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Martha Craven Nussbaum: Politische Emotionen

Cover Martha Craven Nussbaum: Politische Emotionen. Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2014. 622 Seiten. ISBN 978-3-518-58609-9. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.
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Thema

Emotionen sind nicht nur Affekte und Gemütsbewegungen, sondern sollen bestimmt werden von Einschätzungen und Bewertungen. Diese Zuschreibung berührt die ganze Tragweite des philosophischen Nachdenkens über Rationalität und Emotionalität. In der griechischen Philosophie wird „pathos“ als Widerfahrnis und Affekt bezeichnet, „was einem widerfährt“ und „was man erleidet“, also als negative und positive Vorgänge, wie etwa Begierde, Zorn, Furcht, Mut, Neid, Freude, Zuneigung, Hass, Sehnsucht Eifersucht und Mitleid benannt, oder als Affekte, Sanftmut, Scham, Freundlichkeit als Tugenden und Verhaltensweisen bezeichnet.(Ch.Rapp, in Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 427ff). Eine besondere Herausforderung beim philosophischen Denken über alle Zeiten hinweg gilt der Frage, ob und ggf. wie Affekte, die sich als Gemütsbewegungen darstellen, durch die Vernunft steuer- und beherrschbar sind. Im abendländischen Denken erhält dabei die Emotion einen eher negativen Beigeschmack, mit der Herausforderung, emotionales Verhalten dem rationalen Denken unterzuordnen (Hellmut Flashar, Aristoteles. Lehrer des Abendlandes, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/16033.php); im Gegensatz zu anderen kulturellen und philosophischen Identitäten (vgl.: Christine Kupfer, Bildung zum Weltmenschen. Rabindranath Tagores Philosophie und Pädagogik, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/16359.php).

Entstehungshintergrund und Autorin

Die Herausforderung ist erkennbar: Wenn Emotionen mehr sein sollen als nicht steuerbare und nichtbeeinflussbare Gemütsbewegungen, die Willkür, Macht, Gewalt und momentane Verhaltensweisen hervorbringen und damit ein gerechtes, friedliches und gedeihliches Zusammenleben der Menschen auf der Erde unmöglich machen, bedarf es neuer Stellschrauben, Denk- und Verhaltensmodelle; insbesondere in den Zeiten der sich immer interdependenter, entgrenzter und globaler entwickelnden (Einen?) Welt. In der „globalen Ethik“, wie die in der allgemeingültigen und nicht relativierbaren Menschenrechtsdeklaration, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948, bezeichnet wird, sind die Grundlagen dafür gelegt: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Menschenrechte. Internationale Dokumente, Bonn 1981, S. 48).

So verwundert es schon, dass die emotionalen Aspekte und Bedeutungen beim nahen und fernen Zusammenleben der Menschen eine eher negative Notation erhalten. Die Soziologin von der Universität Jerusalem, Eva Illouz, hat in ihrer ausführlichen Rezension zu Martha Nussbaums Buch „Politische Emotionen“ die Frage gestellt, ob Emotionen politisch sind und der Autorin vorgehalten, sie würde bei ihrer Definition die Emotion zu sehr philosophieren und zu wenig institutionalisieren (Eva Illouz, Lieben bis zum Abwinken, in: DIE ZEIT, Nr. 42, vom 9. 10. 2014, S. 55). Damit aber, so scheint es mir, missversteht sie das Anliegen von Martha Nussbaum völlig. In ihrem Projekt geht es ihr vor allem darum, eine liberale, demokratische Gesellschaft zu skizzieren, in der die real existierenden rationalen und emotionalen Verhaltensweisen als gleichberechtigte Formen individuellen und kollektiven Denkens und Handelns zum Guten des Ganzen wirken können: „Da wir es mit realen Gesellschaften und realen Menschen zu tun haben, liegt der Schwerpunkt auf dem Streben nach einem Gerechtigkeitsideal und nicht auf der schon erreichten Gerechtigkeit“.

