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Ralf Wetzel: Systemtheoretische Beiträge zu einer Theorie der Behinderung

Cover Ralf Wetzel: Eine Widerspenstige und keine Zähmung. Systemtheoretische Beiträge zu einer Theorie der Behinderung. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2004. 377 Seiten. ISBN 978-3-89670-331-6. 29,90 EUR, CH: 55,00 sFr.

Mit einem Geleitwort von Peter Fuchs.
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Einführung

Dass die Theorie der autopoietischen Systeme (TAPS) von Niklas Luhmann (1998 ) auch auf Fragen der Behinderung Anwendung findet, muss niemanden wundern, denn sie ist ja ihrem eigenen Anspruch nach so ziemlich auf jedes Phänomen auf Gottes weiter Erde und darüber und darunter anwendbar. Ralf Wetzels "systemtheoretische Beiträge zu einer Theorie der Behinderung" sind von dieser Spielart der (soziologischen) Systemtheorie angeregt. Er legt sie unter dem etwas gezierten und letztlich nicht recht dekodierbaren Übertitel "Eine Widerspenstige und keine Zähmung" vor.

Überblick

Das Inhaltsverzeichnis des Buches vermittelt zwar den Eindruck einer systematischen Abhandlung, in Wirklichkeit handelt es sich - das wird beim Lesen klar - um eine Folge von schon der Seitenzahl, erst recht dem Inhalt und v.a. der inhaltlichen Durcharbeitung nach sehr ungleichgewichtigen Beiträgen, die offensichtlich nachträglich zusammen geführt, durch Überschriften gegliedert und durch Übergänge verbunden wurden. Das bringt nach dem eigenen Eingeständnis des Autors Wiederholungen, Redundanzen, Unterbrechungen der Argumentation, insgesamt eher den Charakter eines "Puzzles" (13 f.) mit sich. Der Autor empfiehlt uns zu versuchen, dies - unter dem Motto "Complicate yourself" - zunächst mal als Tugend aufzufassen.

  • So versammelt Teil 1 unter der Überschrift "Behinderung und Gesellschaft" eher grundlagentheoretische Überlegungen. Es geht um wissenschaftliche und verschiedene gesellschaftliche Ausdeutungen des Phänomens "Behinderung" sowie die Herausarbeitung einer systemtheoretischen (d.h. für Wetzel im Rahmen der TAPS spielenden) Alternative.
  • Teil 2 ("Behinderung und Organisation") beschäftigt sich mit einem den Autor besonders interessierenden Typus sozialer Systeme, nämlich Organisationen und ihrer Rolle bei der gesellschaftlichen Konstruktion von Behinderung.
  • Teil 3 ("Behinderung und Intervention") führt die Überlegungen des zweiten Teils unter einem spezifischen Gesichtspunkt fort, hier wird u.a. untersucht, was passiert, wenn bestimmte soziale Systeme (z.B. "Integrationsberatung") bestimmte andere (z.B. Unternehmen) mit dem Phänomen Behinderung konfrontieren.

