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Micha Hilgers: Scham. Gesichter eines Affekts

Rezensiert von Elisabeth Vanderheiden, 03.03.2015

Cover Micha Hilgers: Scham. Gesichter eines Affekts ISBN 978-3-525-46251-5

Micha Hilgers: Scham. Gesichter eines Affekts. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2013. 4., erweiterte Auflage. 370 Seiten. ISBN 978-3-525-46251-5. 29,99 EUR.

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Thema

Micha Hilgers widmet sich in seinem Buch „Scham. Gesichter eines Affekts“ den verschiedenen Aspekten des Schamgefühls, den eher positiven, heilenden und schützenden Aspekten ebenso wie traumatischen oder chronischen Schamgefühlen, die zu Gewalt, selbstschädigendem Verhalten, Sucht oder Suizidalität führen können. Er beschäftigt sich intensiv mit der Dynamik von Schamreaktionen und Schamkonflikten vor allem in therapeutischen Behandlungen. Unterschiedliche Schamgefühle wie existentielle Scham, Idealitätsscham, Kompetenzscham stellt er in ein entsprechendes theoretisches Konzept. Gerade für TherapeutInnen oder SupervisorInnen oder sich in der Ausbildung von zukünftigen TherapeutInnen engagierende Personen, liefert das Buch wichtige Basisinformationen, viele anregende Beispiele aus dem Therapiealltag und Vorschläge für die Umsetzung in der eigenen (therapeutischen) Praxis.

Autorin

Dipl.-Psych. Micha Hilgers ist niedergelassener Psychoanalytiker in Aachen und Supervisor in verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen. Zwanzig Jahren lang war er als Berater in der forensischen Psychiatrie tätig und darüber hinaus engagiert er sich im Rahmen von Coachings und der Beratung von Unternehmen, Institutionen und Verbänden, sowie in der Ausbildung von PsychotherapeutInnenen und PsychoanalytikerInnen.

Aufbau und Inhalt

Hilgers Ausführungen liegen im Wesentlichen die folgen Hypothesen zugrunde:

  1. Schamgefühle entstehen in der frühen Kindheit und begleiten Menschen lebenslang. Dabei ist Scham weder ein vorrangig pathologisches Gefühl noch ist es an eine bestimmte Lebensphase gebunden, weder entwicklungspsychologisch in Hinblick auf seine Entstehung noch bezogen auf seine Auslöser. (16)
  2. Jede Alterstufe bzw. Lebensphase kennt Schamgefühle, die sich teilweise durchaus spezifisch auswirken können, z. B. bei dem Säugling, bei dem bestimmte Bedürfnisse unbeantwortet bleiben oder dem alternden/alten Menschen, der sich wegen seines Autonomieverlustes oder seiner körperlichen Einschränkungen schämt. Scham und Stolz haben entscheidende regulierende Funktionen in Hinblick auf menschliche Entwicklungen. Da es entwicklungspsychologisch keine „Schamphase“ gibt und auch keinen „Selbstzustand, der spezifisch für Scham verantwortlich ist“, gibt es auch kein Schamgefühl schlechthin – so Hilgers Schlußfolgerung. (16)
  3. Zur „Familie der Schamgefühle“ gehören eine Reihe von sehr unterschiedlichen Affekten: Verlegenheit, Intimitätsscham, Abhängigkeitsscham, Scham in Bezug auf die Abweichung von (Selbst)Ideal und Abweichung, Scham, die sich aus empfundener oder zugewiesener Schuld ergibt etc. Scham ist dabei zunächst kein pathologisches Gefühl, sondern ein bedeutsamer Regualtionsmechanismus des „Selbst wie auch der Beziehungen zwischen dem Selbst und den anderen“. (16f)
  4. Schamgefühle oder ihr Nicht-Verhandensein – so Hilgers vierte These – sind ein entscheidender Faktor „bei allen psychischen und wohl auch bei den meisten körperlichen Erkrankungen“. (17)

In der vierten Auflage seines Buches widmet sich Hilgers den unterschiedlichen Facetten des Phänomens Scham:

