Michael Kobbeloer, Christa Preissing et al.: Mit Kindern wachsen – Was macht eine gute Pädagogik aus?
Rezensiert von Prof. Dr. Ines Herrmann, 25.02.2015
Michael Kobbeloer, Christa Preissing, Susan Henning, Manuela Schlotzhauer, Gerald Hüther: Mit Kindern wachsen – Was macht eine gute Pädagogik aus? AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2014. 24,00 EUR.
DVD. Moderation: Inge Michels. Zu beziehen über www.av1-shop.de.
Thema und Entstehungshintergrund
„Mit Kindern wachsen – Was macht eine gute Pädagogik aus?“ – Der Pädagogik-Talk unter der Moderation Inge Michels befasst sich mit der Frage der pädagogischen Atmosphäre in unseren Bildungseinrichtungen und sucht nach Antworten, die eine „wohltemperierte Pädagogik“ beschreiben. Ausgangspunkt des Talks ist die These Michael Kobbeloers: „Die gefühlte Temperatur des Bildungssystems ist eisig“, die er unter anderem in seinem Buch „Lernen im Kühlschrank – Wie wir die Lerntemperatur des Bildungssystems mit Emotionen erhöhen können“ aufwirft und problematisiert. Der Ort des Pädagogik-Talks, die „Alte Ziegelei“ in Kaufungen umrahmt die aufgeworfene Fragestellung mit einer Werkstattatmosphäre, die die 4 Naturelemente Feuer, Wasser, Luft und Erde verkörpert und einen konstruktiven Rahmen für den Zusammenhang von systemischen Denken und pädagogischem Wohlbefinden bietet.
Die Pädagogik-Talker
- Inge Michels – Moderatorin, Bildungsjournalistin und Autorin
- Michael Kobbeloer - ehemaliger Leiter einer Fachschule für Sozialpädagogik, Buchautor und Trainer für emotionale Didaktik, Vater
- Dr. Christa Preissing – Soziologin und Direktorin am Institut für den Situationsansatz der Internationalen Akademie (INA gGmbH) an der Freien Universität Berlin, Mutter und Großmutter
- Susan Henning – Kita-Leiterin in Thüringen, Marte-Meo-Therapeutin, Mutter
- Manuela Schlotzhauer – Horterzieherin und Mutter
- Prof. Dr. Gerald Hüther – Professor für Neurobiologe an der Universität Göttingen, Hirnforscher und Autor, „Brückenbauer“ zwischen wissenschaftlicher Forschung und gesellschaftlicher bzw. individueller Lebenspraxis, Vater und Großvater
Aufbau
Die DVD mit einer Laufzeit von 67 Minuten ist in 6 Kapitel unterteilt, in denen die Dialoge mit den eingeladenen Experten enthalten sind. Jedem der Mitwirkenden ist dabei ein Leitspruch zugeordnet.
Die Einführung geben Inge Michels und Michael Kobbeloer mit den Leitsätzen „Kinder brauchen die richtige Temperatur“ und „Emotionale Kompetenz als wichtiger Faktor“.
Darauf folgen die Dialoge mit Christa Preissing unter dem Motto „Schlüsselsituationen und Selbstwirksamkeit“ sowie mit Manuela Schlotzhauer und ihrer Aussage „Jedes Kind hat seine Fähigkeiten“ sowie mit Susan Henning und ihrer Aufforderung „Die Stärken der Kinder wahrnehmen“.
Der Abschlussdialog mit dem Fokus auf „Kohärenz im Gehirn“ erfolgt mit Gerald Hüther. Die Übergänge im Gesamttalk sind durch kleine eingeblendete und in Rahmen gesetzte Puppenspielszenen unterlegt, die die jeweilige Thematik spielerisch aufgreifen und ihre Hauptaussagen symbolisch wiedergeben.
Im Menü ist die Möglichkeit gegeben, den gesamten Talk oder die einzelnen Dialoge zu starten und anzusehen.
