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Lucius Annaeus Seneca, Franz Peter Waiblinger (Hrsg.): De brevitate vitae

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 03.11.2014

Cover Lucius Annaeus Seneca, Franz Peter Waiblinger (Hrsg.): De brevitate vitae ISBN 978-3-423-09111-4

Lucius Annaeus Seneca, Franz Peter Waiblinger (Hrsg.): De brevitate vitae. [= Die Kürze des Lebens]. Deutscher Taschenbuch Verlag (München) 2009. 14. Auflage. 95 Seiten. ISBN 978-3-423-09111-4. 5,90 EUR.
lateinisch-deutsch.

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„Leben muss man ein Leben lang lernen“,

auch das Sterben. Diese Entdeckung ist so alt, wie Menschen philosophisch und existentiell über ihr Dasein nachdenken. Dass der anthrôpos, der Mensch, nach euzôia, dem guten, gelingenden Leben strebt, und dieser Wille gleichbedeutend mit einem glücklichen Dasein ist, das hat schon der griechische Philosoph Aristoteles gewusst (Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, 640 S.). Doch das Bewusstsein von der Endlichkeit der Menschen ist erstaunlicherweise nicht sehr ausgeprägt und mit vielerlei Tabus, Verdrängungen und Vergesslichkeiten belegt. Seit einigen Jahren allerdings machen sich Philosophen, Mediziner, Theologen und Anthropologen daran, den Fragen nachzugehen, was wir Lebenden eigentlich über das Sterben wissen (Gian Domenico Borasio, Über das Sterben. Was wir wissen, was wir tun können, wie wir uns darauf einstellen, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/15395.php). Eine der vielfachen Antworten auf das Dilemma und die Wirklichkeit des Lebens lautet: „Vor dem Tod habe ich keine Angst, aber vom Sterben“. Damit kommt zum Ausdruck, dass sich eigentlich jeder Mensch einen guten Tod wünscht, ohne Schmerzen und Leiden, sondern mit seiner Lebenskraft und Selbstbestimmung sterben zu können. Dieses Ringen um ein gutes Sterben kommt in Lebensberichten von Sterbenden zum Ausdruck (Wolfgang Bergmann, Sterben lernen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12581.php; vgl. auch: „Das Ende des Lebens“, 11.11.2013, www.socialnet.de/materialien/163.php).

Entstehungshintergrund

Beim Blick in die abendländische Geschichte wird deutlich, dass sowohl in der griechischen, als auch römischen Philosophie das Nachdenken über das Leben der Menschen einen großen Stellenwert hatte. Einer, der in seiner Zeit insbesondere bei der Jugend großen Anklang fand, war der römische Dichter, Dramatiker und Denker Lucius Annaeus Seneca (ca 4 – 65 n.Chr.). Als Philosoph, Staatsmann und Naturforscher hatte er den Zeitgenossen viel zu sagen. Seine engagierten öffentlichen Reden waren bestimmt von der Propagierung für ein gerechtes Leben der Menschen; und Historiker sehen in ihm einen der Verteidiger und Befürworter einer vordemokratischen Regierungsform. Als Erzieher und Berater von Kaiser Nero war er sowohl ein unbequemer Mahner, als auch sein Gegner und schließlich sein Opfer. Sein Werk ist nur wenigen Quellen erhalten; diese aber haben als Zitate und Lebensweisheiten Eingang in die westlichen Kulturen gefunden. Die „orationes… et poemata et epistulae et dialogi“ zeugen von der Kraft seiner Sprache und seines Denkens, und von seiner Fähigkeit, philosophische Traktate populärwissenschaftlich auszudrücken und als Lebenslehren zu formulieren. So wundert es nicht, dass Senecas Schriften über die Jahrhunderte hinweg immer wieder von Philosophen aufgegriffen und in deren Denken hineingenommen wurden. Die sich dabei entwickelnden Formen von Exemplarischem, Exzeptionellem und Konträrem bestimmen den Dialog und Diskurs über den Sinn menschlichen Lebens bis heute.

