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Jan Eckel: Die Ambivalenz des Guten

Cover Jan Eckel: Die Ambivalenz des Guten. Menschenrechte in der internationalen Politik seit den 1940ern. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2014. 936 Seiten. ISBN 978-3-525-30069-5. D: 89,99 EUR, A: 92,60 EUR, CH: 112,00 sFr.
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Die Sprache der Menschenrechte

1998, 50 Jahre nach der Proklamation der „globalen Ethik“, der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ vom 10. Dezember 1948 durch die Vereinten Nationen, wurde im UNESCO-Kurier, dem Sprachrohr der Sonderorganisation der UN, mit einem großen Aufmacher eine Art Bestandsaufnahme über die Entwicklung und Wirkung der Menschenrechtsdeklaration mit der Aufforderung vorgenommen: „Der Kampf geht weiter!“. Der damalige Präsident der peruanischen Menschenrechtsorganisation und Vizepräsident der Internationalen Liga der Menschenrechte, Francisco Soberón, weist dabei darauf hin, dass „der lange Weg“, der notwendig ist, um „Alle Rechte für alle“ durchzusetzen, als Aufgabe und Herausforderung für jeden Menschen auf der Erde gilt; er registriert aber auch „den Siegeszug einer weltweiten Menschenrechtskultur, die von der Bereitschaft getragen wird, Bürgerrechtsorganisationen das Recht auf Kontrolle staatlichen Verhaltens zuzugestehen“. Die seinerzeitige Europakommissarin für humanitäre Angelegenheiten, Emma Bonino, reklamiert: „Schluss mit zweierlei Maß!“ und plädiert für eine auf der Grundlage der Menschenrechte basierenden Realpolitik: „An der Wahrung der Menschenrechte muss Tag für Tag gearbeitet werden“. Und die französisch-tunesische Historikerin und Journalistin Sophie Bessis thematisiert mit ihrer Warnung „Hände weg von meiner Erklärung!“ die Tendenzen, die unantastbare, nicht relativierbare und allgemeingültige Menschenrechtsdeklaration durch ethnische und kulturelle Besonderheiten zu verändern.

Die Auseinandersetzungen um die universelle Geltung oder der Berücksichtigung von Besonderheiten der Menschenrechte bestimmen bis heute den Diskurs. Zahlreiche Menschenrechtsverletzungen werden tagtäglich und in vielen Ländern und Gesellschaften der Erde registriert; immerhin wenigstens „registriert“, werden die einen sagen, „mehr nicht?“ werden die anderen fragen. Das Dilemma ist deutlich! In der Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es, zur Begründung der Proklamation der Menschenrechtsdeklaration u.a., „da Verkennung und Missachtung der Menschenrechte zu Akten der Barbarei führten, die das Gewissen der Menschen tief verletzt haben, und da die Schaffung einer Welt, in der den Menschen, frei von Furcht und Not, Rede- und Glaubensfreiheit zuteil wird, als das höchste Bestreben der Menschheit verkündet worden ist…, proklamiert die Generalversammlung diese Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als das von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal…“. In Artikel 1 wird gleichsam die Voraussetzung dafür gelegt: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren…“.

Im Rezensionsdienst socialnet werden zahlreiche Werke und Forschungsergebnisse zur Frage nach den Menschenrechten vorgestellt. Allein im Stichwortverzeichnis werden mehr als 60 Publikationen zur Thematik ausgewiesen (vgl. dazu auch: Jos Schnurer, Zum 60. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948, 11.12.2008, www.socialnet.de/materialien/46.php; sowie: „Kein Mensch kann ein Volk hassen, von dem er mehrere Einzelmenschen zu Freunden hat“, 22.04.2014, www.sozial.de Schnurer´s Beiträge).

