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Henri Julius, Andrea Beetz u.a.: Bindung zu Tieren

Rezensiert von Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner, 02.02.2015

Cover Henri Julius, Andrea Beetz u.a.: Bindung zu Tieren ISBN 978-3-8017-2494-8

Henri Julius, Andrea Beetz, Kurt Kotrschal, Dennis C. Turner, Kerstin Uvnäs-Moberg: Bindung zu Tieren. Psychologische und neurobiologische Grundlagen tiergestützter Interventionen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2014. 237 Seiten. ISBN 978-3-8017-2494-8. 29,95 EUR.
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Autoren

  • Prof. Dr. Henri Julius ist Professor für Allgemeine Sonderpädagogik und Verhaltensgestörtenpädagogik an der Universität Rostock.
  • Dr. Andrea Beetz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sonderpädagogische Entwicklungsförderung und Rehabilitation an der Universität Rostock und zudem am Department für Lebenswissenschaften an der Universität Wien.
  • Prof. Dr. Kurt Kotrschal ist Leiter der Konrad Lorenz Forschungsstelle für Ethologie in Grünau/Oberösterreich und Professor am Department für Verhaltensbiologie, Fakultät für Lebenswissenschaften der Universität Wien.
  • PD Dr. Dennis C. Turner war wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich der Verhaltensbiologie an der Universität Zürich und ist Direktor des Instituts für angewandte Ethologie und Tierpsychologie in Hirzel (Schweiz).
  • Kerstin Uvnäs-Moberg, M.D. PH. D. ist Professorin für Physiologie an der Swedish University of Agricultural Sciences in Skara und Professorin für Physiologie an der University in Skövde (Schweden).

Thema

Tiergestützte Therapie greift die uralte Symbiose zwischen Menschen und Tieren auf. Die Autoren fragen u.a., was es den Mitgliedern verschiedener Spezies ermöglicht, enge Sozialbeziehungen einzugehen und warum diese Beziehungen therapeutische Effekte für den Menschen haben können?

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst neun Kapitel.

Das erste kurze Kapitel führt mit einigen Beispielen in die Thematik ein und stellt den Aufbau des Buches vor.

Im zweiten Kapitel werden die biologischen Grundlagen des Interesses mit Tieren zu leben dargestellt. Der Mensch wird als biophil bezeichnet, sein soziales Interesse an anderen Arten als Alleinstellungsmerkmal des Menschen. Der Mensch könne echte Sozialbeziehungen mit Tieren eingehen. Die Autoren stellen Gehirn und Gehirnstrukturen vor, die das „soziale Netzwerk“ im Gehirn ausmachen, Gehirnstrukturen, die nicht nur alle Säugetiere besitzen, sondern die schon in allen Wirbeltieren grundgelegt wurden und sehr „konservativ“ in der Stammesentwicklung waren. Artübergreifende gleichartige Mechanismen in Gehirn und Physiologie (z.B. auch Spiegelneurone) werden verdeutlicht.

Das dritte Kapitel gibt einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung zu den potentiellen kurativen Effekten von Mensch-Tier-Beziehungen. Diskutiert werden positive Gesundheitseffekte, die Stimulation positiver sozialer Interaktion und Aufmerksamkeit, Verbesserung des Lernens, der Empathie, die Reduktion von Angst, erhöhtes Vertrauen, Stimmung, Schmerzbewältigung, Aggressivität, physiologische Effekte.

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit der Funktion von Oxytocin, einem Hormon, das in positiven sozialen Kontexten ausgeschüttet wird und dem eine zentrale Rolle in der neurobiologischen Regulation von Beziehungen zugesprochen wird. Nach Aufbau und Neurochemie werden Effekte der Verabreichung sowie die Mechanismen der Freisetzung bei Mensch und Tier ausführlich diskutiert.

Das fünfte Kapitel hat die „klassische“ Bindungstheorie zum Thema. Es werden die Verhaltenssysteme von Bindung und Fürsorge nach ethologischen Kriterien erläutert sowie Bindungsmuster und ihre Übertragung auf neue Beziehungen diskutiert.

Im sechsten Kapitel bringen die Autoren das Bindungskonzept und die Forschung zum Oxytocin-Hormon zusammen und referieren die Zusammenhänge Bindungsmuster – Stressreaktionen – Oxytocin.

In Kapitel 7 werden die Mensch-Tier-Beziehungen untersucht. Menschen können sowohl Bindungs- wie Fürsorgeverhalten gegenüber Tieren zeigen. Das Tier (besonders ein Hund) kann wie eine menschliche Bindungsfigur die Ainsworth-Kriterien erfüllen (ist zuverlässige Quelle für Trost und Rückversicherung, gibt bei Stress Sicherheit, Nähe geht mit positiven und Trennung mit negativen Gefühlen einher). In der Mensch-Tier-Beziehung sei aber die Wahrscheinlichkeit gering, dass generalisierte dysfunktionale Bindungsmuster übertragen werden, „sichere Bindungen“ und „flexibles Fürsorgeverhalten“ können leichter gezeigt werden.

Im achten kurzen Kapitel werden die physiologischen Befunde auf die Mensch-Tier-Beziehung erweitert und ein Modell vorgestellt, das die gesundheitsfördernden Effekte erklären soll. Daraus werden im abschließenden neunten Kapitel praktische Implikationen abgeleitet und auf die Beziehung Therapeut – Tier, die Auswahl des Tieres, aber auch auf potentielle Risiken eingegangen.

Diskussion

Das Buch greift ein interessantes Thema auf, tiergestützte Interventionen sind „sehr modern“. Ziel des Buches ist es, ein Modell vorzustellen, das die Effekte der Mensch-Tier-Interaktionen erklärt. Dazu werden verschiedene Stränge (Bindung, Funktion von Oxytocin, u.a.) ausführlich dargestellt. Dieses kann sowohl Forschung wie Praxis anregen, denn häufig findet sich in den Ausführungen, dass Hinweise die Schlussfolgerung nahelegen, dass die Effekte häufig in nicht gut kontrollierten Studien gefunden wurden und die empirische Datenlage begrenzt sei und dass weitere Studien nötig seien.

Die Kapitel sind manchmal etwas redundant, durch die ausführliche Darstellung ist das Buch und seine einzelnen Kapitel nicht nur für Interessierte in Mensch-Tier-Beziehung interessant sondern auch für Leser, die sich nur für einzelne Stränge interessieren.

Die Autoren warnen zu Recht, dass die Mitnahme eines Hundes in ein therapeutisches oder pädagogisches Setting noch keinen Pädagogen oder Therapeuten ausmacht, Ausbildung und kritische Reflektion sind unabdingbar. Interessant ist auch die kritische Haltung zur Delfin-Therapie, die Arbeit mit Hunde und Pferden wird dagegen sehr positiv gesehen.

Zielgruppen

Psychologen, Therapeuten, Pädagogen

Fazit

Ein Buch, das die Thematik (und mehr) umfassender dargestellt ist.

Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
ehem. Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen in Dorfen, Erding und Markt Schwaben im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Es gibt 178 Rezensionen von Lothar Unzner.

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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 02.02.2015 zu: Henri Julius, Andrea Beetz, Kurt Kotrschal, Dennis C. Turner, Kerstin Uvnäs-Moberg: Bindung zu Tieren. Psychologische und neurobiologische Grundlagen tiergestützter Interventionen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2014. ISBN 978-3-8017-2494-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17714.php, Datum des Zugriffs 03.10.2022.


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