"Behinderung" durch die Optik einer Supertheorie

Zum Verständnis des Buchs müssen vor allem für LeserInnen, die mit der TAPS wenig vertraut sind, einige Informationen voraus geschickt werden. Wer bei "Systemtheorie" zum Beispiel an Familientherapie, an Watzlawick, Bateson, Palazzoli, an Minuchin, an Stierlin und die Heidelberger Schule oder an systemtheoretische Entwürfe im Bereich der Sonderpädagogik (z.B. Hildeschmidt/Sander) denkt, wird bei der Lektüre dieses Buches sicher enttäuscht werden. Diese und viele andere Autoren haben ein Vorverständnis von "systemischer Betrachtungsweise" mit geprägt, das sich von dem der Luhmannschen Theorie sehr unterscheidet. Dort geht es immer auch darum, biopsychosoziale Zusammenhänge und Interdependenzen sichtbar werden zu lassen (zum Beispiel zwischen einem Symptom einer "Krankheit", bestimmten Kommunikationsmustern in Familie oder/und in helfenden Organisationen). Der Witz der Luhmannschen Spielart von Systemtheorie besteht aber gerade darin, diese Sphären strikt zu trennen. Die TAPS ist ihrem eigenen Verständnis nach nicht an der Herausarbeitung von Zusammenhängen interessiert, sie betont vielmehr den Abbruch von Zusammenhängen durch die Systemgrenzen biologischer, psychischer und sozialen Systeme. Diese Systeme zeichnen sich im Verständnis der TAPS durch eine operative Geschlossenheit gegenüber ihrer Umwelt aus, d.h. sie funktionieren primär im Rekurs auf sich selbst und ihre eigenen Operationen (Autopoiesis). Dies gilt nicht nur für das Verhältnis von biologischen Systemen (Leben), psychischen Systemen (Bewusstsein) und sozialen Systemen (Kommunikation), sondern auch für das Verhältnis verschiedener sozialer Systeme, die ihrerseits auf verschiedenen Ebenen (z.B. Wirtschaft, Politik, Medizin als "Subsystemen der Gesellschaft"; z.B. Unternehmen, Verwaltungen, Schulen als Organisationssystemen; z.B. Gespräche, gemeinsame Autofahrten, Unterricht als Interaktionssystemen) nach ganz spezifischen Eigenlogiken funktionieren und für die nur jeweils nur das nach Maßgabe dieser Eigenlogik Sichtbare bzw. Beobachtbare relevant werden kann. "Relevant" heißt im Rahmen der TAPS vor allem: irritierend.

Verbunden wird das mit einer an der Kategorie der Differenz entlang entworfenen konstruktivistischen Erkenntnis-(oder besser gesagt: Nicht-Erkenntnis-)Theorie. Systeme jeder Art konstruieren sich und ihre Umwelt nach Maßgabe von intern verwendeten Unterscheidungen. Wirklichkeit ist Konstruktion, das trifft natürlich auch auf Behinderung zu. "Behinderung", formuliert Wetzel an einer Stelle, "ist nicht per se." (!?)

Damit sind im Grunde genommen schon alle Weichen für die Theorie der Behinderung gestellt, die Wetzel zumindest in den Umrissen sichtbar machen möchte.