Entstehungshintergrund und Autor

Der Wille und die Hoffnung auf Verwirklichung eines guten, gelingenden Lebens für jeden Menschen auf der Erde, diese anthropologische Vision ist Grundlage der Menschenrechtserklärung und damit das Faktum für eine globale Ethik. Menschenrechte lassen sich nur im Rahmen eines freiheitlichen und demokratischen Rechtsanspruchs auf der Basis von individuellen und kollektiven Rechten und Pflichten verwirklichen. Die Studie will eine globalhistorische Analyse von sich weltweit erstreckenden, in unterschiedlichen Weltregionen sich verknüpfenden transnationalen Verflechtungen zu differenziert wahrgenommenen und politisch, kulturell und weltanschaulich auflaufenden Fragen und Problemstellungen vornehmen. „Sie kreist um den Zusammenhang von Gewalt- oder Unrechtswahrnehmungen und Schutzpolitik …(und) sie rückt Probleme der Herrschaftslegitimation und Wirkmechanismen der Öffentlichkeit in den Fokus“.

Der Historiker von der Universität Freiburg, Jan Eckel, legt mit dem umfangreichen Buch eine überarbeitete und gekürzte Fassung seiner Habilitationsschrift vor, die er im Mai 2013 an der Freiburger Universität eingereicht hat

Aufbau und Inhalt

Das umfangreiche Buch wird in zwei Teile gegliedert und ist in mehreren Untertiteln gegliedert.

Im ersten Teil der zeitgeschichtlichen Betrachtung über die internationale Menschenrechtspolitik wird die Entwicklung von den 1940er bis zu den 1960er Jahren thematisiert; und im zweiten Teil wird das Jahrzehnt der 1970er bis 1980er Jahre betrachtet. Im Prolog, der zwischen der Einleitung und dem ersten Teil angeordnet ist, diskutiert der Autor die Vorgeschichte der internationalen Menschenrechtspolitik vor 1945 als historiographische Fragestellung. Dabei setzt er sich mit zwei grundsätzlich unterschiedlichen, historischen und analytischen Betrachtungsweisen auseinander: Zum einen sind es die wissenschaftlichen Versuche, „die die Menschenrechtsgeschichte als einen großen, vor sich hinfließenden Strom der Entwicklung darstellen, der in allen Epochen sehr eng verwandte oder sogar identische Phänomene hervorgebracht hat“ (vgl. dazu: Christoph Menke / Arnd Pollmann, Philosophie der Menschenrechte zur Einführung, 2007, www.socialnet.de/rezensionen/7118.php); zum anderen sind es die geneologischen Zugänge, die sich überwiegend an religiösen, philosophischen, staats- oder rechtstheoretischen Vorstellungen orientieren. (vgl. dazu z. B.: Hans Joas, Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12425.php). Eckels (weiterführender und nunancierter) Ansatz besteht in einer „fundamental retrospektive(n) und damit auch … konstruktivistische(n) Operation“, was besagt, „man bestimmt ein historisches Phänomen zu einem gegebenen Zeitpunkt und untersucht dann frühere Phasen darauf hin, was es vorbereitet haben oder wo es schon ähnlich aufgetreten sein könnte“. Bei diesem Sauseschritt durch die ältere Geschichte des Menschenrechtsdiskurses wird deutlich, dass erst mit der Gründung (1945) und der Arbeit der Vereinten Nationen institutionalisierte, systematische und weltumspannende Aktivitäten zu Menschenrechtsfragen einsetzen konnte, die sich nicht zuletzt dadurch intensivieren konnte, dass sich in vielen Ländern und Weltregionen Menschenrechts-Organisationen (NGO) bildeten, die in den folgenden Jahrzehnten effektive und nicht mehr hinwegzudenkende Initiativen entwickelten.