Inhalt
Der Pädagogik-Talk in der „Alten Ziegelei“ nimmt unser Bildungssystem und vor allem die pädagogischen Rahmenbedingungen für eine gute Pädagogik in der frühen und mittleren Kindheit in den Blick. Es geht dabei um Wärme, um die Rolle von Emotionen, Zugehörigkeit und Wohlbefinden. Gleich zu Beginn des Talks wird die Gestaltung des Raumes thematisiert, wobei der Raum, in dem der Talk selber stattfindet, die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf sich zieht. Ziegelwände und Werkzeuge sieht man im Hintergrund der Ziegelei. Eher spartanische Sitzmöglichkeiten befinden sich in der Mitte des Raumes, in der die Talkrunde Platz genommen hat. Aufgestapelte Ziegel dienen als Tische für die Getränke der Teilnehmenden. Das Ambiente bietet insgesamt einen warmen in roten und braunen Farbtönen gehaltenen fachlichen Rahmen mit Werkstattcharakter.
Im ersten Dialog mit Michael Kobbeloer geht es um die emotional ansprechende Gestaltung des Raumes. Er verwendet mehrfach den Begriff des „Systems“ und plädiert dafür, dass sich neben den Kindern auch die beteiligten Erwachsenen bis hin zum Hausmeister wohlfühlen, ihre Sichtweisen einbringen können sollen. Er betont die Rolle emotionalen Geschehens in der Pädagogik und regt an, „emotionsgünstige Lernumgebungen“ zu gestalten. Die Förderung einer metaemotionalen Kompetenz, also das Nachdenken und Reden über Emotionen, ist aus seiner Sicht eine wichtige Voraussetzung für individuelles Wohlfühlen sowie für das Gelingen von Beziehungen.
Eine Puppenspielszene mit einem „schwarzen Schaf“ leitet über zum Dialog mit Christa Preissing, die gegen „einengendes Lernen“ und für freies, selbstbestimmtes Lernen plädiert. Sie sieht sich in ihrem Schaffen als „Gründernatur“ und Fachfrau, die mit der Ausgestaltung des Situationsansatzes nahe an der Praxis wirkt. Sie betont die Rolle von Schlüsselsituationen, in denen Kindern die Gelegenheit zur Mitsprache gegeben werden soll. Kinder brauchen die Erfahrung von Selbstwirksamkeit: „Ich kann hier etwas verändern!“. In Kindertageseinrichtungen beobachtet sie regelmäßig warme Beziehungen zwischen den Kindern sowie den Kindern und Erzieherinnen. Widersprüchlich ist jedoch der Blick von außen auf die frühkindliche Pädagogik, die sich dem Vorwurf der „Kuschelpädagogik“ stellen muss. Sie hebt hervor, dass wir in einer widersprüchlichen Welt leben: einerseits haben Kinder Rechte, andererseits besteht ein Bildungshype, der einen enormen Druck bei Eltern und Erzieherinnen erzeugt. Auf die Frage „Was ist ein guter Pädagoge?“, beschreibt sie jemanden, der sich einlassen kann und beobachtet, der neugierig auf Kinder ist und sich für deren Tun interessiert, der vielfältige Dialoge zulässt und zuhört.
Die Fähigkeit Zuzuhören ist auch Thema im Übergang zur nächsten Sequenz. Inge Michels liest aus „Momo“, Michel Endes gleichnamigen Buch und zitiert eine Textpassage, in der sehr treffend beschrieben wird, welche Effekte aufmerksames Zuhören beim Erzählenden bewirken kann.
„Am Ende kommt es nicht darauf an wie viele Atemzüge du geatmet hast, sondern wie viele atemberaubende Momente du erlebt hast.“ – mit diesem Zitat geht es in die nächste Runde, in der die Mitwirkenden biografische Erfahrungen aus ihrer Perspektive als Eltern, Großeltern bzw. erwachsenes Kind, mit ihren nahen Angehörigen reflektieren. Insbesondere Erfahrungen von Geburt und Tod, von Werden, Sein und Vergehen werden hierbei angesprochen. Deutlich wird, dass Kinder Erwachsene brauchen, die ihnen gerade in existenziellen Momenten und Situationen Halt und Sicherheit zu geben vermögen.
