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Klaus Hurrelmann, Erik Albrecht: Die heimlichen Revolutionäre (Generation zwischen 15 und 30)

Cover Klaus Hurrelmann, Erik Albrecht: Die heimlichen Revolutionäre. Wie die Generation Y unsere Welt verändert. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2014. 255 Seiten. ISBN 978-3-407-85976-1. D: 18,95 EUR, A: 19,50 EUR, CH: 26,80 sFr.
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Autoren

Klaus Hurrelmann, Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin, ist zugleich auch prominenter Jugendforscher. Erik Albrecht ist Journalist und in unterschiedlichen Mediensektoren tätig.

Entstehungshintergrund und Aufbau

In der Einleitung verweisen die Autoren auf strukturelle Umwälzungen, die von der Generation Y in ihren Herausforderungen mit großer Selbstverständlichkeit, pragmatisch und mit egotaktischem Pioniergeist bewältigt werden. Die Umwälzungen verdanken sich vornehmlich der Globalisierung, der Digitalisierung und den Veränderungen in der Arbeitswelt. Ungeachtet der dadurch entstehenden Ungewissheiten gilt: „Die Ypsiloner finden Wege, trotz aller Flexibilität und Unsicherheit glücklich zu werden“ (S. 8). Dieser Weg wird anhand von sieben Kapiteln skizziert:

  1. Auftritt Generation Y
  2. Wie die Ypsiloner Bildung und Beruf revolutionieren.
  3. Wie die Ypsiloner das Familienleben neu erfinden.
  4. Wie die Ypsiloner die Politik unterwandern.
  5. Wie die Ypsiloner neue Maßstäbe in Medien und Freizeit setzen.
  6. Wie die Ypsioloner das alles schaffen.
  7. Generation Y: Die heimlichen Revolutionäre.

Inhalt

Das 1. Kapitel führt in den generationenspezifischen Betrachtungsmodus ein. Dazu werden u.a. die Nachkriegsgenerationen herangezogen von der skeptischen Generation (1940-1955) über die Babyboomer (1970-1985) bis zu den Ypsilonern (ab 2015). Die letztgenannte Generation ist heute zwischen 15 und 30 Jahren alt. Ihr Auftritt verdankt sich u.a. den neuen Medien, die aber für diese Generation eben nicht neu sind und ganz selbstverständlich sich schnell verändernde Kommunikationsformen ermöglichen. Ungewissheiten entstehen durch Schullaufbahn und Ausbildung, die nicht mehr garantieren, passabel in der Gesellschaft unterzukommen. Weiterhin ist der Auftritt gekennzeichnet durch die Verschiebung traditioneller Rollen- und Familienbilder, die Belastung durch Krieg und Terror sowie die Herausforderungen durch den Klimawandel. Diese Konzentration führt zu einer Statusungewissheit, die ein Lebensgefühl hervorbringt mit einem sehr hohen Realitätsbewusstsein und Realitätsbezug. Die Umsetzung dieses Bewusstseins in Alltagshandeln erfolgt flexibel, taktisch und intuitiv. Die Autoren beschreiben deshalb diese Generation auch als Egotaktiker: „Die Ypsiloner verstehen Fleiß und Lebensgenuss ebenso wie Sicherheit und Selbstentfaltung als sich ergänzende Wertorientierungen“ (S. 38).