  • Behinderung als Behinderung von Kommunikation: Auf der grundlegensten Ebene geht es zunächst darum sich zu fragen, was Behinderung im Verhältnis biologischer (Wetzel verwendet hier den auch im Rahmen der TAPS äußerst missverständlichen Begriff "Körper"), psychischer und sozialer Systeme bedeutet. Den Zugang übernimmt Wetzel von Peter Fuchs, seines Zeichens Professor für Allgemeine Soziologie und Soziologie der Behinderung in Neubrandenburg, der auch das Vorwort zu dem Buch geliefert hat. Der Fuchs/Wetzelsche Zugang ist schnell charakterisiert: Behinderung als eine wie immer geartete "abweichende Morphogenese" (sic! Seite 109) von Körpern behindert Kommunikation, also den entscheidenden Prozess, in dem und durch den sich soziale Systeme konstituieren. Behinderungen erzeugen damit "Strapazen" für soziale Systeme. O-Ton Wetzel: "Behinderungen in diesem Sinne sind mit Belastungen für die Kommunikation , Strapazen für soziale (wie auch für bewusste) Systeme verbunden (...) Es ist zum Beispiel fraglich, ob ein Mensch, der gehörlos ist oder (...) autistisch als Person adressierbar ist, d.h. ob sein Verhalten als sinnverarbeitendes, soziales Handeln (Mitteilung) oder lediglich als Resultat physio-biologischer Prozesse (Information) gedeutet werden kann. Dies wird für Kommunikation insofern schwierig, da sie auf Vereinfachungen hin angelegt ist, sich auf die Erwartbarkeit des Verhaltens des Kommunikationspartners verlassen muss." (Seite 67).
  • Behinderung als Problem von Exklusion/Inklusion: Historisch wird darauf zunächst durch den Ausschluss (Exklusion) von Behinderten reagiert: "Entscheidend ist in sozialer Systemreferenz, dass die auftretenden Belastungen eine Exklusionsdrift erzeugen und (historisch gesehen) das Wegsortieren der betreffenden Individuen auf einer Bandbreite von Eliminierung bis caritativer Behandlung bewirkten." (Peter Fuchs: Behinderung und soziale Systeme - Anmerkungen zu einem schier unlösbaren Problem. Internet: www.fen.ch/texte/gast_fuchs_behinderung.htm). Dies gerät aber in Spannung zu dem grundsätzlichen Gleichheitspostulat der modernen Gesellschaft: "Dieses Töten (und Sterbenlassen), Marginalisieren, Ausschließen, Wegschließen der Körper wird sozial erst dann auffällig, wenn die Differenzierungsform der Gesellschaft ein Exklusionsverbot bzw. Inklusionsgebot mit sich bringt, das die Exklusionsdrift stoppen oder umkehren muss, obgleich die Gründe für diese Drift sich selbstläufig reorganisieren." (ebd.) Die Folge: "Der behinderte Mensch muss, ob er will oder nicht, kann oder nicht, ob es Sinn macht oder nicht, inkludiert werden." (ebd.) Oder an anderer Stelle, bewusst zynisch-provozierend formuliert: Integration sei die Forderung, soziale Strapazen auszuhalten, die durch diese eingeführt werden (Peter Fuchs: Behinderung von Kommunikation durch Behinderung. In: W. Strubel u.a. (Hg.) Behindert und verhaltensauffällig. Freiburg 1995, S. 13). So werden behinderte Menschen, wie Wetzel im Anschluss an die Fuchsschen Überlegungen ausführt, zwar auch in der modernen Gesellschaft teilweise "exkludiert" (z.B. aus Funktionssystemen wie dem der Wirtschaft, Verweigerung von Mitgliedschaftsrollen z.B. in einem Betrieb), teilweise aber auch regelrechten "Inklusionskarrieren" ausgesetzt (Gesundheitssystem, System sozialer Hilfe, Sonderschulen usw.).
  • Behinderung als soziales Konstrukt: Dieser Aspekt leitet auch schon auf eine weitere Dimension über: eine zunächst im Bereich der Körper spielende Abweichung, Differenz muss auf der Ebene "sinnverwendender" psychischer und sozialer Systeme ausgedeutet werden. Für "soziale Systeme" heißt das: Behinderung wird ein Thema von Kommunikationen; es werden spezifische, an jeweilige soziale Systeme und deren spezifische Funktionslogik gebundene Versionen dessen erzeugt, was Behinderung ist, die wiederum mit spezifischen Konsequenzen für die Exklusion oder Inklusion behinderter Menschen verknüpft sind. Wetzel interessiert sich für dieses Problem insbesondere im Kontext von Organisationen (Integrationsberatung, Wirtschaftsunternehmen, Integrationsfirmen) und damit "organisationalen Sinnstiftungsprozessen".