Zunächst untersucht der Autor in ersten Kapitel die phänomenologischen Aspekte, z. B. welche Schamaffekte sich beschreiben lassen (Existentielle Scham, Kompetenzscham, Initimitätsscham, Schande, Idealitätsscham, Scham im Kontext von Beziehungen), welche sozialen Implikationen damit verbunden sind, und in welchem Zusammenhang Scham und Rollenkonflikte stehen. Ausführlich geht er der Frage nach, warum in Psychoanalyse und -therapie das Thema Scham erst in den letzten Jahren Beachtung erfährt, während etwa Schuld traditionell eine viel stärkere Berücksichtigung erlebt/e. In diesem Sinne fordert Hilgers ein, Scham in therapeutischen Kontext viel ernster zu nehmen und als TherapeutIn den eigenen Umgang mit Scham neu zu überdenken, aber auch die Thematik viel stärker in therapeutische Ausbildungskontexte einzubeziehen.

Im zweiten Kapitel begibt sich Hilgers auf die Suche nach den biologischen und wissenschaftstheoretischen Grundlagen affektiven Erlebens. Dabei spricht er sich dafür aus, sich nicht auf rein biologistische oder neurobiologische Erklärungsversuche zu beschränken, sondern neben biologischen und genetischen Aspekten auch Umwelteinflüsse und biographisch-historische Aspekte zu berücksichtigen bzw. die jeweiligen Interdependenzen. Dabei kommt er zum Schluss, das Werte und Intentionen eng mit Emotionen verknüpft sind: „Scham ist die heimliche Emotion schlechthin – versteckt vor anderen und häufig auch vor dem eigenen kritischen Blick. Und Scham ist ein Affekt, der mit individuellen Wertsetzungen untrennbar verbunden ist: zwar existieren eine Reihe von mehr oder weniger ubiquitären Schamszenen, wie etwa solche bei plötzlichem Misslingen einer eigentlich beherrschten Handlung – womöglich unter Zeugen.“ (44) Zurecht weist Hilgers auf die soziale Komponente hin, wenn er ausführt: „Die angeborenen Verhaltensdisposition, Scham zu empfinden, erfährt ihre je individuelle wie gesellschaftliche Ausprägung in Peergruppen.“ (45). Der Scham kommt dabei eine „selbst- wie sozialregulative Funktion zu“. (45)

Im dritten und vierten Kapitel beschreibt Hilgers relevante Aspekte von Scham im klinischen Kontext, in dem er folgende Ausgangslage formuliert: Schamkonflikte begleiten einerseits Selbstentwicklung und Selbstaktualisierung lebenslang (46) und spielen auch bei zahlreichen psychischen Störungen eine relevante Rolle, andererseits kann die Realisierung von psychischen Erkrankungen auch Scham auslösen, z. B. bei Depressionen, sozialen Phobien etc. Hilgers kommt dabei zu der Schlussfolgerung, dass es keine Schamkrankheiten im eigentlichen Sinne gibt, aber beinahe jede Psychopathologie ihre eigenen Schamdynamik hat (48). Besonderes Augenmerk richtet Hilgers in diesem Kapitel auf den Schamfaktor bei Behandlungsbeginn, Erstkontakten, der Therapievorbereitung, -aufklärung und -transparenz, der Indikation und der Rolle der Angehörigen und bei Gruppensettings.

Das fünfte Kapitel stellt ausführlich die Schamdimensionen in Hinblick auf einzelne psychische Störungen dar, etwa in Hinblick auf soziale Phobien, körperdysmorphe Störungen (im Sinne von exzessiver Beschäftigung mit der Überzeugung, missgestaltet zu sein), Derealisations- und Depersonalisationserscheinungen, Schizophrenie, Zwangsstörungen, suizidalen Syndromen, hypochondrischen Ängsten, Depressionen, Borderline-Störungen (recht ausführlich), Essstörungen, beim hysterischen Modus, posttraumatischen Belastungsstörungen und psychophobischen Handlungen.