Im ersten Teil sind es die „Ziele, Pläne, Hoffnungen für die Nachkriegszeit“, die den historischen Aufriss der Entwicklungen in den 1940er bis 1960er Jahren bestimmen. Neben den gesellschaftlichen und weltanschaulichen Akteuren sind es vor allem die Aktivitäten und Programmatiken, die durch die Gründung der Vereinten Nationen, 1945, zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 führte. In einem breiten Diskurs erläutert der Autor die Situationen, bei denen um den Wortlaut der Menschenrechtsdeklaration gerungen wurde und ethnozentrierte, nationale und ideologische Positionen eingebracht, verworfen und schließlich auch etabliert wurden. Darin lassen sich endlich auch die Gründe erkennen, die sich in der Kritik an der Menschenrechtserklärung bis heute festmachen: Dominanz der westlichen Staaten, unzureichende Berücksichtigung von Traditionen, Sitten-, Moralvorstellungen und kulturellen Identitäten einzelner Gesellschaften und Völker, Verwässerung und Verharmlosung der Werte- und Normensetzungen…; was den Autor in seiner Analyse dazu bringt, in diesem Zusammenhang von den Vereinten Nationen als „schwacher Akteur“ zu sprechen. Noch weniger bedeutsam und innovativ zeigten sich in dem genannten Zeitraum die Aktivitäten bei der Bildung von regionalen Macht- und Neuordnungsversuchen, etwa beim Europarat und der Organisation Amerikanischer Staaten. Unter Bezugnahme auf die UN-Menschenrechtsdeklaration hat der Europarat am 4. November 1950 die „(Europäische) Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten“ verabschiedet, die aus 66 Artikeln besteht und mit mehreren „Zusatzprotokollen“ (März 1952, Mai 1963, September 1963) versehen ist. Trotz der Initiativen von einzelnen (west-)europäischen Staaten, der Europäischen Menschenrechtskonvention von Anfang an eine verpflichtendere und rechtsnormorientierte Bedeutung zuzuschreiben, waren es die Folgen des Kalten Krieges, die, so der Autor, die Konvention eher als Bremsklotz denn als Motivator für den beginnenden europäischen Einigungsprozess wirken ließ. Noch größere Probleme zeigten sich bei den inter-amerikanischen Entwicklungen. Insbesondere die mittel- und südamerikanischen Staaten agierten gegen jede Form von politischer und ideologischer Intervention durch die USA, insbesondere bei den Diskussionen in der OAS. Die Furcht vor dominanten wie vor revolutionären Entwicklungen trugen dazu bei, dass der Menschenrechtsdiskurs in dieser Region in diesen Jahrzehnten praktisch nicht stattfand. Völlig andere, wirkungsmächtigere Bedeutung hatten von Anfang an Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO), die neben der staatlich institutionalisierten Verantwortlichkeit für Menschenrechte für einen nicht-staatlichen Internationalismus eintraten und so die heute nicht mehr wegzudenkende Bedeutung von nicht-staatlichen Akteuren im Menschenrechtsdiskurs etablierte. Da sind die britische „Anti Slavery-Society“, die „International Commission of Jurists“ und insbesondere die „International League for the Rights of Man“, die 1941 in New York gegründet wurde. Besonders die sich durch das Ende des Zweiten Weltkriegs entwickelnden Formen von humanitärer Hilfe einerseits und Selbstschutz- und Sicherheitsdenken andererseits, wie auch das beginnende Nachdenken über Dekolonialisierung in Europa, Nord- und Lateinamerika, Afrika und Asien, brachten die Vereinten Nationen in ein Dilemma, das sich eher in einer „Sowohl-als-auch“ – Menschenrechtspolitik niederschlug und aktivitätslähmend wirkte. Als die Vereinten Nationen am 7. März 1966 das „Internationale Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung“ verabschiedeten, in dem in der Präambel dezidiert und deutlich auf die Grundsätze der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte Bezug genommen und an die bereits am 20. November 1963 proklamierte Antirassismus-Erklärung erinnert wurde, da keimten Hoffnungen auf, dass die internationalen Aktivitäten zur Durchsetzung der Menschenrechte einen neuen Aufschwung erfahren würden; denn in Artikel 1 heißt es: „Rassendiskriminierung (ist) jede auf der Rasse, der Hautfarbe, der Abstammung, dem nationalen Ursprung oder dem Volkstum beruhende Unterscheidung, Ausschließung, Beschränkung oder Bevorzugung, die zum Ziel oder zur Folge hat, dass dadurch ein gleichberechtigtes Anerkennen, Genießen oder Ausüben von Menschenrechten und Grundfreiheiten im politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen oder jedem sonstigen Bereich des öffentlichen Lebens vereitelt oder beeinträchtigt wird“.