Behinderung, Organisation und Intervention

Der eigentliche Zielpunkt von Wetzels Argumentation ist es, diese (und einige andere) Prämissen für die Analyse der Rolle von Organisationen für die gesellschaftliche Konstruktion von Behinderungen fruchtbar zu machen. Dies geschieht im Wesentlichen an Beispielen, die der beruflichen Integration behinderter Menschen entnommen sind. Wetzel rückt etwa Integrationsfirmen, Integrationsfachdienste und (Wirtschafts-) Unternehmen in den Blick. Die Beschreibungen, die er dabei produziert, leben von einer Herausarbeitung und Akzentuierung struktureller Paradoxien des Umgangs dieser Sozialsysteme mit Behinderung. Paradoxien, die vor dem Hintergrund der Prämisse Wetzels (und Fuchs!) verstanden werden müssen, dass Integration und Inklusion behinderter Menschen im Grunde genommen nicht bzw. nur um den Preis der Ausbildung von spezifischen "Sonderformen" von Kommunikation, von Immunisierungstechniken, von Moralisierung möglich ist. Damit kommt es aber gerade nicht zu "Integration" in irgend einem greifbaren emphatischen Sinne, sondern sozusagen immer nur zur Ausbildung von "Sondernormalitäten". So reproduziert das "System sozialer Hilfe" die Stigmatisierungen, Exklusionen und Zuschreibungen, die es eigentlich beseitigen will, um sich selbst zu reproduzieren. Integrationsfachdienste versuchen bei Unternehmen Probleme zu schaffen, die diese eigentlich gar nicht haben, um ihm dann Lösungen für eben diese Problem zu verkaufen (S. 322); es handelt sich mithin - zumindest in Richtung der Unternehmen, in die ein behinderter Mensch integriert werden soll - um eine Form der Beratung, die ständig kaschieren muss, dass sie eigentlich gar keine Beratung ist. Integrationsfirmen können die "Inklusion" behinderter Menschen nur auf der Basis ihrer Exklusion aus regulärer wirtschaftlicher Tätigkeit vollziehen und bleiben in einem unauflösbaren Dilemma zwischen den Bedürfnissen ihrer behinderten Mitarbeiter (die eigentlich keine Mitarbeiter, sondern Klienten sind) und den Prinzipien einer kostendeckenden und nachfrageorientierten, auf einen Abnehmermarkt bezogenen Funktionslogik gefangen.

Insgesamt sollen, so der Autor am Ende des Buches, solche Analysen ein dem "Problem angemesseneres, d.h. facettenreicheres, tiefenschärferes, seismographisch empfindlicheres, kurz: ein komplizierteres Beobachtungspotenzial erschließen" (Seite 344). Der Komparativ bezieht sich dabei auf Perspektiven, die nicht dieser Version der Systemtheorie folgen und die in den Augen Wetzels überwiegend wegen ihres primär moralisierenden Zugang borniert sind. Mit einem direkten Nutzen der systemtheoretischen Perspektive ist aber dennoch nicht zu rechnen: "All dies Niedergeschriebene hat wenig neuen Anlass zur Euphorie produziert. Stattdessen ist eine Darstellung entstanden, die verdeutlicht, warum eine solche Suche im wesentlichen an den Widerspenstigkeiten von Organisation und Behinderung scheitern muss. Konkrete Handlungsempfehlungen und Interventionseuphorismus sind von systemtheoretischen Argumentationen nicht zu erwarten. Die Theorie entzieht sich dem radikal und nachhaltig als Preis für die Distanz und Gelassenheit, mit der sie an die Deskription gesellschaftlicher Verhältnisse geht." (Seite 345). Der letzte Satz des Buches enthält dann doch noch ein kleines Versprechen: über die Vermeidung unnötiger Enttäuschungen gelinge es vielleicht "Wahlmöglichkeiten vorzubereiten und die eine oder andere 'kleine Lösung' wahrscheinlicher zu machen."