Herausgeber und Inhalt

Der Altphilologe und Fachdidaktiker Franz Peter Waiblinger (1944 – 2007) hat 1976 in der Reihe „dtv zweisprachig“ Senecas Schrift De brevitate vitae in lateinischer und deutscher Sprache herausgegeben, und zwar, wie das in der Reihe didaktisch und methodisch angelegt ist, jeweils auf der linken Seite im Original, und auf der rechten Seite auf Deutsch. Den Text „Die Kürze des Lebens“ hat Seneca in der Zeit um 41 n. Chr. verfasst. Er richtet die Schrift „De brevitate“ an Paulinus (eine frühe Auftragsarbeit?), dem römischen Getreideverwalter. Vermutlich aus der eigenen Betroffenheit und Bedrängnis heraus, reflektiert Seneca die „vita contemplativa“, also die Zeit nach einer beruflichen (politischen) Beschäftigung und plädiert für „otium“, Muße; jedoch nicht im Sinne eines Nichts- und Faulenzertums, sondern als Mühen um Erkenntnis. Denn „occupatio“, Beschäftigung, ist kein Gegensatz zum „otium“; ein gutes, wahres, richtiges und erfülltes Leben bestehe in der philosophischen Beschäftigung. Die in den Interpretationen und Auslegungen der Schrift konstruierte Annahme, Seneca würde bei der Darstellung der Werte und Eigenschaften von Beschäftigung und Muße eine Antithese formulieren, wird in den neueren Forschungen widerlegt: „Wenn die Muße auch frei von occupatio sein muss, so ist sie doch auch nicht deren Gegenteil im Sinne völliger Untätigkeit und Erschlaffung, die das Bewusstsein der eigenen Körperlichkeit zerstört“.

L. ANNAEUS SENECA: AD PAVLINVM DE BREVITATE VITAE – SENECA. AN PAULINUS ÜBER DIE KÜRZE DES LEBENS. Seneca wendet sich direkt an Paulinus, indem er, beinahe im Sinne einer Predigt oder Anklageschrift oder eines Briefes, indem er darüber reflektiert, dass wir Menschen mit der uns zur Verfügung stehenden Zeit nicht richtig umgingen: „Wir haben nicht wenig Zeit – nur vertan haben wir viel davon“. Woran liegt das? „Von allen Seiten bedrängt und umzingelt das Laster die Menschen und lässt nicht zu, dass sie sich aufrichten und die Augen zur Betrachtung der Wahrheit erheben…“. Was ist nun schuld daran? „Ihr lebt, als ob ihr immer leben würdet, nie kommt euch eure Vergänglichkeit in den Sinn…“. An Beispielen zeigt er auf, wie Menschen ihr Leben verschwenden, durch Mühen und Gefahren (Augustus), Unfreiheit und Verzweiflung (Cicero), öffentliches und privates Unheil (Livius Drusus). „Das größte Hindernis für das Leben ist die Erwartung, die am Morgen hängt und das Heute vertut“. Mit der direkten Ansprache an Paulinus gerät der Text zum Dialog, bei dem Seneca Frage und Antwort, Feststellung und Begründung zusammen fasst. „Am kürzesten und unruhigsten ist das Leben derer, die das Vergangene vergessen, das Gegenwärtige nicht beachten und für die Zukunft in Furcht sind“. Es sind also diejenigen, die sich nicht ihrer Existenz und ihrer Fähigkeiten bewusst sind, sondern sich immer auf die anderen verlassen oder ihnen und dem Schicksal die Schuld geben, wenn sie unglücklich sind: „Um Glück zu erhalten, ist anderes Glück vonnöten“.

Fazit

Wer Latein versteht, wird in der Gegenüberstellung des Originaltextes (Codex Ambrosianus C 90, aus dem 11. Jahrhundert, der sich in der Bibliotheca Ambrosiana in Mailand befindet) und der deutschen Übersetzung einen großen Gewinn erfahren; wer die Sprache nicht kennt, kann erfahren, ergänzt durch die hilfreichen und ausführlichen Anmerkungen und Literaturhinweise, wie eine historische Auseinandersetzung über die „Lehre vom richtigen Leben“ vonstatten ging, in der fiktiven Dialogform und mit Argumentationen, die sich als „zeitlos“ zeigen, also uns auch heute beim Bemühen um Daseinserkenntnis, um den Sinn des Lebens und die Wirklichkeit des Sterbens, Anregungen geben können. „Durch die bewusste Aufhebung aller dogmatischen Differenzen im Ideal der vita contemplativa, durch den Appell an die Erfahrung konkreter Lebenssituationen, durch die Vermeidung der philosophischen Fachsprache spricht De previtate vitae auch heute noch den Leser unmittelbar an“. Der Herausgeber wendet sich mit der Schrift „an Kollegiaten und Studenten, aber auch an ‚alte Lateiner‘ und an Nicht-Lateiner, die es dennoch mit der Philosophie versuchen wollen“. Wer mit sich und der Welt nicht zufrieden ist, muss philosophieren – wem wohl ist, erst recht! („Wer philosophiert – lebt!“, 28.1.2014, www.socialnet.de/materialien/174.php).

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1564 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.11.2014 zu: Lucius Annaeus Seneca, Franz Peter Waiblinger (Hrsg.): De brevitate vitae. [= Die Kürze des Lebens]. Deutscher Taschenbuch Verlag (München) 2009. 14. Auflage. ISBN 978-3-423-09111-4. lateinisch-deutsch. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17725.php, Datum des Zugriffs 28.01.2023.


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