Im zweiten Teil werden die 1970er und 1980er Jahre analysiert. Zahlreiche Nichtregierungsorganisationen bildeten sich, die mit allgemeinen und spezifischen Zielsetzungen den Menschenrechtsgedanken neu aufleben ließen. Insbesondere die in London gegründete, internationale Organisation „Amnesty International“ versammelte prominente und private nicht-staatliche Akteure, die in den beteiligten Ländern mit eigenen, selbständigen Zusammenschlüssen aktiv wurden und damit sowohl zu machtvollen Wirkungen und Einflüssen in nationales staatliches Handeln beitrugen, als auch organisatorische und ideologische Irritationen und Konflikte bewirkten. Der Autor zeigt diese Prozesse auf und diskutiert die sowohl zu Anpassungstendenzen gegenüber dem jeweiligen verordneten staatlichen Handeln führten, als auch Veränderungen erzeugten. Am Beispiel der Arbeitsweise und Entwicklung der amerikanischen Amnesty-Sektion AIUSA verdeutlicht der Autor die Aktivitäten. In diesen Jahrzehnten vollzog sich auch, was der Autor mit „Menschenrechte als außenpolitisches Programm westlicher Regierungen“ überschreibt. Er diskutiert Aktivitäten und Programme, die diese Veränderungsprozesse hin zu Schwerpunktsetzungen von Menschenrechtsfragen bei der Außenpolitik aufzeigen: Die Niederländer brachten Anfang 1975 ein Regierungsprogramm heraus mit dem Anspruch, dass „kein Land aktiver ist als die Niederlande auf dem Gebiet des Schutzes der Menschenrechte“. Die tatsächlichen, innen- und außenpolitischen Aktivitäten, wie auch die Propagierung und Medialisierung der Vorhaben hatten einerseits zur Folge, dass die niederländische Menschenrechtspolitik im internationalen Diskurs den Anstrich einer „revolutionären“ Initiative erhielt, die durchaus auf politische Veränderungsprozesse, etwa in Chile, Einfluss hatten; andererseits aber konnten die Niederländer auch keine geostrategische und Meinungsmacht erringen. Mit den zweiten Beispiel zeigt der Autor mit dem Schlagwort „Postkatastrophale Moral“ die außenpolitischen Menschenrechtsaktivitäten während der US-amerikanischen Präsidentschaft von Jimmy Carter auf. Indem er die Entstehungs- und Hintergründe dieser Politik detailliert nachzeichnet, auf die innen- und außenpolitischen Wirkungen, Erfolge und Fehlschläge verweist, kommt er dabei zu einer ambivalenten Einschätzung: Zwar wurde mit der US-amerikanischen Politik „ein weltweites Bewusstsein für das Thema (Menschenrechte, JS) geschaffen, andere westliche Regierungen mitgezogen und repressiven Regierungen klar gemacht…, dass Menschenrechte für die USA ein wichtiges Kriterium waren“; doch die innenpolitischen, wie die außenpolitischen Probleme (z. B.: Vietnamkrieg) ließen diese Ansprüche zu eher marginalen Zielen schrumpfen. Das dritte Beispiel zeigt die Politik des britischen Außenministers David Owen auf. Im März 1977 begründete er vor dem Parlament seine menschenrechtsbestimmte Außen- und Entwicklungspolitik, die freilich in den Irrgängen der internationalen Politik(wirklichkeiten) und auf den Walzstraßen von nationalen und ökonomischen Interessen wenig Wirkungen zeigte; so dass Jan Eckel schließlich feststellen kann: „Im Ergebnis entwickelte … sich (Owens Außenpolitik, JS) zu einer moderaten, pragmatisch geerdeten, ‚realistischen‘ Moralpolitik“. Mit der Politik von Ronald Reagan in den USA und von Helmut Kohl in Westdeutschland vollzogen sich „konservative Umdeutungen“ und es entwickelte sich ein „neuer Fundamentalkonsens“ in der Menschenrechtspolitik. Mit den Politikstrategien „Antikommunismus und Demokratisierung“ bewirkte die Regierung Reagan eine gewisse innenpolitische Befriedung, ohne jedoch die wachsende Protest-, aber auch die „Ohne-mich“ – Bewegung eindämmen zu können; immerhin auch, dass sie „die Demokratie nach Lateinamerika und Asien gebracht… (und) den Zusammenbruch des Ostblocks herbeigeführt (hatte)“. Auch die Menschenrechtspolitik der Regierung Kohl lässt sich, so der Autor, in die Gesamtschau einordnen: „Innerhalb des westlichen Bündnisses gehörte die Bundesrepublik in den achtziger Jahren, zusammen mit den USA und Großbritannien, in das Lager derer, die sich zumeist gegen die am weitesten reichenden Maßnahmen stemmten“. Einen Fokus richtet Eckel auch auf die „Politik gegen die Diktatur in Chile“. Unterschiedliche Menschenrechtsgruppen im Land und internationale Solidaritätsbewegungen von Regierungen und Nichtregierungsorganisationen agitierten und protestierten mit unterschiedlichen Formen und Methoden gegen das Militärregime, ebenso Gremien der Vereinten Nationen, denen jahrelang die trotzige Haltung und Machtposition der Diktatoren gegenüber stand: „Wir machen weiter wie bisher“, bis schließlich der internationale Druck und die Repressionsmaßnahmen so stark wurden, dass das Regime aufgeben musste; und zwar nicht nur in Chile, sondern auch mehrere andere Diktaturen und Alleinherrschaftsregime in Brasilien, Griechenland, in Nigeria (Biafra), Südafrika (Apartheid), Argentinien, Kambodscha…