Im sechsten Kapitel untersucht Hilgers die Implikationen von Schamkonflikten bei somatischen Erkrankungen und blickt hierbei insbesondere auf KrebspatientInnen und ihre Angehörigen und auf Schamkonflikte im Alter und bei dementiellen Erkrankungen.

Im siebten Kapitel nimmt er vor allem Schamkonflikte im Rahmen stationärer Behandlungen in den Blick, z. B. bei Menschen mit schweren Symptomen, schwerem destruktivem Agieren, psychotischen Erkrankungen oder Suchtmittelabhängigkeiten oder bei PatientInnen mit psychosozialen Umfeldbedingungen, die eine Trennung vom umgebenden Umfeld / Milieu sinnvoll erscheinen lassen.

Die Kapitel 8 „Technischer Umgang mit Schamkonflikten“ und Kapitel 9 „Schamkonflikte bei stationärer und ambulanter Gruppenpsychotherapie“ stellen sicherlich sowohl vom Umfang als auch im Hinblick auf die beschriebenen Details und den Konkretisierungsgrad einen Schwerpunkt von Hilgers Ausführungen dar:

So widmet er sich in Kapitel 8 etwa Fragen nach der psychotherapeutischen Behandlung als dosierte Abfolge maßvoller Schamerlebnisse, negativen therapeutischen Reaktionen als Folge von Schamkonflikten, iatrogene Schamquellen, Müdigkeitsreaktionen des Therapeuten, Sexualisierung und erotische Übertragungsbeziehungen, Schamkonflikten und körpertherapeutische Verfahren in der Psychoanalyse oder auch typischen Schamszenen in der Gegenübertragung.

Kapitel 9 bietet vor allem zahlreiche Hinweise für einen Umgang mit Schamkonflikten bei stationärer und ambulanter Gruppenpsychotherapie, z. B. bei unterschiedlichen Schamaffekten in einer Gruppe, unterschiedlichen Gruppensettings, Indikation bei Patienten mit ausgeprägten Schamkonflikten
und Minderwertigkeitsgefühlen, typischen Schamkonflikten in einer Gruppentherapie, schamreduzierenden Rahmenbedingungen in der Therapie, technischen Überlegungen zur Handhabung von Schamkonflikten zu Beginn und im weiteren Verlauf der Gruppenbehandlung etc.

Kapitel 10 „Spezielle Schamkonflikte in Ausbildungs- und Supervisionsgruppen“ bearbeitet unter anderem Schamkonflikte in Supervisionsgruppen und im Kontext von Teamsupervisionen und zufällig zusammengesetzten Gruppen.

In Kapitel 11 untersucht Hilgers die Schamaspekte im Zusammenhang mit Dissozialität im forensischen und nichtforensischen Kontext, in ambulanten und stationären Settings. Dabei schildert er nicht sehr konkrete Fallbeispiele, sondern dokumentiert auch ein exemplarisches Therapiegespräch in Einzelschritten.