Die Arbeit mit der Macht der inneren Bilder steht im nächsten Dialog im Zentrum. Susan Henning als Marte-Meo -Therapeutin ist hier gefragt, diese Methode näher zu beschreiben. Sie stellt Marte-Moe als Beobachtungsform vor – eine Methode, die dazu dient, per Videoaufnahmen entwicklungsförderliche Interaktionen in pädagogischen Prozessen zu identifizieren und zu analysieren und darüber Entwicklung zu unterstützen. Marte-Meo, aus dem Lateinischen kommend, bedeutet „aus eigener Kraft“ und setzt genau hier an. Frau Henning beschreibt den praktischen Einsatz der Methode in Kindertageseinrichtungen. Ziel ist es hierbei, durch die Beobachtung von Interaktionen den nächsten möglichen und nötigen Entwicklungsschritt – aufbauend auf den Stärken des Kindes – zu identifizieren und zu unterstützen. Gerald Hüther betont die Rolle des Kindes als Subjekt, die durch diese Methode betont und hervorgehoben wird. Die Erfahrung, gesehen zu werden, dazu zu gehören, in seiner Einzigartigkeit anerkannt zu werden ist ein Grundbedürfnis, das in einer guten Pädagogik berücksichtigt werden sollte.
Aufgeworfen wird des Weiteren die Frage der Ausbildung von Pädagogen. Der hohe Stellenwert von emotionalen Kompetenzen ist in der Expertenrunde unstrittig – wobei die Frage der Überprüfung zu Beginn einer Ausbildung aufgeworfen wird, so wie es z. B. bei Stewardessen der Fall ist. Michael Kobbeloer beklagt inhaltlich überfrachtete Curricula, die vor allem in ihren theoretischen Bezügen überarbeitungsbedürftig seien. Er betont, dass die Ausbildung emotionaler und personaler Kompetenz vor allem Zeit braucht. Christa Preissing betont die Notwendigkeit einer Bildungsphilosophie, die sich noch nicht in allen Ausbildungsstätten durchgesetzt hat. Ein Wandel im Sinne von „Lernen in Sinnzusammenhängen“ statt „Lernen nach Fächern“ sollte erfolgen, um kompetenzorientiertes Lernen zu befördern. Ausgangspunkt könnten in der Ausbildung z.B. Schlüsselsituationen aus der Praxis sein, die mit den einzelnen Fachdisziplinen verknüpft werden, um Sinnzusammenhänge konkret herzustellen.
Gartenarbeit als Metapher für „gute Pädagogik“ leitet mittels des nächsten kleinen Puppenspiels über in die letzte Talkrunde im Dialog mit Gerald Hüther. Zuhören als „Dünger fürs Gehirn“, Zuhören als intensive Begegnung, benötigt fokussierte Aufmerksamkeit des Zuhörers. Im Gegenüber, also in der Person des Erzählenden, entsteht dabei das Gefühl, wichtig zu sein, gehört zu werden. Das Grundbedürfnis jedes Menschen nach Autonomie einerseits und Zugehörigkeit andererseits wird beim Zuhören zeitgleich erfüllt. In der Folge dessen entsteht Kohärenz als Zustand, in dem „alles passt“. Gerald Hüther beschreibt Kohärenz als Zusammenspiel einer guten Beziehung zu sich selbst, zu wichtigen Anderen sowie zur Welt als Ganzem.