Der Menschenrechtssituation in Osteuropa wird ebenfalls ein gesonderter Beitrag gewidmet. Mit dem Ost-West-Konflikt, dem Kalten Krieg, aber auch im Rahmen des KSZE-Prozesses, entwickelten sich in Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei und anderen osteuropäischen „Satelliten“ – Staaten der UdSSR Oppositions- und Menschenrechtsaktivitäten, deren Arbeit und Zielsetzung der Autor als Zwiespalt von „Dissidenz und Menschenrechte“ bezeichnet. Die Analyse wäre nicht vollständig, würde nicht auch die Situation der „Menschenrechte in der postkolonialen Welt“ zur Sprache kommen. Schließlich wurden ab den 1960er Jahren die meisten ehemaligen Kolonialländer in Afrika und Asien unabhängig. Ihre Suche nach einer nationalen Identität und die Aufarbeitungen der Menschenrechtsverletzungen, die sie während der Kolonialzeit erlitten, bis hin zu den Bemühungen, in internationalen Organisationen wie etwa den Vereinten Nationen als gleichberechtigte Vertreter mitzuwirken und transnationale (z. B. panafrikanische) Zusammenschlüsse (Organisation der Afrikanischen Einheit) zu bilden, führte dazu, dass die OAE im Juni 1981 in Nairobi/Kenia die „Afrikanische Charta der Menschenrechte und der Rechte der Völker“ einstimmig verabschiedete, die am 21. Oktober 1986, nachdem die Republik Niger als 26. Staat die Charta ratifizierte, in Kraft trat. Sie bezieht sich zum einen auf Normen, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zum Ausdruck kommen; zum anderen werden neben den Rechten auch den Pflichten der Menschen eine besondere Betonung gewidmet. In der Präambel findet sich ein Passus, der bei der Betrachtung und Forderung der Allgemeingültigkeit und Nichtrelativierbarkeit der UN-Menschenrechtsdeklaration eine besondere Aufmerksamkeit verdient; dort heißt es nämlich u.a., dass die Charta „unter Berücksichtigung der Tugenden, ihrer historischen Traditionen und der Werte der afrikanischen Zivilisation, die ihre Überlegungen zur Konzeption der Rechte der Menschen und der Völker beeinflussen und prägen müssen“, beschlossen wurde. Ähnliche Tendenzen lassen sich übrigens aus der „Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam“ herauslesen, die von den Mitgliedsstaaten der Organisation der Islamischen Konferenz 1990 beschlossen wurde. Darin wird die Schari`a als die alleinige, allgemeingültige Grundlage von „Menschenrechten“ ausgewiesen. Weil diese Position jedoch in der Weltgemeinschaft äußerst umstritten war, hat der Rat der Liga der arabischen Staaten am 15. September 1994 die „Arabische Charta der Menschenrechte“ verkündet, die sich in stärkerem Maße auf die Grundsätze der Charta der Vereinten Nationen, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, der Bestimmungen der Internationalen Pakte über bürgerliche, politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, jedoch ebenso auf die Kairoer Erklärung über Menschenrechte im Islam beruft. In Artikel 1 der Charta wird proklamiert, dass alle Völker das Recht auf Selbstbestimmung und die freie Verfügung über ihre natürlichen Reichtümer und Mittel haben; ebenso, dass „Rassismus, Zionismus, Besetzung und Fremdherrschaft ( ) eine Herausforderung der Menschenwürde (sind) und ( ) ein grundlegendes Hindernis für die Verwirklichung der grundlegenden Rechte der Völker (bilden): Alle derartigen Praktiken sind zu verurteilen und nach Kräften zu beseitigen“ (diese Erklärung wird übrigens vom Autor nicht erwähnt).