Das 2. Kapitel erörtert die Ungewissheiten, die von der Berufswahl ausgehen. Diese Wahl erfordert ein Leistungsstreben von dieser Generation, sie stürmen die Gymnasien obwohl sie wissen, dass Stress auf sie zukommt. Dies gilt nicht oder nur begrenzt, so die Autoren, für die 20 Prozent der Leistungsschwachen und 20 Prozent der allenfalls mittelmäßig erfolgreichen jungen Leute. Die große Gruppe indes findet einen attraktiven Arbeitsmarkt, der durch hohe Anforderungen im modernen Berufsleben gekennzeichnet ist. Neben den klassischen Berufen, z.B. in der Fahrzeugtechnik, bieten sich Firmen an, die Programmierer, Designer und Community-Manager benötigen – es entstehen neue Arbeitswelten. In diesen Arbeitsbezügen sind die Ypsiloner aber keine Befehlsempfänger, sondern melden deutlich ihre Bedürfnisse an wie z.B. Gestaltungsfreiheit am Arbeitsplatz oder Auszeiten. „Beim Job zählt für die Generation Y, dass er Spaß macht und sinnvolle Tätigkeiten anbietet (…)“ (S.81).

„Wie die Ypsiloner das Familienleben neu erfinden“, das 3. Kapitel, beschreibt wie Partnerschaft und Elternschaft, beide mit hoher Wertschätzung versehen, mit beruflichen aber auch mit flexiblen Formen des Zusammenlebens passend organisiert werden muss. Die Kinderzahl bleibt dabei aber niedrig. In der sich ergebenden Offenheit haben schwule Paare genauso Platz wie Patchwork-Familien. Die Beziehungen zu den Eltern sind gut und die Jugendlichen verlassen das Elternhaus erst spät. In diesem Wandel der Beziehungs- und Familienformen sind Frauen oft benachteiligt: „Nur etwa 40 Prozent der jungen Männer sind bereit zur gleichberechtigten Arbeitsteilung in Familie und Beruf“ (S.108). Junge Frauen hingegen sind bereit, aus Karrieregründen Elemente traditioneller Männerrollen zu übernehmen. Trotz der soeben genannten Einschränkungen zum gleichberechtigten Arbeiten sind die Signale deutlich: Auch „Wir Männer trauen uns, traditionell weibliche Verhaltensdomänen zu übernehmen“ (S.110). Frauen wie Männer betreten also im unterschiedlichen Maße Neuland.

Das 4. Kapitel widmet sich einem pragmatisch ausgerichteten politischen Handeln, welches aber von der Generation Y als nicht-politisch gewertet wird. Initiativen sind auf eigene Bedürfnisse zugeschnitten (z.B. Velo-City in Aachen, Kauf von Fair-Trade-Produkten), Kaufboykotte oder Shitstorms im Netz sind öffentliche Artikulationen, die aber von den Ypsilonern nicht politischer Aktion zugeordnet werden. Innerhalb dieser „Politik auf leisen Sohlen“, so eine Überschrift, ist allerdings kein Platz für weitreichende gesellschaftspolitische Konzepte und Ideen wie in der 68er-Generation vorfindlich. Facebook und Twitter unterstützen diese Politik der leisen Sohlen und die Interpretation, diese Generation sei unpolitisch führt in die Irre. Diese Generation weiß wohin die Reise geht, sie sind das politische und soziale Orakel unserer Zeit. Seismographisch reagieren die Ypsiloner auf die erheblichen gesellschaftlichen Veränderungen – so die Interpretation von Hurrelmann und Albrecht.

Das nachfolgende 5. Kapitel konzentriert sich auf Medien und Freizeit und beschreibt die enorme Beteiligung in sozialen Netzen: 90 Prozent sind Mitglied bei Facebook und jedes Mitglied hat dort 100-300 Freundinnen und Freunde. Hier sind die Ypsiloner Pioniere, hier erleben sie Autonomie und Herausforderung, „Freizeit wird für sie zum wahren Leben“ (S.149). Trotzdem wird die wesentlich kleinere dafür aber reale Clique hochgeschätzt. Letztendlich entsteht eine Vielfalt sozialer und selbstbestimmter Umgangsformen, die eher traditionelle Sitten, Rituale und Regeln in den Hintergrund drängen. Reale und virtuelle Lebenswelten verschmelzen und bilden die neue Lebenswelt der Digital Natives. Allerdings treten auch demütigende und stigmatisierende Umgangsformen auf wie Mobbing im Netz. Aber in den sozialen Netzen ist Identitätsentwicklung möglich wie auch Identitätsbeschädigung. Hurrelmann und Albrecht weisen aber die von Pädagogen und Hirnforschern festgestellte Beeinträchtigung sozialer und intellektueller Entwicklung zurück. Ypsiloner nutzen Medien clever und eigensinnig – und: „elektronischer Kontakt ist wie Kuscheln“ (S. 173).

