren.


Rezensent
Prof. Dr. Joachim Merchel
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Zitiervorschlag
Joachim Merchel. Rezension vom 03.11.2014 zu: Christian Koch: Wie wirtschaftet die Sozialwirtschaft? Eine Abrechnung. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2014. ISBN 978-3-7841-2716-3. Reihe „Soziale Arbeit kontrovers“, Band 10. Für Mitglieder des Deutschen Vereins 6,50 €. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17697.php, Datum des Zugriffs 23.07.2017.


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