Kritik

Die Hauptschwierigkeit des Buches dürfte bereits aus der bisherigen Darstellung deutlich geworden sein. Sie liegt zunächst einmal, um es etwas respektlos zu formulieren, in der für die Luhmann-Schule typischen scholastischen Schreibe. Autoren dieser Provenienz halten es für ein per se sinnvolles Anliegen, nahezu beliebige Gegenstandsbereiche in das "Theoriespiel" der TAPS einzubauen. Als LeserIn lernt man dabei nicht nur gewohnte Worte und Zusammenhänge in einem ungewohnten Sprachspiel auszudrücken, man muss sich zunächst einem TAPS-Grundbegriffe-Exerzitium unterwerfen. Schätzungsweise zwei Drittel bis drei Viertel der 345 Seiten beschäftigen sich ausschließlich mit einer Wiedergabe von Grundbegriffen der TAPS: Differenz und Beobachtung; System-Umwelt; Autopoiesis; strukturelle Kopplung; segmentäre, stratifikatorische, funktionale Differenzierung; Gesellschaft-Organisation-Interaktion; Inklusion-Exklusion, Organisation und Entscheidung; Medium und Form usw. usw. . Für LeserInnen, die die TAPS nicht kennen, ist das eine kommunikative Strapaze (!), der sich kaum jemand wird aussetzen wollen. Für KennerInnen der Maschinerie der TAPS hingegen ist es langweilig und ermüdend. Es bleiben als Zielgruppe nur solche LeserInnen, die sich sozusagen im Novizenstatus werdender LuhmannianerInnen befinden. Das ist allerdings eine unabdingbare Voraussetzung, man muss das Vergnügen des Autors an der Umformulierung bekannter Begriffe und Zusammenhänge auf "Luhmannisch" und an der Erzeugung von theoretischen Problemen, die man ohne diese Umformulierung gar nicht gehabt hätte, schon teilen, um dem Buch irgend etwas abzugewinnen. Dass sich die kommunikative Strapaze der Lektüre durch ihren inhaltlichen Ertrag rechtfertigt, vermag ich persönlich dagegen nicht zu erkennen.

Ein Teil der auf den Gegenstand "Behinderung" bezogenen Einsichten ist - entkleidet man sie ihrer systemtheoretischen Kostümierung - jedem, der einigermaßen Einblick in die sozialwissenschaftliche und sonderpädagogische Diskussion über Behinderung und ihre institutionelle Einbettung hat, geläufig. Das gilt zum Beispiel für die konstruktivistisch-differenztheoretische Auflösung des Behinderungsbegriffs, die ja nicht etwa einen neuen genuin "systemtheoretischen" Gesichtspunkt, sondern einen breiten fachlichen Konsens bezeichnet, der zudem mit Formulierungen wie "Behinderung ist nicht per se." (Seite 19) eher karikiert als sachhaltig ausgeführt wird (vgl. für das sehr viel differenzierte Argumentationsniveau der aktuellen Fachdebatte den Band Cloerkes (vgl. hierzu die Rezension zu Günther Cloerkes (Hrsg.): Wie man behindert wird. Texte zur Konstruktion einer sozialen Rolle und zur Lebenssituation betroffener Menschen. Universitätsverlag Winter (Heidelberg) 2003). Gerade die von Wetzel im zweiten und dritten Teil des Buches angesprochenen Paradoxien und Widersprüche professionellen Handelns und der institutionellen Praxis der Behindertenhilfe bzw. -pädagogik kann man auch ohne den Gestus des "jenseits von Gut und Böse" stehenden, kühlen und unbeteiligten wissenschaftlichen Überfliegers anderenorts sehr viel detailreicher und sachhaltiger dargestellt finden, als Wetzel das tut. So ist beispielsweise seine Sicht auf Integrationsfachdienste inhaltlich willkürlich, da sie praktisch ausschließlich aus der Perspektive eines Unternehmers erfolgt, der von vorne herein die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen vermeiden möchte. Das ist aber weder der einzige in der Praxis der Integrationsfachdienste vorkommende Fall, noch ist damit die reale Handlungslogik bzw. strukturelle Problemlage von Integrationsfachdiensten auch nur annähernd befriedigend beschrieben. Der inhaltliche Zugriff wird m. a. W. gerade wegen der hohen Abstraktionslage der Theorie: willkürlich und zufällig und erschöpft sich mitunter im Gestus einer schwer erträglichen denunziatorischen Herablassung gegenüber einer Praxis, die ja immerhin mit ihren strukturellen Paradoxien und Ambivalenzen tagtäglich ganz gut zurecht kommt.