Fazit

Die Studie „Die Ambivalenz des Guten“ wird als überarbeitete und gekürzte Form der Habilitationsschrift von Jan Eckel herausgegeben, die er im Mai 2013 an der Universität Freiburg eingereicht hat. Die fundierte, umfassende und inhaltsreiche Arbeit nimmt die historische Entwicklung der Menschenrechte in der internationalen Politik seit den 1940er Jahren in den Blick. Mit dem Titel „Die Ambivalenz des Guten“ wird zum Ausdruck gebracht, dass die als „globale Ethik“ bezeichnete Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als zeitbezogene, geschichtlich gewordene und von Menschen gemachte Suche nach einem guten, gelingenden Leben gelingen und scheitern kann. Dies zu analysieren und zu erkennen, erfordert eine Auseinandersetzung mit der Geschichte und damit, wie wir geworden sind, wie wir sind, eingebunden in gesellschaftliche und politische Bedingtheiten und Veränderungsprozesse. Jan Eckel versucht dies damit, „die großen, grundlegenden Entwicklungslinien nachzuzeichnen und das Geschehen zu periodisieren“. Mit der breiten, umfassenden Ausdifferenzierung der historischen Prozesse zum internationalen Menschenrechtsdiskurs stellt er Zusammenhänge her und öffnet den Blick für lokale und globale Entwicklungen, die sich insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg im Rahmen eines internationalen, menschenrechtlichen Politikfeldes herausbilden.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.12.2014 zu: Jan Eckel: Die Ambivalenz des Guten. Menschenrechte in der internationalen Politik seit den 1940ern. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2014. ISBN 978-3-525-30069-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17721.php, Datum des Zugriffs 24.07.2017.


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