Im daran anschließenden Austausch der Experten um die Frage einer guten Pädagogik werden das Einlassen auf Andere, die Bedeutung der Gemeinschaft sowie die Rolle emotionaler Zuneigung und von Begeisterung und Freude für das Lernen und die Entfaltung von Potential betont. Den Schlusssatz formuliert Gerald Hüther folgendermaßen: „Mit Didaktik und Methodik wird niemand ein guter Pädagoge, wenn ihm der Blick und die Offenheit und das Herz für die Kinder fehlt.“
Die Macht der Bilder nutzt Inge Michels in der abschließenden Zusammenfassung, indem sie Gegenstände symbolhaft als Zutaten für eine gute Pädagogik in der Mitte der Runde platziert: ein Thermometer für die Temperatur, einen Stein für Mut, das Buch „Momo“ für Zuhören, Schlüssel für Schlüsselerlebnisse und eine Kerze als „Flamme der Begeisterung“.
Diskussion
Der Pädagogik-Talk in der „Alten Ziegelei“ holt Experten aus unterschiedlichen Fachdisziplinen und pädagogischen Zugängen nicht an einen Tisch, sondern in eine Werkstatt. Aufgeworfen wird die Frage, was eine gute Pädagogik unter den heutigen Rahmenbedingungen ausmacht – und der Fokus liegt hier ganz eindeutig auf emotionalen und atmosphärischen Aspekten. Ganz in diesem Sinne wurde auch die Umgebung gewählt und der Verlauf des Talks konzipiert. Es geht nicht um Vollständigkeit und Perfektion, nicht um wissenschaftliche Fundierung und Evidenz, sondern um einen lebendigen Austausch in einer konstruktiven Atmosphäre, um die gemeinsame Suche einer Antwort auf die aufgeworfene Frage. Inge Michels versteht es mit einer angenehmen Leichtigkeit, den Talk zu moderieren und die Teilnehmenden in ihrer Expertise anzusprechen, zu befragen. Gleichzeitig verfolgt sie ein durchdachtes didaktisches Konzept, das lebendig durch den Talk führt und spezifische Themen aufwirft.
So verschieden wie die geladenen Experten sind auch ihre Sichtweisen. Jeder, jede hat seinen, ihren eigenen Zugang und bringt eigene Erfahrungen aus dem fachlichen Schaffen aber auch dem privaten Erleben ein. Dieser ganzheitliche Zugang eröffnet einen großen Raum für diese große Frage, die keinen Anspruch auf vollständige Beantwortung stellt. Trotzdem gelingt in der Zusammenschau das Herausarbeiten ganz wesentlicher Faktoren für eine gute Pädagogik.
In wohltuendem Gegensatz zu politischen Talks im öffentlichen Fernsehen widersprechen sich die Talker nicht. Sie lassen sich gegenseitig ausreden, stimmen einander zu, unterstreichen mit eigenen Beiträgen die ihrer Vorredner und lachen gemeinsam. Sie erzeugen damit genau die soziale Atmosphäre, die auch wünschenswert für unsere pädagogischen Einrichtungen wäre: warm, empathisch, zugewandt, aufmerksam und offen für den, für die Anderen.
Fazit
Die Wirkung und der Nachklang des Talks sind sehr positiv und regen zum Nachdenken an. Es lohnt sich, die DVD auch ein zweites oder drittes Mal anzusehen, um die vielen angesprochenen Aspekte und Details genauer zu erfassen.
Ein Einsatz der DVD vor allem in der Ausbildung sozialpädagogischer Berufe wird empfohlen. Der Talk fasst in seiner Zusammenschau sehr gut zusammen, welche Aspekte eine gute Pädagogik und eine förderliche Lernatmosphäre ausmachen. Er ist lebendig und anregend gestaltet und kann sinnvoll für die Reflexion pädagogischer Praxis verwendet werden.
Rezension von
Prof. Dr. Ines Herrmann
Dipl. Psych., Dipl. Päd., Systemische Familienberaterin und -therapeutin (DFS), Professorin für Methoden der Sozialen Arbeit / Schwerpunkt Beratung an der FH Erfurt
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