Aufbau und Inhalt

Das Buch „Polical Emotion. Why Love Matters für Justice“ von Martha C. Nussbaum ist 2013 in englischer Sprache in The Ballknap Press of Harward University Press erschienen. Der Suhrkamp-Verlag legt es nun in deutscher Sprache vor. In der Einführung benennt die Autorin „Ein Problem in der Geschichte des Liberalismus“, bei dem nicht hinreichend geklärt zu sein scheint, was Liberalität im Grunde ausmacht, nämlich „dass Frauen und Männer so genommen werden, wie sie sind, anstatt alles Unvollkommene mit Hass zu verfolgen“. Um Missverständnissen und Missinterpretationen vorzubeugen (siehe Eva Illouz), stellt Martha Nussbaum gleich hier fest:

  1. Die Theorie der politischen Emotionen geht von einigen normativen Festlegungen aus. Sie beschreibt diese Prinzipien, begründet sie aber nicht, sondern sie fragt, wie sie durch Emotionen stabilisiert, nicht behindert werden können.
  2. Die Theorie basiert auf dem „politischen Liberalismus“, der jedoch nicht, wie etwa bei Jean Jacques Rousseau, Auguste Comte und John Stuart Mill sich als „Zivilreligion“ darstellt, sondern auf einen übergreifenden Konsens über Weltanschauungen beruht, die gleichwertig und gleichberechtigt in der Gesellschaft vorhanden sind.
  3. Emotionen beruhen auf allgemeinen und besonderen Aspekten. Sie sind in einer bestimmten normativen Konzeption wirksam, und sind bezogen auf historische, kulturelle, politische und ideologische Entwicklungen.
  4. Ideal und Realität: In der Analyse wird davon ausgegangen, dass Institutionen Emotionen zu stabilisieren vermögen.

Die folgenden Ausführungen werden in drei Kapitel gegliedert. Im ersten wird die Geschichte der Emotionalität aufgeschlüsselt, mit den Urtexten der liberalen Demokratie in der Neuzeit: Rousseau, Herder, Mozart, ja Mozart, wie die Autorin mit seiner Oper „Die Hochzeit des Figaro“ aufzeigt und sogar emanzipatorisch begründet. Mit Freiheitswerten, wie sie die Zeit nach der Französischen Revolution von Comte und John Stuart Mill, die mit den Prämissen der Religions-, Rede- und Gewissensfreiheit die Auguste standesgemäßen, „gottgewollten“ Hierarchien zu überwinden trachteten. Es sind die Forderungen nach allgemeiner und sozialer Gerechtigkeit, die eine gerechte, liberale und demokratische unabdingbar benötigt. Besonders Mills Theorien fanden Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei bengalischen Intellektuellen Aufmerksamkeit, so dass sich mit dem philosophischen und kulturellen Wirken von Rabindranath Tagore (1861 – 1941) ein europäisch-asiatischer Brückenschlag vollzog, bei dem sich die Aufmerksamkeit der europäischen Intellektuellen auf eine andere Auffassung von Religiosität, Emotionalität und Emanzipation richtete. Es waren Tagores Tanzdramen, die Erstaunen, freilich auch Widerstand ob der selbstbewussten Zurschaustellung von kreativen Freiheiten der Frauen, in Europa hervorriefen: „Da solche Emotionen niemals vollständig mit Worten ausgedrückt werden können, haben sie gesungen“. Klar ist, dass John Stuart Mills und Rabindranath Tagores Kultur-, Religions- und Freiheitskonzepte den heutigen, pluralistischen Ansprüchen an eine liberale und demokratische Gesellschaft nicht genügen; doch mit dem Hinweis auf interkulturelle Einflüsse bei der Betrachtung von Emotionen will die Autorin zweifelsohne die Notwendigkeit betonen, den gefühlsbetonten Paradigmen bei der emotionalen Identifizierung des zôon politicon, des politischen Lebewesens (Welt-)Mensch, eine stärkere Aufmerksamkeit zu widmen.