Die entwicklungspsychologischen und familiendynamischen Aspekte von Schamkonflikten stehen im Mittelpunkt des 12. Kapitels. Hier weist Hilgers darauf hin, das Menschen die ersten Schamerfahrungen mit ihren primären Bezugspersonen machen (293) und demzufolge „der Anreiz, Aufgaben zu meistern und Scham in Stolz zu verwandeln“ im wesentlichen in der Herkunftsfamilie heranwächst oder verkümmert. Dabei betont er, dass es „keine spezielle Entwicklungsphase gibt, die speziell Scham zum Inhalt hätte“ (296) und kommt zum Schluss, dass „nach dem Auftauchen des Schamaffektes als Verhaltens- und Erlebnismöglichkeit diese Fähigkeit des Verhaltens und Erlebens zeitlebens erhalten bleibt“ (296). Hilgers bezieht in seine Ausführungen historische und aktuelle Ergebnisse zur Säuglings- und Affektforschung ein (Erikson, Stern, Lichtenberg etc.). Er geht dabei von ersten Vorläufererscheinungen der Scham (Verlegenheit etc.) bei Säuglingen ab dem 4. oder 5. Monat aus, von stärkeren „Schamreaktionen als Ausdruck eines bereits entwickelten Konzeptes vom Selbst“ (304) ab dem sechsten Lebensjahr. In diesem Zusammenhang berücksichtigt Hilgers auch durchaus geschlechtsspezifisch-unterschiedliche Dimensionen und kulturell-gesellschaftliche relevante Faktoren und Werte, die sich entsprechend prägend auswirken. Hilgers betont dabei – in Anlehnung an Leon Wurmser – die positive Dimension von Scham im Sinne ihrer entwicklungs- und identitätsfördernden Funktion (308). So beschreibt er Scham als einen „Stachel, der zur Realitätsbewältigung auffordert, solange der Betreffende ausreichende Möglichkeiten zur Bewältigung und zum Erwerb neuer Kompetenzen sieht“ (309). Erfolgreich bewältigte Scham – so Hilgers – kann sich in Stolz über die eigene äußere wie innere Stärke verwandeln und so entwicklungsfördernd wirken: „Scham als Selbstaffekt begleitet die ständige Aktualisierung eigener Konzepte und Vorstellungen, maßvolle Schamkonflikte fördern die Fähigkeit, sich in andere zu versetzen und zu fühlen, was diese vermutlich empfinden werden oder würden – Voraussetzung jeder Empathie und Soziabilität. Die Fähigkeit zwischen Selbsterleben und Selbstobjektivierung zu oszillieren und dabei begleitend maßvolle Gefühle von Scham und Stolz zu erleben, macht reife Identität und psychische Gesundheit aus.“ (311)

Hilgers weist dabei der Scham in Anlehnung an Seidler eine „Schnittstellenfunktion“ zu: „Identität als Fähigkeit zur Abgrenzung und zum Mit-sich-Sein als auch zu intimen Nähe mit anderen ist ohne ständige Schamkonflikte nicht denkbar. Die Chance zur Entwicklung von Eigenständigkeit wie auch zur Hinwendung zu anderen liegt in der Fähigkeit, Scham zu ertragen und sich ihrer Herausforderung immer wieder neu zu stellen.“ (312). Es schließen sich weitere Ausführung zum Komplex „Scham und sexuelle Identität“ sowie zu „Scham und familiärer Gewalt“ an.

Das dreizehnte Kapitel widmet sich transkulturellen und gesellschaftlichen Aspekten von Scham und eröffnet dabei einen durchaus vielfältigen, fast disparat wirkenden Themenfächer, der sich zum einen Fragen stellt nach dem Zusammenhang von Scham und Innovation, dem Komplex „Scham und Migration“, Scham-Fremdscham und rechte Gewalt bis hin zu den zivilisationstheoretischen Kontroversen von Norbert Elias und Hans Peter Duerr oder der Frage der Scham(losigkeit) in elektronischen Medien.

Fazit

Micha Hilgers bietet in seinem Buch vielfältige und spannende inhaltliche Zugänge zum Thema Schamaffekt. Unverzichtbar und inspirierend ist es sicherlich für LeserInnen, die als TherapeutInnen oder SupervisorInnen tätig sind oder sich in der Ausbildung von zukünftigen TherapeutInnen engagieren. Hier liefert das Buch wichtige Basisinformationen, viele anregende Beispiele aus dem Therapiealltag und handlungsorientierte Vorschläge für die Umsetzung in der eigenen (therapeutischen) Praxis.

Wichtig ist auch, dass hier explizit der Themenkomplex „Alter und Scham“ aufgenommen wurde, u. a. im Hinblick auf die Angehörigen und das betreuende Personal. Andere bedeutsame Aspekte werden ebenfalls berücksichtigt, etwa die transkulturelle Dimension, das Thema Medien und Scham oder rechte Gewalt und Scham. Hier wäre aber eine etwas ausführlichere und intensivere Beschäftigung mit den hier eher angerissenen Fragestellungen – z. B. in einer 5. Auflage - wünschenswert.

Rezension von
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Es gibt 184 Rezensionen von Elisabeth Vanderheiden.

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ISSN 2190-9245