Das 6. Kapitel fragt danach, wie die Ypsiloner das alles schaffen. Die Antwort bezieht sich auf vier Komponenten: Die egotaktische Komponente, Selbstdisziplinierung und Selbstoptimierung, strategisches Bündnis mit den Eltern und Aufrechterhaltung des psychischen Verteidigungswall. Die Autoren beschreiben aber auch Ausfallerscheinungen bei „Walldurchbruch“ wie aggressives Verhalten, den Griff zu Tabak, Alkohol, exzessivem Computerspiel und Drogen. Diese Verhaltensweisen finden sich allerdings eher bei den „Abgehängten“ (S.181) in dieser Generation. Eine kleine Gruppe (ca. fünf Prozent) löst sich nicht vom Elternhaus verinnerlicht aber das dort herrschende Selbstwertgefühl, ohne zu einer eigenen Selbstwirksamkeit zu kommen. „Sie haben die Egotaktik zu einer Egozentrik umgebaut (…)“ (S.196). Für die größte Gruppe der Ypsiloner gilt, dass das Elternhaus eine unschlagbare Handlungsressource darstellt.

Das letzte Kapitel zeichnet die Argumentation der vorherigen Kapitel zum Teil nach. Die vergleichsweise kleine Generation umfasst nur zwölf Millionen Ypsiloner. Problematisiert wird auf diesem Hintergrund das Problem der Altersvorsorge bzw. Altersarmut zumal der politische Stellenwert dieser Generation aus demografischen Gründen gering ist. Hier muss, so die Autoren, gegengesteuert werden und sie fordern, die Mitwirkungsrechte der Jüngeren zu stärken. Die Herabsetzung des Wahlalters auf das 14. Lebensjahr wäre in ihrem Sinne ein angemessener Schritt. Letztlich definiert diese Generation was es in Zukunft bedeuten wird „gut zu leben“. Die beginnende praktische Umsetzung dieser Definition ist die heimliche Revolution und wenn „die Ypsiloner einmal in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, wird unsere Welt eine andere sein“ (S.240).

Diskussion

Diese Analyse zeichnet soziale, kulturelle und ökonomische Wandlungsprozesse innerhalb der heutigen Generation der 15-30jährigen nach. Dabei tritt die kaum vermeidbare Beeinträchtigung auf, dass der generationensoziologische Blick Teilgruppen nicht hinreichend erfasst. Die mehrfach erwähnten sogenannten „Abgehängten“ spielen dann allenfalls ein sehr kleine Nebenrolle. Die Autoren beschreiben jedenfalls gut lesbar die komplexen Veränderungen und unterlegen ihre Argumentation mit empirischen Befunden, die häufig mit authentischen Fallbeispielen verdeutlicht werden. Es gelingt sicherlich den Umriss einer neuen Generationengestalt und das dort vorhandene Veränderungs- und Innovationspotential zu erfassen. Angesichts dieses Ergebnisses ist es nicht so wichtig, ob die Wahl des Begriffes „heimliche Revolutionäre“ im Buchtitel nicht etwas überzogen ist.

Fazit

Eine sehr empfehlenswerte generationenspezifische Studie mit ausgeprägten Bezügen zur aktuellen gesellschaftlichen Wirklichkeit.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 20.04.2015 zu: Klaus Hurrelmann, Erik Albrecht: Die heimlichen Revolutionäre. Wie die Generation Y unsere Welt verändert. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2014. ISBN 978-3-407-85976-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17731.php, Datum des Zugriffs 15.08.2020.


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