Im zweiten Kapitel werden „Ziele, Mittel, Probleme“ problematisiert, die Gesellschaften haben, die nach Gerechtigkeit streben. Weil jede politische und gesellschaftliche Idealvorstellung von spezifischen Emotionen getragen, befördert oder behindert wird, kommt es darauf an sich bewusst zu machen, dass eine gerechte Gesellschaft niemals vollständig ist, sondern sich immer im Wandlungsprozess befindet – hin zu einem menschenwürdigem Leben aller Menschen, und auch der anderen Lebewesen, die unsere Erde bevölkern. So kann sich „Mitgefühl“ bilden, und zwar nicht im altruistischen oder gar egoistischen Sinne, sondern als humane Überzeugung. Die Frage nach dem Mitgefühl oder der Empathie drückt in der echten Bedeutung des Wortes und Empfindens ja nicht mehr und nicht weniger aus als die Kompetenz, das Wörtchen „Mit“ mit humanem Leben zu füllen, und zwar für alle Mitlebewesen auf der Erde. Wie aber ist in einer liberalen Gesellschaft mit dem „radikalen Bösen“ (Kant) umzugehen? (vgl. dazu auch: Daniel N. Stern, Ausdrucksformen der Vitalität, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11513.php). Die Antwort der Autorin: Ohne Liebe geht es nicht! Ohne Bildung und Erziehung auch nicht!

Im dritten Kapitel geht es um „öffentliche Emotionen“, die sich im öffentlichen, nicht privaten Raum vollziehen. Da kommen Patriotismen, Nationalismen und Ethnoismen ins Spiel. Dass diese -ismen bei der Betrachtung von Emotionen in vielfacher Hinsicht bedeutsam, institutionell, kongenial, produktiv, aber auch kontraproduktiv, ideologisch und zerstörerisch wirksam sein können, zeigt die Autorin mit historischen und aktuellen Beispielen auf. Besonders in diesem Kapitel wird die Schwerpunktsetzung von Martha Nussbaums Analyse deutlich: Sie bezieht sich überwiegend mit ihren Beispielen und Argumentationen auf die historischen, gesellschaftlichen und politischen Situationen in den USA und in Indien: Washington und / versus Tagore, Lincoln und / versus Gandhi, Martin Luther King und / versus Nehru, Grüne Revolution und / versus New Deal, Football und / versus Kricket, Central Park und / versus Old Delhi…

Zum besseren Verständnis, weshalb die Autorin in ihrem Buch der Bedeutung und Wirkung von Gefühlen bei der Musik einen so großen Stellenwert beimisst, ist es gut, dass sie in einer kurzen, im Anhang abgedruckten Zusammenfassung auf ihre Theorie der Emotionen – Upheavals of Thought – verweist, wonach „alle Gefühle ein auf ein Objekt gerichtetes intentionales Denken oder Wahrnehmen sowie eine Bewertung dieses Objekts vom Standpunkt des Akteurs aus beinhalten“.

Fazit

Gerechtigkeit braucht Liebe! Stabilität ist ohne ein emotionales Engagement nicht möglich! Das Streben nach Gerechtigkeit geht mit Unvollkommenheit einher! Diese Be- und Erkenntnisse können umreißen, was Martha C. Nussbaum in ihrem umfang- und kenntnisreichen Buch „Politische Emotionen“ mit vielfältigen Nuancen, Exempeln und Konzepten ausführt. Sie erhebt dabei nicht den Anspruch, „permanent echte Gefühle“ zu propagieren, sondern „nur, dass genügend Menschen in einem genügend großen Zeitraum genügend empfinden“. Die Autorin legt damit (natürlich!) keine Rezepte vor, wie Menschen im gesellschaftlichen und politischen Raum agieren sollen – mit mehr Rationalität oder mehr Emotionalität? Dass sie mit ihrer Analyse auf das emotionale Denken und Handeln als humane Eigenschaft eine neue Aufmerksamkeit richtet, ist verdienstvoll und hilfreich für die Bildung und Entwicklung einer humanen, gerechten, friedlichen und liebenden (Welt-)Gesellschaft. Widersprüche dazu mögen sich als rationale und emotionale Argumente bilden – nicht jedoch aus interessengeleiteten oder gar ideologischen Gründen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 12.11.2014 zu: Martha Craven Nussbaum: Politische Emotionen. Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2014. ISBN 978-3-518-58609-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17720.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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