Zum anderen Teil aber sind eine Reihe der gegenstandsbezogenen Ausführungen des Buches ausgesprochen fragwürdig. Das gilt insbesondere für die Behinderungs"theorie" Fuchsscher Provenienz (Behinderung als Behinderung von Kommunikation, als "soziale Strapaze"). Fragwürdig ist daran durchaus nicht primär die mit unverhohlener Koketterie zur Schau getragene "political incorrectness". Abgesehen davon, dass die zugrunde liegenden Konzepte der Autopoiesis und der strukturellen Kopplung alles andere als konsistent und kanonisiert ist (vgl. dazu ausführlich Jörg Michael Kastl: Grenzen der Intelligenz. München, Fink 2001): in Wirklichkeit handelt es sich bei der angeblich daraus abgeleiteten "Theorie" der Behinderung lediglich um einen kaschierten und relativ einseitig heraus gegriffenen inhaltlichen Gesichtspunkt, der nur in einem sehr losen (wenn nicht sogar widersprüchlichen) Verhältnis zu diesen Konzepten steht. Es gibt natürlich "Behinderungen", die Kommunikation erschweren oder in Frage stellen. Aber daraus folgt noch gar nichts, das gilt nur für einen Teilbereich aller Behinderungen, darüber hinaus aber für eine Fülle anderer Sachverhalte (z.B. Straßenlärm). Wieso sollte man das zum Hauptgesichtspunkt einer wissenschaftlichen Befassung mit Behinderung machen? Weil in der Supertheorie, die man zur Verfügung hat, zufällig der Begriff der "Irritation" eine so wichtige Rolle spielt? Oder weil man die Mühen z.B. eines Vaters eines schwer behinderten Kindes im täglichen Kleinkrieg in Kindergarten und Schule gerne zum Ausgangspunkt einer Theorie machen möchte? In beiden Fällen werden kontingente Faktizitäten zu theoretischen Paradigmen aufgeblasen, ohne dass damit irgend etwas besser erklärt oder verständlicher gemacht wird. Im Grunde ist die zentrale Botschaft dieser „Theorie“ nichts anderes als die Aussage, dass behinderte Menschen deswegen aus sozialen Systemen „exkludiert“ werden und Integration deswegen so schwierig ist, weil behinderte Menschen die Kommunikation behindern. Der behinderte Mensch als Behinderer - das ist nicht nur sachlich unsinnig, sondern - bei allem Verständnis für die Polemik des Autors gegenüber der Moralisierung von Wissenschaft - auch wissenschaftsethisch bedenklich.

Fazit

Peter Fuchs spricht in seinem Vorwort zu dem Buch von Ralf Wetzel die Hoffnung aus, es möge seine Leser/innen nicht nur dort finden "wo das Interesse an Theorie gepflegt wird, sondern auch dort, wo es - gleichsam handfest - um Behinderung geht." Ich befürchte nach der Lektüre des Buches, dass weder die eine noch die andere Hoffnung in Erfüllung geht. Und dass damit ein, wie Fuchs vermutet, "längst fälliger Aufbruch" (!?) verbunden sein könne - diese Formulierung ist einem nach der Lektüre des Buches fast ein wenig peinlich. Wetzel und Fuchs unterschätzen die Praxis.


Rezensent
Prof. Dr. Jörg Michael Kastl
Professor für Soziologie der Behinderung und sozialer Benachteiligung an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, Fakultät für Sonderpädagogik in Reutlingen. Arbeitsgebiete: Soziologie der Behinderung und sozialer Benachteiligung, Rehabilitation/Teilhabe behinderter Menschen (Persönliches Budget, IFD); Berufs- und Professionssoziologie; Sozialrecht und Sozialpolitik (spez. Rehabilitation); Sozialisationsforschung (auch Jugend und Familie) und allgemeine Soziologie
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Zitiervorschlag
Jörg Michael Kastl. Rezension vom 16.11.2004 zu: Ralf Wetzel: Eine Widerspenstige und keine Zähmung. Systemtheoretische Beiträge zu einer Theorie der Behinderung. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2004. ISBN 978-3-89670-331-6. Mit einem Geleitwort von Peter Fuchs. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1770.php, Datum des Zugriffs 22.02.2018.


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